„Ich weiß, dass ich nichts weiß.“ – Der Satz stammt weder von Sokrates noch von Plato

Der folgende Text von Albrecht ist so gut, dass ich ihn vorstellen möchte. Bei gutefrage.net wird er gewiss nicht so oft gefunden, wie er es verdient:

Philosophie ist nicht mit Vielwissen gleichzusetzen. Ein Philosoph hat Liebe zur Weisheit, er strebt nach Wissen/Erkenntnis (zu grundlegenden Fragen). Etwas zu begehren, nach etwas zu streben, Sehnsucht nach etwas zu haben ist etwas anderes als es schon zu besitzen. Sokrates hat sich vor allem als Suchender verstanden. Er möchte Einsichten gewinnen. Er bemüht sich, zumindest ein Stück weit bei diesem Weg voranzukommen.

Der Satz „Ich weiß, dass ich nichts weiß“ ist eine gekürzte und ungenaue Wiedergabe. Platon, ein Schüler des Sokrates, hat in der Apologie (Verteidigungsrede des Sokrates), die keine wörtliche Mitschrift ist, sondern ein nach dem Gerichtsprozess geschriebenes literarisches Werk, eine Darstellung gegeben, in der Sokrates etwas über sich selbst aussagt. Wenn die Textstelle im Zusammenhang gelesen wird, wird viel verständlicher, was gemeint ist.

In der Aussage steht „nicht weiß“, nicht „nichts weiß“. Der Unterschied kann äußerlich klein wirken (nur ein einziger hinzugefügter Buchstabe), ist aber inhaltlich von großer Bedeutung.

a) Sokrates will nicht aussagen, er sei dumm oder völlig unwissend.

b) Das ausgesagte Nichtwissen ist nicht ganz allgemein und umfassend, sondern hat einen Bezug: Es geht darum, über etwas, worüber er kein Wissen hat, auch nicht zu glauben/meinen, etwas zu wissen.

c) Der Satz „Ich weiß, dass ich nichts weiß“ ergibt einen Widerspruch, weil dann der Aussagende einerseits behauptet, nichts zu wissen, andererseits jedoch eben dies als eigenes Wissen aussagt. Der Originalsatz enthält keine Aussage, überhaupt nichts zu wissen, und weist daher keine logische Unstimmigkeit auf.

Sokrates drückt in der Apologie des Platon mit seiner Aussage aus, Einsicht in Grenzen seines Wissens zu haben.

Chairephon, ein Freund des Sokrates, so erzählt er, befragte das Orakel des Gottes Apollon in Delphi, ob jemand weiser sei als Sokrates, und die Antwort war ein Nein. Sokrates, der sich ursprünglich nicht für weise hielt, hat im Gespräch geprüft, ob andere Menschen (insbesondere Handwerker, Dichter und Politiker) Wissen haben (dabei ging es um Fragen wie die nach dem Guten, der Gerechtigkeit, der Tapferkeit, der Besonnenheit und Ähnliches). Den Orakelspruch hat er schließlich so gedeutete, darin weise zu sein, sich der Grenzen seines Wissens bewußt zu sein und nicht ein bloß scheinbares Wissen für richtiges Wissen zu halten. Sein Name sei nur als Beispiel dafür genannt worden. Im Gegensatz zu anderen, die meinen, etwas zu wissen, es aber nicht wirklich tun, meine er auch nicht, über etwas wissend zu sein, worüber er kein Wissen hatte. Insofern hat er anderen etwas an Weisheit voraus.

Platon, Apologie 21 d sagt Sokrates nach einem prüfenden Gespräch mit einem Politiker:

„Es scheint ja freilich keiner von uns beiden etwas Schönes und Gutes zu wissen, aber dieser meint, etwas zu wissen, ohne darüber ein Wissen zu haben, ich aber, wie ich eben nicht weiß, so meine ich es auch nicht. Ich scheine also wenigstens um ein kleines Stück weiser zu sein als er, daß ich, was ich nicht weiß, auch nicht zu wissen meine.“

Sokrates hatte die philosophische Haltung, etwas nicht einfach ungeprüft als sicheres Wissen gelten zu lassen und keine scheinbaren Selbstverständlichkeiten ohne Beweise zu übernehmen. Er stellte also vermeintliches Wissen in Frage und wies oft ein bloßes Scheinwissen nach. Eine Methode in seinen Gesprächen war, einen bloßen Anschein von Wissen durch Überprüfung als Nichtwissen nachzuweisen, um so über das Erkennen des Nichtwissens als erreichte Einsicht einen Weg zu wahrhafter Erkenntnis zu öffnen. Die erste Stufe ist die Entlarvung eines vermeintlichen Wissens als mangelhaft, auf der zweiten Stufe (falls der Gesprächspartner dazu bereit ist) findet ein Neuaufbau statt.

Albrecht hat auf gutefrage.net außerdem noch sehr sorgfältig nachgewiesen, dass eine andere öfter zitierte Aussage (in diesem Fall über die „Jugend von heute“) nicht von Sokrates stammt. (Diese Darlegung ist offenbar leider in den vier Jahren, in denen sie im Netz steht, nur 117 mal gelesen worden. Deshalb weise ich hier ausdrücklich noch einmal darauf hin.)

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10 Antworten to “„Ich weiß, dass ich nichts weiß.“ – Der Satz stammt weder von Sokrates noch von Plato”

  1. Nichtwissen ist Macht – tanja seid Says:

    […] lautet oft das berühmte angebliche Diktum des Sokrates, das eigentlich lauten müsste „Ich weiß, dass ich nicht weiß“ und tatsächlich in ersterem Wortlaut nicht in den überlieferten Schriften zu finden ist. […]

  2. Ak Says:

    Um zu verstehen was gemeint ist musst du erst Griechish kennen oder Grieche geboren sein!,,,,

    • heidikarageorgis Says:

      Θα με συγχωρέσεις αγαπητέ φίλε „Ak Says“ για τη διαφορετική μου άποψη ως προς τον εντελώς τυχαίο μας τόπο γέννησης ή τα εξίσου τυχαία γονίδιά μας, τα οποία δεν νομίζω να βοηθούν ιδιαίτερα ως προς το θέμα της νοημοσύνης μας, της παιδείας και της κοινωνικής μας μόρφωσης ή ακόμα και της φιλοσοφικές μας φιλοδοξίες. Σε πολλούς δε αυτοί οι τυχαίοι παράγοντες δίνουν την κολακευτική ψευδαίσθηση ότι ανήκουν εκ γεννήσεως σε μια ανώτερη φυλή. Δυστυχώς φίλε, τα πράγματα δεν είναι τόσο απλά. Ούτε με την εκμάθηση μιας γλώσσας ούτε βάση γονιδίων γίνεσαι σοφός. Τα παπούτσια είναι πάρα πολύ μεγάλα και δεν σου κάνουν αυτομάτως, μόνο και μόνο επειδή μπαίνεις στο ίδιο υποδηματοπωλείο από το οποίο τα αγόρασε ο γίγαντας.
      Uebersetzung folgt!

      • apanat Says:

        Der Kommentar, auf den sich heidi karageorgis bezieht ist der von Ak, nicht von einem „Ak says“.
        Ihre Antwort enthält nichts Ehrenrühriges, sondern besagt dem Sinne nach nur, dass für das Verständnis einer philosophischen Aussage die Beherrschung der Sprache, in der sie vorliegt, nicht ausreicht, die Aussage richtig zu beurteilen.
        Deshalb habe ich den Kommentar genehmigt, warte aber noch auf die angekündigte Übersetzung.

      • heidikarageorgis Says:

        Vielen Dank fuer den Hinweis. Falls es moeglich ist das versehentlich mitkopierte und eingefuegte Wort Says zu loeschen (im Kommentar und in der Uebersetzung, so waere ich Ihnen dankbar. M.f.G. Heidi Karageorgis

  3. apanat Says:

    Um den Artikel zu verstehen, braucht man nur Deutsch zu können. Um zu überprüfen, ob Albrecht Recht hat, müsste man zunächst den griechischen Wortlaut kennen, dazu die Überlieferungsgeschichte usw., bloßes Beherrschen des Altgriechischen reichte dafür nicht aus.

  4. Alexander Paesch Says:

    Ich denke, es lohnt sich, in diese philosophische Ideenschau zur Semantik das Höhlengleichnis relativierend mit einzubeziehen.

  5. Dagmar Haid Says:

    Tipp: Wenn es Ihnen wichtig ist, dass die richtige Aussage in Umlauf kommt und mit zunehmendem „Klick“ mehr und mehr Menschen den richtigen Satz, sich für die Zukunft einprägen, wäre es mit Sicherheit sinnvoller in der Überschrift auch die berichtigte Wortwahl wiederzugeben, anstatt die falsche Anrwendung voran zu stellen. So erhält wieder die Unrichtigkeit den Vorrang und manifestiert sich das Falsche in den Köpfen der LeserInnen. Vielen Dank!!!

  6. apanat Says:

    @Dagmar Haid Sie haben völlig Recht mit Ihrem Hinweis auf das Framing (https://de.wikipedia.org/wiki/Framing_(Sozialwissenschaften)). Deshalb steht auch schon in der Überschrift: „Der Satz stammt weder von Sokrates noch von Plato“.
    Das ist auch sicher der Grund dafür, dass dieser Artikel weit häufiger gelesen wird als jeder andere in diesem Blog. Das Wichtige ist, dass man erfährt, dass der Satz nicht von Sokrates stammt. Den Wortlaut, den Plato Sokrates in den Mund gelegt hat, merkt sich keiner.
    Der verfälschend verkürzte Satz bleibt im Gedächtnis. Entsprechendes gilt für den (freilich weniger bekannten) Satz: „Ich glaube an keine Statistik, die ich nicht selbst gefälscht habe.“ Hier ist wichtig, dass Churchill ihn nie gesagt hat, auch wenn er ihm immer wieder zugeschrieben wird.
    Ob es wirklich Goebbels war, der diese falsche Zuschreibung in die Welt gesetzt hat, weiß ich nicht. (Man liest es freilich inzwischen immer öfter.) Was aber gewiss stimmt, ist, dass man durch beharrliches Lügen nicht nur anderen Falsches einreden kann, sondern auch sich selbst. Goebbels (und ähnlich Trump) hätte sicher nicht dauernd so erfolgreich lügen können, wenn er nicht ein wenig an seine eigenen Lügen geglaubt hätte.

  7. Alexander Paesch Says:

    …, dazu verbannt, ein Leben in einer Höhle zu fristen und zudem noch derart fixiert, dass der Blick nur zur abgewandten Seite des lichthellen Höhleneingangs und des regen Treibens davor möglich bleibt, glaubt man schließlich darin für sich das Wissen um die Realität zu erkennen, was uns der Lichtschein dort gerade noch schemenhaft auf diese Höhlenwand hin projiziert; und wir ordnen diesen Schemen ebenso jene Klänge zu, welche bis dorthin auch unser Ohr erreichen. – Das ist in hier bewusst populärer Ausprägung so ungefähr das, was uns Sokrates durch Glaukon, Platons Bruder, als „Höhlengleichnis“ tituliert, zur vermeintlichen Wahrhaftigkeit unseres Wissens zur Überlieferung preisgegeben hat. Und ungeachtet dessen geistiger Urheberschaft und unvollkommener Zitation hat sich dieser Satz, meiner Meinung nach, hier semantisch einzufinden.

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