Nimm fort die Amarylle


Ich kann kein Blühen mehr sehn,

Es ist so leicht und so gründlich

Und dauert mindestens stündlich

Als Traum und Auferstehn.


Nimm fort die Amarylle, 

du siehst ja: gründlich: – sie setzt 

ganz rot, ganz tief, ganz Fülle 

ihr Eins und Allerletzt.

Was wäre noch Stunde dauernd

in meinem zerstörten Sinn,

es bricht sich alles schauend

in Augenblicken hin.

(Gottfried Benn)

Benn hat vor dem seraphischen Ton gewarnt. Er dachte an Rilke, an Werfel. Wenn ich an die Warnung denke, denke ich an Benn-Gedichte. Es gibt so nüchterne und so viele, die im Ton des Sehers gesprochen sind. Mir fällt zu diesem immer wieder „Nimm die Forsythien tief in dich hinein“ ein mit dem Anklang an Stefan George. Und wie viele Blumennamen findet man in Benns Gedichten. Immer wieder braucht er Blumen, um zu evozieren, was ohne die Blumen nicht entstünde. Das beginnt schon – in anderer Weise – mit „Kleine Aster“. Ohne Blumen könnte so oft nicht zeigen, was er zeigen will.

Vergleiche auch:

Ulrich Greiner: Zu Gottfried Benns Gedicht „Wenn etwas leicht“

2 Antworten to “Nimm fort die Amarylle”

  1. Alexander Paesch Says:

    Alfred Döblin sagte einmal treffend: Der praktizierende Arzt Gottfried Benn dichte „urologisch, zugleich kosmisch und prähistorisch, jedenfalls hochgebildet und weithin unverständlich“. Gerade in letzterem finde ich mich irgendwie wieder; und fühle mich dabei nicht alleingelassen. Denn was die Auseinandersetzung mit Lyrik anbetrifft, verorte ich mich eher auf der Seite einer anspruchslosen Mehrheit und beschränke mich deshalb darauf, aus Maßstabslosigkeit und Ehrlichkeit heraus, den Status eines namenlosen „Normalos“ einzunehmen. Dies befeuert, zugangsfördernd und abseits jeder Faszinationsvereinnahmung, eine umfängliche Unbefangenheit darin, Werk, Schöpfer und Entstehungszeit kontextuell synchronisieren und harmonisieren zu wollen; was zwar oftmals mit unwissenschaftlichen Subjektivierungen einhergeht, welche derart aber sämtlichst in der Kunst der Relativierung preisgegeben bleiben. Gerade auch hierzu ein für mich eher ermutigendes Zitat von Thomas Mann: Eure Leser finden, wenn sie euch begegnen, immer nur sich selbst. – Und was eben Benn hierzu anbetrifft, dominiert dessen persönlicher Entschluss, sich flankierend zur Machtübernahme Adolf Hitlers öffentlich zum Dritten Reich bekannt zu haben. Wobei ihm jenes linke „Fortschrittsgetöse“ dieser Zeit und jenes damit verbundene Verlangen nach Gleichheit eher abgestoßen haben. In stattdessen entsprechend tendenziell betitelten Rundfunkbeiträgen und Veröffentlichungen, wie „Züchtung“ und „Der neue Staat und die Intellektuellen“, gab sich dieser in einer Art „Schicksalsrausch“ der Idee vom Nationalsozialismus hin und hoffte dabei auf eine Erneuerung des deutschen Volkes, durch dessen Herausführung aus Rationalismus, Funktionalismus und zivilisatorischer Erstarrung (Benn 1984 [1950], S. 82). An die politische Linke gerichtet, welcher er, der Bestimmtheit seiner Ideologisierung folgend, auch sogleich Heinrich Mann zuordnete, adressierte er ein eher kontrovers postuliertes Essay „Über die Rolle des Schriftstellers in dieser Zeit“. Obendrein gab Benn als Mitglied der Preußischen Akademie der Künste 1933 enthusiastisch eine Loyalitätserklärung „unter Anerkennung der veränderten politischen Lage“ ab; was sodann, aus dessen ihn beschreibenden Lebensrolle als notorischer Außenseiter heraus, zu einem unabdingbaren Bruch mit vielen Intellektuellen und Exilanten dieser Zeit führte und dessen gesellschaftliche Nachkriegs-Resozialisierung nachhaltig beeinträchtigte. Gleichwohl war Gewalt aber für ihn „nichts schlechthin Verdammungswürdiges, vielmehr, solange er zu glauben vermochte, dass es schöpferische Gewalt sei, begrüßte er sie“ (Wellershof, 1976, S. 131). Erneuerung durch Gewalt war für Benn bis Juni 1934, bis zum Tag des Röhm-Putsches, also eher etwas akademisch Legitimes. Die damalige Exekution vieler vermeintlich Putschender leitete bei ihm dann aber doch eine geistige Kehrtwende ein: „Wie groß fing das an, wie dreckig sieht es heute aus“ (Benn 1933, zit. n. Lennig 2003 [1962], S. 120). Zu Beginn der Adenauerzeit zählte Gottfried Benn dann fraglos zur Riege der ganz großen zeitgenössischen Dichter. Die Unbedarftheit dieser politischen Epoche gegenüber der Duldung NS-vorbelasteter Menschen war atmosphärisch hierzu bestimmt förderlich gewesen.

  2. apanat Says:

    In der Schule stellte unser Lehrer uns zu jeder Dichtungsgattung einen bedeutenden Dichter des 20. Jh. vor. Kafka für Epik/Prosa; Brecht für Drama, Benn für Lyrik. Dazu sagte er: „Eigentlich ist ja Brecht der bedeutendste Lyriker, aber man kann ihn ja nicht für beides nehmen.“ Im Grunde wollte er uns wohl nur grundverschiedene, aber bedeutende Dichter vorstellen.
    Ich habe dann Benn als Wahldichter zum Abitur gewählt (war dann erschreckt, was ich von ihm lesen musste) und mich dann im Studium wegen einem noch bestehenden Faible für Benn nicht allein gesehen. Inzwischen meine ich, dass er mit Kafka und Brecht nicht auf einer Stufe steht.
    Aber schreiben konnte er. Und er hat nach 1933 umgelernt.

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