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Autonomie und Bedürftigkeit des Menschen

8. August 2019

„Die europäische Philosophie, in deren Zentrum die menschliche Autonomie durch Vernunft steht, macht gegenwärtig einem Denken der Verwundbarkeit Platz. Statt des stolzen Subjekts, das die Welt autonom gestalten konnte, rückt nun das verwundbare, leidende Individuum ins Zentrum der Aufmerksamkeit. Und während in politischen Bewegungen auf der Rechten die Abweisung des Anderen, des störenden Fremden und die aggressive identitäre Besinnung aufs Eigene zunehmen, gewinnt im philosophischen Denken die Entdeckung des kreatürlichen Menschen mit seiner Bedürftigkeit an Raum. Die europäische Zivilisation spürt, dass sie sich durch eine Politik der Abschottung selbst gefährdet, weil mit der Angst vor dem verstörenden Fremden auch die Empfindungsfähigkeit, das Mitleid, die Offenheit für das Unbekannte in Gefahr sind. Wenn wir aber Lévinas lesen, stärken wir den Sinn für die Bedürftigkeit des Lebendigen.“ (Corine Pelluchon ZEIT 8.8.2019, S.36)

 

sieh auch: H. Sezgin: Corine PelluchonWir brauchen Mut, um Angst zu haben, ZEIT 24.7.19)