Hans Küng zum Dialog der Religionen

Hans Küng

Von Teilnehmern am Religionsdialog zu verlangen, zunächst einmal die eigene Glaubensüberzeugung aufzugeben und von der Normativität der eigenen Tradition abzusehen, um von der prinzipiellen Gleich-Gültigkeit der verschiedenen Heilswege und der verschiedenen „Christusse“ – Mose, Jesus, Muhammad, Buddha, Krishna und Konfuzius – auszugehen, erscheint mir unhistorisch und unrealistisch.

Unhistorisch: Man vernachlässigt mit einer solchen Sicht die historischen Abhängigkeiten etwa von Jesus und Moses oder von Muhammad und Jesus. Und man nimmt nicht ernst, dass die verschiedenen Leitfiguren innerhalb ihrer Religion einen völlig unterschiedlichen Stellenwert einnehmen: Grundverschieden ist die Stellung Mose im Judentum, Jesu im Christentum und Muhammad im Islam, aber auch die Krishnas im Hinduismus und Buddhas im Buddhismus.

[…]

Die „pluralistische Religionstheologie“ John Hicks und anderer hat es leider dem Glaubensinquisitor Kardinal Joseph Ratzinger allzu leicht gemacht, sich in der Erklärung der Glaubenskongregation „Dominus Iesus“ gegen sie zu wenden. Ich selbst habe nie einen „Absolutheitsanspruch“ des Christentums verteidigt, wohl aber den Glauben an Jesus, der für die Glaubenden „der Weg, die Wahrheit und das Leben “ ist. Ich lehne Ratzingers römischen „Glaubensabsolutismus“ ab, bin aber auch nicht bereit, den “ Glaubensrelativismus “ der Pluralisten zu akzeptieren.“

Hans Küng: Erlebte Menschlichkeit, Seite 202

 

Aber, fragen mich nun die Muslime: „Wie verhält es sich dann mit der Trinität?“ Meine Antwort gebe ich  so einfach wie möglich: „Gott ist der unsichtbare Vater über uns; Jesus, der Sohn des Menschen, Gott mit uns, der Heilige Geist aus Gottes Kraft und Liebe in uns.“

 

Hans Küng: Erlebte Menschlichkeit, S.235

Küng 2

Es gilt in dieser Schuldfrage ebenfalls zu bedenken, dass jetzt – über sechs Jahrzehnte nach dem Zweiten Weltkrieg – Generationen von Deutschen (und auch von Israelis!) herangewachsen sind, die sicherlich an der Gesamtverantwortung des Volkes mitzutragen haben, die aber in jener Zeit des Grauens noch nicht geboren oder politisch noch nicht mündig waren. Ist es da politisch richtig, die Notwendigkeit der Erinnerung der Deutschen (und anderer Staaten) zu instrumentalisieren, vor allem um die unbedingte Unterstützung einer hochproblematischen israelischen Außenpolitik gegenüber den Palästinensern und den Arabern zu erreichen? Kann gute Außenpolitik auf Dauer auf einer historischen Schuld aufgebaut werden?

[…] Selbst dialogbereite christliche Theologen verfolgen im Gespräch mit Juden öfters eine apologetische Tendenz, die Selbstkritik vermissen lässt. […]

Wäre es aber umgekehrt nicht viel sachtgemäßer, dass man unter christlichen Theologen ernst machte mit der Einsicht: Die späteren kirchlichen Dogmen sind selber im Licht gerade der jüdischen Überlieferung und der Hebräischen Bibel zu überprüfen? Schließlich waren Jesus selbst und seine ersten Jünger allesamt Juden, und christliche Dogmen dürften jedenfalls nicht gerade für sie, die ersten Christen, unverständlich bleiben. Angesichts einer solch selbstkritischen Position dürfte auch ein anspruchsvoller jüdischer Gesprächspartner bereit sein, das traditionell-jüdische Misstrauen, die Skepsis und oft gar Gehässigkeit gegenüber Jesus von Nazaret abzubauen. Doch dabei ist wichtig:

Zu unterscheiden sind der Glaube Jesu und der Glaube an Jesus. Oft zitiert man von christlicher Seite das Wort des großen jüdischen Regionsphilosophen Martin Buber von Jesus als seinem großen Bruder. Und ausführlich hat sich Schalom Ben-Chorin, mit den ich in Tübingen ein langes Gespräch führen konnte, mit der Gestalt Jesu auseinandergesetzt und mit Berufung auf Buber festgestellt: „Jesus ist für mich der ewige Bruder, nicht nur der Menschenbruder, sondern mein jüdischer Bruder. Ich spüre seine brüderliche Hand, die mich fasst, damit ich ihm nachfolge … Sein Glaube, sein bedingungsloser Glaube, das schlechthinnige Vertrauen auf Gott, den Vater, die Bereitschaft sich ganz unter den Willen Gottes zu demütigen, das ist die Haltung, die uns in Jesus vorgelebt wird und die uns – Juden und Christen – verbinden kann. “ […] “ Es ist nicht die Hand des Messias, diese mit Wundmalen gezeichnete Hand. Es ist bestimmt keine göttliche, sondern eine menschliche Hand, in deren Linien das tiefste Leid eingegraben ist. Der Glaube Jesu einig uns, aber der Glaube an Jesus trennt uns. „

Wenn uns aber sogar nach den dialogfreundlichsten jüdischen Theologen weniger der Glaube Jesu selber, sondern der Glaube an Jesus trennt, dann wird sofort deutlich, wie problematisch es ist, im christlich-jüdischen Dialog einfach vom Glauben an Jesus auszugehen und eine Christologie von oben zu entwickeln.

Hans Küng: Erlebte Menschlichkeit, Seite 264 bis 266

 

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