Wolfgang Reinhard : Die Unterwerfung der Welt

8. September 2016

Wolfgang Reinhard : Die Unterwerfung der WeltC.H. Beck, München 2016 1648 S., rezensiert von Andreas Eckert, ZEIT online 19. Mai 2016, 20/2016

Wolfgang Reinhards Opus führt von den frühen Anfängen der europäischen Expansion in Antike und Mittelalter bis zu den Dekolonisationen des 20. Jahrhunderts, ergänzt durch einen kurzen Blick auf die Gegenwart.“

„Das Buch veranschaulicht, dass die Geschichte der europäischen Expansion keineswegs ein gradliniger, unaufhaltsam voranschreitender Prozess war. Die Errichtung kolonialer Herrschaft war langwierig, und im Geflecht aus Konkurrenzen standen nicht selten Europäer gegen Europäer und Einheimische gegen Einheimische. Missionare und Kolonialbeamte etwa stritten regelmäßig über die richtige Art, die Kolonisierten zu erziehen.

Gewalt spielte stets eine wichtige Rolle, häufig freilich nicht als Ausdruck der unwiderstehlichen Überlegenheit der Europäer, sondern als Zeichen ihrer Schwäche. Zahlenmäßig weit unterlegen und mit wenigen Ressourcen ausgestattet, erschienen Massaker und öffentliche Hinrichtungen den Europäern gerade zu Beginn der Kolonisierung als geeignete Mittel, ihren Machtanspruch zu demonstrieren.“

Der Islamische Staat brauchte gewiss nicht dieses europäische Vorbild, um zu seinen Methoden zu kommen. Dafür gibt es genügend ähnliche Beispiele in der Geschichte. Aber „Massaker und öffentliche Hinrichtungen […] als geeignete Mittel, […] Machtanspruch zu demonstrieren.“ Das ist eine exakte Beschreibung des Vorgehens des Islamischen Staats.

Die Europäer mussten die Erfahrung machen, dass gerade die Absolventen höherer Schulen und Universitäten – etwa die Politiker Jawaharlal Nehru in Indien, Kwame Nkrumah in Ghana und Julius Nyerere in Tansania – zu den entschlossensten Kämpfern für ein Ende der Kolonialherrschaft wurden.“

„Diese europäische Expansion veränderte die Welt – und mit ihr Europa. […] „Heute ringt die Welt im Zeichen der Globalität“, resümiert Reinhard, „noch immer im Guten wie im Bösen auf allen Feldern mit der Hinterlassenschaft der europäischen Expansion.“ Auch die aktuelle Frage nach der Verantwortung für die Fluchtursachen ist ein Grund, diese Hinterlassenschaft neu zu diskutieren.“

Mein Interesse an dieser Arbeit ist außer dem allgemeinen historischen ein doppeltes: 

Zum einen beschäftigt mich das Thema Flüchtlinge und Flucht.

Zum anderen habe ich mich länger mit Jürgen Osterhammels: Die Verwandlung der Welt, einer Weltgeschichte des 19. Jahrhunderts, befasst, die mit Reinhards Unterwerfung der Welt nicht nur Parallelen in der Formulierung des Titels, den Verlag und eine Seitenzahl um die 1600, sondern auch eine Darstellung des europäischen Beitrags zur Globalisierung gemeinsam hat. 

Die Reformation radikalisieren …

9. August 2016

Die Aktualität der Reformation behandelt eine Webseite, auf die ich hinweisen möchte. Nach und nach werde ich zu einigen wichtigen Aussagen der Seite Stellung nehmen. Zunächst nur so viel aus dem Text:

„Die Reformation radikalisieren – provoziert von Bibel und Krise“ .Ausgangspunkt ist die umfassenden Krise des Lebens heute. Darauf und auf die Reformation samt Wirkungsgeschichte blicken wir aus der Perspektive sozialgeschichtlicher Bibellektüre, das heißt, aus der Perspektive der Befreiung zum Leben in gerechten Beziehungen. Denn nach Luther müssen alle Traditionen nach dem Maßstab der Schrift beurteilt werden. Die folgenden Publikationen enthalten 94 Thesen als gemeinsame Zuspitzung aller 5 Bände:

Bd. 1: Befreiung zur Gerechtigkeit
Hier geht es um das Herzstück der Reformation: Rechtfertigung – Gesetz – Evangelium. Zentral ist dabei die kritische Perspektive der neuen Paulusdeutung gegen die individualistische Auslegung […]

Bd. 2: Befreiung vom Mammon
Diese Fragestellung verbindet Bibel, Reformation und heutige Krise: das Geld in religiöser, politisch-ökonomischer und mentaler Perspektive.[…]

Bd. 3: Politik und Ökonomie der Befreiung
Luther übt systemische Kritik am Frühkapitalismus. Er durchschaut den religiösen Charakter des Kapitalismus auf der Basis des 1. Gebots. […] Erst in jüngster Zeit sind die Potentiale der Position Luthers für die Kritik am Neoliberalismus und für eine politische Ethik der Parteinahme und der Versöhnung wiederentdeckt worden.

Bd. 4: Befreiung von Gewalt zum Leben in Frieden
Das lateinamerikanische Buen Vivir kann als Kriterium einer neuen Kultur des Lebens gelten. Danach sind viele Fehlentwicklungen in und nach der Reformation aufzuarbeiten: […] der Durchbruch zu aktiver Gewaltfreiheit – eine „neue Reformation“ im Sinn Bonhoeffers und Sölles.

Bd. 5: Kirche – befreit zu Widerstand und Transformation
Das Kreuz ist ein Zeichen des Bösen, des Trosts für alle, die gefoltert werden und leiden, ein Zeichen der Hoffnung und der Befreiung. Jesus Christus nimmt die sozio-politischen, kulturellen und wirtschaftlichen Bedingungen derer auf sich, die ihrer Rechte beraubt werden. Die Kirche muss ihren Bestand aufs Spiel setzen, indem sie mit den und für die Armen lebt. […]

Von den 94 Thesen, in denen die Verfasser ihre Hauptgedanken zusammenfassen, möchte ich zunächst folgende hervorheben:

Einer trage des anderen Last und erfüllet so die Tora Christi” (Gal 6,2)
  1. Am Ursprung der Reformation liegt Luthers Wiederentdeckung von Gottes Gerechtigkeit als schöpferischer und erneuernder Macht in den Schriften des Paulus. In seiner Lehre von der Rechtfertigung fasst Luther diese Gerechtigkeit als barmherzige Zuwendung Gottes, selbst zum Gottlosen (sola gratia), und als Vertrauen auf die Treue Gottes im Glauben (sola fide) an Christus (solus Christus).

  2. Die Gerechtigkeit Gottes führt Paulus zur visionären Einsicht, dass  “in Christus” die Gegensätze und Hierarchien der „gegenwärtigen bösen Weltordnung” (Gal 1,4) außer Kraft gesetzt sind. “Wir” sind nicht das, was uns von den anderen abgrenzt, sondern mit ihnen verbindet. […]

  3. Ein außerordentlich problematischer und nicht-paulinischer Aspekt reformatorischer Rechtfertigungstheologie und ihrer späteren Auslegung im Protestantismus ist ihr Begriff des „Gesetzes“. Luther setzt „Gerechtigkeit aus dem Gesetz“ auf programmatische Weise der „Gerechtigkeit oder Rechtfertigung aus Glauben“ entgegen und versteht diese Antithese als unversöhnliche Antithese von Judentum und Christentum.

  4. Diese folgenschwere Polarisierung gründet in seiner Auslegung des Galaterbriefs. Zu Unrecht setzt Luther hier das von Paulus kritisierte Gesetz mit der Tora gleich. […] Wie neuere Forschung gezeigt hat, war jedoch der eigentliche Widerpart im Streit des Paulus mit seinen galatischen Gegnern nicht die jüdische Tora, sondern das Gesetz und die Ordnung  des Römischen Imperiums. […]

  5. Die Reformation setzte weiterhin Judentum mit dem Römischen Katholizismus gleich und verurteilte beide als „Gesetzesreligionen“, die Rechtfertigung durch „Gesetzeswerke“ erlangen wollen. Das polare Muster von „Werke oder Gnade und Glaube“, „Evangelium oder Gesetz“, angewandt auf konkrete Personen, hatte eine verhängnisvolle Folgegeschichte in seiner weiteren Auslegung: Es wurde nicht nur antijudaistisch und anti-römisch katholisch gelesen, sondern auch gegen “Schwärmer”, Täufer, Muslime  und andere „Häretiker“ gewendet, oft mit tödlichen Konsequenzen.

  6. […] Rechtfertigungstheologie wird gegen innerweltliche Gerechtigkeit gewendet.

  7. […] Angesichts der gegenwärtigen Weltkrise ist es ein kategorischer Imperativ, dass sich protestantische Rechtfertigungstheologie neu auf die Gerechtigkeit Gottes besinnt und zu ihrem schriftgemäßen Wurzeln zurückkehrt.

  8. Das Negativurteil über Judentum und Gesetz trug maßgeblich auch zu einer grundsätzlichen Abwertung des gesamten Alten Testaments bei. […] Die Einheit der beiden Testamente zurückzugewinnen, ist eine weitere grundlegende Aufgabe reformatorischer Theologie heute.

  9. […]

  10. Der Messias Jesus kündigt das nahe Reich Gottes, seine gerechte Welt, an (Mt 4,17). Im Horizont dieser Hoffnung legt der Messias Jesus die Tora Israels für die Gegenwart aus (Mt 5-7). […](Mk 12,28-34; Mt 25,31ff). […] (Mt 5,17-20; 28,19-20; vgl. auch Röm 3,31). Jesu Aufforderung sich an seiner Toraauslegung auszurichten, zielt darauf ab, die Tora immer wieder neu in der Hoffnung auf Gottes kommendes Reich auszulegen und mit Leben zu erfüllen.

  11. […] Imperiale Herrschaftsstrukturen verkörpern für Paulus die Macht der Sünde, die die Menschen unausweichlich in die Übertretung der leben-schöpfenden Thoragesetze treibt und sie zu Komplizen der Kräfte des Todes und der Selbst-Zerstörung macht ( Röm 7,24).

  12. […]

  13. Die Gesetzeskritik des Paulus und auch der Reformation ist nicht gegen gesellschaftliche Rechtsordnungen als solche gerichtet (usus civilis legis). Recht und Gesetz sind notwendig, um menschliche Gesellschaft zu erhalten. Die Kritik richtet sich ausschließlich gegen die Instrumentalisierung des Gesetzes im Interesse der Starken und gegen die Schwachen, wie sie bereits von den Propheten angeklagt wird. […] (Mk 2,27; Babylonischer Talmud, Traktat Eruvin 41b) […]

  14. Ein besonderes Problem stellt in diesem Zusammenhang Luthers Identifikation der Zehn Gebote (Dekalog) mit dem Naturrecht dar (Mose als „der Juden Sachsenspiegel“). […]

  15. Vor allem aber lässt Luther in seinem Kleinen Katechismus die politisch konkrete Einleitung des Dekalogs fallen: „Ich bin Adonaj, deine Gottheit, weil ich dich aus Ägypten, dem Haus der Sklavenarbeit, befreit habe.” (Ex 20,2; Deut 5,6) Luther weitet ferner das Gebot des Elterngehorsams auf Autoritätsgehorsam als solchen aus. Diese beiden symptomatischen Veränderungen der Schriftgrundlage in Luthers einflussreichstem Katechismus zeigen bereits an, wie das Luthertum anfällig werden konnte für Untertanengehorsam und Anpassung gegenüber jedweder etablierten Rechts- oder Unrechtsordnung, statt dem Gott der Befreiung zu vertrauen (sola fide) und für die Entrechteten einzutreten .

  16. Wenn die herrschende Ordnung keine Gerechtigkeit übt und sich gegenüber den Nöten der einfachen Menschen, besonders der Geringsten (Mt, 25,34-40), gleichgültig verhält und auf diese Weise Götzendienst übt und seinen Bürgerinnen und Bürgern eine unannehmbare Lebensweise aufzwingt, dann sollen Christenmenschen einer solchen üblen Regierung nicht nur den Gehorsam verweigern, sondern aktiv Widerstand leisten.

  17. […]Zum Beispiel gehören biblisch gesehen Schuldenerlass und göttliche Schuldvergebung untrennbar zusammen (Mt 6,12). Heutige Christinnen und Christen sollen die Möglichkeit bekommen, gerade das Alte Testament, die Hebräische Bibel, als einen reichhaltigen Schatz für ihre Lebensgestaltung und für ethische Urteilsbildung kennenzulernen.

  18. Nachfolger und Nachfolgerinnen Jesu haben den Wunsch, sich in Gottes Geheimnisse in Gemeinschaft mit den heiligen Texten, die auch in anderen Religionen offenbart sind, zu vertiefen. Diese Freude erfahren sie, wenn sie in gemeinsamer Anstrengung zusammen mit Juden, Muslimen, Buddhisten, Hindus und allen anderen Kulturen in Afrika, Nord- und Lateinamerika, der Karibik, Asiens, des Mittleren Ostens, des Pazifiks und Europas (Jes 49,6) sich für den Aufbau einer besseren Welt einsetzen und dabei den Dialog stärken. Das Evangelium widerspricht jeglicher kulturellen, religiösen und militärischen Invasion.

  19. […] dass interreligiöser Dialog ein prophetischer Dialog sein muss. […]

Der Geist weht, wo er will“ (Joh 3,8)
  1. Im Geist der aus der Reformation hervorgegangenen Kirche müssen wir heute auf den Schrei von Menschen rund um den Erdball hören, die wahrnehmen, dass die Kirchen ihre Leiden, Unterdrückung und kulturelle Situation übersehen und ausklammern (Mt 25,31ff.) und dadurch die Spaltungen in Kirche und Gesellschaft eher vertiefen statt zu heilen.

Sind göttliche Allmacht und menschliche Freiheit vereinbar?

24. Juni 2016

Wegen der logischen und ethischen Paradoxa, die sich aus einer Verbindung von göttlicher Allwissenheit und menschlicher Freiheit ergeben, bleibt für ein modernes Gottesbild nur die Vorstellung, dass Widersprüche zu menschlicher Logik kein Hinderungsgrund für Wahrheit sein müssen.
Diese Vorstellung des verborgenen Gottes (https://de.wikipedia.org/wiki/Deus_absconditus), gibt es in der Theologie spätestens seit Luther.
Aber auch die Wissenschaften sehen den Satz vom ausgeschlossenen Dritten schon längst als überholt an. So z.B. bei den imaginären und komplexen Zahlen (vergleichsweise trivial), noch grundsätzlicher bei Schrödingers Katze und bei der Quantentheorie allgemein. Danach gibt es nicht nur das – scheinbar – ausgeschlossene Dritte, sondern es gibt überhaupt keine gültige Wahrheit, weil die jeweilige Wahrheit durch das Experiment erzeugt wird.
Die menschliche Freiheit ist sozusagen nicht größer als die, die nach der Quantentheorie jedem einzelnen Quantum zukommt. Das von dir angesprochene Paradoxon also trivial.
Die christliche Theologie hat das Problem aber ebenfalls schon längst durch die Vorstellung „höher als alle menschliche Vernunft“, „bei Gott ist kein Ding unmöglich“ und „credo quia absurdum est“ usw. aufgelöst.
Die ersten Formulierungen in dieser Richtung finden sich schon bei Paulus (

David Kunstförderer oder Öffentlichkeitsarbeiter?

2. März 2016

Er bestellte aus den Angehörigen des Stammes Levi 4000 Sänger (1. Chronik, 23, 3-5)

Dann bestellte er 288 von ihnen, die untereinander die Reihenfolge auslosten, nach der ihre Gruppen Dienst zu tun hatten. (1. Chronik, 25, 1-6)

83 Tage im Leben eines Eisbären

25. Februar 2016

Die ersten 83 Tage im Leben eines Eisbären

Schlafen, trinken, spielen

Perfide Frage

8. Februar 2016

Es soll ja keine dummen Fragen geben. Darüber kann man streiten.*
Es gibt aber zynische Fragen. Dazu gehört die Frage: „Haben Sie aufgehört, Ihre Frau zu schlagen, ja oder nein?“ Dieser Frage sieht man freilich deutlich an, dass sie konstruiert ist. Eine gegenwärtig von Meinungsforschern gestellte Frage kommt nach den öffentlichen Diskussionen der letzten Wochen daher, als ob sie sinnvoll gestellt werden könnte:

„Hat die Regierung die Flüchtlingskrise noch im Griff?“
Man kann darauf nur mit „Nein“ antworten. Denn die Frage ist praktisch gleichbedeutend mit: „Ist die bundesdeutsche Regierung allmächtig?“
Das Perfide an der Frage ist, dass sie von Meinungsforschern gestellt wird. Denn wenn man ehrlich mit „Nein“ antwortet , kann man sicher sein, dass es interpretiert wird als: „Man soll wieder wie in den vergangenen Jahrzehnten Flüchtlinge möglichst unbemerkt sterben lassen und sich nicht darum kümmern.“

Unsere Presse ist keine „Lügenpresse“. Dass aber eine solche perfide Frage von Meinungsforschern als gerechtfertigt erscheinen kann, ist die Folge eines Versagens der öffentlichen Meinungsmacher als Gesamtheit.
(Selbstverständlich auch ein Beweis dafür, dass Diskussionen im Internet nicht verhindern können, dass falsche Fragen und falsche Antworten aufkommen. – Aber wer hätte je eines Beweises dafür bedurft?)

Übrigens: Wieso hat eine Meinungsumfrage zu dem Ergebnis geführt, dass „die Deutschen“ mehrheitlich Angst haben, ihre Meinung zu sagen? (Und was sollte man aus diesem Ergebnis folgern?)

*Man unterscheide z.B. die Fragen: „Was bedeutet Würde des Menschen?“ von
„Was soll denn eigentlich Menschenwürde heißen? Im Internet habe ich dazu nichts gefunden.“

Jesus und der Islam

23. Dezember 2015

In Arte gab es eine Sendefolge mit 7 jeweils knapp einstündigen Sendungen zu dem Thema.

Außerdem liegt dazu ein Buch vor, bisher nur auf Französisch: Gérard Mordillat, Jérôme Prieur: Jésus selon Mahomet, 2015 E-Buch, über die Sicht auf Jesus im Koran[3]

Hier veröffentliche ich meine stark verkürzte Mitschrift der Sendefolge:

1. Sendung:

Die Hadithen erklären den Koran und heben manche Aussagen hervor. Sie sprechen sehr viel über seine Rolle als Weltenrichter (bereits im Koran) und beschäftigen sich mit der Frage, wieso die Juden glaubten, sie hätten Jesus getötet, obwohl sie es laut Koran nicht wirklich taten. Außerdem schreiben sie erstaunlich viel über sein Aussehen, obwohl dazu nichts im Koran steht. Insbesondere schreiben sie viel über die Schönheit seines Haares und sprechen fast immer davon, dass Wasser davon herunter tropft. Jesus/Isa ist im Koran in mancher Hinsicht wichtiger als Mohammed. Er ist das Wort Gottes, er hat Wunder getan, er ist im Unterschied zu Mohammed nicht gestorben und nicht begraben, er wird als Weltenrichter kommen. Was Mohammed Jesus voraus hat, ist, dass dieser nur der vorletzte Gesandte Gottes war, und dass er die endgültige Offenbarung Gottes, den Koran, den Menschen gebracht hat. Jesus ist derjenige, der dem Islam zum endgültigen Sieg verhelfen wird, indem er ihn gegen die „Leute des Buches“, Juden und Christen, durchsetzt. Die Juden behaupten zu Unrecht, sie hätten Jesus getötet/gekreuzigt. Die arabische Formulierung dazu lässt sich übersetzen mit „Es erschien ihnen so“ oder mit „Bei ihnen wurde der Eindruck erweckt, dass es so sei.“ Viel spricht dafür, dass Gott selbst das Geschehen bewirkt hat, was die Juden für die Kreuzigung halten mussten. Im Arabischen glaubt man dem Gehörten [durch die persönliche Autorität des Sprechers Verbürgten – Zusatz Fontanefan] mehr als dem Gesehenen (Möglichkeit der optischen Täuschung, Luftspiegelung, im konkreten Fall Jesus könnte ein Doppelgänger gekreuzigt worden sein.) Nach einer Version im Barnabasevangelium wird Judas anstelle von Jesus hingerichtet und Jesus gibt ihm sein Aussehen, so dass die Umstehenden getäuscht werden. Im Christentum gab es schon im 2. Jahrhundert Spekulationen darüber, dass es nur so geschienen habe, als wäre Christus gekreuzigt worden. Aber die Version des Koran ist vermutlich unabhängig von diesen Spekulationen entstanden.

2. Sendung:

Jesus wird im Koran auf drei Weisen genannt: Isa, Ben Mariam und der Gesalbte (hebräisch: Messias, griechisch: Christos). Dabei hat „der Gesalbte“ im Koran natürlich eine ganz andere Bedeutung als der Messias, der Befreier Israels, bei den Juden und Christus bei den europäischen Christen, für die Christus nicht mehr der Gesalbte bedeutet, sondern wie der Teil eines Eigennamens Jesus Christus für den auferstandenen Herrn, den Sohn Gottes, steht. Das arabische Massiach [meine sicher falsche Umschrift des arabischen Wortes im Unterschied zu „Messias“] im arabischen Neuen Testament hat für die syrischen Christen freilich nicht die aufgeladene Bedeutung von Christos/Christus, sondern heißt für sie auch schlicht der Gesalbte wie im Koran. Wenn in Sure 4, 157 über die Juden gesagt wird:Ihre Aus­sage lautete: «Wir haben Isa, den Sohn Maryams, den Ge­sandten Gottes, getötet.»“, dann ist das klar erkennbar kein historisches Zitat, denn sie hätten Jesus natürlich nie „den Gesandten Gottes“ genannt. Das ist Sprache des Koran. Bezeichnend, dass der Koran ihnen diese Selbstbeschuldigung in den Mund legt, die historisch – zu Unrecht – bei den frühen Christen in der Auseinandersetzung mit den Juden aufkam. Denn wenn der Koran auch in diesem Kontext den Juden vorwirft, sie hätten immer wieder ihre Propheten getötet, bzgl. Jesus kann er es ihnen ja gerade nicht nachsagen, wo er doch Wert darauf legt, dass gilt: „Aber sie haben ihn weder getötet noch gekreuzigt, doch kam es ihnen so vor. Diejenigen, die über ihn uneins sind, zweifeln an ihm. Sie haben kein Wis­sen über ihn, sondern gehen Vermutungen nach. Sie haben ihn ganz sicher nicht getötet. Nicht doch, Gott hat ihn zu sich erhoben.“ (Zitate nach ZUM-Wiki Die Kritik des Korans an den Juden ist, dass sie ihre Propheten getötet hätten (darin folgt der Koran frühen syrischen christlichen Quellen), und dass sie an den Gesetzen festhalten, die Jesus aufgehoben hat. Für die heutige Einschätzung des Judentums durch Muslime spielt diese alte Kritik freilich kaum noch eine Rolle. Insgesamt sei für den Islam kein Anti-Judaismus charakteristisch, wie er sich im Christentum schon früh herausgebildet hat. Der Vorwurf an die Christen ist, dass sie an die Göttlichkeit Jesu glauben, obwohl dieser selbst nicht daran geglaubt hat. 

3. Sendung: Jesus Ben Maryam

Im Neuen Testament wird nur Jesus nur einmal als Sohn Marias bezeichnet, im Koran kommt das sehr häufig vor. Maria spielt überhaupt im Koran eine weit wichtigere Rolle als im Neuen Testament. Sie ist im Koran die einzige Frau mit Namen. Andererseits wird am Christentum kritisiert, dass da Maria als dritte göttliche Figur neben Vater und Sohn existiere. Joseph wird im Koran nicht genannt, Maria aber über 30 mal, häufiger als in den vier Evangelien und der Apostelgeschichte zusammen. Jemanden als Sohn seiner Mutter zu bezeichnen, war damals eine Beleidigung. Denn wenn der Vater nicht genannt wird, kann man die Mutter verdächtigen, eine Prostituierte zu sein. Es gibt auffallende Gemeinsamkeiten zwischen der Darstellung der Geburt Jesu im Koran und in apokryphen Evangelien wie z.B. Protoevangelium des Jakobus und Pseudo-Matthäus-Evangelium, aber auch Abweichungen. Um das Jahr 2000 wurden von Theologen mehr Fragen nach den Einflüssen auf den Koran gestellt. So fällt auf, dass die hebräische Miriam, eine Schwester Aarons ist und dass die Maria des Korans auch Schwester Aarons genannt wird. Das ist aber sicher keine Verwechslung, sondern eine symbolische Formulierung für einen Bezug zwischen diesen beiden durch mehr als ein Jahrtausend geschiedenen Gestalten. Jesus des Korans wurde wie Adam aus Staub geschaffen. Gott haucht ihm Leben ein.

4. Sendung: Das Exil der Propheten

Der Name Mohammed (Bedeutung: der Gepriesene) kommt im Koran nur selten vor. Dabei spricht der Koran viel von Propheten (Gesandten Gottes). Hat Mohammed wirklich gelebt? Seine Lebensbeschreibung wurde erst 150 Jahre nach seinem Tod verfasst. Danach schließt man auf die Lebensdaten 570 bis 632. Doch vermutlich gab es in dieser Zeit in Arabien noch gar kein exaktes Datierungssystem, anhand dessen man Gleichzeitigkeit mit Ereignissen in anderen Weltteilen hätte feststellen können. Die Angaben über Mohammed besagen, er sei Waise gewesen, habe eine deutlich ältere Frau geheiratet und keinen Sohn, sondern nur eine Tochter gehabt. Keinen Sohn zu haben war damals unter Arabern ein großer gesellschaftlicher Makel. Für einen Mann, der wie Mohammed sich sehr fähig fühlte und gut reden konnte, war das eine große Motivation, eine Reform einzuführen, die diesen Makel von ihm nehmen würde.

Den zweiten Teil der 4. Sendung und die Sendungen 5 – 7 habe ich nicht gesehen.

Zeitgenössische Philosophen über Kants Schrift „Zum ewigen Frieden“

20. Dezember 2015

Was bleibt von Immanuel Kant? (ZEIT 3.12.15, online seit 17.12.15)
„Philosophinnen und Philosophen aus aller Welt erklären, was der deutsche Denker uns heute bedeutet.
Ein Gastbeitrag von Achille Mbembe, Pankaj Mishra, Donatella Di Cesare, Raymond Geuss, Mohamed Turki, Kenichi Mishima, Ágnes Heller, Bruno Latour, Vladimir Kantor, Wang Hui und Robert B. Brandom“

Achille Mbembe: Er ist viele (Der kamerunische Philosoph  Mbembe lehrt an der Witwatersrand-Universität in Johannesburg)

Es gibt zwei Kants, die wir in der Gegenwart dringend brauchen. Da ist erstens der Kant, der den Menschen als Wesen mit einer souveränen Vernunft erkennt, auf der das moralische Urteil beruht. Auf diesen Kant sind wir angewiesen, weil die Leidenschaften und Affekte gegenwärtig überhandnehmen wollen und weil in den Krisen der globalisierten Welt zumeist unbegründete Ängste als Alibi für Gewaltexzesse dienen. Aber ebenso sehr brauchen wir den Kant des Ewigen Friedens, weil er der Menschheit als Weltgesellschaft einen Horizont öffnet, auf den wir gemeinsam zugehen müssen, wenn wir nicht in der planetarischen Katastrophe, in Krieg und Terror enden wollen.

Die Idee des ewigen Friedens bedeutet, dass wir uns als Gattung anstrengen können, die Erde unter all ihren Bewohnern, die ihre gemeinsamen Eigentümer sind, gerecht zu teilen. Aus afrikanischer Perspektive heißt ewiger Friede universelles Gemeingut. Dieser Kant ist zwar Europäer, aber darauf kommt es nicht an, er könnte ebenso Afrikaner, Chinese oder Inder sein, denn in allen Kulturen wird sein Gedanke der Weltgesellschaft als Eigentümergemeinschaft in Variationen gedacht. […]

Hans Küng erklärt von Enzylexikon

12. Dezember 2015

Hans Küng 

eins seiner Werke zum Gottesbegriff: Existiert Gott?

Die zu erklärende Aussage:

Gott ist das Unendliche im Endlichen, die Transzendenz in der Immanenz und das Absolute im Relativen!

Enzylexikon:

„Eine Interpretation wäre, das man Gott und Welt nicht trennen kann, so wie man Geist und Körper nicht trennen kann. Es gibt keinen Widerspruch zwischen beidem.

Immerhin soll die Welt Gottes Schöpfung und der Mensch sogar nach seinem Ebenbild geschaffen sein – wie könnte es also sein, dass die Schöpfung nicht selbst, das Göttliche inne hat?

Der Anblick einer grandiosen Landschaft beeindruckt uns – „wow, der Fluß muss Jahrmillionen gebraucht haben, sich so durch den Fels zu fressen….“

Aber ich denke, wir bewundern da nicht nur einfach die Leistung einer beeindruckenden Naturgewalt, sondern empfinden emotional, dass diese Welt viel größer und mächtiger ist, als wir als einzelnes Individuum jemals sein können.

Diese „Ehrfurcht“ vor der Macht von Zeit und Natur ist vielleicht mit der Ursprung des religiösen Empfindens.

Islam

Gott ist das Unendliche im Endlichen, die Transzendenz in der Immanenz und das Absolute im Relativen!“

Das klingt beeindruckend, groß, riesig.

Im Islam sagt man „Allahu akbar“ – Gott ist größer. Aber da stellt sich natürlich die Frage – „größer als wer oder was?“

Größer als ein Mensch?

Wäre der Schöpfer eines Universums ganz sicher.

Größer als die eigene Schöpfung?

Vermutlich, denn sonst hätte er sie nicht schaffen können.

Gleichzeitig heißt es im konservativen Islam aber auch, das man den Körper nicht durch Tätowierungen verändern soll – er ist Gottes Geschenk. Man soll sich auch kein Bildnis von Gott machen.

Allerdings muss auch die Schöpfung etwas besonderes sein, dann im konservativen Islam ist auch die Darstellung von Lebewesen verboten, was gedeutet werden kann, dass man der Schöpfung den gleichen Respekt entgegen bringen soll, wie dem Schöpfer.

Das Unendliche im Endlichen, die Transzendenz in der Immanenz…..

Hinduismus

Gott ist das Unendliche im Endlichen, die Transzendenz in der Immanenz und das Absolute im Relativen!“

Gott kann in diesem Zitat auch als Symbol für das Unergründliche gesehen werden, dass sich in der gesamten Schöpfung findet.

In den hinduistischen Upanischaden gibt es die Erzählung von der Feige oder Mango die immer weiter geteilt wird, bis sie so klein ist, das man sie nicht mehr sehen kann.

Dieses nicht mehr Wahrnehmbare und daher Unteilbare, sei der Wesenskern des Menschen (Atman) und identisch mit dem Göttlichen (Brahman), ohne sich dessen bewusst zu sein.

Es wäre also das „Unendliche im Endlichen“, wie Küng es nennt.“

Enzylexikon Sein gesamter Text auf gutefrage.net

Wenn ich – bis auf ein paar stillschweigende Änderungen der Rechtschreibung – den Text verbessern wollte, müsste er weit ausführlicher werden. Was mir an dem Text gefällt, ist, dass er immanent auf Küngs Konzept vom Weltethos hinweist. 

Wikipedia in der Praxis. Geschichtsdidaktische Perspektiven

1. Dezember 2015

Die Tweets zur Tagung am 27./28.11.15 in Basel.

Die Tweets in einer Datei

Referat von Daniel Bernsen: „Wikipedia als Geschichtslexikon in der 8. Klasse