Zu drei Thesen des griechischen Philosophen Gorgias

Es ist sinnvoll, sich die Frage zu stellen, ob wir uns alle nur einbilden, dass es eine Wirklichkeit außerhalb uns gäbe. (Die erste These von Gorgias ist: Es gibt nichts)

Das Beispiel des Coronavirus zeigt, dass etwas auf uns einwirkt, auch wenn wir nicht glauben, dass es das gibt. Andererseits haben auch Lügen immer wieder große Wirkungen gehabt. Da wird etwas behauptet, das nicht stimmt, und schon hat so etwas, was nicht stimmt, große Auswirkungen: Das schrecklichste Beispiel dafür ist der Antisemitismus: „Die Juden sind unser Unglück. Sie wollen die Weltherrschaft übernehmen.“ Das diente als „Rechtfertigung“ dafür, Millionen von ihnen zu töten. Außerdem half es dazu, seinerseits die Weltherrschaftspläne Hitlers zu „rechtfertigen“. Das heißt: Eine Lüge (und viele andere) hat dazu geführt, dass im 2. Weltkrieg über 50 Millionen Menschen umgekommen sind.

Trotzdem: Die falsche Behauptung des Gorgias hat dazu geführt, dass eine der wichtigsten Schriften von Plato entstanden ist: https://de.wikipedia.org/wiki/Gorgias_(Platon): Dazu die Wikipedia: „Das Thema ist zunächst die Frage, worin der Sinn und Zweck der von Gorgias meisterhaft praktizierten Redekunst besteht. Es stellt sich heraus, dass sie darauf abzielt, die Zuhörer durch Schmeichelei zu überreden. Sie soll dem Redner in juristischen oder politischen Auseinandersetzungen den Sieg verschaffen. Damit soll sie für ihn, wie er glaubt, etwas Gutes bewirken. Sokrates bestreitet aber, dass die Rhetorik diese Erwartung erfüllen kann; er meint, der Redner bilde sich das nur ein. Um dies zu prüfen, muss man klären, worin eigentlich das Gute und Wünschenswerte besteht. Damit wendet sich die Diskussion ihrem Hauptthema zu, der Frage nach der richtigen Lebensweise.“

Jetzt zur 2. These von Gorgias: „wenn es etwas gäbe, könnte es doch nicht erkannt werden“ Dieser Gedanke (verbunden mit vielen anderen) hat nach Platon einen zweiten großen Philosophen, nämlich Kant, wiederum zu einer seiner wichtigsten Schriften geführt, zur Kritik der reinen Vernunft. Darin hat er erläutert, was man (seiner Meinung nach) erkennen kann und was nicht. Und zwar kann man danach auch etwas erkennen, was man nie wahrgenommen hat. Seine Kurzformel dafür: A priori.

Nun zur 3. These von Gorgias: „wenn es [die Realität] erkannt werden könnte, könnte es doch nicht mitgeteilt/verständlich gemacht werden“

Kant ist zu der Überzeugung gekommen, dass es (ich vereinfache) Denknotwendigkeiten für den Menschen gibt, die ihn daran hindern, die Welt so zu sehen wie etwa eine Biene. Das heißt: Unsere Realität ist nicht die einzige, sondern sie ist wesentlich durch unseren Verstand geprägt. Damit ist er zu dem Schluss gekommen, dass wir das, was unserer Realität zugrunde liegt, nicht erkennen können. [Das hat er das „Ding an sich“ genannt.] Unabhängig davon, ob seine Überlegung richtig ist, hat er damit gezeigt, dass man auch über etwas, was man nicht erkennen kann, verständlich schreiben kann. Es ist freilich nicht leicht zu verstehen. Ob es für dich verständlich ist, kannst du an diesem Wikipediaartikel ausprobieren: Ding an sich.

Die Absicht, die Gorgias mit seinen falschen Behauptungen verfolgt hat, war die; sich Vorteile zu verschaffen. Diese Behauptungen zu widerlegen, hat Jahrhunderte gedauert. Die über 10 000 Lügen, die Trump verbreitet hat, sind schon alle widerlegt, aber viele Millionen Menschen glauben noch immer daran. Etwas was nicht stimmt, kann also gewaltige Wirkungen haben.

Freilich, etwas, was damals niemand von der gesamten Menschheit für wirklich gehalten hat, der menschengemachte Klimawandel, hat schon seit über 200 Jahren stattgefunden (genau genommen noch länger), und er wird sich vor allem dann fortsetzen, wenn wir annehmen, dass es ihn nicht gibt. Doch das ist ein anderes Kapitel.

2 Antworten to “Zu drei Thesen des griechischen Philosophen Gorgias”

  1. Alexander Paesch Says:

    Es hätte der Aussagekraft durchaus noch etwas schmeicheln können, wenn der jeweiligen Zeitbehaftung mehr Aussagekraft eingeräumt worden wäre: Denn im Athen zu Gorgias Lebzeiten herrschte ein demokratisches Staatssystem, d. h. eine direkte, bzw. unmittelbare (Volks-) Demokratie. Im Zuge dessen wurden große Teile der Bevölkerung an der Machtausübung institutionell integriert. Entscheidungen wurden somit von einer unbedarft qualifizierten und damit „überdemokratisierten“, der Diktatur der Mehrheitsverhältnisse verpflichtenden Volksversammlung getroffen. Da jedem männlichen Athener hierbei ein Stimmrecht zukam, waren die Teilnehmer der Volksversammlung keine Berufspolitiker, sondern eben Laien ohne spezifische Handlungskenntnis. Ebenso wurden auch die Vertreter der Volksgerichte unmittelbar vor den Verhandlungen durch Losentscheid bestimmt. Ein Kollegium dieser Richter war also weder juristisch ausgebildet, noch vorher über den Fall instruiert worden; noch parteiisch? Alles war mehr oder weniger auf den mehrheitsfähigen, affekthaften Moment hin abgestellt. Die Demokratie der Antike war somit „eine Herrschaft besonders hervorragender Männer, welche die große Masse des Volkes durch die Überlegenheit ihres Geistes ihren Ansichten zu gewinnen verstehen“[2] . Andererseits konnten geübte Redner durch eine mitreißende Rede die Menge hierbei leicht zu einem bestimmten Abstimmungsverhalten bewegen, „denn von der Überredung der Masse hängt Politik, Macht, Rechtsprechung, Schicksal ab, sei es, dass die Volksversammlung über Verfassung, Krieg und Frieden entscheidet, sei es über Leben und Tod, indem sie zu Richtern – die ganz unberufenen Laien zu Richtern – berufen werden.“[3] Ungefähr ein Jahrhundert lang, nämlich in der Zeit von 430-330 v. Chr., war der Antagonismus von Rhetorik/Sophistik und Philosophie die bewegende Kraft der griechischen Bildungs- und Sozialgeschichte. Und damit war gerade auch zu Lebzeiten Platons (427-340 v. Chr.) das Verhältnis von Rhetorik und Philosophie ein sehr angespanntes; denn viele Athener wandten sich von der Philosophie ab und der Rhetorik stattdessen zu. –

    Hiermit zur Analogie in der Zeitbehaftung von Kants Kritik an der Vernunft:

    „Der US-Ramschverlag Wilder Publications hat eine Sammelausgabe mit Immanuel Kants berühmten drei Kritiken herausgegeben – der «Kritik der reinen Vernunft», der «Kritik der praktischen Vernunft» und der «Kritik der Urteilskraft». Klar, ein Klassiker der Philosophie, den man auch lesen sollte, wenn man kein Deutsch versteht“ (rät dieser Verlag). „Aber irgendwie schien das den Leuten dann doch nicht ganz geheuer. Kant? Einfach so? Jedenfalls fühlte man sich verpflichtet, den Texten einen Disclaimer voranzustellen. Auf dem Titelblatt steht, auf Englisch: «Dieses Buch ist das Produkt seiner Zeit und reflektiert nicht die gleichen Werte, die es reflektierte, würde es heute geschrieben. Eltern sollten mit ihren Kindern diskutieren, wie sich die Ansichten zu Rasse, Gender, Sexualität, Ethnizität und zwischenmenschlichen Beziehungen verändert haben, bevor sie ihnen erlauben, dieses klassische Werk zu lesen. »“ [1]
    „Hier (Anmerkung: bei Kant) ist also die erste Frage: ob reine Vernunft zur Bestimmung des Willens für sich allein zulange, oder ob sie nur als empirisch bedingte ein Bestimmungsgrund desselben sein könne.“[4] Der Wille wird von Kant als ein Vermögen beschrieben, dass fähig ist Gegenstände hervorzubringen, die den Vorstellungen entsprechen. Das will sagen, dass allein der Wille uns befähigt, dass Die Möglichkeit in einer Vorstellung zur Wirklichkeit hervorgehoben werden kann. Das man also etwas begehrt, oder anstrebt, ruft die Vorstellung von diesem erstrebten Gegenstand in mir herauf. In dieser Vorstellung jedoch ist die Wirklichkeit (sprich: der tatsächliche Besitz des Gegenstandes) nur möglich. Damit diese reine Möglichkeit zur Wirklichkeit werden kann, dazu bedarf es des Willens; also kurz, dass man wolle und durch diesen Willen angetrieben entsprechenderweise handle. Die reine Vernunft umfasst nach Kant die Fähigkeit des menschlichen Denkens, Erkenntnisse ohne Rückgriff auf vorhergegangene sinnliche Erfahrung zu erlangen. Rein ist das Erkenntnisvermögen, wenn es keine bestimmte Erfahrung voraussetzt, sondern nur mit Vorstellungen arbeitet, die das Subjekt in sich selbst vorfindet oder erzeugt. Diese Erkenntnisse sind a priori, da ihre Wahrheit ohne Überprüfung in der Erfahrung feststellbar ist[5].

    [1] vgl. Urs Haffner im Feuilleton der NZZ am 22.05.2019
    [2] Novak, Jan V.: Platon und die Rhetorik. In: Jahrbücher für classische Philologie. Band 13. Leipzig 1884, S. 443.
    [3] Platon: Gorgias. Übers. von F. Schleiermacher. Stuttgart 1998. Nachwort, S. 141
    [4] Kant, Immanuel; Kritik der praktischen Vernunft; S. 18
    [5] https://de.wikipedia.org/wiki/Kritik_der_reinen_Vernunft

  2. Herr Rau Says:

    Ich weiß wirklich wenig über die Vorsokratiker. Aber mitunter heißt es, dass Platon nicht ganz fair gegenüber den Rhetorikern war, und der Gedanke gefällt mir. Man kann Gorgias auch als radikalen Konstruktivisten sehen. Und das mit der Rhetorik… wenn meine Schüler und Schülerinnen beim Erörtern lernen, Argumente zu verfassen, und für Seite A die weitaus besseren Argumente gefunden haben, ist das – verständlicherweise – für sie kein Grund, hinter Seite A zu stehen. Weil zwischen „du hast ja nur die bessere Rhetorik“ und „du hast ja nur besser die Argumente formuliert“ und „du hast ja nur die besseren Argumente“ eigentlich weniger Unterschied besteht, als man meint.

    (Dass ich den Gorgias-Dialog gelesen habe, ist aber lange her.)

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