Archive for Oktober 2011

99 Prozent

29. Oktober 2011

Von der Sache mir nicht neu, bemerkenswert scheint mir aber die Mobilisierung, die Occupy Wall Street erzeugt.

Leute, die besser formulieren können als ich, bisher aber viel zu lange die Zerstörung von Lebensgrundlagen hingenommen haben, ohne sich ernsthaft zu melden, fangen an sich zu regen.

So Ulrich Beck in der taz:

 Die Menschen machen unter dem Diktat der Not eine Art Blitzkurs über die Widersprüche des Finanzkapitalismus in der Weltrisikogesellschaft durch. Die Berichterstattung der Massenmedien deckt die radikale Trennung zwischen denjenigen auf, die die Risiken erzeugen und von ihnen profitieren, und denjenigen, die die Folgen ausbaden müssen.

Leider – muss ich hinzusetzen – deckt sie die erst sehr neuerdings auf.

Wieder Beck: „Politiker, wie in Deutschland Angela Merkel und Peer Steinbrück, die vor kurzer Zeit noch den ungeregelten Kapitalismus hochleben ließen, vollziehen bei Nacht und Nebel einen Meinungs- und Fahnenwechsel zu einer Art Staatssozialismus für Reiche.“ (gut gesagt!)
Dazu Dierk Hirschel in der Frankfurter Rundschau vom 29.10.11: „In der Finanzmarktkrise warf die EZB für die Banken die Notenpresse an. Ackermann, Blessing & Co. hinterlegten ihre nahezu wertlosen Vermögenswerte als Sicherheiten im Eurotower. Im Gegenzug gab es frische Kredite zum günstigen Leitzins. Die Banken griffen kräftig zu. Die Mülldeponie der Geldhäuser ist inzwischen fast viermal so groß wie der angebliche Friedhof der Staatsanleihen.“
Doch für die Rettung von Staaten vor dem Bankrott traut man sich nicht, die Zentralbanken einzusetzen. Von Seiten der Finanzwirtschaft ist das gewollt.
Wieder Dierk Hirschel: „Die Zukunft der Staatsfinanzierung ist eine Machtfrage geworden. Solange der Staat sich nur auf privaten Kapitalmärkten finanziert, können die Märkte die Politik vor sich hertreiben.“

Die Alternative zeigt Ulrich Beck auf (vgl.o.): „Im Bündnis zwischen globalen Protestbewegungen und nationalstaatlicher Politik könnte jetzt langfristig durchgesetzt werden, dass nicht die Wirtschaft die Demokratie, sondern die Demokratie die Wirtschaft dominiert.“
Natürlich ist das nur eine Möglichkeit. Eine Katastrophe ist wahrscheinlicher, denn:
wiederum Beck: „Der überzeugendste und ausdauerndste Gegner der globalen Finanzwirtschaft – ist die globale Finanzwirtschaft selbst.“
Und wenn die sich zerschlägt, statt ihre Überführung in ein vernunftgeleitetes System zuzulassen, dann wird es schwierig für uns 7 Milliarden, und die Ökologie erhält eine Erholungspause, die unsere Enkel vielleicht besser nutzen werden als die heute lebenden Entscheider.
Ehrlich gesagt: Meine Solidarität liegt eher bei den heutigen 7 Milliarden als bei unserer Enkelgeneration.

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Wer sitzt am längeren Hebel?

27. Oktober 2011

25% über den aktuellen Marktpreis hinaus sollen die Banken für ihre Griechenlandanleihen erhalten, wenn sie sich auf den Schuldenschnitt einlassen. Und natürlich die Hilfen, die sie brauchen, damit sie nicht pleite gehen, falls sie sich zu arg verspekuliert haben.

„Die Hilfe kriegen wir erfahrungsgemäß sowieso. Lassen wir die Staaten erst einmal ein wenig zappeln“, scheinen sich die Bankenvertreter zu sagen, denn noch hängt die Regelung in der Luft.

Wenn die Staaten Geld für ihren Hebel haben wollen, sollen sie erst einmal unsere Verluste sozialisieren, ist die Sicht der Banken.

Wer sitzt am längeren Hebel? Der, der ihn haben will oder der, der ihn finanzieren soll?

Mittelfristig gibt es freilich an dieser künstlichen Eurokrise für die Banken so viel Geld zu verdienen, dass sie sie wohl länger am Köcheln halten wollen. Ob die soziale Stabilität noch so lange vorhält, bis die Banken glauben, dass nichts mehr zu holen ist?

Dolchstoßlegende 2011

27. Oktober 2011

„Die Deutsche Bank, ein Leuchtturm der Finanzwirtschaft, war stets erfolgreich. Nur der Staat reguliert zuviel, deshalb läuft die Wirtschaft nicht wie sie soll.“

Das ist die Legende.

Meine Wahrnehmung:

Als 2008 die Finanzkrise auch den deutschen Banken bewusst wurde, kam Josef Ackermann zur Kanzlerin und sagte: „Ihr müsst uns retten, sonst bricht alles zusammen!“ (So wie Ludendorff  Ende September 1918 zur Reichsregierung kam und sofortige Waffenstillstandsverhandlungen forderte. Die Front könne jeden Tag zusammenbrechen.)

Die Kanzlerin, bisher noch nicht als Bankerin ausgewiesen, fragte: „Wie sollen wir das tun?“ Ackermann erklärte es ihr. Vor allem muss das Vertrauen in die Banken wiederhergestellt werden, und die Banken brauchen billiges Geld, damit keine Kreditknappheit eintritt.

Nach außen teilt er mit: „Die Deutsche Bank hat keine Probleme.“ (So wie Ludendorff, als er erfuhr, dass die Alliierten bei den Verhandlungen davon –  zu recht – ausgingen, dass sie dabei seien zu siegen, und deshalb äußerste Zugeständnisse forderten, für den sofortigen Abbruch der Verhandlungen eintrat und äußersten Widerstand forderte.)

Die Devisenspekulanten sahen jetzt die Chance auf einen Zusammenbruch des Staatshaushalts Griechenlands zu spekulieren, weil die übrigen Eurostaaten bei der Bankenrettung so hohe Risiken aufgehäuft hatten, dass sie keine Lust haben würden, jetzt auch noch Griechenland zu helfen. Als die Zinsen griechischer Staatsanleihen daher enorm stiegen, kaufte man fürs laufende Geschäft die Anleihen, weil sie viel mehr Zinsen brachten, als die Banken der Bundesbank zahlen müssen. Devise: „Im Zweifelsfall holt uns Angela schon raus. Der Josef wird es ihr wieder klar machen.“ (Inzwischen hat die Deutsche Bank Zeit gefunden, ihre Griechenlandanleihen wertzuberichtigen.)

Was tut Angela? Natürlich so, als ob die Banken nach ihrer Pfeife tanzten. Und Josef Ackermann sagt: „Die Deutsche Bank macht keine Fehler. Und die Bundesregierung ist besser als ihr Ruf: Zwar manchmal macht sie Fehler, aber am Ende macht sie doch das, was sie soll.“

Dem Diktat der Finanzindustrie zu folgen ist aber keine Politik. Und was für die Kapitalrendite der Deutschen Bank gut ist, ist noch lange nicht gut für die europäische Wirtschaft, noch nicht einmal für die deutsche.

Was lehrt uns Occupy Wall Street (OWS)?

21. Oktober 2011

In der Demokratie lassen sich nicht alle die ganze Zeit hinters Licht führen.

Dass mit Occupy Wall Street sich eine weltweit koordinierte Bewegung gebildet hat, die Korrekturen, die  2008 notwendig wurden, weltweit einfordet, hat mit dreijähriger Verzögerung auch den Mainstream dazu gebracht festzustellen, dass die westlichen Politiker 2008 völlig davor gescheitert sind, die Fehler der Deregulierung zurückzunehmen.
Wenn ein der ideologischen Kapitalismuskritik so unverdächtiger Mann wie Uwe Jean Heuser im Wirtschaftsteil der ZEIT (im Feuilleton stand Ähnliches schon früher) schreibt:

„Diese nunmehr fast fünf Jahre währende Finanzkrise geht erst vorbei, wenn die Staaten eine andere Finanzindustrie geschaffen haben – eine, die der Gesamtwirtschaft dientund nicht sich selbst bedient. Eine Finanzindustrie, die für die von ihr eingegangenen Risiken geradesteht, statt noch jeden Fetzen Gewinn mitzunehmen und dann im unweigerlich folgenden Notfall den Staat zu Hilfe zu rufen. Die ihre Leute gut bezahlt, wenn sie ihrem Arbeitgeber und der Gesellschaft dienlich sind, und schlecht, wenn ihre Rechnungen nicht aufgehen.“ (ZEIT vom 20.10.11, S.23)

Wenn so jemand das schreibt, dann dürfen auch andere sich zugestehen: Ja, der Kaiser ist nackt. Ich wollte es mir selbst nicht zugeben, weil nur die bösen Linken es gesagt haben, aber er ist nackt.

Was soll eine Unternehmer auch anderes haben denken können, als die Banken mit Hunderten von Milliarden subventioniert wurden, kostenloses Geld bekamen und auch damit nur weiter spekulierten, statt es an die übrige Wirtschaft weiterzuleiten?

Keine rechte Genugtuung, aber eine gewisse Beruhigung stellt sich ein, dass man jetzt nicht immer wieder mit neuen Beispielen (hier im Blog seit 27.5.08) die Selbstverständlichkeiten ans Volk zu bringen versuchen müsste.

Interessant, dass selbst Schirrmacher in der FAZ nicht das erreicht hat, was Occupy Wall Street gelungen ist: Jetzt ist es heraus. Es hat länger gedauert als im Fall Guttenberg. Keinesfalls, weil die Sache undurchschaubarer gewesen wäre, sondern deshalb, weil die Finanzindustrie stärker ist als selbst der beliebteste Politiker und Milliardär.

Natürlich fängt die Arbeit jetzt erst an. Jetzt muss auch in der Politik und der Wirtschaftswelt die Vernetzung des Mainstreams zu dieser Frage losgehen und trotz aller widerstreitenden Einzelinteressen erreicht werden, dass wenigstens ein Minimum der selbstverständlichen Regelungen getroffen werden, die verhindern können, dass die Finanzindustrie die Weltwirtschaft ruiniert. (dazu gehören: Finanztransaktionssteuer, um wenigstens die Nanosekundenspekulation zu beseitigen, Rückbau der in den Basler Verträgen geschaffenen Deregulierung) Gar keine leichte Aufgabe. Aber wenn endlich  auch der Mainstream die Notwendigkeit einsieht, auch keine hoffnungslose.

Kann Web 2.0 Lehrer überflüssig machen?

18. Oktober 2011

Die Lernspielwiese meint: nein. Sie begründet:

Vielmehr werden wir Mentoren, Facilitators, Lernbegleiter oder wie wir diese Menschen dann auch immer benennen mögen in Zukunft aller Wahrscheinlichkeit nach noch um ein vielfaches mehr vonnöten haben. Die Perspektive dieser wird jedoch nicht (mehr primär) diejenige (zumindest nicht in dieser ausschließlichen Art und Weise) auf die Inhalte sein. Ihre Aufgabe wird sein, die jeweilige Lernerin, ihren Entwicklungsstand, ihr Potential, ihr Ziel in den Blick zu nehmen, und ihr über die eine oder andere Hürde hinwegzuhelfen, sie auf das eine oder andere geradezu draufzustoßen. Und Lehrende, die genau darin gut sind – so wünsche ich mir – (und davon gibt es jetzt schon einige), sollten in Zukunft mehr Wertschätzung erhalten.

Dazu kann man mit Brecht sagen:

„Kostbarkeiten zu verzollen?“ – „Keine.“
Und der Knabe, der den Ochsen führte, sprach: „Er hat gelehrt.“
Und so war auch das erklärt.

Doch das wäre zynisch. Die Medienkompetenz, die angeblich das einzige ist, was es noch zu lehren gibt, setzt ja alle früheren Kompetenzen des Wissenserwerbs und der Wissenspräsentation voraus.

Und wenn wir uns nicht ganz in Netzbeliebigkeit auflösen wollen, brauchen wir Lehrer und eine Gemeinschaft. Dass Lehrer in der Gemeinschaft sind, ist dabei nicht ausgeschlossen. Aber es braucht auch Vorbilder für die Starken. Martin Luther King hatte seine, Gandhi hatte seine.

Es gibt für uns noch so viel zu lernen, wenn wir verhindern wollen, dass wir an unseren Trillionen Geldeinheiten und Trillionen Energieeinheiten zugrunde gehen, weil die 99% es nicht schaffen die Vertreter des 1% zu zügeln.

An sich war dafür ja die Demokratie gedacht, …

„Die Occupy-Proteste docken nicht mehr an die nationale Politik an, weil man sich von dieser nicht mehr viel erwartet und weil man erlebt, wie ohnmächtig, orientierungslos und getrieben nationale Parlamente in der Finanzkrise agieren. Der internationale Protest fordert eine internationale Politik.“ So schreibt die Süddeutsche Zeitung dazu.

Tatsächlich könnte weltweite Zusammenarbeit auf Graswurzelniveau sich als effektiver als 25 internationale Konferenzen erweisen. Der Beweis steht freilich noch aus.

10 Millionen sind noch nicht 99%

13. Oktober 2011

avaaz, die größte Organisation für internationale Internetaktionen, hat jetzt über 10 Millionen Mitglieder.

Von den 99% der Weltbevölkerung, die unter den Finanzmachenschaften der letzten Jahre gelitten haben, ist es zwar nur ein verschwindend kleiner Prozentsatz, aber die Wachstumsrate liegt immerhin höher selbst als die 25%, die Ackermann als Kapitalrendite verordnet hat.

Fluter nimmt das zum Anlass für einen genaueren Blick auf avaaz. Wer den Guardian vorzieht, mag dort nachlesen.

Zu den Demonstrationen

Wer einen Appell an die Bundeskanzlerin richten will, hat hier die Gelegenheit.

Zeitzeugenprojekt bei YouTube

9. Oktober 2011

Seit vielen Jahren versuche ich Personen meiner Umgebung dafür zu gewinnen, aus ihrer Lebensgeschichte zu erzählen, und versuche, soweit das mit dem Privatheitsschutz zu vereinbaren ist, Tagebücher, Brief und biographische Berichte aus Manuskriptform in Netzlesbares zu verwandeln.

Jetzt kommt ein großangelegtes Zeitzeugenprojekt, dass die gesamte deutsche Bevölkerung aufruft, sich daran zu beteiligen.

Ich müsste begeistert sein und doch …

Meine Bedenken werden hier auf Google + formuliert.