Perspektiven auf Gerechtigkeit

Wenn man Gerechtigkeit „als einen idealen Zustand des sozialen Miteinanders, in dem es einen angemessenen, unparteilichen und einforderbaren Ausgleich der Interessen und der Verteilung von Gütern und Chancen zwischen den beteiligten Personen oder Gruppen gibt“ (Wikipedia; vgl. auch Schwemmer in: Enzyklopädie Philosophie und Wissenschaftstheorie, Stuttgart 1995) versteht, so kann man in einer bestehenden Gesellschaft grundsätzlich zwei verschiedene Perspektiven entwickeln.
Zum einen kann man den gegenwärtigen Zustand als im Wesentlichen richtig ansehen. Dann wird man bei jeder Störung des Status quo einen Ausgleich fordern, der Gerechtigkeit wiederherstellt. Das kann sein als Strafe (wie Cameron bei den Unruhen in England und Gadhafi beim Ausbruch der Rebellion) oder als Wiedergutmachung (Wiederherstellung des früheren Zustandes – z.B. in der Finanzkrise Zurücknahme der Deregulierungen oder irgendeinen – meist unzureichenden – Ersatz dafür wie etwa Schmerzensgeld).
Man kann den Zustand aber auch als grundsätzlich verkehrt ansehen, dann wird man eine völlig neue Ordnung fordern (z.B. in einem totalitären System Abschaffung des Systems aufgrund freier Wahlen (vgl. Arabischer Frühling), in der Finanzkrise Abschaffung des Kapitalismus)

Die Perspektive auf Gerechtigkeit hängt aber auch davon ab, ob man sich durch die gegenwärtige Situation benachteiligt sieht oder bevorzugt. Meist wird man in der Situation des Benachteiligten stärker auf Ausgleich oder Systemänderung bestehen als in der Situation des Bevorzugten.
Nun fällt auf, dass aber dennoch immer wieder Bevorzugte eine Änderung des Systems gefordert haben. Das gilt für alle Revolutionäre, die aus der herrschenden Schicht hervorgegangen sind, das gilt aber auch für all die Dritte-Welt-Gruppen oder Anhänger von Attac in den Industrieländern.

Der stärkste mir bekannte Ausdruck für das Bedürfnis, nicht Nutznießer eines ungerechten Systems zu sein, ist die Formulierung „Wenn schon im Konzentrationslager, dann lieber als Insasse denn als Wächter.“
Doch Ähnliches zeigt sich auch bei bei Schuldgefühlen von Überlebenden des KZs gegenüber den ermordeten Angehörigen und Kameraden. (Überlebenden-Syndrom)

Falls jemand wissen wollen sollte, für wie ungerecht ich unsere Gesellschaft halte:

Ich plane noch nicht, als Wanderarbeiter nach China zu gehen,  um der ungerechten Bevorzugung entgehen. Aber ich halte einen Hartz IV-Empfänger, der nichts dafür tut, einen Arbeitsplatz zu bekommen, für in einer moralisch weit bevorzugteren Position als einen Manager, der für die Milliardenverluste seiner Firma Boni in Millionenhöhe erhält.

Dieser Manager würde freilich in meiner Achtung sehr steigen, wenn er aussteigen und bei Finance Watch arbeiten würde. Dagegen verändert sich meine Achtung gegenüber jemandem, der seinen Arbeitsplatz verliert, nicht. So sehr das auch in unserer Gesellschaft seine Selbstachtung gefährden wird.

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4 Antworten to “Perspektiven auf Gerechtigkeit”

  1. Franz Xaver Schröder Says:

    Hat der Bevorzugte nicht immer eine einfach Möglichkeit, seine Bevorzugung auszugleichen, ja sogar in eine Benachteiligung zu verändern? Die eine oder andere macht das ja auch, auch wenn sie einen anderen Namen hat als Mutter Theresa.

    Den normalen „Bevorzugten“ bleibt – wenn sie nicht einfach unmoralisch sind – das Problem der Rechtfertigung ihrer Vorzüglichkeit. Ist das der Grund, warum in fast allen (liberalen) Gerechtigkeitsdefinitionen von „Chance“ geredet wird – obwohl niemand sagen kann, was das sein soll? (Garantie, reale Möglichkeit, statistische Wahrscheinlichkeit, Zufall, Glück, Schicksal …?)

    – Luhmann nennt „Chancengleichheit“ eine utopische Formel, welche die Härte der Wirklichkeit verdecken soll. (Luhmann, Niklas: Die Politik der Gesellschaft, Suhrkamp S.427) Dass die Politik sich selbst befriedigt mit diesem Begriff, liegt an der Disponibilität der Kausalzurechnungen (Luhmann a.a.O. S. 402). –

  2. apanat Says:

    Ich habe ein wenig Schwierigkeiten mit der Terminologie. Soll die Konstellation des Bevorzugtseins als Vorzüglichkeit bezeichnet werden?
    Andererseits: Individuell auf Bevorzugung zu verzichten, ist relativ einfach (Man spendet so viel, dass man sich auf dem Niveau des angestrebten Durchschnitts befindet (individuelle Lösung). – Wie aber, wenn man anstrebt, dass die Bevorzugungen ganz allgemein reduziert werden?

  3. Franz Xaver Schröder Says:

    Wenn man anstrebt, dass die Bevorzugungen ganz allgemein reduziert werden, muss man Freiheiten abschaffen und mit Gewalt Chancen-Gleichheit durchsetzen.
    So wäre das Paradox sichtbar: nur jemand, der die Macht hat, Bevorzugungen zu reduzieren, der kann Bevorzugungsentscheidungen treffen.
    Nur eines wir er nicht können, die Bevorzugung der eigenen ‚Bevorzugungsreduktionsbestrebungen‘ zu reduzieren.

  4. apanat Says:

    Deshalb ist Rawls auch für den Vorrang der Freiheit vor allem anderen.

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