Archive for März 2010

Von Hegel zu Marx

26. März 2010

Hegel hatte das Gefangensein in einer Vorstellungswelt anders überwinden wollen als Schopenhauer. Er verwies darauf, dass es nicht darauf ankomme, nachzuweisen, was wir nicht erkennen können, sondern das, was wir wahrnehmen, sinnvoll zu ordnen. Ausgehend vom Prinzip „Alles Wirkliche ist vernünftig“ gelang es ihm, Ordnung in unsere Begriffe, in die Natur und die doch gar so sinnlos erscheinende Geschichte zu bringen.

In der Weltgeschichte kommt die Welt zum Selbstbewusstsein. Der Geist erkennt sich selbst. Das geschieht dadurch, dass sich die Tierart Mensch entwickelt, die ein Bewusstsein von sich hat, und dass diese Menschen im Blick auf die Geschichte diese als vernünftig erkennen.

Das war Marx zu wenig. Er wollte die Welt nicht (wie Leibniz und Hegel) rechtfertigen, sondern zum Guten verändern.

Deshalb stellte er Hegels Philosophie vom Kopf auf die Füße: Die Weltgeschichte wird nicht vom Bedürfnis des Weltgeistes, sich zu verstehen angetrieben, sondern durch die Entwicklung des Menschen zur immer besseren Naturbeherrschung. Dafür entwickelt der Mensch immer aufwändigere Werkzeuge (Maschinen), die ihm immer mehr Arbeit abnehmen und dadurch seine eigene Arbeit produktiver machen.

Das funktioniert aber nur, wenn die Menschen sich die Arbeit aufteilen, sich spezialisieren. Man kann nicht gleichzeitig pflügen und die Sterne beobachten, daraus auf den Zeitpunkt der nächsten Überschwemmung durch den Nil schließen und dann auch noch alle Menschen anweisen und anleiten, das Land zu vermessen usw..

Das heißt, die Güter werden nicht mehr von einzelnen produziert, sondern von der Gesellschaft insgesamt. Dafür muss sie aber organisiert sein. Wenn die Produktionsweisen sich verändern, muss sich diese Gesellschaftsorganisation aber daran anpassen. Die Maschinenproduktion hat sich so weit entwickelt, dass nur noch ganz wenige wirklich gut verdienen, der Rest verdient schlecht oder ist arbeitslos.

Um das zu verändern, muss man dafür sorgen, dass alle genügend von den gemeinsam produzierten Gütern erhalten. Das geht nur, wenn nicht mehr einige wenige sich den Reichtum aneignen, sondern nur, wenn die Gesellschaft den Reichtum verteilt.

Sozusagen der Schritt wie von Hobbes zu Locke: Wie Locke die Freiheit für alle garantiert, indem er dem allmächtigen Staat die Aufgabe gibt, die Freiheit zu verteidigen, so garantiert Marx in einem wirtschaftlichen Gesellschaftsvertrag allen genügend Güter, indem er dem Staat die Aufgabe gibt, sie gerecht zu verteilen.

Von Kant zu Nietzsche und Freud

25. März 2010

Kants Erkenntnis, dass wir nicht die Welt an sich erkennen, sondern nur die Welt, wie sie sich unserem Verstande darbietet, regte Schopenhauer dazu an, einen ganz neuen Ansatz zum Weltverständnis zu suchen.

Die Erscheinungswelt ist gar nicht die Welt an sich, aber das, was uns im Leben bestimmt, ist ja aber auch gar nicht das Äußere, sondern der Wille, der uns immer wieder vorantreibt. Wenn man diesen unvernünftigen Willen überwindet, dann erst lebt man weise.

Nietzsche will den Pessimismus Schopenhauers überwinden und hält dagegen: Gerade der Wille ist gut. Es ist gut, leben und gestalten zu wollen. Der Weg zu fröhlichem Gestalten wird uns durch eine Philosophie des Mitleids (Schopenhauer) und der christlichen Nächstenliebe (Zuständigkeit gerade für den Armen und Schwachen) verstellt. Deshalb gilt es diese zu überwinden und einen Willen zur Veränderung (Wille zur Macht) zu entwickeln.

Freud dagegen setzt bei Schopenhauers Vorstellung vom Willen an. Wodurch entsteht der? In uns sind Triebe angelegt, die nach Erfüllung drängen. Dagegen aber stehen die Vernunftregeln der Gesellschaft. Unser persönlicher Wille entwickelt sich aus einem „Kompromiss“ zwischen Gesellschaftsforderungen und Trieben. (Wenn man die Triebe freilich allzu stark unterdrückt, wandern sie ab ins Unterbewusste und wirken von da aus besonders zerstörerisch, weil ungehindert.)

Zhuangzi

15. März 2010

Das Zhuangzi ist in Europa weit weniger bekannt als das Daodejing des Lǎozǐ und das Lúnyǔ des Konfuzius.
Das mag damit zusammenhängen, dass es weniger Weisheitslehren als vielmehr Geschichten enthält. Dabei spricht viel dafür, dass die „inneren Kapitel“ des Zhuangzi die älteste Form des Daoismus enthalten.
Was teils wie ein perspektivisch verschobener Fichte anmutet,

„Gäbe es keinen ‚Anderen‘, gäbe es kein ‚Ich‘. Gäbe es kein ‚Ich‘, gäbe es nichts, was den ‚Anderen‘ wahrnähme. … was macht, dass dem so ist, das weiß ich nicht.“

„Jede Bejahung ist die Verneinung von etwas anderem, und jede Verneinung ist die Bejahung von etwas anderem.“

gipfelt nach Geschichten über den Fisch Kun, den Vogel Peng und den Kaiser Yao in den Sätzen:

„Der höchste Mensch hat kein Ich.

Der spirituelle Mensch hat nichts geleistet.

Der Weise hat keinen Ruhm.“

Wer bin ich? (4)

11. März 2010

Zunächst möchte ich jetzt die Sicht Freuds einbringen: Das Ich als die Instanz, die sich aus dem Widerstreit zwischen den Forderungen der Triebe (dem Es) und den Erwartungen von außen (Überich) als steuernde herausbildet. Diese Vorstellung hat für mich mehr Erklärungswert als der Ego-Tunnel Metzingers.
Freud ist inzwischen weitgehend ins Allgemeinwissen eingegangen.
Dagegen ist das Bewusstsein dafür, dass ein Identitätsbewusstsein die Voraussetzung für ein sinnvoll steuerndes Ich ist, nicht ganz so allgemein verbreitet.
Dazu möchte ich – möglichst bald – eine Geschichte erzählen. Es ist eine Geschichte von Gedächtnisverlust, wie sie literarisch wertvoll Kathrin Schmidt in Du stirbst nicht gestaltet hat. Für meine Zwecke reicht aber eine ganz kurze Geschichte über einen Bekannten von mir.

Er kam eines Tages von einem Spaziergang nach Hause und erkannte (stressbedingt) Frau und Kinder nicht mehr. Zum Glück war sein Sohn wegen der Semesterferien zu Hause und war bereit, viel Zeit aufzuwenden. Tagelang ließ mein Bekannter sich erzählen und fragte ihn aus. Denn er wusste nicht nur nichts über seine Familie, sondern auch nichts mehr über seinen Beruf, seinen Arbeitgeber usw. .

Ohne Erinnerung an unser früheres Selbst haben wir keine Orientierung mehr im Leben, haben keine Ahnung, woran wir anknüpfen können … .

Eisfreie Nordostpassage im Blick

2. März 2010

Besonders für China und Japan ist sie als Verkehrsweg nach Europa interessant, für Russland als mögliche Geldquelle wegen der Durchfahrtsrechte und neuen Exportmöglichkeiten: die eisfreie Nordostpassage, die im Zuge des Klimawandels entlang der russischen Nordküste entstehen wird. So berichtet das SIPRI.
6 500 km kürzer als der bisherige Seeweg und auf absehbare Zeit piratenfrei. Das macht attraktiv.
Die negativen Folgen des Klimawandels spüren wir in Europa nur sehr am Rande, Xynthia hat uns aber daran erinnert, dass wir nicht nur Vorteile davon haben werden. (Immerhin drohten Baustellenteile des Fernbahnhofes am Frankfurter Flughafen auf die Autobahn zu stürzen.)
Demnächst mehr zum Thema.

Neuansatz in der Wirtschaftspolitik

1. März 2010

In seinem Essay Rethinking Macroeconomic Policy weist der Chefvolkswirt des IWF Olivier Blanchard darauf hin, dass seiner Meinung nach staatliche Eingriffe notwendig sind, um Finanzkrisen wie die ab 2007 zu verhindern, notwendig sind, weil der Markt allein Fehlentwicklungen nicht verhindern könne. Das bedeutet eine Abkehr von der neolassischen Wirtschaftstheorie und ein Anknüpfen an Keynes und dessen nachfrageorientierte Theorie.