Wie kann man Politiker für die Arbeit am Klimaschutz gewinnen?

22. März 2019
Was bewegt zum Handeln in Sachen Klimawandel 

Für Privatpersonen ist das noch nicht geklärt:

https://www.riffreporter.de/klimasocial/klima-alarmismus-angst/ … 

Was bewegt Politiker zum Handeln?

"Als Politiker kann ich Ihnen eines versichern: 
Politische Führer werden keine Risiken eingehen, 
solange die Menschen dies nicht von ihnen verlangen." 
(Barack Obama) 

Gegen Konzerne schreitet ein Politiker daher nicht ein, 
wenn er nicht befürchten muss, massiv Stimmen zu 
verlieren.
Deshalb sind die Demonstrationen so wichtig, gerade 
auch vor den Europawahlen.
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Die Wikipedia geht am 21.3.19 aus Protest offline

16. März 2019

Mitteilung der Wikipedia:
„Seit über zwei Jahren beschäftigt uns die geplante EU-Urheberrechtsreform und vor allem die umstrittene Einführung sogenannter Upload-Filter. Tausende unserer Mitglieder haben uns allein im vergangenen Jahr in unserem Bemühen unterstützt, die Reform abzuändern, damit unter anderem die Arbeit der Wikipedia-Freiwilligen nicht eingeschränkt wird.
Eine Wikipedia-Ausnahme wurde zwar in die Reform aufgenommen, der freie Austausch von Informationen und Inhalten darf aber nicht auf eine Plattform im Netz beschränkt werden – darum setzen die Wikipedia-Autorinnen und -Autoren jetzt ein deutliches Zeichen gegen die Reform: Am kommenden Donnerstag wird die deutschsprachige Wikipedia für 24 Stunden abgeschaltet. Zwei Tage später, am 23. März, sind europaweit Demonstrationen geplant. Ende März will das EU-Parlament dann abschließend über den aktuellen Entwurf der Urheberrechtsreform abstimmen.“ ( Vereins-Newsletter Wikiversum )

Zentrale für Unterrichtsmedien (Jahrestreffen)

27. November 2018

Die ZUM war 1997 Vorreiter, als sie Unterrichtsmedien im Netz sammelte und allgemein zur Verfügung stellte. Als die Wikipedia eine ganz neue Form, Wissen zu sammeln und zu präsentieren, entwarf, schuf die ZUM das ZUM-Wiki, das allen interessierten Lehrern – und auch Schülern – die Mitarbeit an Unterrichtsmaterialien ermöglichte. Dann entwickelte sie das ZUMpad, das von so vielen Schulen eingesetzt wird, dass manche gar nicht einmal wissen, wer Ihnen das Instrument zur Verfügung stellt.

 Am 24.11.2018 ist nun eine neue Entwicklung ins Netz gegangen: ZUM-Unterrichten.

Statt einer Materialsammlung steht Lehrern jetzt ein Angebot von Unterrichtsprojekten und Bausteinen zum Selbstlernen zur Verfügung. Das war möglich, obwohl in diesem Jahr jeder Verein mit der DSGVO zu tun hatte, ganz besonders aber ein Verein, der wie die ZUM seine Arbeit ganz auf das Internet abgestellt hat.

Und trotz dieser Doppelbelastung hat die ZUM nur wenige Tage zuvor auch das Ergebnis des bundesweit und international beschickten Wettbewerbs „Erinnerung sichtbar machen“ vorstellen können, der wesentlich von dem ZUM-Mitbegründer Karl-Friedrich Fischbach getragen wurde.

Statt sich auf diesen doppelten Erfolg zu konzentrieren, engagierte die ZUM zu ihrem Jahrestreffen 2018 einen Referenten für das Thema Digitalisierung in der Schule (Kai Wörner) [Link zu den Folien], der am Beispiel einer Pilotschule aufzeigte, wie Schule fruchtbar so auf Computer- und Internetarbeit umgestellt werden kann, dass Arbeitsergebnisse fast durchweg multimedial präsentiert werden können.

Parallel fördert die ZUM die Weiterentwicklung des Kinderlexikons Klexikon zu einem neuen online Nachschlagewerk in einfacher Sprache.

An die Vielseitigkeit der ZUM und ihre Ausstrahlung über Deutschland hinaus bin ich schon lange gewöhnt, aber dass wir einen neu gewonnenes Mitglied aus Israel begrüßen konnten, fand ich doch sehr bemerkenswert. Ausgangspunkt für gemeinsamer Arbeit war in diesem Fall das ZUM-Willkommen Wiki, das die ZUM der Initiative von Karl Kirst und Ralf Klötzke verdankt.

Aber in einem ist die ZUM sich seit vielen Jahren gleich geblieben. Bei jedem Treffen fühle ich mich wie zurückgekehrt in meine Heimat. Alle neuen Gesichter ändern nichts daran, dass man in eine Atmosphäre gegenseitigen Wohlwollens eintaucht, in der alle für neue Wege aufgeschlossen sind.


Zum Schluss darf ich ergänzend aus dem vorläufigen Kurzbericht der Vorsitzenden der ZUM, Mandy Schütze, zitieren:

Weitere Projekte, auf die im Rahmen des Rechenschaftsberichts des Vorstandes verwiesen wurden, sind u.a. die über 10.000 Hefte der Mieze Mia, die von Florian Emrich gedruckt und verkauft wurden und nun in Haushalten mit Grundschülern das ZUM-Logo tragen, sowie die Wortmaus, ein Online-Wörterbuch, auf das schon ein erster Blick geworfen werden kann. Daran wird im kommenden Jahr intensiv gearbeitet.“


Der offizielle Bericht folgt demnächst auf dem ZUM-Blog.

Zum Datenschutz auf meinen Blogs

18. Mai 2018

Angesichts der Datenschutzgrundverordnung (hier eine Erläuterung der wichtigsten Anforderungen an Webseitenbetreiber in leichter Sprache: DSGVO in einfacher Sprache) sehe ich mich in einer Schwierigkeit.

Google und WordPress erheben Daten, an denen ich nicht interessiert bin (z.B. bei Kommentaren die E-Mailadresse des Kommentierenden) und geben sie zum Teil an mich weiter, ohne dass ich das bisher abstellen konnte. Ich habe daher – so weit ich das übersehe – die Kommentarfunktion bei allen Googleblogs (blogger.com), bei denen meiner Kenntnis schon einmal kommentiert wurde, abgeschaltet. Bei WordPress ist mir das bisher noch nicht gelungen, ich werde aber versuchen, das bis zum 25. Mai zu erledigen.

Ich bitte aber, die Kommentarfunktion nicht zu benutzen, wenn man mir seine E-Mailadresse nicht bekanntmachen will. Bisher werde ich gerade bei WordPress-Blogs meist angemailt. Ausnahme sind Spamkommentare, die ich so und so gern loswerden würde.

Angesichts der unklaren rechtlichen Lage und meiner Unkenntnis über die Daten, die von den Providern meiner Blogs erhoben werden, hoffe ich, dass die Informationen, die ich von Google und WordPress als Benutzer erhalte, den rechtlichen Anforderungen genügen und dass sie mich als Blogbetreiber nicht unerträglichen rechtlichen Risiken aussetzen.

Als Benutzer des Internets begrüße ich die Datenschutzgrundverordnung, weil sie erstmals eine Grundlage dafür schafft, dass ich als Benutzer dieser Dienste besser erfahre, welche Daten von den Betreibern erhoben und verwendet werden.

Google habe ich zu danken, dass es mir ermöglicht hat, die Daten meiner Blogs zu speichern, so dass sie mir erhalten bleiben, wenn ich alle aus dem Netz nehmen müssen sollte.

Ich hoffe, dass WordPress dieselbe Möglichkeit bietet.

Mehr zu meiner Einschätzung der Datenschutzgrundverordnung hier

Wie unterscheiden sich Toleranz und Akzeptanz?

24. Februar 2018

„Tolerante Leute denken: Ich habe zwar recht, aber ich toleriere deine Meinung.“

Was für manchen ein „Geschmäckle“ hat, ist gerade der Wert der Toleranz.

Voltaire wird eine Aussage zugeschrieben, die dem Sinne nach lautet: Ich halte Ihre Ansicht für grundfalsch, aber ich würde mein Leben dafür hingeben, dass Sie sie äußern dürfen.

Toleranz ist besonders wichtig in Glaubensfragen. Ich kann felsenfest davon überzeugt sein, dass etwas richtig ist, und tolerant sein gegenüber der Wahrheit des anderen.

Rosa Luxemburg hat formuliert: „Freiheit ist immer Freiheit der Andersdenkenden.“ * Eine andere Formulierung dafür (aber weniger präzis) ist: Freiheit ist immer eingeschränkt durch die Freiheit des anderen, sonst ist sie Willkür.

Natürlich bin ich als Person unzufrieden, wenn ich nur toleriert werde und nicht akzeptiert. Aber die wichtigere Leistung ist die Toleranz.

Zu akzeptieren, womit ich einverstanden bin, ist keine Leistung.**

Und jetzt kommt der andere Aspekt von tolerieren. Man darf in einer Gesellschaft nur tolerieren, was die Gesellschaft nicht zerstört: Tolerieren soll man andere Religionen, andere sexuelle Orientierung, andere sexuelle Identität. Nicht tolerieren darf man den Aufruf zu Völkermord und Selbstmordattentäter, mögen die Betreffenden noch so sehr von der Richtigkeit ihrer Auffassung überzeugt sein und sich als Märtyrer fühlen.

Wenn man eine Auffassung toleriert, dann kann man einen Menschen, der sie vertritt, akzeptieren. Wenn ich akzeptiere, was ich für falsch halte, dann stehe ich für gar nichts mehr ein. Das ist die Haltung, mit der man auf die Frage „Ist es richtig, Tiere zu quälen“ antworten kann: „Das muss jeder für sich entscheiden.“

Ich kann mein Kind lieben (nicht nur akzeptieren) und dennoch darf ich manches Verhalten bei ihm nicht tolerieren. Das heißt nicht, dass ich es, nachdem es etwas Schlimmes getan hat, verstoßen sollte. Ich werde zu ihm als Person stehen, auch wenn ich alles dafür tun werde, dass es einsieht, dass ein bestimmtes Verhalten falsch war.

*Toleranz ist untypisch für junge Religionen und meist erst das Ergebnis von Aufklärung.

**Wohl aber ist es eine Lernleistung, einzusehen, dass etwas, was ich bisher für grundfalsch gehalten habe, als richtig zu akzeptieren.

mehr dazu

Lektüreempfehlung „Sitzkrieg“

2. Dezember 2017

Depression ist eine gefährliche Krankheit, die weit häufiger, als der Laie meint, rein physiologische Ursachen hat, die freilich psychische Folgen haben, die von der Psyche her nicht angegangen werden können.

Der Text „Sitzkrieg im Kopf“ zeigt aber, wie sich mensch (wie der Autor (Tanne im Nadelwald) persönlicher bezeichnet, was gemeinhin unpersönlich man genannt wird) eine Pause nutzen kann wie die Soldaten an der Westfront im Ersten Weltkrieg das erste Kriegsweihnachten .*

Den Text und die Kommentare dazu kann ich empfehlen. Die übrigen Texte sollte man testen, bevor man sich auf sie einlässt. Nicht alle sind für alle geschrieben.

Ich danke hier Tanne dafür, dass er mich mit seinem Blog bekannt gemacht hat.

*Michael Jürgs: Der kleine Frieden im Großen Krieg. Westfront 1914: Als Deutsche, Franzosen und Briten gemeinsam Weihnachten feierten.  München 2003,  Hirschfeld u. a. (Hrsg.): Enzyklopädie Erster Weltkrieg. 2014, S. 957 ff.

40 Thesen zur Reform des Islam

3. November 2017

ABDEL-HAKIM OURGHI: 40 Thesen zur Reform des Islam

„Ich habe meinem Buch ein Zitat von Martin Luther vorangestellt: „Je mehr mich die Leute bedrohen, umso größer meine Zuversicht.“ Von Luther kann man als Muslim heute aber nicht nur Mut lernen, sondern auch, dass die Wertschätzung der Heiligen Schriften eben nicht bedeutet, sie möglichst eng auszulegen. Eine Interpretation des Korans heute muss die alten Texte von ihrer Leblosigkeit befreien und sie durch neue Sinngehalte bereichern. Dann kann sie zur Etablierung des Islams im Westen beitragen.“

Aus den Thesen:

1. Es ist Zeit für einen europäischen Islam.

2. Die Heilige Schrift des Islams an sich ist leblos. Erst die Interpretation macht sie lebendig.

3. Jede Muslimin und jeder Muslim hat die Freiheit, den Koran so zu interpretieren, wie sie oder er will.

4. Eine Reform des Islams braucht mutige Reformer.

5. Das Erbe des Islams muss frei erforscht werden können.

6. Die Reform des Islams ist im Koran selbst angelegt.

7. Reform des Islams bedeutet seine Anpassung an die Moderne.

8. Islamkritik ist keine pauschale Ablehnung des islamischen Glaubens.

9. Der Koran als Gotteswort ist im Laufe der Jahrhunderte zum Menschenwort geworden.

10. Wer den Koran respektiert, kann ihn nicht wortwörtlich nehmen.

11. Die Muslime müssen den Koran wieder zu einem Buch des Friedens machen.

Reformationstag – zur Bedeutung der Reformation

29. Oktober 2017

Renaissance des Nordens
Über die Bedeutung der Reformation für die Deutschen heute von Evelyn Finger

„[…] Im Februar 2017, als die beiden deutschen Kirchenchefs den Papst besuchten, gab er dem Kardinal Reinhard Marx und dem Bischof Heinrich Bedford-Strohm den Auftrag zum gemeinsamen Abendmahl: Bei euch in Deutschland ist das Problem entstanden, ihr könnt es lösen, macht mir einen Vorschlag! – Der steht noch immer aus. Denn die deutschen Kirchengremien zaudern und zögern. Die Chefs sind ihnen voraus, aber können den Rest nicht ignorieren. Wenn Bedford-Strohm am Wochenende auf Einladung von Marx nach Rom reist, zum Treffen der katholischen Bischöfe Europas, müssen beide aufpassen, dass der Reformpapst sie nicht überholt.

Franziskus hat seine nächste Reformation im Sommer schon angetestet. Nach Informationen der ZEIT sagte er lateinamerikanischen Bischöfen, als sie im Vatikan zu Gast waren: Das Wort Gottes komme stets vor den Sakramenten, das Evangelium vor der Kirche. Klingt für Protestanten harmlos, für Katholiken aber rührt es an das Sakramentsverständnis und damit an die Grundfesten ihrer Kirche. Die Hälfte der Bischöfe soll denn auch entsetzt gewesen sein, die andere Hälfte habe Hosianna gerufen. […]“ (ZEIT 44/2017, 26.10.17)

sieh auch:

Es gibt was zu feiern (ZEIT 44/2017, 26.10.17, S.54)
Zum ersten Mal schreiben die deutschen Kirchenchefs einen Brief zum Reformationstag
Von Heinrich Bedford-Strohm und Reinhard Marx

„[…] Gemeinsam wollen wir in der Gesellschaft Zeugnis für den Glauben an Gott ablegen und auch so handeln. Das ist unser gemeinsamer Auftrag, der in Christus gründet! In der Flüchtlingsarbeit, im weltkirchlichen Engagement und im Einsatz gegen soziale Not arbeiten wir Hand in Hand. Wir können die Welt nicht perfekt machen, aber wir dürfen nicht aufgeben, sie verbessern zu wollen.[…]“

Wie hätte man eine Spaltung der Kirche vermeiden können? (ZEIT 44/2017)

Thema Luther und die Reformation

Die weibliche Seite Gottes

27. Oktober 2017

Auf Hebräisch ist Geist, ruach, weiblich, im Griechischen ist Geist, pneuma, sächlich. erst im Lateinischen wird der Geist als spiritus männlch, so wie er es auch im Deutschen ist.

Wenn es in Der Schöfungsgeschichte heißt, der „Geist Gottes schwebte auf dem Wasser“, hatten die Juden also die Vorstellung eines weiblichen Wesens.

mehr dazu: Die weibliche Seite Gottes Katharina Seifert, 1997

Guglielmiten 

„Guglielma wurde zu Pfingsten 1210 geboren, erschien in Mailand irgendwann zwischen 1260 und 1270 und starb dort am 24. August 1281. […]
In den Annales Colmarienses maiores des Jahres 1301 vermerkt der Colmarer Dominikanerchronist, dass im Jahr zuvor (in precedenti anno), also 1300, „eine überaus würdevolle und gleichermaßen beredte Jungfrau aus England gekommen [sei], die sich für den Heiligen Geist ausgab, der zur Erlösung der Frauen Fleisch angenommen habe. Und sie taufte die Frauen im Namen des Vaters, des Sohnes und in ihrem eigenen Namen. Nach ihrem Tod wurde sie nach Mailand gebracht und dort verbrannt: ihre Asche behauptete Bruder Johannes von Weißenburg (Iohannes de Wissenburc) vom Orden der Predigermönche gesehen zu haben.“ (Wikipedia: Guglielmiten)

Die Guglielmiten im Mittelalter. von Imogen Rhia Herrad,  SWR2 Wissen 27. Oktober 2017

Koran von jüdischen Gelehrten neu entdeckt

26. Oktober 2017

Der Koran ist aufgrund seiner inhaltsfernen Gliederung und der Durchmischung von Texten mit unterschiedlichen Aussageabsichten für Leser, die nicht den Gesamtinhalt überblicken, äußerst schwer angemessen zu verstehen. Kein Wunder, dass Christen ihn als Angriff auf ihre Tradition verstanden und lange keinen objektivierend-historisierenden Zugang zu ihm fanden. Doch jüdischen Gelehrten ist es im 19. Jh. gelungen. Dazu Angelika Neuwirth:

„Der Koran galt in Europa als Teufelswerk – bis jüdische Gelehrte ihn im 19. Jahrhundert neu entdeckten und die Islamwissenschaft erfanden. […]

Der wichtigste jener jüdischen Pioniere war Abraham Geiger aus Frankfurt am Main. Seit Jugendtagen hatte er sich auf eine Laufbahn als Rabbiner vorbereitet, dann aber ein Studium der orientalischen Philologie in Heidelberg begonnen. 1830 wechselte er nach Bonn, wo er sich auch wieder der Theologie zuwandte. Seine Pionierarbeit Was hat Mohammed aus dem Judenthume aufgenommen? zeichnete die Universität Bonn 1832 mit einem Preis aus. 1833 erschien sie in gedruckter Form, da war Geiger schon in Wiesbaden zum Rabbiner gewählt worden. Die Universität Marburg verlieh ihm für das Werk einen Doktortitel.

Kurz zuvor hatte Goethe mit seinem West-östlichen Divan (1819/1827) die literarische Entdeckung des Korans initiiert und mit seinem feinen Gespür für poetische Raffinesse einen unbefangenen Blick auf den Text ermöglicht. Doch es waren Forscher wie Abraham Geiger – junge Akademiker, die selbst im Kreuzfeuer der Polemik von christlicher wie jüdischer Seite standen –, die den Boden für eine wissenschaftliche Auseinandersetzung mit dem Islam bereiteten. […]

Zu Beginn des 20. Jahrhunderts entwickelte sich aus der Arbeit der jüdischen Wissenschaftler die allgemeine Islamwissenschaft; besonders das Werk des Gelehrten Ignaz Goldziher (1850–1921) aus Österreich-Ungarn setzte Standards, die bis heute gültig sind. In seinen Muhammedanischen Studien, die 1889/90 erschienen, erforschte er die Hadithe, also die Überlieferungen dessen, was Mohammed gesagt und getan haben soll. […]

Der Koran ist denn auch, liest man ihn mit historisch-kritischem Blick, ganz und gar das Dokument einer religiösen Debatte, die um die biblische Tradition kreist und sie erneuern will. Er ist gerade nicht, wie die antiislamische Polemik es will, eine missverstandene Reproduktion der Bibel selbst, sondern eine neue Auslegung.

Die Entstehung und Expansion des Islams im 7. und 8. Jahrhundert trägt dabei durchaus Züge einer Reformation. So wie Luther die Aneignung religiösen Wissens zur Sache jedes einzelnen Gläubigen erklärte und damit aus der Institution der katholischen Kirche befreite, so unterstellte auch der Islam die Gläubigen als Individuen einer neuen ethischen Ordnung. Mohammed ist nicht umsonst mit Luther verglichen worden: Auch er wirft die Vorherrschaft bestehender Institutionen ab, auch er grenzt das Rituelle auf minimale Zeremonien ein. Der Koran stiftet eine „kommunitäre Religion“, in welcher der Zusammenhalt der Gemeinde nicht mehr auf angeordneten Opfern, sondern auf der persönlichen Frömmigkeit des Einzelnen beruht.

Die politischen, kulturellen und gesellschaftlichen Parallelen zum Reformationszeitalter sind nicht minder verblüffend: Wird die Wende in Europa nach 1517 durch die Verbreitung der Gutenbergschen Drucktechnik immens beschleunigt, so ermöglicht im Islam eine ähnlich bahnbrechende Neuerung – die Entwicklung der Papierherstellung im 8. Jahrhundert – die Verschriftlichung und Publikation von bis dahin nur mündlich tradiertem Wissen. Schrift und Buch gewinnen höchste Bedeutung; Gott selbst gilt im Islam als Schriftproduzent, der über ein himmlisches Archiv wacht. […]“

(Licht aus dem Osten von  ZEIT 44/2017 26.10.17 – Links im Text von mir hinzugefügt)