Archive for März 2009

Ohnmacht, Sexualität und das Böse

28. März 2009

Jean-Pol Martin sieht als wesentliche Voraussetzung dafür, dass Schüler bereit sind, selbst den Lernprozess ihrer Gruppe mitzugestalten, wie das bei „Lernen durch Lehren“ vorgesehen ist, dass sie anspruchsvolle, für sie interessante Themen ageboten bekommen.
Als drei solche Themen sieht er für Schüler der Sekundarstufe Ohnmacht, Sexualität und das Böse. (Wenn man an Finanzkrise, Internet und Terrosimusdrohungen denkt, kann man übrigens fesstellen, dass diese drei Theman für einen sehr hohen Prozentsatz der Erwachsenen weiterhin zentrale Erfahrungen bleiben.)
Diese drei Themen behandelt er daher am Beginn der Sekundarstufe im Französischunterricht.

Der […] Unterricht verläuft in der Form eines „Durchziehers“ durch die Geschichte und die Literatur, vom Mittelalter bis zur Gegenwart. Für jede Epoche wird zunächst der historische Kontext geschildert, bevor einzelne Werke zur Aktualisierung der Subjektperspektive herangezogen werden.
Die Schüler halten Kurzreferate auf der Grundlage von Texten, die aus Lagarde/ Michard entnommen werden. Nach dem Vortrag wird ein vom jeweiligen Referenten angefertigter Lückentext an die Klasse ausgeteilt und unter seiner Leitung ausgefüllt.

Dass er bei dieser Methode bald zu anspruchsvoller Nietzsche-Interpretation vorstoßen kann, zeigt er in Wiki und auf seinem Blog.
Die drei Themen scheinen mir in der Tat für viele Altersgruppen interessant.

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Ende der Nachkriegszeit: Ökodividende?

26. März 2009

Das Nachkriegszeitalter endete politisch mit dem Fall der Berliner Mauer 1989, sozioökonomisch endet es mit dem gegenwärtigen Crash.

So Hans Joachim Schellnhuber in der ZEIT vom 26.3.09 auf S. 18
Er kann die bekannten Katastrophenszenarien bestätigen, freilich zeigt er auf, dass die Katastrophe sich schneller nähert als meist angenommen. Aber er sieht auch ein enormes Potential zur Überwindung der kommenden Rezession, wenn die Wirtschaft sich auf erhöhte Energieeffizienz, Elektromobilität, intelligente Netze zur Integration verteilter erneuerbarer Energiequellen konzentriert.

Transformationsprozesse dieser Größenordnung haben enorme Selbstbeschleunigungspotenziale, wie sie etwa durch die Industrielle Revolution im vorletzten Jahrhundert mobilisiert wurden. Auch damals gab es natürlich immense ökonomische Verwerfungen, aber eben auch einen ganz großen Aufbruch. Viele Millionen grüner
Arbeitsplätze können durch den Übergang zum Nachhaltigkeitszeitalter entstehen.

Das wussten er und andere schon länger. Bisher ist es den führenden Managern aber immer gelungen, in der öffentlichen Meinung das Gegenteil als ökonomische Wahrheit zu verkünden. Da sollte es helfen, dass sie völlig an Glaubwürdigkeit verloren haben.
Noch merkt man Angela Merkels Taten nicht an, dass Schellnhuber sie berät. Aber es gibt doch Hoffnung, dass er es tut. (Trotzdem unterstützt sie weiter den Ausstieg aus dem Atomausstieg. Und das, obwohl klar ist, dass gegenwärtig Atomstrom das beste Mittel ist, die Einsicht in die Notwendigkeit intelligenter Energieverteilungsnetze zu verhindern.)
Die Interessen der Energiekonzerne sind damit eindeutig gegen nachhaltige Energie gerichtet, und sie sprechen es auch klar aus.
Das Interesse der Weltgemeinschaft hat aber auch Anwälte. Obama scheint einer zu sein. Angela Merkel könnte es noch werden.

Bundespräsident Köhler ist lernfähig

24. März 2009

In seiner heutigen Berliner Rede hat Bundespräsident Horst Köhler zwar über zwei Drittel der Rede nur taktischen Fragen des Krisenmanagements gewidmet, aber dann ist er doch auf die großen strategischen Fragen eingegangen:
Ressourcen aufbrauchendes Wachstum löst keine Probleme, sondern es verschäft sie nur.
Die Gesellschaft muss es honorieren, wenn Menschen Menschen helfen. Es darf nicht sein, dass jemand, der nur getarntes Glücksspiel betreibt, hunderttausendmal besser bezahlt wird als jemand, der tröstet und Leben rettet.
Wir dürfen unseren Lebensraum nicht zerstören, wenn wir überleben wollen.
Andere haben zwar schon seit Jahrzehnten darauf hingewiesen. Aber Host Köhler hat am 15.3.2005 eine Rede gehalten, in der er folgende haarsträubende These aufgestellt hat:

Was der Schaffung und Sicherung wettbewerbsfähiger Arbeitsplätze dient, muss getan werden. Was dem entgegensteht, muss unterlassen werden. Was anderen Zielen dient, und seien sie noch so wünschenswert, ist nachrangig.

Bewahrung der Schöpung, Schutz der Menschenrechte, Trost und Hilfe für Notleidende und Sterbende. Alles galt ihm nichts im Vergleich zu renditeschaffenden Erfindungen zur verantwortungslosen Übertragung von Risiken auf andere.
Heute denkt er anders. Er ist lernfähig.

Doch mit dieser Feststellung werde ich ihm nicht gerecht. Ich berücksichtige nicht, wie viel es bedeutet, als bekannter Politiker in der gegenwärtigen Situation dazuzulernen.
Angela Merkel wusste schon lange, dass Umsteuern in Richtung von Nachhaltigkeit für die Menschheit überlebenswichtig ist, jetzt aber ist sie bereit, dieses Ziel beiseite zu lassen, um eine Rezession abzuschwächen, die nicht im entferntesten so katastrophale Folgen haben würde wie das dauerhafte Leugnen der Umweltfolgen menschlichen Handelns.

Deshalb danke ich dem Bundespräsidenten, dass er den Blick auch auf die Fragen richtet, die über das Überleben der Menschheit entscheiden werden.

Die wahre Katastrophe

24. März 2009

Wenn es nicht gelingt, die Billionen von Dollar, die gegenwärtig zur Rettung von Banken und zur Abschwächung der Rezession ausgegeben werden, zu einem erheblich Anteil für wirtschaftlichen Umbau in Richtung Nachhaltigkeit zu verwenden, dann hat die Welt eine gute und vermutlich ihre letzte Chance, die Umweltkatastrophe zu verhindern, verpasst.
Wie dramatisch die Situation ist, zeigt die Überschrift einer traditionell fortschrittlich orientierten Zeitung: „Öl-Milliarden für Ökoautos“, mit der sie den Einstieg von Abu Dhabi bei Daimler kommentiert.
Abu Dhabi investiert gewiss nicht, um den Absatz seines Hauptexportgutes so stark wie möglich zu behindern.
Doch wie verzweifelt muss die Situation sein, wie eindeutig die Position der Bundesregierung, dass sie nichts für den Umbau des Individualverkehrs in Richtung Nachhaltigkeit tun wird, wenn man darauf setzt, dass gerade ein Ölförderstaat diese Aufgabe übernehmen wird.
Zu unterstellen, dass das bei Daimler passieren wird, ist ähnlich mutig wie heute Immobilieninvestmentzertifikate aus den USA zu kaufen.
Und doch müssen den Erkenntnissen von Rio (1992) endlich Taten folgen. Wenn wir jetzt Hunderte von Milliarden in die Aufrechterhaltung der alten Strukturen ausgeben, vergeben wir unsere letzte Chance, den notwendigen Umbau zu erreichen.

Blick in die Zukunft

21. März 2009

Finanziert wurden die öko-sozialen Staatsausgaben mit Hilfe einer ganz neuen Verteilungspolitik: Sonderabgaben für große Vermögen und eine tief greifende Erbschaftssteuer wurden eingeführt, das neues Steuersystem belastete auf einmal die Reichen und Gewinneinkommen. „Wenn der politische Wille da ist, ist es gar nicht so schwer“, zeigte sich der Bundesfinanzminister damals verblüfft.

So berichtet uns Rosa Goldmann aus dem Jahr 2010

Schade, dass wir noch nicht im Jahr 2010 sind und dass dieser „ZEIT-Artikel“ von der globalisierungkritischen Organisation attac erfunden werden musste, um in hoher Auflage heute schon lesbar zu sein.
Doch weil’s so schön ist, lesen wir weiter

Um zu vermeiden, dass Vermögensbesitzer und Unternehmen auf Niedrigsteuergebiete in der Karibik und Ostasien ausweichen, beschlossen die Minister zudem, all jene Staaten, die weiterhin am Geschäft mit Steuerflucht und Bankgeheimnis festhalten, den Zugang zu den internationalen Kapitalmärkten zu sperren. Im Konfliktfall, so erläuterte EU-Finanzkommissar Peer Steinbrück, solle Banken, die weiterhin Geschäftsbeziehungen mit den so genannten Offshore-Zentren unterhalten, ihre Lizenz für die Tätigkeit im Euro- und Dollarraum entzogen wer-den. Ohne ein Konto bei der Europäischen Zentralbank oder der US-Notenbank Federal Reserve könne keine internationale Bank bestehen. Darum sei er zuversichtlich, dass die Maßnahmen greifen werden, sagte Steinbrück.

So Harald Schumann über einen Beschluss der G20 in Brasilia ebenfalls aus dem Jahr 2010 in der Nr.5 der erfundenen ZEIT.
Diese ZEIT von 2010 ist so gefragt, dass der Server, der sie online und zum Ausdrucken als pdf-Datei anbietet, nicht ganz selten überlastet ist. Deshalb wird sie u.a. hier zum Download in einer Datei angeboten (8 pdf-Seiten).

Selbstwirksamkeit und die Illusion von Selbstwirksamkeit

20. März 2009

Selbstwirksamkeit bedeutet, dass man eine Veränderung erreicht.

Beschäftigung mit dem Computer täuscht oft nur Selbstwirksamkeit vor. Der Computer reagiert auf das, was ich eingebe (Illusion der Selbstwirksamkeit). Das macht den Computer so beliebt. In Wirklichkeit bewirke ich aber nur, dass ich weniger Zeit habe, mich mit der Umwelt auseinander zu setzen, also wirklich selbstwirksam zu werden.
Das sollten Blogger wie ich nicht vergessen.
Die Anregung zu diesem Eintrag verdanke ich C. Spannagels Eintrag zu Computerselbstwirksamkeit erheben.

Zum Bloggen einladen

16. März 2009

Sehr eindrucksvoll beschreibt Ina Müller-Schmoß, die Betreiberin von Blogpatenschaften, was sie alles getan hat, um Leute, die etwas zu sagen haben, zur Publikation im Netz zu bewegen. Sie lädt zu Gastbeiträgen in ihrem Blog ein. Diesmal war sie ihrerseits in Cspannagels Blog eingeladen.

Kurz festgehalten

16. März 2009

Vorratsdatenspeicherung als unzulässig erklärt.
Pi-Tag in Nörten-Hardenberg.
Mobbing im Internet.

Kultur des Miteinander

13. März 2009

Im Zusammenhang mit dem Amoklauf wird immer wieder eine Kultur des Hinschauens gefordert.
Wichtig ist die Kultur, um dem Passers-by-Syndrom zu entkommen. Bei Mobbing und Gewalt im öffentlichen Raum müssen wir hinschauen und sollen wir, sofern es ohne Lebensgefahr möglich ist, auch unsere Missbilligung ausdrücken.
Bei stillen, zurückgezogenen Personen kann es aber nicht die richtige Strategie sein, wenn jeder aus dem Umfeld, der sich dazu berufen fühlt, versucht, in ihr Innerstes zu dringen.
Was diese Menschen brauchen, ist das Gefühl, dass sie akzeptiert sind und dass sie nicht sofort sanktioniert werden, wenn etwas anders reagieren als ihr Umfeld. Dies Gefühl brauchen wir freilich alle. Und sicherzustellen, dass möglichst viele möglichst oft das Gefühl haben, dafür gibt es Formen des gesellschaftlichen Umgangs, aber auch den privaten Raum, Familie und Freunde.
Wenn beides fehlt oder versagt, bedarf es Auffanghilfen, nicht nur für potentielle Amokläufer. Auch für Selbstmordgefährdete, Ritzerrinnen, Drogengefährdete, Süchtige aller Arten. Dass wir statt dessen im sozialen Bereich Arbeitsplätze abgebaut haben, dafür aber im Bankengeschäft eine Menge zusätzlicher „Produkte“ geschaffen haben, die zu produzieren und zu handeln die Beschäftigung hochdotierter Fachkräfte ermöglicht hat, hat sich inzwischen vermutlich schon herumgesprochen.

Der Segen von Katastrophen

12. März 2009

Primitiv könnte man sich selbst beruhigen mit dem Satz „Es hat alles sein Gutes“.
Anspruchsvoller schon ist die Überlegung, dass alles, was hilft, unseren menschlichen Hochmut zu dämpfen, eine Chance mehr bietet, die Begrenztheit menschlicher Möglichkeiten bei kommenden Planungen mit zu berücksichtigen.
Günter Wallraff hat angesichts der Tatsache, dass mit dem Kölner Archiv auch der größte Teil seiner Privatunterlagen sein Leben lang verschüttet bleiben wird, auf einen anderen Vorteil verwiesen (ZEIT vom 12.3.09, S.47):
Wie bei den Katastrophen von Pompeji und Herculaneum besteht die Möglichkeit, dass hier etwas über ein Jahrtausend ziemlich sicher untergebracht ist. In großen Mengen von Beton „versteinert“. So wie die Trümmer des Atomkraftwerkes von Tschernobyl.
Wenn man das mit allem Atommüll täte, würde Atomstrom freilich unwirtschaftlich. – Ich verzichte darauf, Naheliegendes noch weiter auszuführen.