Archive for Juni 2009

Gefahr langfristiger Weltstagnation

30. Juni 2009

Die Bank für internationalen Zahlungsausgleich (BIZ) warnt in ihrem Jahresbericht zu 2009: „Der Finanzsektor muss schrumpfen, denn er ist zu groß geworden.“ Und: „Die Eigenkapitalanforderungen an die Banken und ihre Risikovorsorge müssten an ihrer Gefahr für das Finanzsystem ausgerichtet werden.“ (Frankfurter Rundschau, 30.6.09)
Vielleicht ist freilich die Unfähigkeit der Menschheit, ihr Finanzsystem zu steuern die letzte Chance, die Klimakatastrophe zu verhindern.

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Erfolgreicher Betrüger

29. Juni 2009

Um etwa 65 Milliarden $ hat Bernard Madoff seine Kunden gebracht. Darunter waren auch viele Banken.
Jetzt ist er zu 150 Jahren Gefängnis verurteilt worden. Aber auch wenn man ihn nur für alle 2 Milliarden $ für ein Jahr ins Gefängnis geschickt hätte, hätte der 75jährige wohl keine großen Chancen, noch einmal freizukommen.
Die Größe des Schadens scheint mir symbolhaft für die Finanzkrise.

Aus der Krise gelernt?

29. Juni 2009

Da Josef Ackermann bei der Deutschen Bank offenbar alternativlos ist, braucht er nicht zu lernen und kann an 25% Kapitalrendite als selbstverständlichem Ziel festhalten, auch wenn er dann nie eine solide Absicherung sicherstellen kann.
Bemerkenswert ist freilich, dass auch kleinere Banken und deren Angestellte aus der Krise nichts gelernt haben, weil offenkundig niemand ernsthaft versucht hat, ihnen klarzumachen, wodurch es zur Finanzkrise gekommen ist.
Laut Studie vom Bundesverband der Verbraucherzentralen und ZDF WISO gelingt es 24 von 25 Bankberatern nicht, die finanziellen Voraussetzungen der Kunden zu erfragen, so dass es ihnen möglich ist, daraufhin zu beraten. Es gilt wohl weiterhin die Vorstellung von Hilmar Kopper: Ein Bankmanager kann unmöglich Kreditrisiken beurteilen. Das müssen seine Kunden schon selber tun.
Und die Vorgesetzten entscheiden: die Mitarbeiter verkaufen, „was die Unternehmensleitung für gut befindet“ (vgl. PC-Welt)

Meinung und Fakten

27. Juni 2009

Daniel Erk hat auf Stefan Niggemeiers Blog ein Plädoyer gegen Meinungsjournalismus gehalten. Dagegen hält mspro:

Als Leser lese ich Journalist x, der Fakt A mit Fakt B zusammenbringt. Oft kenne ich Journalist X schon und halte ihn für einen kompetenten Menschen/Vollidioten und bewerte das entsprechend. Oder schaue, ob ich seiner Argumentation folgen kann, sie evident finde. Dann lese ich meinst noch Journalist Y, der Fakt A auf Fakt C bezieht. Aha! Danach ziehe ich mir genüßlich zu Gemüte wie Blogger G bis R die Journalisten X und Y grillen, weil die ja eh keine Ahnung haben. Daraufhin schreibe ich endlich meine Meinung Z auf, weil ich finde, dass die ja noch gar nicht doll genug und so. Das alles nennt man das Diskurs und das ist unendlich informationtechnisch effektiver als jede Faktenaneinanderreihung, die man sich vorstellen kann. Und mehr Spaß macht es auch!

Recht hat er, insoweit er das Recht auf Meinungsjournalismus verteidigt. Aber das Aussterben des investigativen Journalismus ist sehr wohl zu beklagen.
Freilich, das hat Daniel Erk nicht getan, sondern die Fiktion aufgestellt, man könne einem breiten Publikum Fakten ohne Interpretation als Grundlage für Meinungsbildung bieten.
Dabei sollte doch spätestens seit „Yes Minister“ bekannt sein, dass durch Informationsüberflutung jedes Urteil unmöglich gemacht werden kann.

„Die Krise kehrt mit Gewalt zurück“

27. Juni 2009

Von der zurückkehrenden Krise schreibt die ZEIT. So als ob das Ausmaß der Krise schon einmal abzusehen gewesen wäre. Ich warte immer ungeduldiger darauf, dass die Politiker Verkehrungen gegen die sich seit 2007 immer deutlicher sich ankündigende Krise treffen.
Bisher waren es doch nur Reaktionen in der Schrecksekunde, denen man die Sinnlosigkeit (Abwrackprämie) zu verzeihen geneigt war, weil man merkte, dass sie sich völlig hilflos fühlten.
Inzwischen müssten aber doch die ersten überlegten Reaktionen einsetzen.
Wenn der Geschäftsklimaindex gefälscht gewesen sein sollte, um die Panik niedriger zu halten, könnte ich darin freilich schon eine überlegte Reaktion vermuten, freilich eine fragwürdige.

Zensurursula, Twitter, Piratenpartei und die Bildung

26. Juni 2009

Jean-Pol Martin berichtet von der

Vorstellung, dass “die Bildungskompetenz schrittweise von den etablierten Institutionen auf die Online-Communities übertragen wird”. Anders ausgedrückt: die Communities vermitteln technisches Wissen und gleichzeitig auch Allgemeinwissen und Werte, und machen damit Konkurrenz zu den etablierten Bildungsinstitutionen

Ehrlich gesagt, so irrsinnig viel Kompetenz – Ausnahmen bestätigen die Regel – sehe ich bei den Communitys (die deutsche Sprache sollte ihre eigenen Regeln behalten, vgl. Dieter E. Zimmer) nicht unbedingt. Dass man Internetkontakte an die Stelle von Blick- und Umfeldkontakten setzt, wird dem Einzelnen nur im Ausnahmefall helfen. Mediation über Internet ist ähnlich hilfreich wie Eliza als Therapeutin. (Wie soll herüberkommen, dass der andere mir zuhört, dass er mich ernst nimmt, mich versteht, dass er aber genauso meinen Streitpartner ernst nimmt und versteht? Wie soll das Verstehen vom Vermittler auf die Streitpartner übergehen, wenn nicht in einem Raum, wo man fühlt, wie der andere zu einem steht?) Womit ich nichts gegen das Schiedsgericht der Wikipedia gesagt haben will. Aber Kinder und Jugendliche brauchen den persönlichen Kontakt, und vornehmlich dafür braucht auch derjenige, der sie stärken will, Kompetenz.

Kleine Linksammlung

22. Juni 2009

Auswirkung der Finanzkrise auf die Entwicklungsländer (Stiglitz-Kommission)

Wie wurde man NSDAP-Mitglied?

Machtkampf im Iran

Cash-pooling bei Arcandor

Weisheit der vielen für Entscheidungen nutzen

Wie soziale Netzwerke funktionieren

Inwiefern eine Gruppe ihr eigener Feind ist

Strombedarf der Informations- und Kommunikationsindustrie

Tendenzen im Internet

Zensur im Internet

Gefährdung der bisherigen Veröffentlichung naturwissenschaftlicher Ergebnisse

Selbsttest für Lehramtsstudierende

Manfred Osten warnt vor „digitaler Demenz“

Schaffen RSS-Feeds nur Zitationskartelle? – Diskussion

Strafen in der Schule

Schüler dokumentieren ihre Arbeit mit Lernen durch Lehren

Schüler und Lehrer über Abistreich – eine Reflexion

Polenfahrt

In der Eisenbahn gehört von Annabell

Wahlen im Iran manipuliert

22. Juni 2009

Der Wächterrat hat bei Überprüfung der Wahl drei Millionen mehr Stimmen als Wähler entdeckt, sieht deshalb das Wahlergebnis freilich noch nicht als „erkennbar“ verändert.
Meine Frage vom 14.6.: Wie viel Stimmen mussten gefälscht sein, um aus einem eindeutigen Sieg im ersten Wahlgang mit 65% zu 35% einen anders zu wertenden zu machen, wird jetzt also ganz konkret.
Reichen drei Millionen gefälschte Stimmen aus, um von einer gefälschten Wahl zu sprechen? Wie viel Millionen, zig Millionen, hunderte von Millionen gefälschte Stimmen machen aus einer gültigen Wahl eine gefälschte?
Inzwischen gibt es freilich schon ein Dementi des Wächterrates.

Kenn dein Limit bei Alkohol

19. Juni 2009

Die Aktion „Kenn dein Limit„, die zur bewussten Überprüfung des eigenen Alkoholkonsums aufruft, halte ich für sehr wichtig.
Gerade weil immer wieder Meldungen durch Zeitungswald und Internet gehen, wonach mäßiger Alkoholkonsum gesünder sei als völlige Enthaltsamkeit, ist es wichtig, sich klar zu machen, was unter mäßigem Konsum zu verstehen ist. Wenn man sich gemerkt hat „zwei Glas Bier“ und dabei an 0,4 l pro Glas denkt, liegt man schon falsch. Aber selbst die Seite der Aktion formuliert ein wenig missverständlich. Bei „Nicht mehr als 2 Standardgläser Alkohol pro Tag“ könnte man an einen Durchschnittsverbrauch denken. Dagegen aber spricht die Regel 3 der Aktion: „Bleiben Sie an mindestens zwei Tagen in der Woche alkoholfrei.“ Denn nur so kann man testen, ob die Gewöhnung an Alkohol nicht schon zu weit gegangen ist.

Warren Buffet und Sloterdijk

17. Juni 2009

Peter Sloterdijk spricht von der progressiven Einkommensteuer als dem funktionalen „Äquivalent zur sozialistischen Enteignung“, die zudem den Vorzug habe, jährlich wiederholt werden zu können. (FAZ vom 10.6.09) Er spricht, als gäbe es keine Abschreibungen und Steuerberater.
Warren Buffet, laut Barack Obama und Wikipedia der zweitreichste Mann der Welt, sieht die Lage etwas anders:

„Obwohl ich nie Steuersparmodelle genutzt habe und mich nie entsprechend beraten ließ, habe ich einschließlich der Sozialversicherungssteuer, die wir alle bezahlen, dieses Jahr einen niedrigeren Steuersatz gehabt als meine Empfangsdame. […] Und es ist nur richtig, dass diejenigen von uns, die besonders vom Markt profitiert haben, mehr dafür [für die Ausbildung der kommenden Generation] bezahlen.“ (Obama: Hoffnung wagen, S.246/7)

Ich gestehe, dass ich dem Kapitalisten da besser folgen kann als dem großen Philosophen.

Freilich weiß der, sich widersprüchlich genug zu äußern, dass er immer wieder auch etwas sagt, dem ich zustimmen kann.

Wenn wir beweisen, dass wir das Eigene und das Fremde systematisch falsch unterscheiden, weil wir zu klein definierte Egoismusformate haben, so würde daraus folgen, dass wir ein größeres inklusiveres Eigenes schaffen müssen – nicht aus Idealismus, sondern aus wohlverstandenem weitsichtigem eigenem Interesse.

So formuliert er am 5.5.2009 in taz.de.
Dass Bestverdienende aus wohlverstandenem weitsichtigem eigenem Interesse an progressiver Einkommensteuer, ja sogar an Begrenzug ihres Einkommens gelegen sein könne, scheint er schon am 10.6.09 in der FAZ nicht mehr zu glauben.
So unterscheidet sich „große“ Philosophie je nach dem, ob sie in FAZ oder taz geäußert wird.