Archive for August 2019

Sloterdijk: Was geschah im 20. Jahrhundert?

20. August 2019

Aus meiner Sicht stellt diese Aufsatzsammlung von 2016 genau das dar, was im titelgebenden Aufsatz von 2005 als das Wesen der Philosophie der letzten rund 200 Jahre bezeichnet wird: „die am gründlichsten organisierte Flucht aus der Zeit“ (S.105).

Sloterdijk präsentiert seine umfassende Kenntnis von Philosophie und Literatur in einer spielerischen Hypothesenbildung der vergänglichsten Form, für die er in seiner Trilogie Sphären die treffenden Termini „Blasen, Globen und Schäume“ gefunden hat.

Bisher ist für mich der interessanteste Literaturhinweis der auf Baltasar Gracián (S.339), der in seinem Orakel der Weltklugheit im 149. Aphorismus  als wichtige Fähigkeit formuliert: „Das Schlimme Andern   aufzubürden verstehn“, also die Sündenbocktechnik.  Aktuell vorgeführt hat sie der VW-Konzern beim Dieselskandal, indem er   gegen die mittlere Ebene Prozesse mit Milliardenforderungen führt, die oberste Entscheidungsebene (z.B. Winterkorn) ganz aus der Verantwortung herausnimmt (mehr dazu – im Zusammenhang mit New Workhier).

So angemessen Sloterdijks Anspielung darauf ist, dass erst der Einsatz fossiler Energie die (zumindest nominelle) Abschaffung der Sklaverei ermöglichte (S.115), so fragwürdig ist die darauf folgende Darstellung, die völlig übergeht, dass es vor der exzessiven Nutzung fossiler Energien selbstverständlich schon Maschinen gab, die mit nachhaltiger Energie arbeiteten. Dass mit dem 18. Jh. „die Stunde geschlagen“ habe „die ‚Ausbeutung des Menschen durch den Menschen‘ zu beenden und statt ihrer die methodische Ausbeutung der Erde durch den Menschen einzuleiten“ (S.115) erweist sich auf S.118 nicht als ungenaue Metapher, sondern als Vorbereitung „philosophischen“ Wortgeklingels, bei dem Motoren als „geköpfte Subjekte“ (S.118) auftreten.

Treffend ist die Beobachtung, dass mit der Ausnutzung der fossilen Energien an die Stelle des Verschwendungsverbots [vgl. die Todsünde gula (Völlerei) sieh Wikipedia] nach und nach die Belebung der Binnennachfrage als zentrale Forderung der Wirtschaftspolitik trat, weil nur sie [Keynes] die Voraussetzung für dauerhaftes Wachstum schaffe. Fragwürdig wird es, wenn Sloterdijk unter Bezug auf Sieferle unterstellt, dass im Agrarzeitalter Arme als „ausgebeutete Produktive“ (S.125) verstanden worden wären, während erst im Zusammenhang mit den fossilen Energien „Gerechtigkeit“ als Begründung für Armenfürsorge getreten sei. Damit wird eine Zentralforderung der großen Weltreligionen Judentum, Christentum und Islam wie nicht-existent übergangen.

Abgesehen von der unhistorischen Verwendung des Wortes Faschismus gefällt mir die Überlegung, dass die Freisetzung der fossilen Energien mit der kurzfristigen Verwertung der über Jahrmillionen angesammelten Energien nach einem Durchbruch von „künftigen ’sanften‘ Solartechnologien her im Rückblick als Ausdruckswelt eines massenkulturell globalisierten energetischen Faschismus“ (S.129) betrachtet werden würde.

 

 

Autonomie und Bedürftigkeit des Menschen

8. August 2019

„Die europäische Philosophie, in deren Zentrum die menschliche Autonomie durch Vernunft steht, macht gegenwärtig einem Denken der Verwundbarkeit Platz. Statt des stolzen Subjekts, das die Welt autonom gestalten konnte, rückt nun das verwundbare, leidende Individuum ins Zentrum der Aufmerksamkeit. Und während in politischen Bewegungen auf der Rechten die Abweisung des Anderen, des störenden Fremden und die aggressive identitäre Besinnung aufs Eigene zunehmen, gewinnt im philosophischen Denken die Entdeckung des kreatürlichen Menschen mit seiner Bedürftigkeit an Raum. Die europäische Zivilisation spürt, dass sie sich durch eine Politik der Abschottung selbst gefährdet, weil mit der Angst vor dem verstörenden Fremden auch die Empfindungsfähigkeit, das Mitleid, die Offenheit für das Unbekannte in Gefahr sind. Wenn wir aber Lévinas lesen, stärken wir den Sinn für die Bedürftigkeit des Lebendigen.“ (Corine Pelluchon ZEIT 8.8.2019, S.36)

 

sieh auch: H. Sezgin: Corine PelluchonWir brauchen Mut, um Angst zu haben, ZEIT 24.7.19)