Archive for September 2008

Der Genitiv schlägt zurück

30. September 2008

Der Titel „Der Dativ ist dem Genitiv sein Tod“ bezieht sich noch auf die Zeiten, als der Genitiv wie im Englischen und Französischen durch Bildungen mit Präpositionen oder Umschreibungen ersetzt wurde.

Jetzt hat sich die Situation aber verändert. Ein großer Teil der deutschen Sprecher ist zu korrekter Verwendung der Fälle bei Präpositionen nicht mehr imstande. Weil beim weiblichen Geschlecht Genitiv und Dativ gleich lauten (der Frau, der Zeit, der Schüssel), sind diese Sprecher bei männlichen und sächlichen Hauptwörtern verunsichert.

Während das für weniger gebräuchliche Präpositionen nicht so sehr verwunderlich ist, schlagen bei falschem Gebrauch oft verwendeter Präpositionen bei mir schon die Alarmglocken.

Neuster Fall: „seit des Georgienkrieges“. (Nichts gegen: seit dieser Zeit)

Muckensturm

29. September 2008

Muckensturm Ein Jahr im Leben einer kleinen Stadt. ist ein Schlüsselroman von Paula Buber, geb. Winkler, der Frau von Martin Buber, über die Verhältnisse in Heppenheim an der Bergstraße.

Sie veröffentlichte ihn unter dem Pseudonym Georg Munk. Er erschien 1953 in Heidelberg bei Lambert Schneider. Er löste große Empörung über die vermeintlich tendenziöse und verfälschende Darstellung in der Kleinstadt aus. Dabei zeichnet er ein sehr lebendiges und differenziertes Bild der Reaktionen der Kleinstadtgesellschaft auf den Nationalsozialismus. Etwa im Bild des Reaktionärs, der im Nationalsozialismus die Verwirklichung seiner Ideale gekommen glaubt und sich als Obernazi empfindet, dann aber bald mit der NS-Obrigkeit in Konflikt gerät, weil er nicht zur absoluten Unterordnung unter die aufgestiegenen Opportunisten bereit ist.

Über die Schwierigkeit, Christ zu sein

28. September 2008

Schwierigkeiten machen Christen nicht nur die Theodizee, nicht nur die Sterbehilfe und die teils recht unbedachte Stammzellenforschung.

Jos Schnur, zitiert von Hans Küng in seiner Autobiographie „Umstrittene Wahrheit“ (S.489), sieht auch Schwierigkeiten, das Christ sein“ damit zu verbinden, „Angehöriger einer Veränderungen verschlossenen Amtskirche“ zu sein. In der Tat fällt es vielen Menschen schwer, Dogmen zu glauben, die nur aus einer bestimmten historischen Situation heraus zu verstehen sind, deren Bezug auf heutiges Weltverständnis aber äußerst schwer fällt.

Der Parteivorsitzende

28. September 2008

Grollend zieht sich der SPD-Vorsitzende zurück, will keinen sehen und ist nicht anprechbar. Er will den Vorsitz niederlegen.

Als der Freund ihn unangemeldet aufsucht, kommt er nur mühsam mit dem Vorsitzenden ins Gespräch. Er habe eine Kraftprobe verloren, meint der. Das Beispiel zeigt, wie sensibel der Vorsitzende auf Kränkungen reagiert. „Die beiden sind Arschlöcher“, sagt er. Dies sei ihm schon bekannt gewesen versetzt der andere mit trockner Ironie.

Dass der SPD-Vorsitzende ganz ernsthaft erwägt, sein Amt aufzugeben, hat mit der schlechten Großwetterlage für die SPD zu tun. Weil aus nahezu allen Wahlen die Christdemokraten gestärkt hervorgehen, nimmt das Brodeln in den Rängen der SPD, welche die Koalition ohnehin nicht mögen, bedrohlich zu. So scheinen die Gewinner dieser Großen Koalition eindeutig auf der Rechten angesiedelt zu sein.

Was ich hier wiedergebe, bezieht sich nicht auf Beck, sondern auf Willy Brandt – ein halbes Jahr, bevor er der erste sozialdemokratische Kanzler der Bundesrepublik Deutschland wird. Es steht zu großen Teilen wörtlich in Peter Merseburgers Biographie Willy Brandts (S.549-551). Die beiden „Arschlöcher“ sollten mit ihm die Troika bilden, die dann die Reformpolitik und die neue Ostpolitik durchzog.

Geschichte wiederholt sich, und sie geht dabei auch wieder ganz neue Wege.

Ich würde mich aber nicht wundern, wenn „die beiden“ nicht eine Phase erleben würden, in der sie bedauern, es nicht zu dritt, sondern nur zu zweit versucht zu haben. Gerade weil „das Brodeln in den Rängen der SPD, welche die Koalition ohnehin nicht mögen, bedrohlich“ zunimmt und „die Gewinner dieser Großen Koalition eindeutig auf der Rechten angesiedelt zu sein“ scheinen.

Datenschutz in den USA

27. September 2008

In den USA gibt es statt Datenschutz Vorratsdatenspeicherung mit unbegrenzter Auswertungserlaubnis.

Im Land der ersten Menschenrechtserkärung (1776 in Virginia, 13 Jahre vor der französischen) schämt man sich offenbar, so ein neumodisches Recht wie informationelle Selbstbestimmung anzuerkennen. Das mögen die Chinesen tun, die wir mit Menschenrechtsforderungen überziehen.

Pustkuchen

26. September 2008

In der Frühzeit der Geltung des Urheberrechts ergab sich eine merkwürdige Art seiner Verletzung, der selbst heute nicht leicht beizukommen wäre. Da Goethe Wilhelm Meisters Lehrjahre über Jahre hin nicht fortsetzte, sondern nur die Fortsetzung ankündigte, ergriff der Lehrer Pustkuchen die Initiative und veröffentlichte 1821 anonym eine Parodie auf Goethes Wilhelm Meisters Wanderjahre drei Monate, bevor Goethes Werk erschien. Mit dem Nimbus der Lehrjahre Goethes im Rücken gewann Pustkuchens Roman eine breite Leserschaft, während Goethes eigener Roman als zu langweilig sich nicht recht verkaufte. Rowling hatte diese Art von Urheberrechtsverletzung im Blick, als sie Harry Potters Leben bis in seinen Verlust der Zauberfähigkeit verlängerte und im Epilog ihres letzten Romans vorstellte.

Wer ist schuld an der Bankenkrise?

26. September 2008

Für Hilmar Kopper, ehemals Vorstandsvorsitzender der Deutschen Bank, liegt die Schuld eindeutig bei den Verbrauchern: Die Banken hätten sich nicht falsch verhalten. „Gezockt haben doch die Hausverkäufer. Die glaubten, die Hauspreise verdoppeln sich alle zehn Jahre“, erläutert er voll Mitleid mit den armen Bankern, die in gutem Glauben den Zockern die Kredite gegeben haben, die die unverschämterweise „verzockt“ haben.

Zwar Methode, aber doch Wahnsinn

26. September 2008

Die Kalkulation dieser Wirtschaftsfachleute ist aufgegangen. Sie haben hunderte von Millionen in ihren privaten Taschen untergebracht, ohne dass ihnen Einhalt geboten worden wäre. Selbst jetzt, wo sie ziemlich offen zugeben, dass natürlich das Bankensystem Geld an sich gerissen hat, das nirgendwo erwirtschaftet worden ist, wird nur zaghaft davon gesprochen, dass für eine solche Art des Betrugs die Belohnung nicht unbedingt aus dreistelligen Millionenbeträgen bestehen muss.
Das ist zwar technisch erfolgreich durchgeführt worden. Wie wir politische Prozesse kennen, wird es nicht gelingen, die Milliarden von Euro, die durch Betrug als Gehaltszahlungen eingenommen worden sind, wieder für die Allgemeinheit zurück zu holen.
Aber wenn das Einkommen erst einmal bei zweitstelligen Millionenbeträgen liegt, dient seine Vermehrung ja gar nicht mehr einem vermehrten Konsum, sondern es dient für den, der es bezieht, primär der Steigerung des Ansehens.
Sie hätten in Luxus leben können und das bei ungeschmälerter Anerkennung. Darum haben sie sich gebracht. Auch das kumpelhafte „Wir machen’s ja alle. Warum sind die denn so blöd, darauf reinzufallen. Uns kann keiner.“ kann sie nicht mehr vor Gewissensbissen schützen. Das einzige, was sie davor schützen kann, ist Wahnsinn.
Oder sollte man vielleicht Betrug besser als eine Suchtkrankheit bezeichnen, der jeder Manager verfallen muss, wenn ihm nicht früh genug eine Entziehungskur verordnet wird?

Freilich, schon Shakespeare wies darauf hin, dass man manche Personen nicht treffender charakterisieren kann, als sie selbst es tun. „Peanuts“ sagte Hilmar Kopper, der damalige Vorstandssprecher der Deutschen Bank über 50 Millionen Mark. „Peanuts“ haben sie bekommen – vielleicht mancher auch etwas reichlich – und haben dafür die Menschheit in die Krise getrieben. Mit Methode.

Wikipedia bei Bertelsmann

25. September 2008

Bertelsmann hat ein Lexikon mit den am häufigsten aufgerufenen Wikipediaartikeln in Kurzform herausgebracht. Darin kommt selbstverständlich Wikipedia vor, auch Chelsea Clinton, aber der Brockhaus nicht. Das erfahre ich von Planet Wikimedia.

Bettelei in Italien um 1800

25. September 2008

Karl Philipp Moritz berichtet um 1788 aus Rom:

Die unzähligen Bettler bedienen sich denn auch insbe­sondere dieser Freiheit, die öffentlichen Straßen auf alle Weise zu ihrer Bequemlichkeit zu brauchen; welches denn freilich für die feine Welt keinen angenehmen Anblick gibt und für feine Nasen kein Weihrauch ist.

Man duldet dies aber und gewöhnt sich daran, weil man es nicht wagt, dem Armen, dem man alles genommen hat, auch noch die öffentlichen Straßen zu verweigern, die er ,sich zu seiner Behausung und zu seiner Lagerstatt wählt und also auch dasjenige hier verrichten muß, was man sonst nur in seiner Wohnung tut.

Johann Gottfried Seume berichtet 1802 aus Venedig

Das Traurigste ist in Venedig die Armut und Bettelei. Man kann nicht zehn Schritte gehen, ohne in den schneidendsten Ausdrücken um Mitleid angefleht zu werden; und der Anblick des Elends unterstützt das Notgeschrei des Jammers. Um alles in der Welt möchte ich jetzt nicht Beherrscher von Venedig sein; ich würde unter der Last meiner Gefühle erliegen. Schon Küttner hat viele Beispiele erzählt, und ich habe die Bestätigung davon stündlich gesehen. Die niederschlagenste Empfindung ist mir gewesen, Frauen von guter Familie in tiefen, schwarzen, undurchdringlichen Schleiern kniend vor den Kirchentüren zu finden, wie sie, die Hände gefaltet auf die Brust gelegt, ein kleines hölzernes Gefäß vor sich stehen haben; in welches die Vorübergehenden einige Soldi werfen. Wenn ich länger in Venedig bliebe, müßte ich notwendig mit meiner Börse oder mit meiner Empfindung Bankerott machen.

aus Agrigent:

Die Bettler kamen in den jämmerlichsten Erscheinungen, gegen welche die römischen auf der Treppe des spanischen Platzes noch Wohlhabenheit sind: sie bettelten nicht, sondern standen mit der ganzen Schau ihres Elends nur mit Blicken flehend in stummer Erwartung an der Türe. Erst küßte man das Brot, das ich gab, und dann meine Hand. Ich blickte fluchend rund um mich her über den reichen Boden, und hätte in diesem Augenblicke alle sizilische Barone und Äbte mit den Ministern an ihrer Spitze ohne Barmherzigkeit vor die Kartätsche stellen können.

Eine moderne Bettelszene zeigt graulicht in einem kurzen Video.
Hier die Ausgangswebsite.