Imperiale Überdehnung, Staatsbankrott und Bankensystem

Paul Kennedy hat den analytisch hilfreichen Terminus „imperiale Überdehnung“ in die historische Fachsprache eingeführt. Dies Phänomen liegt vor, wenn ein Imperium sich überfordert, meist dadurch, dass es sich so weit ausdehnt, dass die Konflikte an den Grenzen und die inneren Konflikte aufgrund einer zu heterogenen Basis des Imperiums so zunehmen, dass sie die Wirtschaftskraft und die Regulierungsfähigkeit des Imperiums überfordern.
Dass George W. Bush die imperiale Überdehnung der einzig verbliebenen Supermacht USA gelungen ist, ist inzwischen bekannt. Ob Obama den Kurs genügend umsteuern kann, dass er mit kooperativer Außenpolitik wieder genügend Handlungsfähigkeit gewinnen kann, ist die Frage, die für die ganze Welt von höchstem Interesse ist.
Doch vorher erst der Blick auf den Staatsbankrott, der 1998 Russland, 2002 Argentinien und 2008 Island – mit unterschiedlichen Folgen – ereilte. In der ZEIT vom 5.3.09 wird auf S. 3 anschaulich dargestellt, wie ein Staat beim besten Willen, eine Krise abzuschwächen, sich in einen Bankrott hineinmanövrieren kann. Da heißt es u.a.:

So bitter die Zahlungsunfähigkeit ist: Sie ist nicht zwingend das Ende für einen Staat. In der Krise ist sie zuweilen, so skurril kann Ökonomie sein, gar die einzige Rettung. […] Doch da ist die Wut der Bevölkerung. Da ist die Erwartung, dass der Staat den alten Wohlstand wiederbringe – und zwar schnell. Und da ist die Politik, die so viele Erwartungen geweckt hat. Noch nie ist es Politikern in westlichen Wohlstandsländern gelungen, den Leuten klarzumachen, dass sie künftig mit weniger zufrieden sein sollen. Dass es mit der Zeit besser wird, nicht schlechter, galt bislang als systemimmanent. Wer Wahlen gewinnen will, so denken die Parteien, muss an dieser Lehre festhalten.

Gegenwärtig stehen eine ganze Reihe von Staaten dicht vor einem Staatsbankrott. In den Medien hören wir in Deutschland vor allem von den betroffnen EU-Staaten. Er droht freilich auch vielen Staaten in der Dritten Welt, die drohen, dann völlig zusammenzubrechen und wie Somalia ein Sammelplatz für internationales Verbrechen zu werden.
Wie weit die EU beim Versuch, ihre Mitglieder zu retten, sich selbst überfordern könnte, ist angesichts der unübersichtlichen Lage wahrscheinlich von niemandem sicher zu beurteilen.
Weshalb aber schreibe ich über diese Schwierigkeiten, die Imperien und Staaten drohen können, im Zusammenhang mit dem Bankensystem? Nicht nur deshalb, weil die Überforderung der Supermacht USA und vieler Einzelstaaten eng mit der Finanzkrise zusammenhängt, sondern deshalb, weil die Finanzkrise ein typisches Beispiel dafür ist, wie eine Supermacht, in diesem Fall das internationale Bankensystem, die weit mächtiger ist als die meisten Staaten der Welt, sich wegen ihres immer weiter ausdehnenden Erfolges so wie das späte Rom, wie das Mongolenreich und in anderer Weise das napoleonische Herrschaftssystem völlig überfordert hat.
Hätten die Banken nicht so erfolgreich nationale und internationale Regulierungsmechanismen ausschalten können, hätten sie noch Jahrzehnte weiter ihre Bonzen mit Superboni versorgen können.
So aber ist es ihnen vielleicht gelungen, die herrschende Weltwirtschaftsordnung zu zerstören.
Ein Fall von imperialer Überdehnung.

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5 Antworten to “Imperiale Überdehnung, Staatsbankrott und Bankensystem”

  1. ketzerisch Says:

    Sehr richtig. Die imperiale Überdehnung kommt hier vorallem aus den Versuchen das insolvente Bankensystem zu retten. Die richtige Lösung wäre es, es einfach pleite gehen zu lassen. Das Staatsgeld fehlt sonst bei nötigen Investitionen.

    Hier noch eine Liste mit Pleitekandidaten:
    http://verlorenegeneration.wordpress.com/landerisiken-im-uberblick/

  2. apanat Says:

    Besten Dank für den Link, der bestimmt auch andere Leser interessiert!
    Dass „pleite gehen lassen“ bei Banken die richtige Lösung ist, bezweifle ich, da die horrenden Luftgelder, die dabei im Spiel sind, vermutlich langsam in das Nichts zurückgeführt werden müssen, das sie real sind.
    Wie wünschte ich mir Herrhausen zurück, einen Mann, der wusste, dass eine Bank – und das gilt für alle Banken der Welt zusammen um so mehr – rechtzeitig eine realistische Bewertung ihrer Außenstände vornehmen muss. Das jetzt schlagartig zu tun, würde zu viel Luftgeld auf einmal verschwinden lassen.
    Ob das durch die Notenpresse aufgefangen werden könnte, bezweifle ich. Aber da traue ich dir mehr Kompetenz zu.

  3. ketzerisch Says:

    Das Luftgeld muss aus dem System raus. Das Problem ist, dass dann die Zahlungsfähigkeit der Staaten sinkt. Die Politiker wollen aber gerne keine Ausgabenkürzungen durchführen, sondern lieber weiter Wohltäter spielen und Gelder verteilen. Wenn die Politiker aber auf die Rettung der Banken mit Staatsgeld verzichten würden, dann sähe die Lage deutlich besser aus. Die Banken könnten ohne Staatsgeld viel schneller auf eine vernünftige Eigenkapitalquote gebracht werden.

    Das aktuelle Vorgehen führt zu einem verlorenen Jahrzehnt wie beim Japan der 90er – nur mit hoher Inflation. Langsam Luftablassen heisst nämlich auch: die Krise hält lange an.

    Hier Vorschläge zur Bankenrettung ohne Staatsgeld:
    http://verlorenegeneration.wordpress.com/2009/02/22/good-bank-zur-rettung-des-finanzsystems/

  4. Schwarz-gelb und Banken « Apanat – Notizen zur Meinungsbildung Says:

    […] und Banken By apanat Am 5. März dieses Jahres habe ich geschrieben: Hätten die Banken nicht so erfolgreich nationale und internationale Regulierungsmechanismen […]

  5. Selbstzitat von 2009 « Apanat – Notizen zur Meinungsbildung Says:

    […] muss. Das jetzt schlagartig zu tun, würde zu viel Luftgeld auf einmal verschwinden lassen.” (Kommentar vom 6.3.2009) Damals antwortete mir ketzerisch: “Das Luftgeld muss aus dem System raus. Das Problem ist, […]

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