Archive for Oktober 2013

Ein Blick zurück

28. Oktober 2013

Vor vier Jahren habe ich mich noch in diese Diskussion zum Principium Identitatis eingemischt.

Gegenwärtig gehen politische Fragen mir vor. Dennoch freut es mich, wenn jemand sich nach vier Jahren in eine Diskussion einklinkt und offenbar in dieselbe Richtung denkt:

Nur weil wir uns Ununterscheidbarkeit nicht anders denn als eine Beziehung denken können, heißt das nicht, dass etw. nicht “ein und dasselbe” – oder eben “mit sich selbst identisch” sein könnte. Nur weil da auf dem Zettel zwei As stehen, heißt das nicht, dass jeder Gegenstand sich von sich selbst unterscheidet. — Das scheinst Du aber angenommen zu haben, denn sonst hättest Du nicht den Fehler gemacht, Dich von solchen sinnlichen Eindrücken affizieren und verwirren zu lassen. (ziggev)

Besten Dank ziggev alias Wortanfall

Besten Dank auch für folgende Sätze Sascha Lobos, die ich damals überlesen habe:

Ein solcher Rationalitätsmythos ist immer dann vorhanden, wenn der normale Bürger die Aktionen einer Institution betrachtet und nicht anders kann als zu fragen: „Hä?“

  • Wenn institutionelle Regelungen existieren, die dem Alltagsempfinden nach widersinnige bis aberwitzige Effekte haben. Wenn der Laternenumzug eines Kindergartens Gema-pflichtig ist: Hä?
  • Wenn das erfolgreichste YouTube-Video der Welt, „Gangnam Style“ des koreanischen Rappers Psy, im Original überall zu sehen ist außer in Deutschland: Hä?
  • Wenn das Einstellen eines selbstgeschossenen Fotos des Eiffelturms bei Nacht eine abmahnfähige Urheberrechtsverletzung darstellt: Hä?
  • Wenn mit der sogenannten Vorratsdatenspeicherung der elektronische Datenverkehr sämtlicher Bürger überwacht werden, weil sie ja irgendwann ein Verbrechen begehen könnten: Hä?
  • Wenn die schon teuer bezahlten Inhalte öffentlich-rechtlicher Rundfunkanstalten depubliziert werden müssen und nicht mehr zugänglich sind: Hä?

Für alle diese Häs gibt es Begründungen, Regeln, Gesetze, nach denen Institutionen pflegen zu handeln – aber auf welche Welt beziehen sie sich? Auf die von heute oder auf die Telefax-Wirklichkeit von 1987? (Die Mensch-Maschine: Hä? Hä? Hä?, Spiegel online, 13.11.12)

 

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Denken lernen lehren

7. Oktober 2013

Lisa Rosa stellt das Buch “Making Thinking Visible” von Ron Ritchhart u.a., 2011und die Unterrichtsvideos, die er ihm beigibt, vor und begründet ihre Überlegungen auf kritische Anfragen hin: „ich steuere gerne selbst, was mit mir zu tun hat. Und ich habe Spaß dran, anderen ihre eigenen Steuermöglichkeiten entwickeln zu helfen.“

Ihr Beitrag heißt: Denken lernen lehren.

Dazu möchte man auch gern beitragen.

Ob es die Methoden von Ritchhart sein müssen?  Darauf ist auch sie noch nicht festgelegt. Aber ihr gefällt der Ansatz. Es lohnt sich, ihrem Gedankengang zu folgen.

Außerdem empfehle ich einen Blick in ihre Blogwerkstatt, z.B. den Hinweis zu Geschichtsunterricht mit Blogs oder zur Erstellung einer Slideshow auf einem Blog.

Hilaire Mbakop: Mambés Heimat

6. Oktober 2013

Wer sich sein heiles Bild von Afrika bewahren möchte: Sahara, Nil, Pyramiden, Serengeti und Badestrände am Meer, der sollte dies Buch besser nicht lesen.

Doch wenn er verstehen möchte, weshalb so viele Afrikaner so gar nicht „heimattreu“ sind, weshalb sie große Strapazen, ja ein
monatelanges, manchmal jahrelanges Wanderleben auf sich nehmen, um endlich an der Mittelmeerküste in das Schlauchboot zu steigen, das sie nach Europa, dem Kontinent der unbegrenzten Möglichkeiten und der Freiheit, bringen wird, dann ist „Mambés Heimat“ für ihn der richtige Zugang.

„Nachdem Mambé 20 Jahre in Amerika verbracht hatte, kehrte er in seine Heimat zurück.“ So lautet der erste Satz.
Rückkehr zum Ort der Kindheit? Eine Welt der Abenteuer? Ein Start-up, das die alte Heimat „fit für die Zukunft“ macht? Was erwartet uns?
Zunächst einmal Hitze ohne Klimaanlage, halsbrecherische Autofahrten über von Schlaglöchern durchsiebte Straßen und die allgegenwärtige Korruption. In Jaunde (Yaoundé) lernt man dann
gesellschaftliches Leben von Kamerun kennen. So in einer der fünf Warteschlangen in der Bank, wo Mambé stundenlang warten muss, um Geld abholen zu können.
Das nützt ein „Verrückter“ aus, um den Wartenden eine Rede zu halten. Mit wirtschafts- und regierungskrischen Tönen weckt er allgemeines Interesse, bis er eine Bombe ankündigt, mit
der er das Land von der Diktatur befreien und sich selbst zum Präsidenten machen will. Auch will er einen Bestseller schreiben, den er bereits im Kopf habe.
Danach beginnt ein längerer Abschnitt, der in diesem Bestseller des „Verrückten“ stehen könnte. Immer wieder folgen auf kurze Erlebnisse Mambés reflektierende Passagen, in denen über die
Verhältnisse in Kamerun berichtet wird. So, als der im Hotel im Kabelfernsehen einen französischen Tierfilm sieht:

„Das kamerunische Fernsehen wäre nicht in der Lage gewesen, eine solche Sendung zu produzieren. Dazu müssten die Journalisten über eine gute technische Ausrüstung verfügen. In der Schule, in der die kamerunischen Journalisten ausgebildet wurden, fand man nur veraltete Geräte. Die meisten davon waren nicht funktionstüchtig. Schlimmer
als die schlechte Ausrüstung dieser Schule war die Tatsache, dass sie die Kritikfähigkeit der Menschen unterdrückte. Sie brachte linientreue Journalisten hervor. Das war ihre einzige Aufgabe. […] 

Der Staat hatte auch seine eigene Presse. Sie war ebenfalls linientreu. Wenn der Präsident sich ins Ausland begab, erzählte er gern dort, dass die kamerunische Medienlandschaft vielfältig sei. Das stimmte ja auch. Aber wenn er hinzufügte, dass diese Medienvielfalt mit der Pressefreiheit einherging, war es falsch. Denn die privaten Medien
unterlagen der Zensur. Ein Journalist, der sich kritisch über die Regierung äußerte, wurde ohne Gerichtsurteil ins Gefängnis geworfen oder gar liquidiert. Gleichzeitig wurde seine Wohnung durchsucht. Es war verboten, sich über den Gesundheitszustand des Staatschefs zu äußern. Der Herausgeber einer Privatzeitung wurde inhaftiert, weil er einmal gesagt hatte, dass der Präsident krank sei. Tatsächlich war dieser krank. Er war nämlich nach Europa gereist, um sich behandeln zu lassen.“ (S.58/59)

 
Anschaulich wird es, als Mambé auf Wohnungssuche geht. Mit Maklern macht er bald übergenug schlechte Erfahrungen. Stets muss er die Gebühr im Voraus bezahlen und dann bekommt er nie etwas Brauchbares angeboten.
Schließlich sucht er auf eigene Faust in den Vierteln, wo er hoffen darf, etwas Preisgünstiges zu finden.
Jetzt streift er durch Gassen, die so eng sind, dass sie den Tag in Nacht verwandeln, er wird immer wieder in Schwaden von Gestank eingetaucht und erlebt öffentliches Familienleben.

„Wenn man sich in den Armenvierteln Yaoundés befand, brauchte man nicht lange zu warten, um das, was man dort „kostenloses Theater“ nannte, zu sehen. Die Szenen des Dramas spielten sich auf der Straße ab und überboten sich gegenseitig an Sensation und Tragik. In den vornehmen Vierteln dagegen waren solche Geschehnisse eher selten.
Ihre Einwohner befanden sich hinter den hohen Mauern, die ihre Villen umgaben, oder in ihren Privatfahrzeugen, deren Fenster meistens aus Rauchglas waren. Die wenigen Probleme, die sie hatten, ließen sie die Passanten nicht mitbekommen. Die Armen hingegen hatten zu viele Probleme und scheuten sich nicht, sie vor aller Augen zu besprechen.
Man wanderte durch die Straßen und sah und hörte eine skandalöse Geschichte um die andere.“ (S.114f.)

Diese skandalösen Geschichten prägen den letzten Teil des Buches, bis Mambé sich entschließt, zur Abwechslung mal ein Motorradtaxi zu besteigen, von dem man freilich nicht viel Gutes gelesen hat.

„Vor ihnen stand ein Haus in Flammen. Fünf Personen waren damit beschäftigt, Wasser aus einem Ziehbrunnen zu schöpfen und es in die aus dem Haus schlagenden Flammen zu schütten. Doch ihre Aktion war wie ein Tropfen auf den heißen Stein. Einige Kinder weinten. Die schaulustige Menge schrie weiter. Die Brandstifterin war eine Frau von 30 Jahren. Nach ihrer Aktion hatte sie sich aus dem Staub gemacht. Ihr Ex-Freund war unter denjenigen, die das Feuer
verzweifelt zu löschen versuchten. Sie hatte das Haus, in dem er wohnte, in Brand gesteckt, weil er sie angelogen hatte. Als sie mit ihm zusammen gewesen war, hatte er ihr häufig gesagt, dass er nur sie liebe und nur sie heiraten würde. Dann hatte er sein Wort gebrochen und eine andere geheiratet.“ (S.116)

 
Konventioneller wäre es, wenn Mbakop uns eine dieser Geschichten ausgestaltet und möglichst dramatisch erzählt hätte. So aber zeigt er uns eine Art Dokumentarfilm mit vielen kurzen Szenen und begleitendem intensivem Geruchskino.

Faszinierend ist daran die Authentizität. Was uns sonst nur gefiltert durch eine Übersetzung und entsprechende Bearbeitung erreichen würde, ist hier der Originalwortlaut des Verfassers. In seiner Muttersprache gibt es keinen Buchmarkt, er publiziert nur auf Deutsch und Französisch. Und man darf annehmen, dass in “Mambés Heimat” einiges von dem eingeflossen ist, was er nach seiner Rückkehr von einem Studienaufenthalt in Deutschland in seiner Heimat Kamerun erfahren hat.
Hilaire MbakopMambés Heimat.
Ein Streifzug durch den Alltag Kameruns. Roman, Athena-Verlag, 2007. 172 Seiten, broschiert. ISBN: 978-3-89896-294-0

Das Ich ein intentionaler Begriff

3. Oktober 2013

Wie Liebe und Gerechtigkeit sei das Ich ein intentionaler Begriff, meint die Publizistin Ursula P. Jauch (SZ 2.10.13).

Dazu sieh auch Funktionen des Ich.