Fragebögen

Heute endlich mal dazu, dass man von einem Normalfragebogen mindestens einmal gezwungen wird, falsch zu antworten:
Wie viele Stunden am Tag tun Sie dieses/jenes?
Wer weiß das von sich schon? Es wechselt innerhalb einer Woche von 24 Stunden zu nichts. Innerhalb eines Monats tut man es nie, innerhalb eines anderen 20 Tage.

Extrembeispiel Wikipedia oder andere suchtauslösende Erscheinungen:
Man verordnet sich vielleicht eine Unterbrechung von drei Monaten.
Frage: Wie oft, wie lange haben Sie in den letzten drei Monaten?
Man schreibt vielleicht Artikel in Simple English Wikipedia
Frage: In welcher Sprache schreiben Sie die meisten Artikel?
Englisch wäre zwar richtig, aber völlig missverständlich, wenn man in der englischen Wikipedia vielleicht drei Artikel geschreiben hat, in Simple English aber mehrere hundert.
Frage: Wie viele Artikel haben Sie selbständig verfasst?
Wie viele haben Sie übersetzt?
Man hat vielleicht drei Artikel selbständig verfasst, einen übersetzt, aber über tausend aus dem Englischen vereinfacht.
Welche Sprachen können Sie lesen?
Als Sprachunbegabter kann man vielleicht nur zwei Sprachen relativ gut lesen, aber über zwanzig orientierend, wenn man bedenkt, dass in Wikipedia Dialekte auch als Sprachen gerechnet werden.
Frage: Welche Sparte von Wikimedia benutzen Sie, in welcher schreiben Sie außerdem Artikel?
Dass jemand Wiktionary nie benutzt, sondern dort nur Artikel einstellt, kommt nicht vor.
Wenigstens beim Geschlecht ist jetzt auch noch eine dritte Antwortmöglichkeit vorgesehen.

Dabei haben sich die Verfasser des Fragebogens gewiss von Kennern der Wikimediainstitutionen und -sparten beraten lassen.

Dass man auch in Sprachen Artikel einstellen kann, die man nicht einmal lesen kann, geht einem solchen Fragebogenersteller natürlich überhaupt nicht ein, dabei werden inzwischen Hundertausende von Artikeln von Softwareprogrammen erstellt. (Es gibt in den Artikeln Tabellen, in die man Daten aus der einen Sprache in die andere üertragen kann.)
Ich schreibe zunächst über Wikipedia, weil ich dort etwas zu Hause bin und dazu gerade jetzt wieder Fragen beantwortet habe.
Aber mit dem Fernsehkonsum, mit dem Lesen, mit den Hobbys usw. ist es doch genauso. Nie weiß man die Zeiten, die man dafür verwendet, stets wechseln sie innerhalb kurzer Zeiträume relativ stark. Nun schon gar die Frage nach dem „Lieblingsbuch“, dem „Lieblingsautor“, dem „Lieblingsmusikstück“. Nun ja, danach fragt auch niemand ernsthaft.
Noch schwerer freilich Fragen, die man nicht einmal mit Nachdenken und sehr fleißiger Selbstbeobachtung richtig beantworten kann. In der Politik kann man seit Eppler wertkonservativ sein und deshalb Parteimitglied der Linken sein. Aber was schreibt man, wenn zwar konservativ und fortschrittlich, aber wertkonservativ nicht vorgesehen ist?
Wer ist seit Hartz IV noch für Reformen, obwohl er sein Leben lang nichts anderes getan hat, als sich für Reformen einzusetzen?
Freilich: Es gibt immer wieder Fragen, die man richtig beantworten kann. Aber auch dann weiß man schon, dass sie auf jeden Fall falsch eingeordnet werden, wenn man auch nur vier Fragen vom vorhergehenden Fragebogen gesehen hat.
Schon gar die „Kontrollfragen“. Sie sollen dafür dienen, zu überprüfen, ob man vorher richtig geantwortet hat. Aber man kann sie – wenn man ehrlich ist – nur anders beantworten als die Parallelfrage. Nun gut, wenn ich die Kontrollfrage erkenne, passe ich meine Antwort an die andere an, um den Fragebogenschreiber nicht zu verwirren.

Schließlich: Man ist bei Frage 35 und merkt, was der Verfasser mit Frage 12 gemeint hat. Man darf zurück und korrigieren, aber nur um 10 Fragen.
Was bringt mir da eine statistisch korrekte Auswertung?
Zu Recht sagte Marx: „Ich bin kein Marxist.“ Welcher Auswerter hätte das richtig ausgewertet?

Ich habe also offenkundig schon Erfahrungen mit Fragebögen gemacht. Aber dafür, so antworten zu können, wie der Fragebogenschreiber seine Frage gemeint hat, fehlt mir noch vieles.
Trotzdem ist es immer wieder interessant die Auswertungen von Fragebögen zu lesen und sich vorzustellen, das was da steht, hätte etwas mit dem zu tun, was der Beantwortende eigentlich sagen wollte, aber nicht durfte.

Ich liebe Max Frischs Fragebögen.
Haben Sie schon einmal einen Menschen getötet?
Falls nicht, wie erklären Sie sich das?

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Eine Antwort to “Fragebögen”

  1. Anntheres Says:

    Ach ja, Apanat! Ich kann Deinen Gedankengang gut verstehen…
    Wenn ich manchmal die ersten Fragen beantwortet habe, breche
    ich die ganze Sache ab, weil sie mir einfach gegen den Strich geht.
    Umfragen sind eh immer kritisch zu bewerten, egal, ob sie per Hand
    und Strichcode (bei 1000 durchschnittlichen Befragten der Stichprobe!)
    oder über das Internet erfolgen.
    Die Befrager meinen sicherlich, sie hätten es gut vorbereitet – aber die
    Menschen sind nicht so konform, wie man es gerne hätte.
    Und ausfragen läßt sich eh niemand gerne – auch nicht am Telefon.
    Diese Anrufe sind ganz besonders suspekt, weil der augenblickliche
    Gemütszustand des Befragten ungewollt mit einfließt, evtl. auch der
    Ärger über die Befragung. Auch habe ich keine Lust zu akzeptieren,
    dass mir andere die Zeit stehlen, zu einem Zweck den ich nicht
    durchschauen kann. Inzwischen bin ich so unabhängig, dass ich es
    rundweg ablehne, mich ausfragen zu lassen, besonders wenn mich andere Dinge viel mehr beschäftigen.

    LG Anntheres

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