Klimawandel – Klimastreik

13. August 2021

Der menschengemachte Klimawandel hat schon seit über 200 Jahren stattgefunden (genau genommen noch länger*), obwohl am Anfang niemand von der gesamten Menschheit etwas darüber wissen konnte, und er wird umso verhängnisvoller, je mehr Menschen glauben, dass es ihn nicht gibt.

mehr dazu

*Wikipedia: „2015 stellte für Geologen der University of Leeds hingegen bereits das Jahr 1610 den Beginn des Anthropozäns dar: Durch die Einschleppung von Krankheiten in die „Neue Welt“ und das dadurch bedingte Massensterben der indigenen Bevölkerung sei es zu einem markanten Rückgang der Kohlendioxidkonzentration in der Atmosphäre gekommen, da die von den Ureinwohnern Amerikas genutzten Felder brach lagen und von der Kohlendioxid-fixierenden Vegetation zurückerobert wurden; zudem begann in diesem Zeitraum ein in der Geschichte des Planeten nie zuvor dagewesener Artenaustausch zwischen den naturgemäß bislang weitestgehend isolierten Kontinenten.[23][24]

FREITAG 13. AUGUST

14:00 – 15:00 Sternmärsche: Bockenheimer Warte Zoo EZB Hauptbahnhof Südbahnhof Gallus Warte

15:00 – 22:00 Zentralstreik Alte Oper

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Klimastreik

19. März 2021

Eugen Drewermann -Kirchenrebell und Theologe

22. Februar 2021

Nimm fort die Amarylle

30. Januar 2021


Ich kann kein Blühen mehr sehn,

Es ist so leicht und so gründlich

Und dauert mindestens stündlich

Als Traum und Auferstehn.


Nimm fort die Amarylle, 

du siehst ja: gründlich: – sie setzt 

ganz rot, ganz tief, ganz Fülle 

ihr Eins und Allerletzt.

Was wäre noch Stunde dauernd

in meinem zerstörten Sinn,

es bricht sich alles schauend

in Augenblicken hin.

(Gottfried Benn)

Benn hat vor dem seraphischen Ton gewarnt. Er dachte an Rilke, an Werfel. Wenn ich an die Warnung denke, denke ich an Benn-Gedichte. Es gibt so nüchterne und so viele, die im Ton des Sehers gesprochen sind. Mir fällt zu diesem immer wieder „Nimm die Forsythien tief in dich hinein“ ein mit dem Anklang an Stefan George. Und wie viele Blumennamen findet man in Benns Gedichten. Immer wieder braucht er Blumen, um zu evozieren, was ohne die Blumen nicht entstünde. Das beginnt schon – in anderer Weise – mit „Kleine Aster“. Ohne Blumen könnte so oft nicht zeigen, was er zeigen will.

Vergleiche auch:

Ulrich Greiner: Zu Gottfried Benns Gedicht „Wenn etwas leicht“

Zu drei Thesen des griechischen Philosophen Gorgias

5. Januar 2021

Es ist sinnvoll, sich die Frage zu stellen, ob wir uns alle nur einbilden, dass es eine Wirklichkeit außerhalb uns gäbe. (Die erste These von Gorgias ist: Es gibt nichts)

Das Beispiel des Coronavirus zeigt, dass etwas auf uns einwirkt, auch wenn wir nicht glauben, dass es das gibt. Andererseits haben auch Lügen immer wieder große Wirkungen gehabt. Da wird etwas behauptet, das nicht stimmt, und schon hat so etwas, was nicht stimmt, große Auswirkungen: Das schrecklichste Beispiel dafür ist der Antisemitismus: „Die Juden sind unser Unglück. Sie wollen die Weltherrschaft übernehmen.“ Das diente als „Rechtfertigung“ dafür, Millionen von ihnen zu töten. Außerdem half es dazu, seinerseits die Weltherrschaftspläne Hitlers zu „rechtfertigen“. Das heißt: Eine Lüge (und viele andere) hat dazu geführt, dass im 2. Weltkrieg über 50 Millionen Menschen umgekommen sind.

Trotzdem: Die falsche Behauptung des Gorgias hat dazu geführt, dass eine der wichtigsten Schriften von Plato entstanden ist: https://de.wikipedia.org/wiki/Gorgias_(Platon): Dazu die Wikipedia: „Das Thema ist zunächst die Frage, worin der Sinn und Zweck der von Gorgias meisterhaft praktizierten Redekunst besteht. Es stellt sich heraus, dass sie darauf abzielt, die Zuhörer durch Schmeichelei zu überreden. Sie soll dem Redner in juristischen oder politischen Auseinandersetzungen den Sieg verschaffen. Damit soll sie für ihn, wie er glaubt, etwas Gutes bewirken. Sokrates bestreitet aber, dass die Rhetorik diese Erwartung erfüllen kann; er meint, der Redner bilde sich das nur ein. Um dies zu prüfen, muss man klären, worin eigentlich das Gute und Wünschenswerte besteht. Damit wendet sich die Diskussion ihrem Hauptthema zu, der Frage nach der richtigen Lebensweise.“

Jetzt zur 2. These von Gorgias: „wenn es etwas gäbe, könnte es doch nicht erkannt werden“ Dieser Gedanke (verbunden mit vielen anderen) hat nach Platon einen zweiten großen Philosophen, nämlich Kant, wiederum zu einer seiner wichtigsten Schriften geführt, zur Kritik der reinen Vernunft. Darin hat er erläutert, was man (seiner Meinung nach) erkennen kann und was nicht. Und zwar kann man danach auch etwas erkennen, was man nie wahrgenommen hat. Seine Kurzformel dafür: A priori.

Nun zur 3. These von Gorgias: „wenn es [die Realität] erkannt werden könnte, könnte es doch nicht mitgeteilt/verständlich gemacht werden“

Kant ist zu der Überzeugung gekommen, dass es (ich vereinfache) Denknotwendigkeiten für den Menschen gibt, die ihn daran hindern, die Welt so zu sehen wie etwa eine Biene. Das heißt: Unsere Realität ist nicht die einzige, sondern sie ist wesentlich durch unseren Verstand geprägt. Damit ist er zu dem Schluss gekommen, dass wir das, was unserer Realität zugrunde liegt, nicht erkennen können. [Das hat er das „Ding an sich“ genannt.] Unabhängig davon, ob seine Überlegung richtig ist, hat er damit gezeigt, dass man auch über etwas, was man nicht erkennen kann, verständlich schreiben kann. Es ist freilich nicht leicht zu verstehen. Ob es für dich verständlich ist, kannst du an diesem Wikipediaartikel ausprobieren: Ding an sich.

Die Absicht, die Gorgias mit seinen falschen Behauptungen verfolgt hat, war die; sich Vorteile zu verschaffen. Diese Behauptungen zu widerlegen, hat Jahrhunderte gedauert. Die über 10 000 Lügen, die Trump verbreitet hat, sind schon alle widerlegt, aber viele Millionen Menschen glauben noch immer daran. Etwas was nicht stimmt, kann also gewaltige Wirkungen haben.

Freilich, etwas, was damals niemand von der gesamten Menschheit für wirklich gehalten hat, der menschengemachte Klimawandel, hat schon seit über 200 Jahren stattgefunden (genau genommen noch länger), und er wird sich vor allem dann fortsetzen, wenn wir annehmen, dass es ihn nicht gibt. Doch das ist ein anderes Kapitel.

Zur Rolle der stoischen Philosophie in Silicon Valley

17. Dezember 2020

„Epiktet, Marc Aurel und Seneca verstehen Philosophie vor allem als eine Kunstfertigkeit (technê), die nicht dem Endzweck dient, theoretische Wahrheiten zu ermitteln, sondern das Leben in einem praktischen Sinne besser zu machen. Denn, so heißt es bei Seneca: „Die Philosophie beruht nicht auf Worten, sondern auf Handlungen.“ (Seneca, Epist. mor. 16,3) „

mehr dazu: https://www.praefaktisch.de/002e/er-ist-wieder-da-die-renaissance-des-stoizismus/

Angst zu haben ist reine Zeitverschwendung ZEIT 4.8.20

Jede Freiheit ist begrenzt durch die Freiheit der anderen

5. Dezember 2020

Zu diesem Gedanken gibt es viele Formulierungen, bei denen man sich freilich oft auf Autoren beruft, die ihn nicht so formuliert haben, wie man ihn zitiert. Z.B. Rosa Luxemburg: „Freiheit ist immer auch die Freiheit des Andersdenkenden“ (Deren genaue Formulierung ist freilich: „Freiheit ist immer Freiheit des anders Denkenden.“ Link zur Quellenangabe mit Angabe des Kontexts)

Schon vor 9 Jahren hat Albrecht bei gutefrage.net in seiner souveränen Weise dazu genau recherchiert:

https://www.gutefrage.net/frage/von-wem-stammt-das-zitat–meine-freiheit-endet-dort-wo-die-freiheit-des-anderen-beginnt

„Der Gedanke ist sehr alt. Wer ihn zuerst hatte, ist wohl kaum sicher zu belegen. Zu einer genauen Formulierung wie „Die Freiheit des einen endet dort, wo die Freiheit des anderen beginnt“ oder „Die Freiheit des einen hört da auf, wo das Recht des anderen beginnt“ scheint ein Urheber unbekannt zu sein.

Der Gedanke kommt in einem Naturrechtsdenken mit Freiheit als wichtigem Grundbegriff in Recht und Politik vor. Im Zeitalter der Aufklärung ist er in Rechtstexten formuliert worden.

Erklärung der Menschen- und Bürgerrechte (Déclaration des droits de l’homme et du citoyen) vom 26. August 1789, Artikel 4:
„La liberté consiste à pouvoir faire tout ce qui ne nuit pas à autrui : ainsi l’exercice des droits naturels de chaque homme n’a de bornes que celles qui assurent aux autres Membres de la Société, la jouissance de ces mêmes droits. Ces bornes ne peuvent être déterminées que par la Loi.“

„Die Freiheit besteht darin, alles tun zu können, was einem anderen nicht schadet. So hat die Ausübung der natürlichen Rechte eines jeden Menschen nur die Grenzen, die den anderen Gliedern der Gesellschaft den Genuß der gleichen Rechte sichern. Diese Grenzen können allein durch Gesetz festgelegt werden.“

Allgemeines Landrecht für die Preußischen Staaten vom 5. Februar 1794, Einleitung II. Allgemeine Grundsätze des Rechts. §. 83. „Die allgemeinen Rechte des Menschen gründen sich auf die natürliche Freyheit, sein eignes Wohl, ohne Kränkung der Rechte eines Andern, suchen und befördern zu können.“

Immanuel Kant, Die Metaphysik der Sitten (1797). Erster Teil. Metaphysische Anfangsgründe der Rechtslehre. Einleitung in die Rechtslehre. § B. Was ist Recht?
„Das Recht ist also der Inbegriff der Bedingungen, unter denen die Willkür des einen mit der Willkür des andern nach einem allgemeinen Gesetze der Freiheit zusammen vereinigt werden kann.“

Immanuel Kant, Die Metaphysik der Sitten (1797). Erster Teil. Metaphysische Anfangsgründe der Rechtslehre. Einleitung in die Rechtslehre. § C. Allgemeines Prinzip des Rechts
„»Eine jede Handlung ist recht, die oder nach deren Maxime die Freiheit der Willkür eines jeden mit jedermanns Freiheit nach einem allgemeinen Gesetze zusammen bestehen kann etc.«

Wenn also meine Handlung, oder überhaupt mein Zustand, mit der Freiheit von jedermann nach einem allgemeinen Gesetze zusammen bestehen kann, so tut der mir Unrecht, der mich daran hindert; denn dieses Hindernis (dieser Widerstand) kann mit der Freiheit nach allgemeinen Gesetzen nicht bestehen.“

„Das Rechthandeln mir zur Maxime zu machen, ist eine Forderung, die die Ethik an mich tut. Also ist das allgemeine Rechtsgesetz: handle äußerlich so, daß der freie Gebrauch deiner Willkür mit der Freiheit von jedermann nach einem allgemeinen Gesetze zusammen bestehen könne, zwar ein Gesetz, welches mir eine Verbindlichkeit auferlegt, aber ganz und gar nicht erwartet, noch weniger fordert, daß ich, ganz um dieser Verbindlichkeit willen, meine Freiheit auf jene Bedingungen selbst einschränken solle, sondern die Vernunft sagt nur, daß sie in ihrer Idee darauf eingeschränkt sei und von andern auch tätlich eingeschränkt werden dürfe; und dieses sagt sie als ein Postulat, welches gar keines Beweises weiter fähig ist.“

Möglicherweise ist bei der Formulierung ein Ausspruch in eine allgemeine Formulierung umgewandelt worden, der Oliver Wendell Holmes (1841 – 1937) zugeschrieben wird:
„The right to swing my fist ends where the other man’s nose begins.“

„Das Recht, meine Faust zu schwingen, endet, wo die Nase des anderen Mannes beginnt.“

Ein Nachforschen in Zitatlexika (zum Stichwort/Thema „Freiheit“) ist eine Möglichkeit, um Äußerungen zu entdecken und eventuell Angaben zu ihren Urhebern zu finden.

Das grosse Handbuch der Zitate von A bis Z : 25000 treffende Aussprüche und Sprichwörter von der Antike bis in die Gegenwart. Gesammelt und herausgegeben von Hans-Horst Skupy. Sonderausgabe. München : Bassermann, 2004, S. 262
„Die Freiheit besteht darin, dass man alles tun kann, was einem anderen nicht schadet.“ Matthias Claudius

S. 264:
„Die Freiheit hat als ihre logische Grenze die Freiheit der anderen.“ Alphonse Karr Französisch heißt dies anscheinend: „La liberté de chacun a pour limite logique la liberté de tous les autres.“ „

Wie kam es zur Auslassung der historischen Dimension und was bewirkt sie?

21. August 2020

Andreas BernardWen kümmert’s, wer spricht?
„Heute reden viele Linke über Identität, als sei sie naturgegeben und unverrückbar. Oder sie ignorieren den historischen Kontext von Kunstwerken. Dabei haben frühe kritische Denker gegen solche Haltungen gekämpft. Was ist da passiert? […]

Eine der meistdiskutierten Thesen von Michel Foucault und Roland Barthes war ja die Rede vom „Tod des Autors*; ihre wissensgeschichtlich und literaturtheoretisch ausgearbeitete Kritik des souveränen Subjekts spitzte sich am Ende der Sechzigerjahre in zwei berühmt gewordenen Aufsätzen zu. Die Eingangssätze von Was ist ein Autor?, in denen Foucault Samuel Beckett zitiert, lauten: „›Wen kümmert’s, wer spricht?‹ In dieser Gleichgültigkeit äußert sich das wohl grundlegendste ethische Prinzip zeitgenössischen Schreibens.“ Genau diese Position greift die indischstämmige Literaturwissenschaftlerin Gayatri Spivak in ihrem Essay, der als ein Gründungsmanifest „postkolonialer“ Theoriebildung gilt, vehement an. […]
Die Überzeugungskraft, die Spivaks Reflexion über den „Ort des Forschers“ vor allem in den letzten fünfzehn Jahren auf kulturtheoretische Perspektiven und Sprechweisen ausgeübt hat, wird bei der Lektüre ihres Essays unmittelbar verständlich. Tatsächlich scheint eine Kluft zu bestehen zwischen den Texten der Pariser Theoretiker, die historischen Rändern und Außenseitern gewidmet sind, und der elitären Linearität ihrer eigenen Karrieren, von der École normale supérieure zum Collège de France. Für eine ganze Generation an Theorieinteressierten muss es ein augenöffnender Moment gewesen sein: Spivak richtete jene Sensibilität für das Aufspüren von verborgenen Leerstellen des Diskurses, die man von Foucault und Derrida gelernt hatte, nun plötzlich auf einen von diesen Autoren selbst ausgesparten blinden Fleck – auf die Position der Sprecher, auf die begünstigenden oder hemmenden Effekte, die ihre Herkunft oder ihr Geschlecht auf das Gesagte hatten. […]

Spivaks und Butlers Veröffentlichungen, die zu Urtexten neuer Wissenschaftsdisziplinen und Studiengänge auf der ganzen Welt geworden sind, bezeichnen einen erkenntnistheoretischen Bruch. Denn die beiden stellen ihre theoretischen Positionen zwar in den Kontext der „poststrukturalistisch“ genannten Analysen, untersuchen Konstruktionsweisen des vermeintlich Naturgegebenen und Selbstverständlichen. Aber gleichzeitig führen sie einen Fluchtpunkt des Denkens ein, der einem zentralen Begriff der Dekonstruktion und Diskursanalyse genau entgegengesetzt ist. Derrida oder Deleuze stellten ihre Untersuchungen ins Zeichen der „Differenz“. In den aufkommenden gender studies und postcolonial studies wird ab den Neunzigerjahren „Identität“ zur Leitkategorie. Aus Spivaks titelgebender Frage, ob „die Subalternen sprechen können“, ergibt sich diese Fokussierung zwangsläufig, denn nur wer männlich, weiß und etabliert ist, kann die Identitätskategorien von Geschlecht, Ethnie und Sozialstatus in seiner Redeperspektive ignorieren. […]

Die aktuelle kulturkritische Verschiebung äußert sich also in einer Umleitung der Relativierungsenergie: Unentwegt befragt werden inzwischen nicht mehr die erkenntnisstiftenden Fundamente der behandelten Texte, sondern die identitätsstiftenden Fundamente der beteiligten Sprecher. Und vielleicht wird der Unmut, den die postkolonialen Redeweisen gerade bei den frühesten Exegeten der Dekonstruktion auslösen, genau durch die Erfahrung einer Rollenumkehr verstärkt. Noch in den frühen Neunzigerjahren konnten die biederen Gewissheiten der literarischen Hermeneutik mit ein paar Bemerkungen zum medialen Apriori oder zum unendlichen Aufschub der Signifikanten provoziert werden. Heute sind es die lieb gewonnenen Fundamente einer Diskursanalyse, welche die eigene Sprecherposition immer ausgeklammert hat, die durch das Augenmerk auf impliziten Privilegien der Rede zu bröckeln beginnen. […]
Auch wenn die gegenwärtigen Konfrontationen also von der schlichten Kränkung zugespitzt werden, dass eine Theorieavantgarde die vorige ablöst, lassen sich doch einige grundlegende Veränderungen beobachten, die sich in den vergangenen Jahren in den kulturkritischen Denkweisen ergeben haben. Diese Veränderungen betreffen vor allem die Rolle der Geschichte und den Status von Wahrheit. Ein Argumentationsgestus, der im Namen der gender und postcolonial studies häufig sichtbar wird, ist die Auffassung, dass die Kulturerzeugnisse aus den unterschiedlichsten Epochen mit den ethischen Maßstäben der Gegenwart bewertet werden müssen. Als sexistisch oder rassistisch ausgemachte Gehalte von Kunstgebilden scheinen die Jahrhunderte unverwandelt zu überdauern.
Der Fokus der Theoriebildung auf dem Begriff der „Identität“ in der Folge Spivaks und Butlers ist also mit einem nachlassenden Interesse an der Geschichtlichkeit von Erkenntnis einhergegangen. […]
Inzwischen hat der überwältigende kulturelle und politische Erfolg der gender studies dazu geführt, dass Hermaphroditismus und Transsexualität glücklicherweise immer seltener pathologisiert werden. Zum anderen aber hat er die Existenzform des Dazwischen, die in Foucaults und Butlers Studien eher als latent leidvolle Position aufgefasst wurde, in eine Feier der Transition verwandelt. Der Einsatz der Vorsilbe trans* heute, die immer weiter ausdifferenzierte, regelmäßig um neue Initialen ergänzte LGBTIQ-Community sollen vor allem Stolz und Empowerment repräsentieren. Die Erfahrung der Nicht-Identität ist zumindest in den öffentlichen Debatten in den Hintergrund gerückt. Wenn man die theoriegeschichtliche Herkunft der gender studies bedenkt, lässt sich also der Eindruck einer merkwürdigen Reessentialisierung der Geschlechtsidentität nicht verwischen. Erfüllte Individualität scheint heute gleichbedeutend mit der selbsttätigen, im vielfältigen Spektrum des Möglichen getroffenen Wahl des Geschlechts zu sein. Man könnte von einer neoliberalen Ideologie der Diversity sprechen.
[…] Entscheidend ist, dass eine Kritik dieser Ideologie nichts mit dem Wunsch nach der Wiederherstellung normativer Ordnungen zu tun hat. Eher geht es um das Gegenteil: um den Eindruck, dass gerade von politisch verantwortungsvoller, theoretisch informierter Seite neue Naturalisierungen geschaffen werden, die Naturalisierung des Vielfältigen und Heterogenen, die historische und ästhetische Prozesse bei der Fahndung nach unliebsamen Inhalten ignoriert und ihre Forderungen ausgerechnet mit Methoden der polizeilichen Autorität durchsetzen will.
Im Angesicht der aktuellen Verbots- und Tilgungsoffensiven lohnt es sich daher vielleicht, an eine kulturtheoretische Herangehensweise zu erinnern, die man als Ethik der Interpretation bezeichnen könnte. Roland Barthes’ Reflexionen über die Produktionsbedingungen von Sinn gehören diesem Denkstil ebenso an wie Adornos dialektische Hypothese, dass literarische Gesellschaftskritik nur als Versenkung in Fragen der Form möglich sei, oder jener Hinweis Foucaults, dass die Gleichgültigkeit der Autorenposition das „grundlegendste ethische Prinzip zeitgenössischen Schreibens“ bilde. Das Augenmerk auf den Zeichen ist keine intellektuelle Fingerübung, keine gesellschaftliche Indifferenz, sondern die unhintergehbare Voraussetzung für Fragen der Ethik und Politik. Wo dieses Augenmerk ignoriert wird, wo es um die reine Destillation von Inhalten geht, über die Zeiten und Kulturen hinweg, beginnt das Reich der Ideologie.

* https://www.zeit.de/2000/36/Wen_kuemmert’s_wer_spricht_/komplettansicht

Fernsehgottesdienste in Coronazeit

25. Mai 2020

Während wir sonst nur selten Fernsehgottesdienste wahrnehmen, haben wir sie jetzt regelmäßig genutzt.

Natürlich erschrickt man etwas über die Vielzahl der Mitarbeiter der Rundfunkanstalt, die dabei beteiligt sind, aber die beteiligten Gemeinden haben aus der Not eine Tugend gemacht. Wenn es keinen Gemeindegesang gibt, dann kann der musikalische Anteil anspruchsvoller sein. In den evangelischen Gottesdiensten sieht man deutlich mehr Frauen als sonst in den Gemeinden. Musikalisch besonders begabte Familien bieten ganz Überdurchschnittliches, und es kommt ein Hauch Kirchentag in den Hausgottesdienst der Coronazeit. Ohne weiteres kann man, wenn man vorher einen Gottesdienst aufgenommen hat, Abendgottesdienst feiern, das Gesangbuch der anderen Konfession studieren, die Bibel herbeiholen.

Freilich, wenn man die Zusammenarbeit der Mitwirkenden erlebt, vermisst man umso mehr die Gemeinschaft in der eigenen Gemeinde, aber man erhält mehr Anregungen als sie eine Gemeinde bieten kann. Freilich weniger Mitwirkungsmöglichkeiten.

Hier noch die Mottos der Gottesdienste im Mai:

03.05.2020
Ingelheim evangelisch
10.05.2020
St. Johann Nepomuk, Wien (Österreich) katholisch
17.05.2020
Ingelheim evangelisch
24.05.2020
Erbach evangelisch
31.05.2020
Hospitalkirche, Bensheim katholisch

Luthers Tischreden

21. Mai 2020

Wie man der Sünde los werde.

Da einer fragte, wie man ihm doch mit den Sünden thun soll, nicht allein mit den Sünden anderer Leute, sondern vielmehr mit unsern eigenen Sünden, wie man ihrer soll los werden? sprach D. Martin: »Darauf gibt S. Paulus diese Antwort: Wir sollen getrost sein und nur nicht zweifeln, es sei ein Mann, der heiße Jesus Christus, welcher sich selber dafür gegeben hat, Gal. I. (V. 4), nämlich daß unsre Sünden durch sonst kein ander Mittel oder Weise konnten getilget werden, denn daß Gottes Sohn sich selber dafür opfere.

Mit solchen Karthaunen, Nothschlangen, Häuptstücken, Büchsen und gewaltigen Kriegsrüstungen muß das heillose Papstthum gestürmet und allerlei vermeinte Religion, Abgötterei, Werk und Verdienst zu Grunde und Boden gehen und umgekehret werden. Denn wo unsere Sünden durch unser eigene Werk, Verdienst und Genugthuung getilget könnten werden, Lieber, was wäre doch von Nöthen gewest, daß Gottes Sohn sich selber dafür gegeben hätte? Weil er sich aber dafür gegeben hat, werden freilich wir sie mit unsern Werken wohl ungetilget lassen.« […]

Was der freie Wille schaffe.

Doctor Martinus gedachte des trefflichen Mannes D. Staupitzen oft (der in ihrem Orden Provincial und eines großen Ansehens gewest, in der rechten Religion wohl berichtet), was er pflegte vom freien Willen zu sagen; nämlich sagte er: Ich hab mir oft, ja täglich vorgenommen, ich wollt frömmer werden, und derhalben so oftmals gebeichtet und zugesagt, ich wollte mein Leben bessern; aber es war gar ein weite Frömmigkeit und wollt nichts draus werden, noch von Statten gehen, obs wohl mein Ernst war; wie Petro, da er schwur, er wollte sein Leben bei Christo lassen. Ich mag Gott nimmer lügen, ich kanns doch nicht thun, sprach er, ich will eines guten Stündleins erwarten, daß mir Gott mit seiner Gnade begegene, sonst ists verloren. Denn des Menschen Wille macht entweder Vermessenheit oder Verzweifelung, denn der Mensch kann doch dem Gesetz Gottes nicht genug thun!

Und sprach ferner, »daß D. Staupitz oft hätte pflegen zu sagen, daß das Gesetz Gottes zu uns Menschen sagt: Es ist ein großer Berg, du sollt hinüber. So sagt denn das Fleisch und die Vermessenheit: Ich will hinüber. Darauf spreche das Gewissen: Du kannst nicht. So will ichs lassen, antwortet denn Desperatio. Also machet das Gesetz im Menschen entweder Vermessenheit oder Verzweifelung, und muß doch gelehrt und geprediget werden. Predigen wir das Gesetz, so machen wir die Leute verzagt; lehren wirs aber nicht, so machen wir die Leute faul und roh.«

»Ich bekenne und sage auch,« sprach Doctor Martinus, »daß du ein freien Willen habest, die Kühe zu melken, ein Haus zu bauen usw., aber nicht weiter, denn so lang du in Sicherheit und Freiheit sitzest, bist ohn Gefahr und steckest in keinen Nöthen. Da lässest du dich wohl dünken, du habest einen freien Willen, der etwas vermöge. Wenn aber die Noth vorhanden ist, daß weder zu essen, noch zu trinken, weder Vorrath, noch Geld mehr da ist, wo bleibt hie dein freier Wille? Er verlieret sich und kann nicht bestehen, wenns ans Treffen geht. Der Glaube aber allein stehet und suchet Christum.

Darum ist der Glaube viel ein ander Ding denn der freie Wille; ja der freie Wille ist Nichts und der Glaube ist Alles. Lieber, versuche es, bist du keck, und führe es hinaus mit deinem freien Willen, wenn Pestilenz, Krieg, theuere Zeit vorfallen. Zur Pestilenzzeit kannst du vor Furcht nichts beginnen, da gedenkst du: Ah, Herr Gott, wäre ich da oder da! Könntest du dich hundert Meilen Wegs davon wünschen, so fehlets am Willen nicht. In theuerer Zeit gedenkst du: Wo soll ich Essen nehmen? Das sind die großen Thaten, die unser freier Wille ausrichtet, daß er das Herz nicht tröstet, sondern machts je länger je mehr verzagt, daß es sich auch vor einem rauschenden Blatt fürchtet.

Aber dagegen ist der Glaube die Frau Domina und Kaiserin; ob er schon klein und schwach ist, so stehet er dennoch und lässet sich nicht gar zu Tod schrecken. Er hat wohl große gewaltige Stücke für sich, wie man hin und wieder in der heiligen Schrift und an den lieben Jüngern siehet. Wellen, Wind, Meer und allerlei Unglück treiben Alle mit einander zum Tode zu. Wer sollte in solcher Noth und tödtlicher Fahr nicht erschrecken und erblassen? Aber der Glaube, wie schwach er auch ist, hält er doch wie eine Mauer und leget sich wie der kleine David wider Goliath, das ist wider Sünde, Tod und alle Fährlichkeit; sonderlich aber streitet er ritterlich, wenns ein starker vollkommener Glaube ist. Ein schwacher Glaube kämpfet auch wohl, ist aber nicht so keck.«