Sarrazindebatte – Fluch oder Segen?

Bei der Asylbewerberarbeit Ende der 80er/Anfang der 90er Jahre meinte eine Frau, die aktiver war als ich: „Wenn der Staat nicht mehr tut, schaffen wir es nicht, dann muss etwas gegen den Strom von Asylbewerbern getan werden.“
Ich weiß noch, dass ich es nicht glauben wollte, aber weil sie es war, die es sagte, hielt ich es für gut möglich, dass sie Recht hatte. Deutschunterricht für Asylbewerber aus fünf Ländern, sieben verschiedenen Niveaus und deutlichen Altersdifferenzen kam nicht recht voran. Angesichts der beschränkten Zeit, die ich hatte, habe ich mich dann für Einzelunterricht entschieden, der weit befriedigender verlief. Wie viele blieben außen vor?
Nach dem „Asylkompromiss“, der zum höchst fragwürdigen Grungesetzartikel 16a führte (bei der Aufzählung der Grundrechtsartikel vor dem Reichstagsgebäude hat man ihn bezeichnenderweise weggelassen), entspannte sich für uns die Situation.
Ich verlor meinen letzten Schüler aus dieser Phase aus den Augen. Die Härte, die der Artikel bedeutete, wurde mir freilich vor Augen geführt, als ich von ihm einen Anruf aus Pakistan erhielt, wohin er abgeschoben worden war. Ich sah mich nicht mehr in der Lage, ihm zu helfen. Ob ich es gekonnt und auch getan hätte, wenn ich rechtzeitig informiert gewesen wäre, wage ich sehr zu bezweifeln. Es ist auch wegen dieses Anrufs, dass ich die EU-Flüchtlingspolitik für moralisch höchst fragwürdig halte (man verzeihe mir die beschönigende Redeweise, ich müsste sonst noch mehr dazu sagen).
Ich bin überzeugt, die Anschläge auf Flüchtlinge der frühen 90er Jahre sind nicht allein aufgrund der Lichterketten, sondern ganz wesentlich aufgrund der grundrechtsfeindlichen Asylgesetzgebung gestoppt worden (vgl. Verein Lichterkette, der auch heute noch viel Arbeit hat).
Diese Gesetzgebung hat also zu einer besseren Integration der Asylsuchenden geführt, die noch ins Land gelassen wurden. Andererseits ist sie verantwortlich für Tausende von Todesopfern, die es nicht schaffen, die Absperrungen der „Festung Europa“ zu durchbrechen.

Was hat das mit Sarrazin zu tun?
Seinem höchst fragwürdigen (beschönigend, vgl. oben) Buch haben wir es zu verdanken, dass das Buch „Das Ende der Geduld“ von Kirsten Heisig mehr ins Gespräch gekommen ist und dass eine differenzierte Darstellung der Situation der türkischen Einwanderer in die Bundesrepublik mir überhaupt bekannt geworden ist. Cem Gülay, der Autor des Buches  „Türken-Sam. Eine deutsche Gangsterkarriere“, spricht von gleich sechs unterschiedlichen Generationen türkischer Immigranten in Deutschland und reiht sich selbst unter die Generation der Kinder der Facharbeiter ein – er nennt sie „Generation Chance“, die eine Erfolgsgeschichte vorweisen könne. Er selbst stieg aber trotz erfolgreicher Schulkarriere mit Abitur, weil er sich in Deutschland diskriminiert fühlte, in eine Verbrecherkarriere um, bevor er zur Besinnung kam. Seine Aufforderung an die deutsche Mehrheitsgesellschaft: „Macht Schluss mit den Migrantenschulen. Verteilt Ausländerkinder nach Quoten auf eure Schulen. Erlasst knallharte Gesetze gegen Diskriminierung, so wie in den USA. Sonst werdet ihr bald ein Heer von Millionen weiterer Verbrecher und Gewalttäter haben, und die haben immer euch Deutsche zum Feindbild.“ (Cem Gülay laut Sternbericht vom 30.10.2009)

Es wäre noch viel mehr dazu zu sagen und zu verlinken. Im Augenblick stoppe ich hier.

Dieser Artikel führt den Artikel Kirsten Heisig und Sarrazin fort. Über Sarrazin braucht man nicht weiter zu diskutieren. Diskutieren sollte man über das Problem, das er falsch beschrieben hat.

vgl. auch: Integrationsdebatte, Integration, ZEIT vom 16.9.2010 Dossier, 38ff., Sigmar Gabriel in Zeit online
Kommentar von Hans-Ulrich Wehler

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