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Marin Lindner über das Lernen im Netz

29. April 2019

Martin Lindner hat den Entwurf seines Buches „Die Bildung und das Netz“ bereits in der Wikiversity vorgestellt: Kapitelverzeichnis
In Google Docs liegt für die Teile 1 bis 7 eine Entwurfsversion  vor.  (Stand von 2017)

In Teil 8 verweist er zunächst in Kapitel 32 darauf, dass sich Arbeit mehr und mehr ins Netz verlagert hat. Dazu führt er im Anschluss an Boes/Kämpf: Digitalisierung und“Wissensarbeit“: Der Informationsraum als Fundament derArbeitswelt der Zukunft, 2016 aus:

„Der Informationsraum ist ein eigenständiger Raum, der entsteht, wenn sich die Entwicklung, die Produktion, die Lieferketten, die verketteten Arbeitsvorgänge und auch die ganze Vermarktung ins Netz verlagern. […] Fast alles, was zählt, geschieht künftig nicht mehr in den Bürogebäuden und Werkhallen, sondern im Informationsraum. Und d.h.: auch nicht mehr im lokalen Computer, sondern im Netz, im Web und in der Cloud. […] Früher traf man sich ständig zu Besprechungen im Konferenzraum. Jetzt trifft man sich im Netz.“

Deswegen sei es angemessen, dass auch das Lernen sich ins Netz verlagert. Das behandelt er im Teil 9: Handbuch für Guerilla-LernerInnen. Für die Fähigkeiten, die dafür dafür notwendig seien, beruft er sich vor allem auf David Rheingold, David Allen und Doug Belshaw. Zunächst stellt er die von Rheingold  entwickelten fünf Schlüsselkompetenzen vor: 

„Man muss die eigene Aufmerksamkeit und Konzentration managen. Man muss Bullshit schnell erkennen können. Man muss sich aktiv beteiligen können an den Web-Kommunikationen und Web-Wissensprozessen. Man muss lernen, im Web mit anderen zusammenzuarbeiten. Und schließlich muss man verstehen, wie die Vernetzung auch im Offline-Leben die gewohnten Verhältnisse verändert – sozial, geistig-kulturell und wirtschaftlich. […] Am nützlichsten für GuerillaLernerInnen sind vielleicht seine Bemerkungen zur Aufmerksamkeit. Rheingold leitet dazu an, ruhig und konzentriert mit dem Internet umzugehen – achtsam, nicht hastig und getrieben. In seinem Kursplan sind auch Links zu einfachen Meditationsübungen. […]“

Man müsse fähig sein, seine Aufmerksamkeit zu teilen: „So ist das auch im Netz; es gibt keinen Tunnelblick, und es geschehen immer viele Dinge gleichzeitig. Um nicht von den Ablenkungen hin- und hergeworfen zu werden, muss man also quasi einen zerstreuten, halbaufmerksamen Blick aus den Augenwinkeln trainieren, mit dem man immer vieles gleichzeitig erfasst. […] Man muss lernen, an den richtigen Stellen quasi hinein- und wieder hinauszuzoomen. Dazu gehört auch, zwischen mehreren Apps oder auch zwischen mehreren digitalen Bildschirmen und Geräten zu wechseln.“

Dann wendet sich Lindner David AllenGetting Things done. The Art of Stress-Free Productivity (2001; deutsch: Wie ich die Dinge geregelt kriege. Selbstmanagement für den Alltag) zu: 

„Allen leitet dazu an, auch kleinere Aktivitäten als persönliche Projekte zu betrachten. Als Projekt bezeichnet Allan alles, was sich nicht auf einen Blick übersehen lässt, weil es über länger als zwei Tage erstreckt oder in mehr als drei Schritten abgearbeitet werden muss. Alles, was an Anforderungen täglich herein kommt, wird in kleine Next Actionable Steps zerlegt: Das sind Aktionen, die man jetzt und sofort in einem Zug erledigen kann. Also etwa ein Einkauf, ein Telefonanruf, eine E-Mail, eine Google-Recherche, um eine ganz konkrete Frage zu klären, und so weiter.“ 

Da Allens Konzept aber in der Durchführung so anspruchsvoll sei, dass kaum jemand sich durchgehend daran halte, beschäftigt er sich im Folgenden mit Doug Belshaw, der empfiehlt, sich als Lerner gleich von Anfang an eine grobe Vorstellung vom Gesamtkonzept zu machen. Ähnlich wie inzwischen beim Bildaufbau im Computer zunächst ein aufgrund relativ weniger Bits errechnetes unscharfes Bild gezeigt wird, dass dann immer schärfer wird, müsse auch der Lerner das Konzept nach und nach genauer erfassen. Hier verwendet Lindner sein für den englischen Begriff „Digital Literacy“ geprägtes Kunstwort Literanz:

„Ein alternatives Konzept von digitaler Literanz hat Doug Belshaw für Mozilla Education entwickelt. […] Belshaw hat acht Zutaten der Digital Literacy destilliert, aus denen man die eigene Diät zusammenstellen soll. […]

Hier sind die im Überblick: Kritisch Denken entspricht ungefähr dem, was Rheingold „Bullshit-Erkennung“ nennt. Hier geht es darum, Machtverhältnisse zu erkennen, mit Fragen wie: Für wen ist dieses digitale Angebote hier gedacht? Worin besteht der Nutzen für die Anbieter? Wer ist hier ausgeschlossen, und wer wird hier privilegiert? Welche unterschwelligen Annahmen werden hier transportiert? Wo liegen die Gefahren? Das hat alles sehr viel mit Text-Kompetenz zu tun sagt Belshaw.

Kreativ ist hier konkreter gefasst als der geläufige Wischiwaschi-Begriff: Es geht nicht einfach darum, sich auszudrücken, sondern darum, neue Dinge auf neue Art zu tun, um etwas zu erzeugen, was für jemand praktischen Wert hat. Das heißt, man muss vorher geeignete Probleme überhaupt erst finden, die man dann in einem eigenen kreativen Projekt bearbeiten kann. […] Immer geht es um das Machen, um das Herstellen von Objekten.

Damit hängt für Belshaw Kommunikation und Kollaboration direkt zusammen. Unter Communicative versteht er, dass man sich gemeinsam auf ein konkretes Objekt bezieht, das man gestaltet. […] Das kann auch durch einen Blogpost geschehen, der etwas auf den Begriff bringen, das man vorher selbst nicht verstanden hat. Darüber tauscht man sich dann auch im Netz aus. Das Objekt wird so zum „sozialen Objekt“. Auch Grafiken oder Fotos sind gute Beispiele dafür. Visuelle Kommunikation ist im Netz eine wichtige Fähigkeit. Das muss und soll gar nicht große Kunst sein. Auch ein erhellendes Foto, das man irgendwo findet und mit einer witzigen Unterschrift* versieht, […] ist bereits ein soziales Objekt. […]

Construktive bedeutet bei Belshaw, digitale Texte und Medieninhalte konstruieren und rekonstruieren zu können. Auch Empfänger von fremden Inhalten haben im Netz eine viel aktivere Rolle als früher. Der erste Schritt ist immer das Kopieren. Copy and Paste ist die allererste digitale Technik, die man lernen muss. Wenn man etwas interessant oder anregend findet, schneidet man es aus und sammelt es. Dann kann man das Material in eigene Zusammenhänge bringen, verformen und verändern. Digitales Konstruieren ist dabei viel leichter und risikoloser als im nicht-digitalen Raum, weil man jeden Schritt mit einem Klick rückgängig machen kann.
Cognitive meint Denkwerkzeuge und Denkgewohnheiten. Das erste kognitive Werkzeug ist das jeweilige Netz-Gerät selbst, das Smartphone oder der PC. Dazu kommen eine Vielzahl von Tools und Apps, die alle bestimmte Arten zu denken begünstigen, von der Mind Map bis zum Tagging. Zu Cognitive gehört es für Belshaw, diese Werkzeuge auszuprobieren, mit ihnen herumzuspielen, die für sich geeignetsten auszuwählen und andere zu verwerfen. Aber auch Rheingolds Achtsamkeitstechniken sind in diesem Sinne kognitiv.
Cultures heißt kulturelles Wissen und kulturelle Geläufigkeit. Die Mehrzahl ist wichtig. Man erwirbt diesen Teil von Literanz am besten, wenn man in viele digitale Umwelten für jeweils einige Zeit eintaucht. Belshaw meint hier so etwas Ähnliches wie die Minerva-Hochschule, die ihre Studierenden jedes Semester in eine andere Metropole schickt. Im Prinzip kann das jede/r im Netz selbst machen. Man erkennt den eigenen Fortschritt, sagt Belshaw, wenn man immer schneller und bruchloser zwischen verschiedenen Digitalkulturen wechseln kann.
Confident steht für Selbstsicherheit, elastische Widerstandsfähigkeit und Beharrungsvermögen. Am Anfang sind alle Leute sehr unsicher, die es in digitale Umwelten verschlägt. Man weiß nicht, welcher Klick was bewirkt und welche Tastenkombination eine Abkürzung ist, die viel Zeit und Nerven spart. Mit komplexeren Kenntnissen ist es ähnlich. Man lernt es, sag Belshaw, in dem man Probleme löst und sein Lernen als eigenes, selbstgesteuertes Projekt versteht. Da braucht man mehr als nur die Tricks aus Getting Things done. Vor allem hilft das Feedback von Peers und Mentoren. Man braucht persönliche Lern-Netzwerke und im Idealfall auch eine Community, eine Online-Gemeinschaft von Gleichgesetzten, in der man sich anfeuert und hilft.
Der achte und letzte Bereich, aus dem sich Belshaws digitale Literanz speist, ist Civic. Das meint „zivil“ im Sinne von „Zivilgesellschaft“: das Feld außerhalb der festgefügten Institutionen, wo sich Leute mit gemeinsamen Interessen treffen, austauschen und zusammenschließen. Draußen in der analogen Welt kann das ein Café sein, ein Co-WorkingSpace, ein selbst organisiertes Barcamp oder ein FabLab für Digitalbastler. Aber es könnte auch eine Volkshochschulgruppe sein, in der man kunstvolle Decken bestickt und dann auf dem Flohmarkt oder auf der Kunsthandwerk-Netzplattform etsy anbietet. […] digitale Zivilgesellschaft, die sich der Diktatur widersetzt. Aber natürlich gehören zu civic alle Arten von Web-Inhalten und Lebenszeichen.“*

Als Leser fühle ich mich von Belshaw angesprochen, wenn ich hier Martin Lindner (mit seiner Zustimmung) ausführlich zitiere oder wenn ich immer wieder auch kleine Gesprächsergebnisse mit meinen Netzbekannten auf Wikiversity festhalte. 

*Beispiele dafür, wie man aus Fotos durch einen Kurzkommentar nach Belshaw ein „soziales Objekt“ machen kann, sind  so etwas oder so etwas sowie dies und das.

Eine Vorform dieses Artikels habe ich bereis  Entwurf in Fontanefans Schnipsel vorgestellt.

Mehr zum Buch findet man jetzt in diesem Artikel im ZUM-Wiki.