Archive for Februar 2011

„Nörgler, Neider und Niederschreiber sollten einfach mal die Klappe halten“,

28. Februar 2011

das forderte die Bildzeitung schon am 15.12.2010.

Guttenberg hat wie jeder Mensch eine zweite Chance verdient, meint Bundesforschungsministerin Annette Schavan in der Süddeutschen Zeitung.
Freiherr zu Guttenberg hat es jetzt in der Hand, dafür zu sorgen. Mit einem Rücktritt hätte er die zweite Chance.
Und die, die ihn um die Möglichkeit des Rücktritts beneiden, werden sich bestimmt nicht nörgelnd melden, wenn er seine Chance nutzt. Angela Merkel muss nun einmal da durch, schließlich hat sie ja mannhaft auch die Rücktritte von Merz, Stoiber und Koch durchgestanden.

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Was für Guttenberg spricht …

28. Februar 2011

Was für Guttenberg spricht:
1. Was er sich vorgenommen hatte, hätte auch andere überfordert. Das Thema war für eine Dissertation zu umfangreich. Professor Häberle hat nicht dafür gesorgt, dass das Thema auf die tatsächlichen Möglichkeiten des Promovierenden zugeschnitten wurde.
2. Er tut anscheinend nur nach außen so, als ob der die Kritik nicht ernst nähme.
3. Im Unterschied zu der Behauptung, Guttenberg habe Betrüger ermutigt, hat er vielmehr – unfreiwillig – darauf aufmerksam gemacht, wie unverfroren bei Promotionen betrogen wird und dass einige Professoren das in einigen Fällen offenbar billigend in Kauf nehmen.
Dass er dazu beigetragen hat, könnte zu einer gewissen Eindämmung der Betrugskultur führen.

Was dennoch gegen Guttenberg spricht:
All das, was für ihn spricht, hat er bisher nicht wahrhaben wollen.

Was zu hoffen ist:
Dass Guttenberg folgenden Hinweis von Ministerpräsident Böhmer beachtet:

Es gibt Dinge, die sind in der Öffentlichkeit merkwürdig schnell vergessen. Andere nicht. Das hat Einfluss auf die politische Bedeutung. (Wolfgang Böhmer (CDU) im Tagesspiegel vom 26.2.11)

Dass der Promotionsbetrug vergessen wird, dafür kann Guttenberg sehr viel tun. Entweder dadurch, dass er zurücktritt oder dadurch, dass er wirklich gute gute Arbeit macht.

Nach meiner Einschätzung ist beides relativ unwahrscheinlich. Aber ein guter Politiker bewährt sich erst in der Krise. Das Talent zum guten Politiker hat Guttenberg, ob er auch das Zeug dazu hat, aus dieser Krise das Nötige zu lernen, wird sich zeigen.

Macht Konstruktivismus Sinn?

18. Februar 2011

Wahrnehmung entsteht durch den Wahrnehmungsapparat, Erkenntnis durch den Erkenntnisapparat. Beide scheinen bei Menschen anders ausgebildet zu sein als bei Fliegen.
Wissenschaftliche Erkenntnisse sind konstruiert. Insbesondere welche, die sich falsifizieren lassen. Sonst wären sie Erfahrungen, tiefbewegend, prägend, unverstanden.
Der psychologische Konstruktivist lässt sich von Erfahrungen nicht auf eine Konstruktion der Welt festlegen, bewahrt sich Freiheit für eine andere, die ihm mehr Möglichkeiten bietet.

Interpretation von Erfahrungen, Situationen können Handlungsmöglichkeiten erschließen, nicht nur für sich selbst, sondern auch für andere, denen man sie erschließt.
D.h. durch Interpretation kann man andere zum Handeln ermächtigen.

Andere ermächtigen zu können ist eine Macht. Interpretationsfähigkeit ist also Macht.
Interpretieren heißt, einen Sinn hineinlegen, herauslesen, Sinngebung des Sinnlosen.
Sinngebung bedeutet Macht.

Andererseits erleichtert Macht es, die Interpretationshoheit über eine Situation zu gewinnen.
Wer Geld hat, braucht nicht um Hilfe zu bitten, sondern kann Arbeitsplätze anbieten.
Wer befördern kann, kann festlegen, welches Verhalten beförderungswürdig, also richtiges Verhalten ist.
So kann der Staat eine wissenschaftliche Leistung danach bewerten, wie weit sie Drittmittel angezogen hat.

Macht schafft Macht.

Frage: Wie weit sind wir in der Interpretation einer Situation, einer Erfahrung, einer Sozialbeziehung frei, wenn sie dadurch geprägt ist, dass andere Machtmittel haben: Folterkammern (wie Nazis in Deutschland und Besatzungsmächte im Irak), Medien zur öffentlichen Interpretation der Situation (wie Diktatoren und Berlusconi)

Auswirkungen der Veränderungen in Nordafrika

17. Februar 2011

Der Präsident der USA berichtet: „Junge Ägypter haben mir gesagt: Zum ersten Mal in meinem Leben zählt meine Stimme. Ich bin zwar nur ein Einzelner, aber so funktioniert eben echte Demokratie.“

Der amerikanische Terrorismusexperte Bruce Riedel erhofft sich eine Isolierung der Terroristen, wenn es gelingen sollte, die Muslimbrüder in ein demokratisches Ägypten einzubinden.

Der ägyptische Student Karim Khashaba berichtet, viele junge Ägypter hätten auf Facebook erstmals etwas von Menschenrechten gehört. (Drei Nachrichten, die ich der ZEIT vom 17.2.11 entnehme.)

Das sind gute Nachrichten für uns. Die Kluft zwischen der islamischen Welt und dem Westen scheint sich ein wenig zu schließen. (Nicht dank der Folterer von Abu Ghureib)

Aber das bedeutet auch etwas anderes: Die demokratischen Systeme werden nicht mehr so willig sein, ihre Bürger mit Gewalt an Auswanderung zu hindern (Lampedusa beweist es), und die Flüchtlinge werden die Menschenrechte kennen, wenn sie mit Gewalt an der Einreise in Europa gehindert werden. Jährlich sterben über 30 mal so viel Menschen an den europäischen Grenzen, als in Zeiten der DDR an der deutschen Grenze im Jahr dem Schießbefehl zum Opfer fielen.

Es könnten Zeiten kommen, wo die nordafrikanischen Bürger die Wahrung der Menschenrechte in Europa einfordern werden. Und es bleibt noch abzuwarten, ob sie dann so viel Geduld beweisen wie wir mit den Folterregimen von Zine el-Abidine Ben Ali und Husni Mubarak.

Sollen wir dennoch die Veränderungen in Nordafrika begrüßen?

Nachtrag vom 7.8.11:

Überlegungen zur zukünftigen Entwicklung in Ägypten und Nordafrika

Folgen der Demokratisierung

13. Februar 2011

Die Diktatoren halten die Flüchtlingsströme nicht mehr zurück. (Spiegel online 13.2.11):

Die italienische Regierung fürchtet gar, das die Situation außer Kontrolle gerät – und bittet die Europäische Union um Unterstützung. Brüssel solle „umgehend“ Einheiten der EU-Grenzschutzagentur Frontex nach Tunesien schicken und diese entlang der Küste patrouillieren lassen, hieß es in einer Mitteilung des Außenministeriums in Rom.

Die Bewohner von Lampedusa haben „Angst, dass die Touristen ausbleiben, weil sie ihren Urlaub nicht hautnah am Flüchtlingselend verbringen wollen. So war es in den Sommern 2008 und 2009. Als binnen eines Jahres 20.000 Iraker und Afghanen, Kurden, Senegalesen, Nigerianer und viele andere Lampedusa als Tor zu Europa nutzen wollten, hatten die über dreißig Hotels der Insel viele leere Betten. […]
Die Wirtschaft dieser Länder müsse gefördert werden, damit die jungen Menschen Jobs und Entfaltungsmöglichkeiten fänden und sich nicht gezwungen sähen, ihr Land zu verlassen. Ähnliche Vorschläge gibt es seit vielen Jahren. Doch nie haben die EU-Staaten auch nur ansatzweise daran gedacht, die Südküste des Mittelmeeres wirklich in ihre langfristige politisch-ökologische Strategie einzubauen. Eine ordentliche Summe Geld floss, mit dem sich die Oberschicht die Taschen füllte. Das war es. Mehr brauchte es auch nicht. Denn dort sorgten ja Diktatoren für die erwünschte Ruhe.“ (Spiegel online 13.2.11)

Europäische Presseschau in 10 Sprachen

10. Februar 2011

Eine europäische Presseschau aus über 30 europäischen Zeitungen in 10 europäischen Sprachen und ein Euroblog zu Europathemen bedeutet einen Schritt in Richtung Europäische Öffentlichkeit.

Dem Euroblog entnehme ich den heiteren Vorschlag für den Einsatz von Paul, dem Kraken. Man stellt ihm nicht nur Fußballfragen, sondern auch Fragen zur europäischen Politik, z.B.:

Wer tritt zuerst aus der Eurozone aus, Griechenland oder Deutschland? (Wenn er die falsche Antwort gibt, so verfahre man ganz nach EU-Usus und lege ihm die Frage einfach noch einmal vor!)

Schade, dass Paul inzwischen verstorben ist.

Erstaunte Frage in der niederländischen Presse: Wieso haben die Deutschen keine Angst vor Terrorismus in ihrem Land?

Einkommensungleichheit gefährdet die Ökonomie

1. Februar 2011

Inzwischen denken viele Volkswirte um. Denn es mehren sich die Belege dafür, dass krasse Gegensätze zwischen Arm und Reich nicht nur eine moralische Dimension haben, sondern handfesten ökonomischen Schaden anrichten. (ZEIT online vom 1.2.11)

Moralisch falsch ist eine extreme Kluft zwischen Arm und Reich schlicht deswegen, weil sie einer großen Gruppe empfindliches Übel zufügt, ohne einer anderen einen wesentlichen Vorteil zu bringen.
Politisch gesehen gefährdet eine solche Kluft die Stabilität einer Gesellschaft, weil die Unzufriedenheit der Benachteiligten früher oder später zu Aufständen und Umstürzen führt.
Ökonomisch falsch ist sie, weil Ressourcen nicht dahin geleitet werden, wo sie den größten Nutzen erbringen.

Das war im Prinzip schon lange bekannt. Nur waren viele Ökonomen von der Vorstellung beherrscht, die Chance, größere Vermögen zu bilden, werde auch zu immer größeren ökonomischen Leistungen führen („Leistungsanreize schaffen!“) Die Finanzkrise brachte jetzt freilich so schlagende Beweise dafür, dass Extremrenditen die wirtschaftliche Stabilität gefährden, dass immer mehr Ökonomen umdenken