Fernsehgottesdienste in Coronazeit

25. Mai 2020

Während wir sonst nur selten Fernsehgottesdienste wahrnehmen, haben wir sie jetzt regelmäßig genutzt.

Natürlich erschrickt man etwas über die Vielzahl der Mitarbeiter der Rundfunkanstalt, die dabei beteiligt sind, aber die beteiligten Gemeinden haben aus der Not eine Tugend gemacht. Wenn es keinen Gemeindegesang gibt, dann kann der musikalische Anteil anspruchsvoller sein. In den evangelischen Gottesdiensten sieht man deutlich mehr Frauen als sonst in den Gemeinden. Musikalisch besonders begabte Familien bieten ganz Überdurchschnittliches, und es kommt ein Hauch Kirchentag in den Hausgottesdienst der Coronazeit. Ohne weiteres kann man, wenn man vorher einen Gottesdienst aufgenommen hat, Abendgottesdienst feiern, das Gesangbuch der anderen Konfession studieren, die Bibel herbeiholen.

Freilich, wenn man die Zusammenarbeit der Mitwirkenden erlebt, vermisst man umso mehr die Gemeinschaft in der eigenen Gemeinde, aber man erhält mehr Anregungen als sie eine Gemeinde bieten kann. Freilich weniger Mitwirkungsmöglichkeiten.

Hier noch die Mottos der Gottesdienste im Mai:

03.05.2020
Ingelheim evangelisch
10.05.2020
St. Johann Nepomuk, Wien (Österreich) katholisch
17.05.2020
Ingelheim evangelisch
24.05.2020
Erbach evangelisch
31.05.2020
Hospitalkirche, Bensheim katholisch

Luthers Tischreden

21. Mai 2020

Wie man der Sünde los werde.

Da einer fragte, wie man ihm doch mit den Sünden thun soll, nicht allein mit den Sünden anderer Leute, sondern vielmehr mit unsern eigenen Sünden, wie man ihrer soll los werden? sprach D. Martin: »Darauf gibt S. Paulus diese Antwort: Wir sollen getrost sein und nur nicht zweifeln, es sei ein Mann, der heiße Jesus Christus, welcher sich selber dafür gegeben hat, Gal. I. (V. 4), nämlich daß unsre Sünden durch sonst kein ander Mittel oder Weise konnten getilget werden, denn daß Gottes Sohn sich selber dafür opfere.

Mit solchen Karthaunen, Nothschlangen, Häuptstücken, Büchsen und gewaltigen Kriegsrüstungen muß das heillose Papstthum gestürmet und allerlei vermeinte Religion, Abgötterei, Werk und Verdienst zu Grunde und Boden gehen und umgekehret werden. Denn wo unsere Sünden durch unser eigene Werk, Verdienst und Genugthuung getilget könnten werden, Lieber, was wäre doch von Nöthen gewest, daß Gottes Sohn sich selber dafür gegeben hätte? Weil er sich aber dafür gegeben hat, werden freilich wir sie mit unsern Werken wohl ungetilget lassen.« […]

Was der freie Wille schaffe.

Doctor Martinus gedachte des trefflichen Mannes D. Staupitzen oft (der in ihrem Orden Provincial und eines großen Ansehens gewest, in der rechten Religion wohl berichtet), was er pflegte vom freien Willen zu sagen; nämlich sagte er: Ich hab mir oft, ja täglich vorgenommen, ich wollt frömmer werden, und derhalben so oftmals gebeichtet und zugesagt, ich wollte mein Leben bessern; aber es war gar ein weite Frömmigkeit und wollt nichts draus werden, noch von Statten gehen, obs wohl mein Ernst war; wie Petro, da er schwur, er wollte sein Leben bei Christo lassen. Ich mag Gott nimmer lügen, ich kanns doch nicht thun, sprach er, ich will eines guten Stündleins erwarten, daß mir Gott mit seiner Gnade begegene, sonst ists verloren. Denn des Menschen Wille macht entweder Vermessenheit oder Verzweifelung, denn der Mensch kann doch dem Gesetz Gottes nicht genug thun!

Und sprach ferner, »daß D. Staupitz oft hätte pflegen zu sagen, daß das Gesetz Gottes zu uns Menschen sagt: Es ist ein großer Berg, du sollt hinüber. So sagt denn das Fleisch und die Vermessenheit: Ich will hinüber. Darauf spreche das Gewissen: Du kannst nicht. So will ichs lassen, antwortet denn Desperatio. Also machet das Gesetz im Menschen entweder Vermessenheit oder Verzweifelung, und muß doch gelehrt und geprediget werden. Predigen wir das Gesetz, so machen wir die Leute verzagt; lehren wirs aber nicht, so machen wir die Leute faul und roh.«

»Ich bekenne und sage auch,« sprach Doctor Martinus, »daß du ein freien Willen habest, die Kühe zu melken, ein Haus zu bauen usw., aber nicht weiter, denn so lang du in Sicherheit und Freiheit sitzest, bist ohn Gefahr und steckest in keinen Nöthen. Da lässest du dich wohl dünken, du habest einen freien Willen, der etwas vermöge. Wenn aber die Noth vorhanden ist, daß weder zu essen, noch zu trinken, weder Vorrath, noch Geld mehr da ist, wo bleibt hie dein freier Wille? Er verlieret sich und kann nicht bestehen, wenns ans Treffen geht. Der Glaube aber allein stehet und suchet Christum.

Darum ist der Glaube viel ein ander Ding denn der freie Wille; ja der freie Wille ist Nichts und der Glaube ist Alles. Lieber, versuche es, bist du keck, und führe es hinaus mit deinem freien Willen, wenn Pestilenz, Krieg, theuere Zeit vorfallen. Zur Pestilenzzeit kannst du vor Furcht nichts beginnen, da gedenkst du: Ah, Herr Gott, wäre ich da oder da! Könntest du dich hundert Meilen Wegs davon wünschen, so fehlets am Willen nicht. In theuerer Zeit gedenkst du: Wo soll ich Essen nehmen? Das sind die großen Thaten, die unser freier Wille ausrichtet, daß er das Herz nicht tröstet, sondern machts je länger je mehr verzagt, daß es sich auch vor einem rauschenden Blatt fürchtet.

Aber dagegen ist der Glaube die Frau Domina und Kaiserin; ob er schon klein und schwach ist, so stehet er dennoch und lässet sich nicht gar zu Tod schrecken. Er hat wohl große gewaltige Stücke für sich, wie man hin und wieder in der heiligen Schrift und an den lieben Jüngern siehet. Wellen, Wind, Meer und allerlei Unglück treiben Alle mit einander zum Tode zu. Wer sollte in solcher Noth und tödtlicher Fahr nicht erschrecken und erblassen? Aber der Glaube, wie schwach er auch ist, hält er doch wie eine Mauer und leget sich wie der kleine David wider Goliath, das ist wider Sünde, Tod und alle Fährlichkeit; sonderlich aber streitet er ritterlich, wenns ein starker vollkommener Glaube ist. Ein schwacher Glaube kämpfet auch wohl, ist aber nicht so keck.«

Amazonassynode

27. Oktober 2019

„[…] Dom Edson Damian […] ist Amazonas-Bischof einer riesigen brasilianischen Diözese im Becken des Rio Negro, wo über 90 Prozent Indigene leben, die fast alle katholisch sind. 23 Ethnien mit 18 lebendigen Sprachen. Drei dieser Sprachen sind heute auch Amtssprache. Auf 500 Gemeinden kommen hier nur 21 Priester. Bischof Edson, 71, ist froh, dass Rom endlich hört, was das Volk an der Peripherie will. Von den 390 Völkern des Amazonas wurden vor der Synode ja 179 befragt. „Es schmerzt mich sehr, wenn die Indigenen Heiden genannt werden.“ Nicht nur weil so viele von ihnen Christen geworden sind. „Ich habe von ihnen gelernt, was die frohe Botschaft bedeutet. Sie beginnen jeden Tag mit einem Gebet. Sie nehmen von der Natur nur, was sie zum Leben brauchen. Sie leben in Genügsamkeit.“ Daraus lasse sich ableiten, was Dom Edson eine indigene Theologie nennt. Sie passt zu dem neuen Katakombenpakt*, den die Amazonas-Bischöfe am vergangenen Sonntag geschlossen haben. Eine Revolution: In den Katakomben der Dormitilla, wo während des Zweiten Vatikanischen Konzils in den Sechzigerjahren bereits Bischöfe ein Leben in Einfachheit gelobten, verpflichteten nun auch sie sich zu einem Leben des Dienstes, zum Verzicht auf die Insignien kirchlicher Macht, zur Einfachheit.

Kardinal Pedro Ricardo Barreto aus Peru war auch dabei. Der Vorsitzende der Synode gehört zu jenen Getreuen von Franziskus, die Zuversicht ausstrahlen: Diese Revolution gelingt. Aufgewachsen in der Stadt Lima am chemieverseuchten Fluss Rimac, habe er, sagt Barreto, die Natur erst finden müssen und damit einen tieferen Zugang zu Gott. Bei den Indigenen sei er in die klaren Gewässer eingetaucht, bei ihnen habe er buchstäblich gelernt, in den Fluss zu springen und sich ans andere Ufer tragen zu lassen. Den Machtkampf in seiner Kirche sieht der Jesuit gelassen. Denn die Macht, um die es hier gehe, sei nicht die Macht des Evangeliums. Barreto sagt, die Schöpfung zu verteidigen, heiße leiden und Jesus folgen bis zum Tod. Das mag in den Ohren westeuropäischer Christen pathetisch klingen. Barreto sagt es bescheiden lächelnd. Man versteht, was er meint, wenn man weiß: In seiner Heimat haben sie, weil er gegen die Minen und die Metallindustrie protestierte, schon einen Sarg mit seinem Namen darauf durch die Stadt getragen.“

https://www.zeit.de/2019/44/amazonas-synode-katholische-kirche-regenwald-papst/komplettansicht

https://www.zeit.de/2019/42/synode-vatikan-bischofsversammlung-primin-spiegel-miseror

https://www.katholisch.de/artikel/23330-wie-pseudo-fragen-die-amazonas-synode-in-verruf-bringen-sollen

Twitter: Amazonassynode

https://twitter.com/Strack_C/status/1186255627867299841

„We conclude under the protection of Mary, Mother of the Amazon, venerated with various titles throughout the region.“ (Christoph Strack)

Pachamama

* neuer Katakombenpakt

Baumpflanzung im Vatikan zum Ausdruck des symbolischen Zusammenhangs von Einsatz des Heiligen Franziskus für die Natur und der Amazonassynode

Papst Franziskus gegen ein „Weiter so“:

„[…] Queridos hermanos, sintámonos convocados aquí para servir, poniendo en el centro el don de Dios“, pidió el Papa en su sermón, en el que llamó a no defender el status quo, sino a una „prudencia audaz“ guiada por el Espíritu Santo. „Si todo permanece como está, si nuestros días están marcados por el ’siempre se ha hecho así‘, el don desaparece, sofocado por las cenizas de los temores y por la preocupación de defender el status quo“, subrayó. „La prudencia no es indecisión, no es una actitud defensiva. Es la virtud del pastor, que, para servir con sabiduría, sabe discernir, sensible a la novedad del Espíritu. Entonces, reavivar el don en el fuego del Espíritu es lo contrario a dejar que las cosas sigan su curso sin hacer nada. Y ser fieles a la novedad del Espíritu es una gracia que debemos pedir en la oración“, siguió. […]

[Hauptaussage des spanischen Textes: „Liebe Brüder, lassen Sie uns hierher gerufen werden, um zu dienen und die Gabe Gottes in den Mittelpunkt zu stellen […], nicht den Status quo zu verteidigen, sondern eine“ kühne Klugheit“, die vom Heiligen Geist geleitet wird. ]

https://www.lanacion.com.ar/el-mundo/el-papa-abrio-sinodo-panamazonico-denunciando-los-nid2294626

Thomas Seiterich: Die Amazonassynode: Wie Papst Franziskus die Kirche umbauen will

Zur Rolle der Frauen bei der Amazonassynode (spanisch)



Zur Kritik an der Amazonassynode

andererseits:

https://de.wikipedia.org/wiki/OTCA (Brasilien ist Mitglied)

Zu Trennung und Einigungsversuchen von Lutheranern und Reformierten

15. Oktober 2019

Nach der Trennung von Katholiken und Protestanten taten sich bald auch Glaubensstreitigkeiten zwischen Lutheranern und Reformierten auf. Philipp der Großmütige versuchte zwar, Luther und Zwingli durch das Marburger Religionsgespräch von 1529 zu einer Einigung zu bringen, doch an der Abendmahlsfrage (leibhaftiger oder symbolischer Leib Christi) scheiterte das. Eine Anekdote berichtet, Lutter habe auf den Tisch „Das ist mein Leib geschrieben“, eine andere, er habe mit dem Messer das ursprünglich gemeinsame Tischtuch zerschnitten.

Später gab es dann in Brandenburg 1662/63 auf Drängen des reformierten Kurfürsten Friedrich Wilhelm I. im Berliner Religionsgespräch einen Versuch, eine Annäherung zwischen lutherischen und reformierten Theologen zu erreichen. An diesem Gespräch nahm auch Paul Gerhardt teil. Das aber wurde ergebnislos abgebrochen.

Daraufhin entschloss sich der Kurfürst 1664 ein Toleranzedikt zu erlassen, das eine öffentliche Kritik an dem jeweils anderen protestantischen Bekenntnis untersagte. Da Paul Gerhardt sich weigerte, dies zu unterschreiben, wurde er 1667 entlassen. Daraufhin wechselte er 1668 an die Pfarrstelle in Lübben (Spreewald), das damals zu Kursachsen gehörte. In die Zeit der Stellungslosigkeit fällt seine Veröffentlichung von 120 geistlichen Liedern.

Von heute aus gesehen erscheint es wie eine Ironie, dass eine 1577 gefundene Konkordienformel, die innerlutherische Streitigkeiten zu beheben half, damals ein wichtiges Hindernis für eine lutherisch-reformierte Verständigung war. Doch damals wurden die Bekenntnisunterschiede als so stark empfunden, dass es für Paul Gerhardt eine Gewissensentscheidung war, lieber seine Berliner Gemeinde, von der er hoch geschätzt wurde, zu verlassen, als das Toleranzedikt zu unterschreiben.

Die heutige Evangelische Kirche in Hessen und Nassau umfasst Gemeinden mit lutherischem, reformierten und dem im 19. Jahrhundert aus der Unionsbewegung entstandenen protestantisch-uniertem Bekenntnis.

Dazu heißt es in der Wikipedia:

Die Evangelische Kirche in Hessen und Nassau bezeugt ihren Glauben durch die altkirchlichen Bekenntnisse und die Augsburgische Konfession, unbeschadet der in den einzelnen Gemeinden geltenden lutherischen, reformierten und unierten Bekenntnisschriften. Sie bekennt sich zu der Theologischen Erklärung von Barmen.[3] Die Landeskirche fasst Gebiete zusammen, in denen die Reformation nach unterschiedlichen Bekenntnissen eingeführt wurde. Während dies in der Landgrafschaft Hessen-Darmstadt unter Einfluss von Martin Luther und Philipp Melanchthon geschah, haben sich die nassauischen Territorien und einige andere eher an Ulrich Zwingli und Johannes Calvin orientiert. Diese unterschiedlichen Traditionen und die in Rheinhessen und im Herzogtum Nassau vollzogene Union sind erhalten geblieben, als sich lutherische, reformierte und unierte Gemeinden in der EKHN zu einer Kirche zusammenfanden.[4]

Erst 1973 kam es dann zu einer auch bekenntnismäßigen Einigung zur Prädestination zwischen lutherischen und reformierten Kirchen in der Leuenberger Konkordie:

„Im Evangelium wird die bedingungslose Annahme des sündigen Menschen durch Gott verheißen. Wer darauf vertraut, darf des Heils gewiß sein und Gottes Erwählung preisen. Über die Erwählung kann deshalb nur im Blick auf die Berufung zum Heil in Christus gesprochen werden. Der Glaube macht zwar die Erfahrung, daß die Heilsbotschaft nicht von allen angenommen wird, er achtet jedoch das Geheimnis von Gottes Wirken. Er bezeugt zugleich den Ernst menschlicher Entscheidung wie die Realität des universalen Heilswillens Gottes. Das Christuszeugnis der Schrift verwehrt uns, einen ewigen Ratschluß Gottes zur definitiven Verwerfung gewisser Personen oder eines Volkes anzunehmen.“

Schopenhauer über das Lesen

11. Oktober 2019

„Lesen heißt mit einem fremden Kopfe, statt des eigenen, denken.“ (Parerga und Paralipomena, Zweiter Band, F. A. Brockhaus, Leipzig 1874, Kapitel 22 Selbstdenken, § 267, S.529)
„Wann wir lesen, denkt ein Anderer für uns: wir wiederholen bloß seinen mentalen Proceß. […] Daher kommt es, daß wer sehr viel und fast den ganzen Tag liest,[…] die Fähigkeit, selbst zu denken, allmälig verliert, […]“ (Parerga und Paralipomena II, Zweiter Band, F. A. Brockhaus, Leipzig 1874, Kapitel 24 Ueber Lesen und Bücher, § 299, S.587)
(Wikiquote)

Er muss bei seinem Drang, über die Denker seiner Zeit hinaus zu denken, bei der Kantlektüre ein ähnliches Gefühl gehabt haben wie ich bei der Korrektur von Klassenarbeiten, wenn ich (gefühlt) 25 mal das Gleiche immer wieder aufgrund von Ausdrucksschwierigkeiten in anderer Weise verballhornt gelesen habe.
„Warum muss ich immer wieder das Gleiche lesen und mich fragen, woran es liegt, dass es falsch herauskommt, wo ich doch endlich mal etwas Neues denken will.“
Mir war da ein Eppler- oder Glotz-Text ein Erfrischungsbad und regte mich an, während Schopenhauer in Kants drei Kritiken vermutlich „immer den gleichen Quark“ vorgesetzt zu bekommen fühlte.

Oder wie die Anekdote von Mommsen berichtet, als er zu einem runden Geburtstag eine dicke Festschrift überreicht bekam: „Ach, wie viel Zeit wird es mich kosten, das alles zu widerlegen.“

Sloterdijk: Was geschah im 20. Jahrhundert?

20. August 2019

Aus meiner Sicht stellt diese Aufsatzsammlung von 2016 genau das dar, was im titelgebenden Aufsatz von 2005 als das Wesen der Philosophie der letzten rund 200 Jahre bezeichnet wird: „die am gründlichsten organisierte Flucht aus der Zeit“ (S.105).

Sloterdijk präsentiert seine umfassende Kenntnis von Philosophie und Literatur in einer spielerischen Hypothesenbildung der vergänglichsten Form, für die er in seiner Trilogie Sphären die treffenden Termini „Blasen, Globen und Schäume“ gefunden hat.

Bisher ist für mich der interessanteste Literaturhinweis der auf Baltasar Gracián (S.339), der in seinem Orakel der Weltklugheit im 149. Aphorismus  als wichtige Fähigkeit formuliert: „Das Schlimme Andern   aufzubürden verstehn“, also die Sündenbocktechnik.  Aktuell vorgeführt hat sie der VW-Konzern beim Dieselskandal, indem er   gegen die mittlere Ebene Prozesse mit Milliardenforderungen führt, die oberste Entscheidungsebene (z.B. Winterkorn) ganz aus der Verantwortung herausnimmt (mehr dazu – im Zusammenhang mit New Workhier).

So angemessen Sloterdijks Anspielung darauf ist, dass erst der Einsatz fossiler Energie die (zumindest nominelle) Abschaffung der Sklaverei ermöglichte (S.115), so fragwürdig ist die darauf folgende Darstellung, die völlig übergeht, dass es vor der exzessiven Nutzung fossiler Energien selbstverständlich schon Maschinen gab, die mit nachhaltiger Energie arbeiteten. Dass mit dem 18. Jh. „die Stunde geschlagen“ habe „die ‚Ausbeutung des Menschen durch den Menschen‘ zu beenden und statt ihrer die methodische Ausbeutung der Erde durch den Menschen einzuleiten“ (S.115) erweist sich auf S.118 nicht als ungenaue Metapher, sondern als Vorbereitung „philosophischen“ Wortgeklingels, bei dem Motoren als „geköpfte Subjekte“ (S.118) auftreten.

Treffend ist die Beobachtung, dass mit der Ausnutzung der fossilen Energien an die Stelle des Verschwendungsverbots [vgl. die Todsünde gula (Völlerei) sieh Wikipedia] nach und nach die Belebung der Binnennachfrage als zentrale Forderung der Wirtschaftspolitik trat, weil nur sie [Keynes] die Voraussetzung für dauerhaftes Wachstum schaffe. Fragwürdig wird es, wenn Sloterdijk unter Bezug auf Sieferle unterstellt, dass im Agrarzeitalter Arme als „ausgebeutete Produktive“ (S.125) verstanden worden wären, während erst im Zusammenhang mit den fossilen Energien „Gerechtigkeit“ als Begründung für Armenfürsorge getreten sei. Damit wird eine Zentralforderung der großen Weltreligionen Judentum, Christentum und Islam wie nicht-existent übergangen.

Abgesehen von der unhistorischen Verwendung des Wortes Faschismus gefällt mir die Überlegung, dass die Freisetzung der fossilen Energien mit der kurzfristigen Verwertung der über Jahrmillionen angesammelten Energien nach einem Durchbruch von „künftigen ’sanften‘ Solartechnologien her im Rückblick als Ausdruckswelt eines massenkulturell globalisierten energetischen Faschismus“ (S.129) betrachtet werden würde.

 

 

Autonomie und Bedürftigkeit des Menschen

8. August 2019

„Die europäische Philosophie, in deren Zentrum die menschliche Autonomie durch Vernunft steht, macht gegenwärtig einem Denken der Verwundbarkeit Platz. Statt des stolzen Subjekts, das die Welt autonom gestalten konnte, rückt nun das verwundbare, leidende Individuum ins Zentrum der Aufmerksamkeit. Und während in politischen Bewegungen auf der Rechten die Abweisung des Anderen, des störenden Fremden und die aggressive identitäre Besinnung aufs Eigene zunehmen, gewinnt im philosophischen Denken die Entdeckung des kreatürlichen Menschen mit seiner Bedürftigkeit an Raum. Die europäische Zivilisation spürt, dass sie sich durch eine Politik der Abschottung selbst gefährdet, weil mit der Angst vor dem verstörenden Fremden auch die Empfindungsfähigkeit, das Mitleid, die Offenheit für das Unbekannte in Gefahr sind. Wenn wir aber Lévinas lesen, stärken wir den Sinn für die Bedürftigkeit des Lebendigen.“ (Corine Pelluchon ZEIT 8.8.2019, S.36)

 

sieh auch: H. Sezgin: Corine PelluchonWir brauchen Mut, um Angst zu haben, ZEIT 24.7.19)

Arbeit für die Neuen Menschenrechte

25. Mai 2019

„Aus meiner Sicht ist die Fähigkeit, die Menschen schon sehr früh erwerben sollen, die Kompetenz zur Konzeptualisierung. Damit meine ich, dass man sich aktiv in Handlungsfelder begibt, Probleme identifiziert, qualifizierte Partner zur Problemlösung sucht, gemeinsam Informationen sammelt und sortiert (was im Netz geschieht), und gemeinsam Problemlösungen erarbeitet (Konzeptualisierung).“ (Jean-Paul Martin über Arbeit an  agilen Strukturen in Ingoldstadt)

Diskussion zur Integration von Flüchtlingen

16. Mai 2019

Jean-Pol Martin dokumentiert die Diskussion einer Facebookgruppe im Mai 2019

 

Marin Lindner über das Lernen im Netz

29. April 2019

Martin Lindner hat den Entwurf seines Buches „Die Bildung und das Netz“ bereits in der Wikiversity vorgestellt: Kapitelverzeichnis
In Google Docs liegt für die Teile 1 bis 7 eine Entwurfsversion  vor.  (Stand von 2017)

In Teil 8 verweist er zunächst in Kapitel 32 darauf, dass sich Arbeit mehr und mehr ins Netz verlagert hat. Dazu führt er im Anschluss an Boes/Kämpf: Digitalisierung und“Wissensarbeit“: Der Informationsraum als Fundament derArbeitswelt der Zukunft, 2016 aus:

„Der Informationsraum ist ein eigenständiger Raum, der entsteht, wenn sich die Entwicklung, die Produktion, die Lieferketten, die verketteten Arbeitsvorgänge und auch die ganze Vermarktung ins Netz verlagern. […] Fast alles, was zählt, geschieht künftig nicht mehr in den Bürogebäuden und Werkhallen, sondern im Informationsraum. Und d.h.: auch nicht mehr im lokalen Computer, sondern im Netz, im Web und in der Cloud. […] Früher traf man sich ständig zu Besprechungen im Konferenzraum. Jetzt trifft man sich im Netz.“

Deswegen sei es angemessen, dass auch das Lernen sich ins Netz verlagert. Das behandelt er im Teil 9: Handbuch für Guerilla-LernerInnen. Für die Fähigkeiten, die dafür dafür notwendig seien, beruft er sich vor allem auf David Rheingold, David Allen und Doug Belshaw. Zunächst stellt er die von Rheingold  entwickelten fünf Schlüsselkompetenzen vor: 

„Man muss die eigene Aufmerksamkeit und Konzentration managen. Man muss Bullshit schnell erkennen können. Man muss sich aktiv beteiligen können an den Web-Kommunikationen und Web-Wissensprozessen. Man muss lernen, im Web mit anderen zusammenzuarbeiten. Und schließlich muss man verstehen, wie die Vernetzung auch im Offline-Leben die gewohnten Verhältnisse verändert – sozial, geistig-kulturell und wirtschaftlich. […] Am nützlichsten für GuerillaLernerInnen sind vielleicht seine Bemerkungen zur Aufmerksamkeit. Rheingold leitet dazu an, ruhig und konzentriert mit dem Internet umzugehen – achtsam, nicht hastig und getrieben. In seinem Kursplan sind auch Links zu einfachen Meditationsübungen. […]“

Man müsse fähig sein, seine Aufmerksamkeit zu teilen: „So ist das auch im Netz; es gibt keinen Tunnelblick, und es geschehen immer viele Dinge gleichzeitig. Um nicht von den Ablenkungen hin- und hergeworfen zu werden, muss man also quasi einen zerstreuten, halbaufmerksamen Blick aus den Augenwinkeln trainieren, mit dem man immer vieles gleichzeitig erfasst. […] Man muss lernen, an den richtigen Stellen quasi hinein- und wieder hinauszuzoomen. Dazu gehört auch, zwischen mehreren Apps oder auch zwischen mehreren digitalen Bildschirmen und Geräten zu wechseln.“

Dann wendet sich Lindner David AllenGetting Things done. The Art of Stress-Free Productivity (2001; deutsch: Wie ich die Dinge geregelt kriege. Selbstmanagement für den Alltag) zu: 

„Allen leitet dazu an, auch kleinere Aktivitäten als persönliche Projekte zu betrachten. Als Projekt bezeichnet Allan alles, was sich nicht auf einen Blick übersehen lässt, weil es über länger als zwei Tage erstreckt oder in mehr als drei Schritten abgearbeitet werden muss. Alles, was an Anforderungen täglich herein kommt, wird in kleine Next Actionable Steps zerlegt: Das sind Aktionen, die man jetzt und sofort in einem Zug erledigen kann. Also etwa ein Einkauf, ein Telefonanruf, eine E-Mail, eine Google-Recherche, um eine ganz konkrete Frage zu klären, und so weiter.“ 

Da Allens Konzept aber in der Durchführung so anspruchsvoll sei, dass kaum jemand sich durchgehend daran halte, beschäftigt er sich im Folgenden mit Doug Belshaw, der empfiehlt, sich als Lerner gleich von Anfang an eine grobe Vorstellung vom Gesamtkonzept zu machen. Ähnlich wie inzwischen beim Bildaufbau im Computer zunächst ein aufgrund relativ weniger Bits errechnetes unscharfes Bild gezeigt wird, dass dann immer schärfer wird, müsse auch der Lerner das Konzept nach und nach genauer erfassen. Hier verwendet Lindner sein für den englischen Begriff „Digital Literacy“ geprägtes Kunstwort Literanz:

„Ein alternatives Konzept von digitaler Literanz hat Doug Belshaw für Mozilla Education entwickelt. […] Belshaw hat acht Zutaten der Digital Literacy destilliert, aus denen man die eigene Diät zusammenstellen soll. […]

Hier sind die im Überblick: Kritisch Denken entspricht ungefähr dem, was Rheingold „Bullshit-Erkennung“ nennt. Hier geht es darum, Machtverhältnisse zu erkennen, mit Fragen wie: Für wen ist dieses digitale Angebote hier gedacht? Worin besteht der Nutzen für die Anbieter? Wer ist hier ausgeschlossen, und wer wird hier privilegiert? Welche unterschwelligen Annahmen werden hier transportiert? Wo liegen die Gefahren? Das hat alles sehr viel mit Text-Kompetenz zu tun sagt Belshaw.

Kreativ ist hier konkreter gefasst als der geläufige Wischiwaschi-Begriff: Es geht nicht einfach darum, sich auszudrücken, sondern darum, neue Dinge auf neue Art zu tun, um etwas zu erzeugen, was für jemand praktischen Wert hat. Das heißt, man muss vorher geeignete Probleme überhaupt erst finden, die man dann in einem eigenen kreativen Projekt bearbeiten kann. […] Immer geht es um das Machen, um das Herstellen von Objekten.

Damit hängt für Belshaw Kommunikation und Kollaboration direkt zusammen. Unter Communicative versteht er, dass man sich gemeinsam auf ein konkretes Objekt bezieht, das man gestaltet. […] Das kann auch durch einen Blogpost geschehen, der etwas auf den Begriff bringen, das man vorher selbst nicht verstanden hat. Darüber tauscht man sich dann auch im Netz aus. Das Objekt wird so zum „sozialen Objekt“. Auch Grafiken oder Fotos sind gute Beispiele dafür. Visuelle Kommunikation ist im Netz eine wichtige Fähigkeit. Das muss und soll gar nicht große Kunst sein. Auch ein erhellendes Foto, das man irgendwo findet und mit einer witzigen Unterschrift* versieht, […] ist bereits ein soziales Objekt. […]

Construktive bedeutet bei Belshaw, digitale Texte und Medieninhalte konstruieren und rekonstruieren zu können. Auch Empfänger von fremden Inhalten haben im Netz eine viel aktivere Rolle als früher. Der erste Schritt ist immer das Kopieren. Copy and Paste ist die allererste digitale Technik, die man lernen muss. Wenn man etwas interessant oder anregend findet, schneidet man es aus und sammelt es. Dann kann man das Material in eigene Zusammenhänge bringen, verformen und verändern. Digitales Konstruieren ist dabei viel leichter und risikoloser als im nicht-digitalen Raum, weil man jeden Schritt mit einem Klick rückgängig machen kann.
Cognitive meint Denkwerkzeuge und Denkgewohnheiten. Das erste kognitive Werkzeug ist das jeweilige Netz-Gerät selbst, das Smartphone oder der PC. Dazu kommen eine Vielzahl von Tools und Apps, die alle bestimmte Arten zu denken begünstigen, von der Mind Map bis zum Tagging. Zu Cognitive gehört es für Belshaw, diese Werkzeuge auszuprobieren, mit ihnen herumzuspielen, die für sich geeignetsten auszuwählen und andere zu verwerfen. Aber auch Rheingolds Achtsamkeitstechniken sind in diesem Sinne kognitiv.
Cultures heißt kulturelles Wissen und kulturelle Geläufigkeit. Die Mehrzahl ist wichtig. Man erwirbt diesen Teil von Literanz am besten, wenn man in viele digitale Umwelten für jeweils einige Zeit eintaucht. Belshaw meint hier so etwas Ähnliches wie die Minerva-Hochschule, die ihre Studierenden jedes Semester in eine andere Metropole schickt. Im Prinzip kann das jede/r im Netz selbst machen. Man erkennt den eigenen Fortschritt, sagt Belshaw, wenn man immer schneller und bruchloser zwischen verschiedenen Digitalkulturen wechseln kann.
Confident steht für Selbstsicherheit, elastische Widerstandsfähigkeit und Beharrungsvermögen. Am Anfang sind alle Leute sehr unsicher, die es in digitale Umwelten verschlägt. Man weiß nicht, welcher Klick was bewirkt und welche Tastenkombination eine Abkürzung ist, die viel Zeit und Nerven spart. Mit komplexeren Kenntnissen ist es ähnlich. Man lernt es, sag Belshaw, in dem man Probleme löst und sein Lernen als eigenes, selbstgesteuertes Projekt versteht. Da braucht man mehr als nur die Tricks aus Getting Things done. Vor allem hilft das Feedback von Peers und Mentoren. Man braucht persönliche Lern-Netzwerke und im Idealfall auch eine Community, eine Online-Gemeinschaft von Gleichgesetzten, in der man sich anfeuert und hilft.
Der achte und letzte Bereich, aus dem sich Belshaws digitale Literanz speist, ist Civic. Das meint „zivil“ im Sinne von „Zivilgesellschaft“: das Feld außerhalb der festgefügten Institutionen, wo sich Leute mit gemeinsamen Interessen treffen, austauschen und zusammenschließen. Draußen in der analogen Welt kann das ein Café sein, ein Co-WorkingSpace, ein selbst organisiertes Barcamp oder ein FabLab für Digitalbastler. Aber es könnte auch eine Volkshochschulgruppe sein, in der man kunstvolle Decken bestickt und dann auf dem Flohmarkt oder auf der Kunsthandwerk-Netzplattform etsy anbietet. […] digitale Zivilgesellschaft, die sich der Diktatur widersetzt. Aber natürlich gehören zu civic alle Arten von Web-Inhalten und Lebenszeichen.“*

Als Leser fühle ich mich von Belshaw angesprochen, wenn ich hier Martin Lindner (mit seiner Zustimmung) ausführlich zitiere oder wenn ich immer wieder auch kleine Gesprächsergebnisse mit meinen Netzbekannten auf Wikiversity festhalte. 

*Beispiele dafür, wie man aus Fotos durch einen Kurzkommentar nach Belshaw ein „soziales Objekt“ machen kann, sind  so etwas oder so etwas sowie dies und das.

Eine Vorform dieses Artikels habe ich bereis  Entwurf in Fontanefans Schnipsel vorgestellt.

Mehr zum Buch findet man jetzt in diesem Artikel im ZUM-Wiki.