Archive for Februar 2010

Die Grünen

25. Februar 2010

Ich lese gerade in Ludger Vollmer „Die Grünen“ und staune über die Rolle, die die „unabhängige Linke“ seiner Beobachtung nach – von mir unbemerkt – gespielt hat. Erfreut lese ich, wie viel er dem Einfluss der Frauen in der Anfangsphase der Partei zuschreibt. Petra Kelly wird von ihm nicht als hoffnungslos romantisch-unpolitisch abgetan. Die Bedeutung der Quote feiert er. Und er besinnt sich an einen Vorgang, den ich anders erlebt habe: den Untergang der Partei.

So musste die Partei erst untergehen und neu entstehen, bis der sozialökologische Gesellschaftsvertrag, der „ökologische New Deal“ zur grünen Leitidee der 90-er Jahre werden konnte. (S.249)

Wieder in die Hand genommen: Thomas Schmid: „Über die Schwierigkeiten der Grünen, in Gesellschaft zu leben und zu denken“ in Nr.15 von „Der Freibeuter“ erschienen und 1983 in zum nachdenken, dem Informationsdienst der HLZ, wieder abgedruckt.

… immerhin ist die Bundesrepublik das erste Land der westlichen Hemisphäre […], in dem eine fundamentale Opposition, die alternativ, ökologisch und links ist […] bis unmittelbar vor die Türen der Macht gedrungen ist, […] ohne daß es auch nur Anzeichen von Bürgerkrieg gäbe. (S.13)

So urteilt er, nachdem er zunächst den Blick von außen auf die „seltsame Melange aus Waldschraten und Politprofis“, die mit „gequälter, unlustiger Lust am Chaos“ auf Parteitagen ganz besondes kleine Brötchen bäckt: „grau, pappig und ungenießbar“ gerichtet hat.
(S.3)
Wie haben sich die Grünen geändert! Und doch haben sie so manches bewahrt.
Zwei Parteigründungen weiter fragen wir uns: Was wird aus der Linken und den Piraten werden? Wann werden sie koalitionsfähig mit Union und FDP?

Nachtrag vom 9.3.2010:
Volmer hat sich vorgenommen, „die grüne Geschichte umzuschreiben“ (S.296). Er verweist darauf, entgegen der öffentlichen Wahrnehmung seien sie nicht in zwei Hauptblöcke Fundis und Realos zerfallen, sondern diese seien über große Strecken in der Minderheit gewesen. Nur deshalb sei es ihm wiederholt gelungen, die Spaltung der Grünen zu verhindern. (Besonders wichtig sei sein Eingreifen auf der Bundesdelegiertenkonferenz in Hagen 1990 gewesen (S.295). 1991 in Neumünster habe er dann um der Parteieinheit willen auf die Durchsetzung eines mehrheitsfähigen Beschlusses verzichtet, um die Realos einzubinden (S.308). Und nach dem Tod von Petra Kelly hätten dann Joschka Fischer und er zusammengefunden, um „den wiedereinzug in den Bundestag zu organisieren“ (S.318).

Wer will Westerwelle werden?

25. Februar 2010

Genscher oder Haider? Diese Alternative biete ihm Bernd Ulrich in der ZEIT vom 25.2.10 an. Er fügt hinzu: „Es gibt zwischen den Ängsten der Mittelschichten in Westeuropa auf der einen und politischen Fehlentwicklungen beim Sozialstaat oder in der Einwanderungspolitik allenfalls lose Zusammenhänge.“ Recht hat er.

Wenn Westerwelle Arbeitslosen die Schuld an dem gibt, was Angehörigen der Mittelschichte Angst macht, liegt er gewiss auf Kurs Haider. Und der scheint sich ja auch schon zu bewähren. Die FDP ist aus ihrem größten Tief heraus.

Und doch muss ich mich als Mittelschichtler dazu bekennen, dass ich ganz erhebliche Ängste aufgrund der „politischen Fehlentwicklungen beim Sozialstaat oder in der Einwanderungspolitik“ entwickle. Denn wie kann ich Zehntausende an den Grenzen der EU sterben sehen, ohne Angst zu bekommen, dass unsere Gesellschaft immer weiter abstumpft? Wie kann ich den sozialen Absturz von Millionen ansehen, ohne Angst zu bekommen, dass sie nach Schuldigen und nach dem starken Mann, der diese bestraft, suchen werden?

Eine große Beruhigung ist es mir nicht, dass Westerwelle kein starker Mann ist.

Rückblick der SZ auf Westerwelles Karriere (3.1.2011)

Zu Westerwelles Rücktritt alsParteivorsitzender (3.4.11)

Wer bin ich? (3)

23. Februar 2010

Wer bin ich? Oder, um den objektivierenden Blick anzudeuten, besser gefragt: Wer ist ich?

Doch weil uns das zu befremdend vorkommt, vorläufig distanzierter gefragt: Wer ist Ich?

Doch wohl jemand, der zwischen sich und der Umwelt zu unterscheiden weiß, wer ein Bewusstsein von sich selbst hat.

Das Neugeborene kann das noch nicht. Erst wenn erfahren wird, dass die Umwelt sich durch das Handeln verändert und dass man einen eigenen Willen hat, wird Selbstbewusstsein möglich.

Philosophisch Denkende unterscheiden sich von anderen Ichs dadurch, dass sie ihr Welterleben nicht selbstverständlich nehmen, sondern es durchschauen wollen. Sie machen sich – unabhängig von anderen – ihr eigenes Weltbild. Philosophen kann man sie nennen, wenn sie dabei einen hohen Grad an Unabhängigkeit und Stimmigkeit erreichen.

Der Abstand zur Weltsicht anderer Ichs ist groß. Der Philosoph hat sein Weltbild nicht selbstverständlich. Er hat es sich erarbeitet. Aber er nimmt es nicht spielerisch. Er wählt nicht einfach mal dies Weltbild, mal jenes. Das ist die Sache von Dichtern. Schiller hat sich vom übermäßigen Druck der Kantschen Philosophie befreit mit dem Satz „Der Mensch ist nur da ganz Mensch, wo er spielt.“ und hat in den „Göttern Griechenlands“ ausgemalt, wie schön und lebensvoll die Welt noch war, als sie noch von diesen Göttern regiert wurden und als die Menschen sie noch verehrten. Doch im selben Gedicht spricht er auch aus, dass diese Götter „Wesen aus dem Fabelland“, also erfunden, waren.

Max Frisch lässt seinen Erzähler in „Mein Name sei Gantenbein“ ganz viele Ichs erfinden und spielt durch, wie diese sein/ihr Leben erleben würden.

Hier legt sich nahe, den Titel „Wer bin ich und wenn ja, wie viele? “ anzuführen. Es ist aber nicht, wie der Titel vermuten ließe, ein psychologisches Buch, sondern ein Buch, das sehr locker in philosophische Fragen einführt, freilich nicht immer ganz exakt.

Schiller hat in seinem „Jüngling zu Sais“ vor der Erkenntnis der Wahrheit gewarnt. („Weh dem, der zu der Wahrheit kommt durch Schuld. Sie wird ihm nimmermehr erfreulich sein.“) Philosophen aber versuchten durchaus so viel von der Wahrheit zu erkennen, wie ihnen möglich war. Erst  im 20. Jahrhundert breitete sich die Vorstellung aus, dass Erkenntnis nicht wirklich möglich sei. (vgl. Hans Vaihinger, Konstruktivismus, Paul Feyerabends „Anything goes.“)

Das psychologische Konzept der Entstehung des Ichs lohnt einen eigenen ausführlicheren Blick. – Vielleicht ergibt sich dafür demnächst eine Gelegenheit.

Flüchtlinge

22. Februar 2010

Ein russischer Tanker dreht bei, eine Frau klettert die ca. 7 Meter hohe Strickleiter an der Schiffswand herauf, stürzt ab und wird an den Haaren aus dem Meer gefischt. Bei einem zweiten Versuch gelingt es ihr, an Bord zu kommen.
Ein Journalist hat mit einem Hilferuf über Satellitenhandy die Seenotrettung für ein Flüchtlingsschiff alarmiert, auf dem er mitgefahren ist, um über solche Flüchtlingsfahrten von Afrika zu den kanarischen Inseln zu berichten.
Als sie gerettet sind, erhält er alle notwendige Betreuung. Die Flüchtlinge, darunter die Frau mit ihrem Baby, wird wieder nach Afrika zurückgeschickt.
Sie werden es wieder versuchen.

Ricardo Dominguez ist es gelungen, das GPS-System des Motorola-i455-Handys geknackt und Hinweise auf Wasserstellen in der Wüste zwischen Mexiko und den USA einprogrammiert. Das so umgebaute Handy nennt er Transborder Immigrant Tool und will es an mexikanische Flüchtlinge verteilen lassen, damit diese eine größere Chance haben, diese Wüste zu durchqueren, ohne zu verdursten. (vgl. auch taz vom 19.11.09).

Es ist noch unklar, ob dies Hilfsmittel für illegal erklärt werden wird.

Abschreckung mit äußerster Lebensgefahr, das ist das Mittel, das die Industriestaaten, vornehmlich die USA und die EU, einsetzen, um ihre Bevölkerung vor dem „Eindringen“ von Flüchtlingen zu schützen.

Abschreckung mit äußerster Lebensgefahr, das ist das Mittel, das die Industriestaaten, vornehmlich die USA und die EU, einsetzen, um ihre Bevölkerung vor dem „Eindringen“ von Flüchtlingen zu schützen. Dafür setzen sie komplizierte elektronische Abwehrsysteme ein. Die Randstaaten der EU werden verpflichtet, dafür nachzurüsten. Jetzt halten Helfer der Flüchtlinge gegen.
Was sagen wir zu dem, was man tut, um uns vor Flüchtlingen zu schützen?

Wohlstand für alle

18. Februar 2010

Vergebens versucht die Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft ihren Marktradikalismus als unwesentliche Abweichung von Ludwig Erhards Sozialer Marktwirtschaft auszugeben. Der war für „Wohlstand für alle“.
Guido Westerwelle freilich hütet sich, mit irgend etwas, was als sozial gelten könnte, in Verbindung gebracht zu werden.

Freilich, an einem Punkt halten die Marktradikalen an Vorstellungen von Erhard fest:
Der Sozialstaat lässt sich nur mit ständigem exponentiellen Wachstum finanzieren.

Die Illusion, dass solches Wachstum – entgegen den Gesetzen der Mathematik – möglich wäre, ist beim Vater des „Wirtschaftswunders“ noch verzeihlich. Denn dass das Wachstum exponentiell war, fiel bei den (für exponentielles Wachstum völlig untypischen hohen) Wachstumsraten der Nachkriegsjahre nicht auf.
Doch nach dem Krieg bedurfte es einer Periode von 10 Jahren mit meist zweistelligen jährlichen Wachstumsraten, um die Nachkriegsarbeitslosigkeit von 12% bis zur Vollbeschäftigungsgrenze abzusenken. In einer hoch entwickelten Volkswirtschaft kann es solche Wachstumsraten aber nicht mehr über längere Zeit geben. Die gegenwärtige Arbeitslosigkeit kann also nicht durch Wirtschaftswachstum beseitigt, der Sozialstaat nicht durch Wirtschaftswachstum finanziert werden. Man muss deshalb andere Wege finden. Dass dieser Versuch unterbleibt, könnte unseren Staat unregierbar machen.

Meldungen des Tages

16. Februar 2010

* Furcht vor einer zweiten Immobilienblase

* Bei Offensive gegen Taliban werden Zivilisten getötet

* Nur drei von 54 Fischarten sind nicht überfischt

* Französische Soldaten wurden bei Atombombenversuchen dazu benutzt, die Auswirkung von Strahlung zu testen

Westerwelles Angriff auf Bundesverfassungsgericht und Grundgesetz

15. Februar 2010

Zunächst erschien es mir, als sähe man in der Öffentlichkeit allgemein, dass Westerwelle sich mit seiner Atacke gegen die Menschenwürde von Kindern und Arbeitslosen isolieren und sie deshalb bald zurückziehen würde.
Nach peinlichen Rechtfertigungsversuchen von seiten seiner Partei, die das arbeitslose Einkommen von Erben wieder und wieder verteidigt hat, es aber Schulkindern, Behinderten und Arbeitslosen nicht zugestehen will, muss ich hier doch ausdrücklich feststellen, dass Westerwelle damit nicht nur ein Verfassungsorgan und seine Grundgesetzinterpretation angreift, sondern, dass er sich damit außerhab unseres Geselschaftskonsenses positioniert.
„Wer arbeitet muss mehr bekommen, als wer nicht arbeitet“, das bestreitet Querschnittsgelähmten das Recht auf Teilhabe an unserer Gesellschaft; denn natürlich ist es aufwändiger die für sie notwendigen Hilfsmittel bereitzustellen als die für nicht Behinderte, es bestreitet Kindern das Recht auf Bildung, die nicht schulortnah genug wohnen.

Der Zeitpunkt seiner Äußerungen direkt nach dem Bundesverfassungsgerichtsurteil über die Mindestvoraussetzungen, die Kindern von Hartz-IV-Empfängern, seine Forderung nach einer Neudefinition des Sozialstaates macht deutlich, dass ihm die Orientierung des BVGs an der Menschenwürde fremd ist. Wenn das Geld nicht für Hotelbesitzerentlastung und Menschenwürde für Kinder reicht, muss Menschenwürde seiner Meinung nach zurückstehen.

Nachbemerkung vom 16.2.:
Die Schärfe der Formulierungen, die ich hier gewählt habe, hängt durchaus auch damit zusammen, dass ich im Augenblick nicht geneigt bin, alle problematischen Formulierungen im Einzelnen zu erörtern – wie etwa ‚Dekadenz des römischen Reiches‘ oder zu Differenzierung Anlass gebende Zusammenhänge wie die Schwierigkeit, unter den Zwängen der Finanzkrise sachlich richtigen Forderungen des BVG in eindeutig formulierten und finanzierbaren Gesetzen Rechnung zu tragen.
Was Westerwelle ’so formuliert, dass man mich versteht‘, spricht ein überaus komplexes Thema an, und wenn das BVG Regierung und Parlamenten ständig ins Einzelne gehende Forderungen präsentierte, wäre das gewiss ein Übergriff.
Nachtrag:
Der Politologe Franz Walter zu Westerwelles Brandrede und zur FDP als Steuersenkungspartei

Massiver Fehlstart von Googles „Buzz“

14. Februar 2010

Der gewalttätige Ex-Mann einer US-Amerikanerin wurde wegen regelmäßiger E-Mail-Kontakte automatisch der Freundesliste der Frau hinzugefügt – und fortan über all ihre sozialen Online-Aktivitäten informiert. Der inzwischen nicht mehr allgemein zugängliche Blogeintrag, in dem die Frau über ihre Erfahrungen berichtet, trug die Überschrift „Fuck you, Google“. Der Dienst habe dem gewalttätigen Ex ohne ihr Wissen ihren Aufenthaltsort und ihren aktuellen Arbeitsplatz verraten.

Dies berichtet Spiegel-online über das merkwürdige „soziale Netzwerk“, Buzz, das Google den Nutzern seines E-Maildienstes aufdrückte. Man musste schon sehr aufpassen, wenn man herausfinden wollte, wer da plötzlich alles mitlesen konnte, was man in diesem Dienst schrieb.
Trotz drei größeren Änderungsaktionen in vier Tagen kann von diesem Dienst weiterhin nur abgeraten werden. Denn – wie Spiegel-online weiter berichtet: „Auch weiterhin wird Buzz standardmäßig öffentlich machen, wessen Äußerungen ein Nutzer folgt und wer ihm selbst zuhört. Das ist etwa beim Kurznachrichtendienst Twitter genauso – doch die Privatsphäre-Ansprüche an den eigenen E-Mail-Account sind andere als die, die man an Social-Media-Dienste wie Twitter stellt.“

Ich selbst musste feststellen, dass schon auf die erste vorsichtige Testäußerung, die ich über diesen Dienst an eine Person richtete, die erstaunte Reaktion eines entfernten Internetbekannten eintraf, der sich wunderte, dass ich ihn mit einer solchen Mitteilung behelligte.
Jetzt muss ich damit leben, dass ich unfreiwillig mehr als einer Person mitgeteilt habe, dass mich jemand um die Interpretation eines Hölderlingedichtes gebeten habe.
Vielleicht will ich aber nur das Gerücht weiter verbreiten und schreibe deshalb etwas über Buzz?
Jedenfalls ist Buzz für mich zumindest so lange out, bis ich höre, dass es sich entscheidend gewandelt hat. Aber auch Google sehe ich jetzt eher als Datenkrake denn als freundlichen Dienstleister. Diese Fehlleistung von Google übertrifft die von Microsoft mit seinem Betriebssystem Vista.

Wer bin ich? (2)

12. Februar 2010

Bei meiner vorigen Argumentation habe ich (absichtlich) vorschnell die Möglichkeit verworfen, dass man beides ist: so, wie man sich von innen sieht, und so, wie man von außen gesehen wird. Ganz krasse Abweichungen dieser beiden Bilder für entscheidende Bereiche sind außergewöhnlich, meist krankhaft.
Aber selbstverständlich gibt es immer gewisse Abweichungen von Innen- und Außensicht, und es lohnt sich, seine Innensicht durch Urteile von außen in Frage stellen zu lassen. Gegebenenfalls kann man dann versuchen, sie zu korrigieren.
Einen Test, wie man von außen gesehen wird, kann man hier in die Wege leiten.
Speziell für Lehrer gibt es bei schule.net eine Möglichkeit sich von Schülern anonym, aber nicht-öffentlich bewerten zu lassen.

Allerdings habe ich einen Bereich, der es schwerer macht, die Identität einer Person zu bestimmen, weggelassen: das Unbewusste und das Unterbewusste. Schon vor Freud haben manche einiges davon gesehen. Erst seit Freud ist zumindest ein Grobverständnis der Bedeutung des Unterbewusstseins Allgemeingut geworden.

Auch in einem anderen Bereich habe ich zunächst das Verwirrende betont: bei den Erkenntnissen der Gehirnforschung.
Der Widerspruch zwischen Selbsterfahrung und den Erkenntnissen der Gehirnforschung ist nämlich nicht so bedeutsam, wie manche Gehirnforscher ihn darstellen. Denn – wie jede Wissenschaft – so betrachtet auch die Gehirnforschung nur ein Teilsegment der Wirklichkeit und das mit spezifischen, speziell für diesen Bereich entwickelten Methoden. Niemand wird von der Soziologie Erkenntnisse über den Aufbau des Atomkerns erwarten noch von der Physik eine Analyse von Rollenkonflikten.
Freilich behandelt die Gehirnforschung nicht etwa einen Bereich, der mit Psychologie, Pädagogik, Anthropologie und Philosophie nichts zu tun hat. Daher müssen diese Wissenschaften ihre Erkenntnisse einbeziehen und gegebenenfalls ihre bisherigen Annahmen korrigieren. Dazu später mehr.

Vorläufig halte ich an dieser Stelle ein Link zur Psychotherapie als Seelenaufräumungsmittel fest. Die darin angesprochenen Fragen sind m.E. durchaus interessant, ich werde sie vermutlich auch später nur sehr unvollständig behandeln.

Wer bin ich?

10. Februar 2010

Bonhoeffer wurde von Mitgefangenen und Wärtern bewundert, weil er in Gestapohaft „gleichmütig, lächelnd und stolz, wie einer, der Siegen gewohnt ist“ wirkte und erlebte sich doch selbst als „ein verächtlich wehleidiger Schwächling“ (so von ihm in seinem Gedicht „Wer bin ich?“ formuliert).
Wer sind wir, das, was wir von uns halten oder was man von uns hält?

Man könnte denken, die eigene Sicht wäre immer die richtige. Dann wäre Hitler ein Helfer der Menschheit gewesen, weil er die Juden vernichten wollte. Dann hätte ein Beinamputierter noch zwei Beine, nur weil er noch die Schmerzen im längst amputierten Bein spürt.

Wenn man die Alternative annimmt, dass wir sind, was Leute aus der Außensicht von uns halten, dann wäre der Mann, der seine Tochter gefangen hält und fortlaufend vergewaltigt, so nett und liebenswert, wie er nach außen scheint.

Die Antwort „Es gilt eben beides“ hilft nicht, wenn der Initiator des Holocaust gleichzeitig auch Helfer der Menschheit sein soll.

Ein anderes Problem: Faust fühlt ‚zwei Seelen in seiner Brust‘, und seitdem haben viele ähnlich empfunden. Welche Seele gilt?

Aufgrund seiner Beschränkung auf Empirie stellt David Hume fest, dass es überhaupt kein Ich oder Selbst gibt; denn das Ich bleibt im Laufe des Lebens ja dasselbe, aber die Empfindungen, die wir haben, wechseln ja ständig. (If any impression gives rise to the idea of self, that impression must continue invariably the same, thro’ the whole course of our lives; since self is suppos’d to exist after that manner. But there is no impression constant and invariable.) Die moderne Hirnforschung kommt ihrerseits zum Schluss, es könne keine Verantwortung geben, weil wir laut Experimenten immer schon handeln, bevor unser Gehirn den Entschluss fasst.
Den ganzen Versuchsaufbau hätten sie sich freilich nach Hume sparen können, da wir ja ohnehin alle Sekunde ein anderer werden und deshalb das neue Ich nicht für das zur Rechenschaft gezogen werden dürfe, was das vorige Ich vor 5 Minuten getan hat.

Je nun, bestraft werden durch Freiheitsentzug oder Folter ja nicht die Gehirnzellen und Nervenverbindungen, sondern nur das ohnehin nicht existierende Ich.

Was stimmt nicht in meiner Argumentation?

(Dazu vgl. die Fortsetzung)