Thesen zur Gerechtigkeit

1. Gerechtigkeit ist aus verschiedenen Komponenten zusammengesetzt.

  • Unparteilichkeit („ohn Ansehn der Person“)
  • Gegenseitigkeit („wie du mir, so ich dir“)
  •  Gleichbehandlung („Gleiches gleich, Ungleiches ungleich“)

Daher gibt es keinen Bereich, wo man nur von Gerechtigkeit und nicht auch von Unparteilichkeit oder Gegenseitigkeit oder Gleichbehandlung sprechen kann.
2. Gerechtigkeit unterscheidet sich von Fairness dadurch, dass sie nicht von einer Person ausgeht, sondern von einer Autorität/Institution.
3. Gerechtigkeit hat eine konfliktmindernde Funktion in Gruppen oder Gesellschaften („Schmiermittel“).
4. Gerechtigkeit spielt nicht nur in Konflikten eine Rolle, weil sie Konflikte verhüten kann.
5. „Gerechtigkeit verlangt den Blick mit den ‚Augen der Menschheit’“ (A. Sen Die Idee der Gerechtigkeit, S.157)

Begründung:

a. Lokal oder zeitlich beschränkte Kriterien werden Gesamtzusammenhängen nicht gerecht.1

b. Wir leben inzwischen in einer Weltgesellschaft2, deshalb muss es zwischen allen Menschen gerecht zugehen, wenn Konflikte vermieden werden sollen.

1Plato u. Aristoteles hielten Sklaverei und Kindstötung für angemessen, weil sie es nicht anders kannten.

2Wenn sich unser Verhalten nahezu unmittelbar auf andere auswirkt, gehören wir in dieselbe Gesellschaft wie diese anderen.

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2 Antworten to “Thesen zur Gerechtigkeit”

  1. ehrenpreis Says:

    Nach intensiven – aber immer noch rudimentären Forschungen fehlt mir immen noch jeder Hinweis, was denn Gerechtigkeit ist. Unparteilichkeit, Gegenseitigkeit, Gleichbehandlung, Fairness, Lastenausgleich, Gleichberechtigung, Diskriminierungsvermeidung, Lohngleichheit, Intergenerationsausgleich, Umweltgerechtigkeit, artgerechte Ferkelzucht – die Forderungen bilden sinnvollerweise einen ganzen Strauß von Handlungsqualitäten, denen man einen hohen moralischen Wert zuspricht. Und wenn wir dann noch die Gerechtigkeit nach Art der Alten als personales Prädikat begreift, das sich in Angemessenheit, der Wahl der richtigen Mitte zwischen den Proportionen äußert, dann haben wir den ganzen konfusen Brei den man nur deftig patschen und kneten muss, um die passenden Wurfgeschosse für die Saalschlacht der Parteiungen zu ballen.

    „Die heute populären Theorien, die sich als Theorien der Gerechtigkeit ausgeben, haben einen gemeinsamen Ansatz: Sie bieten eine Suggestiv-Definition der Ausdrücke ‘gerecht’, ‘Gerechtigkeit’ usf. an. Dabei werden mit dem Prädikat ‘gerecht’ Verteilungsstrukturen bezeichnet. Mit dieser Suggestiv-Definition soll ein Explikatum des Begriffs Gerechtigkeit eingeführt werden – nämlich der einzige „wahre“ Begriff der Gerechtigkeit (Sünde des Essentialismus). Die Definition hat folgende Struktur: Ein Verteilungssystem ist „gerecht“ im Sinne der betreffenden Moralphilosophie genau dann, wenn es dem von dieser Philosophie postulierten Gerechtigkeitskriterium entspricht. (Wie Bertrand Russell bemerkte, hat Postulieren die Vor- und Nachteile des Diebstahls gegenüber ehrlicher Arbeit.) Anstatt davon auszugehen, Vorstellung einer Verteilungsgerechtigkeit (methodologischer Individualismus), ist ihr Ausgangspunkt die Vision einer egalitären Gesellschaft (Kollektivismus); ein Zustand, der dieser Vision entspricht, wird als ‘gerecht’ deklariert. Von dieser Vorstellung einer Verteilungsgerechtigkeit könnte dann gegebenenfalls auf die Gerechtigkeit von Handlungen geschlossen werden. Das heißt, das Pferd wird von hinten aufgezäumt, und man bewegt sich dabei in einem Zirkel. Verschiedene sogenannte Gerechtigkeitskriterien wurde angeboten. Vor allem folgende sind bekannt und beliebt: Gerechtigkeit als „Fairness“ (John Rawls), Gerechtigkeit als Unabweisbarkeit (nonrejectability, T. M. Scanlon), Gerechtigkeit als Unparteilichkeit (impartiality, Brian Barry). Kurz, Gerechtigkeit wird expliziert als etwas anderes als Gerechtigkeit (Jasay 1996).“ (Radnitzky, Gerard: Zeitgenössische Gerechtigkeitstheorien unter der logischen Lupe; Aufklärung & Kritik 2/1996)

    Oder mit Rawls eigenen Worten: „Wenn man sich auf die Idee der politischen Philosophie als Versöhnung beruft, muß man behutsam verfahren. Denn die politische Philosophie ist stets in Gefahr, missbraucht zu werden, um einen ungerechten und unwürdigen Status quo zu rechtfertigen und somit im Marxschen Sinn ideologisch zu werden. Von Zeit zu Zeit müssen wir die Frage aufwerfen: Ist die Konzeption von Gerechtigkeit als Fairneß […] in dieser Hinsicht ideologisch?“ (Rawls, John (2006): Gerechtigkeit als Fairneß. Ein Neuentwurf. Frankfurt/M., S. 23, Fn. 4.1)

    Frans de Waal* macht eine leicht spöttelnde Bemerkung über Rawls Theorie der Gerechtigkeit. Seiner Meinung nach geht es bei Gerechtigkeit um das uralte wechselseitige Vermittlung von Dankbarkeit, Verpflichtung, Vergeltung und Entrüstung, wie wir sie auch bei unseren Vorfahren im Tierreich finden.

    Mein Theorie-Problem: was leistet in diesem Zusammenhang eine Definition und eine Theorie der Gerechtigkeit?

    *vergl. Waal, Frans de: Der gute Affe. Der Ursprung von Recht und Unrecht bei Menschen und anderen Tieren, dtv, München 2000

  2. apanat Says:

    Sehr viele Menschen haben von derselben Art von Vorgängen und Zuständen den Eindruck, dass sie Unrecht sind, z.B. wenn Menschen die grundlegenden Menschenrechte entzogen werden.
    Andererseits gibt es sehr unterschiedliche Vorstellungen darüber, was gerecht ist. In China und den USA z.B. hält man es für gerecht, wenn jemandem, der gegen bestimmte Gesetze verstoßen hat, das Recht auf Leben genommen wird.
    Da wir aber in der Welt immer stärker voneinander abhängen, wäre es wünschenswert, wenn wir unsere Vorstellungen über Recht und Unrecht stärker aneinander angleichen könnten und unsere Vorstellungen von Gerechtigkeit einander annähern könnten.
    Ich bin der Meinung, dass das durch öffentlichen Vernunftgebrauch möglich ist, auch wenn wir nicht in jedem Bereich Übereinstimmung in allen Einzelheiten erzielen können.

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