Küng: Umstrittene Wahrheit

Hans Küng schreibt im 2. Band seiner Lebenserinnerungen nicht hauptsächlich über seine theologischen Werke, obwohl in den zwanzig Jahren, über die er berichtet,  „Unfehlbar? Eine Anfrage„, „Christ sein“ und Existiert Gott?, die Werke, die ihn weltweit auch unter Laien bekannt gemacht haben, entstanden sind.

Vielmehr berichtet er über seine Auseinandersetzung mit der Kurie, die er – seiner Darstellung nach – nicht gesucht habe, der er aber – im Unterschied zu den meisten seiner Weggefährten – aber auch nicht ausgewichen sei.

Seiner provozierenden Anfrage nach der Rechtfertigung für das Unfehlbarkeitsdogma lässt er eine Schrift folgen, in der er herausstellt, dass die Kirche über die Jahrtausende in „in der Wahrheit gehalten“ worden sei. Er vermeidet zunächst die Unterstützung von anderen, die seine Anfrage dringlicher und provozierender aufgreifen. Mit seiner Werbung für „Christ sein“ in einer vom Glauben an Gott sich abwendenden Welt setzt er sich für die Kirche ein, doch seine Interpretation der Dogmen ist neu, wird von vielen als modern, nicht konfessionell gebunden erlebt.

An seinen Positionen hält er trotz diplomatischen Einlenkens in der Form unverrückt fest, und für die, die für seine Sache nicht ihre Karriere aufs Spiel setzen formuliert er zwar Mitgefühl, aber er hat kein Verständnis dafür.

Dennoch sieht er sich im Rückblick nicht als ein streitbarer Kämpfer im Sinne Luthers. Immer sei es ihm um Reform der Kirche gegangen, nicht eine sie spaltende Reformation. Und dennoch lehnt er die Position des Kirchenkritikers Erasmus von Rotterdam ab, weil er an den entscheidenden Punkten kein Bekenntnis für seine Sache geleistet habe. (S.677/78) Vielmehr sieht er sich als einen, der Widerstand gegen die Autoritäten leistet, wenn sie von der Wahrheit abweichen und vergleicht sich insofern mit Bonhoeffer, Solschenizyn, Sacharow und anderen. Von den Aposteln sieht er Paulus als sein Vorbild, der sich nicht scheute, Petrus zur Rede zu stellen (Galater 2, 11-14).

Als Ergebnis seines Kampfes um Wahrheit sieht Küng – trotz einer Phase großer Niedergeschlagenheit – sein unabhängig von der katholischen Fakultät eingerichtetes Institut für ökumenische Forschung im Nachhinein als erkämpfte Freiheit, die ihm den Weg des Werbens für Verständnis unter den Religionen erst ermöglicht habe.

Auch in seinem zweiten Erinnerungsband vergleicht er sich immer wieder mit seinem Kollegen Josef Ratzinger, dem späteren Papst Benedikt XVI..  So weit er darauf hin, dass dieser – wie er – um sein 52. Lebensjahr einen Wendepunkt seiner Karriere erreicht habe, nämlich als er in der römischen Hierarchie aufstieg. Kritisch weist er darauf hin, dass Ratzinger in seinen Lebenserinnerungen über diese Zeit nichts mehr geschrieben habe. Seinen Hinweis, dass Ratzinger so verhindert habe, dass man sein Verhalten sonst doch besser hätte verstehen können, kann man auch so deuten, dass Ratzinger mit dem Aufstieg in der Hierarchie seine Freiheit aufgegeben habe.

Positiv gedeutet kann man Ratzingers Handlung als ein der Pflicht folgen verstehen (so wie Helmut Schmidt als Grundlegung für ein Weltethos den Menschenrechten Menschenpflichten zur Seite stellen will). Küng scheint Ratzingers Schweigen anders zu deuten: als das Beschweigen eines peinlichen Geheimnisses der Institution, in die er eingetreten ist.

Gespannt sein kann man auf den dritten Band von Küngs Erinnerungen, den in dem er seinen Weg zum Weltethos beschreiben will. Weiß man doch, dass asiatisches Denken die Gemeinschaft höher bewertet als die individuellen Freiheiten und dass es nicht die eine Wahrheit anstrebt, sondern statt dessen Erklärungen einer vielgestaltigen Wirklichkeit.

(Die Seitenangabe verweist auf Küng: Umstrittene Wahrheit)

Hier noch zwei Links: zur Stiftung Weltethos und zum Inhaltsverzeichnis von „Umstrittene Wahrheit“

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