Allein sein

Ein eindrucksvoller Artikel von Daniel Rehn zum Alleinsein regte einen Kommentar von mir an, den ich hier ein wenig ergänzen und bei Gelegenheit ausbauen und mit korrekten Zitaten und Links versehen möchte:

Bei Borchert hieß es noch:

„Und nun hat man mich mit dem Wesen allein gelassen, nein, nicht nur allein gelassen, zusammen eingesperrt hat man mich mit diesem Wesen, vor dem ich die meiste Angst habe: Mit mir selbst.“

(Die Hundeblume)

Der altersheimreife Goethe sagte zu Familie und Freunden: Liebe Leutchen feiert schön! Es ist schön bei euch, aber was wäre, wenn ich meine Arbeit im Stich ließe (sehr frei aus der Erinnerung).

Und Fontane berichtet von dem Gefangenen, der in 27 Jahren in der Steinplatte des Tisches eine tiefe Spur da hinterlassen hatte, wo er beim Herumlaufen mit dem Finger Kontakt mit der Platte gehalten hatte.

Extremer (?) die sensorische Deprivation, wie dazu passende Experimente belegen.

Oder die Kombination von Alleinsein und Ausgestelltsein im Quedlinburger Raubgrafenkasten, von der Fontane in Cécile ( im 7. Kapitel)  seinen Gordon plaudern lässt:

[…]  aus Brettern zusammengeschlagenen großen Kastens mit Vorlegeschloß, darin der Regensteiner, natürlich ein Buschklepper oder dergleichen, eine hübsche Weile gefangensaß.«

»Mit Vorlegeschloß«, wiederholte Cécile neugierig, die sich für den Regensteiner augenscheinlich mehr als für Klopstock interessierte. »Mit Vorlegeschloß. War es ein großer Kasten, darin man ihn einsperrte?«

»Nicht viel größer als eine Apfelkiste, weshalb mir auch, bei seinem Anblick, diese bevorzugten Versteckplätze meiner Jugend wieder in Erinnerung kamen, mit ihrem Glück und ihrem Grusel. Besonders mit ihrem Grusel. Denn wenn die Krampe zufiel und eingriff, so saß ich allemal voll Todesangst in dem stickigen Kasten, um kein Haarbreit besser als der Regensteiner. Aber der wirkliche Regensteiner (der übrigens kein Asthmatikus gewesen sein kann) ließ sich’s, trotz Stickigkeit und Enge, nicht anfechten und steckte zwanzig Monate lang in dem Loch, ohne mehr Luft als die, die durch die spärlichen Ritzen eindrang. Und nur dann und wann kamen die Quedlinburger und wohl auch die Quedlinburgerinnen und sahen hinein und grinsten ihn an.«

Verglichen mit diesen Arten des Alleinseins erscheint mir manches, was heute darunter verstanden wird, besonders hier, schon wie aus einem Zeitalter, zu dem ich nicht mehr gehöre.

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Eine Antwort to “Allein sein”

  1. ehrenpreis Says:

    Das menschliche Leben im Naturzustand ist „freudlos, beschwerlich, einsam, kümmerlich, roh und kurz“ schreibt Thomas Hobbes 1651 im Leviathan.
    Ganz anders Michel de Montaigne etwa hundert Jahre zuvor: ȆBER DIE EINSAMKEIT
    Zunächst wollen wir einmal die übliche langweilige Gegenüberstellung vom zurückgezogenen und vom tätigen Leben ganz beiseite lassen. ‚Wir sind nicht für unsere Einzelinteressen, sondern für die Allgemeinheit da‘; dieser Spruch klingt sehr schön; Ehrgeiz und Habsucht decken damit ihre Blöße; aber wir wollen uns zunächst einmal die genau ansehen, die ihn die Praxis umsetzen. Diese mögen sich auf Herz und Nieren prüfen, ob nicht, im Gegensatz zu dem Sinn des schönen Spruchs, Stellung, Amt und berufliche Plackerei hauptsächlich erstrebt wird, um aus dem Dienst an der Allgemeinheit einen privaten Nutzen zu ziehen. Die üblen Mittel, die heutzutage angewendet werden, um Karriere zu machen, beweisen geradezu, daß keine ehrlichen Absichten dahinterstehen.
    Treibt uns der Ehrgeiz zur Einsamkeit? Die Antwort muß lauten: Ja! Denn was ist ihm mehr zuwider als Gemeinsamkeit?«

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