Psychologische Aspekte paulinischer Theologie

11. Mai 2022

Gerd TheißenPsychologische Aspekte paulinischer Theologie, 1. Aufl. 1983 2. Aufl. 1993

„Nicht die Außen- und Innenwelt an sich, sondern ihre Deutungen bestimmen menschliches Erleben und Verhalten. Deutungen […] sind aktive kognitive Strukturierungsprozesse, in die kulturelle Tradition eingeht.“ (S.33)
Kap 1:
„Die Aufdeckung unbewußter Motive durch die paulinische Theologie. […] Glaube an den allwissenden Gott […] Der Mensch durchschaut nicht einmal sein eigenes Wesen.“ „Anerkennung einer eigenständigen inneren Realität“ […] ermöglicht die Vorstellung einer unbewußten Region im Menschen“. (S.66) [1. Kor. 4, 1-5: Vorstellung einer unbewussten Schuld, über die freilich nicht Menschen, sondern nur Gott am Jüngsten Gericht urteilen kann. [Vgl. Röm. 2,16]
„Das Gebet ist aus der Evolution des inneren Dialogs nicht wezudenken.“ (S.113)
Kap 2:
„Die Hülle des Mose und die unbewußten Aspekte des Gesetzes“ (2. Kor. 3, 4-4,6)
Die Hülle des Kopfes der Frau schützt sie vor eigener Begierde und vor den Angriffen durch die gefallenen Engel. (S.176)
In Joseph und Aseneth wird diese vom Engel freilich aufgefordert, den Schleier vom Kopf zu entfernen (JosAs, 15,1 – vgl. auch Joseph u. Asenat)). Gegenüber Gott entfällt der Schutz des Unbewussten.
Theißens Argumentation: Paulus ist gegen die „Auflösung der Geschlechtsrollensymbole“ (S.178), verkennt allerdings den Unterschied zwischen kulturellen Symbolen (kurze Haare/lange Haare) und natürlich gegebenen (Bart beim Mann, vgl. dazu Epiktet III 1, 25-34).
Dazu 1. Kor. 11 (Verhüllung des Kopfes der Frau im jüd. Gottesdienst) und 2. Kor. 3, 14f (Aufhebung der Verhüllung aller gegenüber Gott im christl. Gottesdienst).
Mit der Forderung nach der Unterdrückung sexueller Impulse der Frau hinterlässt Paulus ein schweres Erbe. Mit dem Fortfallen der Hülle im christl. Gottesdienst aber gibt er „gegenüber den Forderungen und Inhalten des Überichs“ mehr Freiheit. (S.180)

Kap 4: „Glossolalie – Sprache des Unbewußten?“ (S.269ff)
„Glossolalie ermöglicht ein gesteigertes […] positives Selbstbild“
Paulus: „Das Leiden soll in das Selbstbild […] aufgenommen werden. […] Wodurch wird die kognitive Umstrukturierung […] bewirkt?“ Durch Christus. „In seiner Gestalt sind die negativen Aspekte der Wirklichkeit mit der positiven Erfahrung der Erlösung verbunden.“ (S.339)
Vielleicht hat Paulus recht. Vielleicht ist Glossolalie mit dem „Sündenfall“ in Verbindung zu bringen „als Erinnerung an ein unsemantisches phonetisches Spiel des Urmenschen, das noch nicht durch die Anforderungen der kulturellen Evolution eingeengt“ und in Sprachen genutzt wurde. (S.340)

Kap5: „Weisheit für Vollkommene als höheres Bewußtsein“ (S.341ff) [1. Kor. 2, 6-16)

Textanalyse 1. Kor. 18-25: Kreuzespredigt als Torheit, 1. Kor. 2, 6-16 Kreuzespredigt als Weisheit
Man kann das Verhältnis der Kreuzespredigt zur Weisheit im Sinne von Stufen oder im Sinne einer Dialektik verstehen. Für Stufen spricht die Form, für Dialektik der Inhalt. In „dieser Spannung von Form und Inhalt“ liegt „der Schlüssel zum Verständnis des Textes“ (S.343)

Schlussbemerkungen:
Paulus sieht wie die Moderne das Unbewusste als „bedrohliches Konfliktgeschehen“ und als „heilende Kraft“. Paulus öffnet sich dem Unbewussten freilich nicht total. Sexuelle Impulse will er kontrolliert sehen. Vielleicht ist das die Voraussetzung für „von sexueller Kontrolle entlastete Beziehungen […] in der Gemeinde“. (S.392)
„Herz paulinischer Theologie: Christus ermöglicht neue Verhaltens- und Erlebensweisen“ (S.393)
Der Glaube, „Religion historisch und sachlich ohne psychologische Reflexion erhellen zu können“ ist illusionär, aber mit dieser Reflexion ist längst nicht alles über Religion gesagt. [Bei Theißen nur auf das Christentum bezogen]. (S.394)

Günter Schulte „Philosophie der Religion“

17. März 2022

Materialien für Studium (guenter-schulte.de)

Was ist Religion? Und wie kann man es wissen?

  1. Neurotheologie (Ramachandran)
  2. Biologie der Religion (Wilson)
  3. Religiöse Erfahrung (James, Rosset)
  4. Mystik (James, Nishitani)
  5. Gnosis (Sloterdijk, Fisher)
  6. Die Reise des Parmenides (Schmitz, Kingsley)
  7. Nah-Todeserfahrung und Außerkörperlichkeit (Schröter-Kunhardt)
  8. Religion und Infantilität (Freud, Sloterdijk)
  9. Moses und der Monotheismus (Freud)
  10. Das Ende der Gewalt (Girard)
  11. Die Erschaffung der Götter (Heinsohn)
  12. Die Sehnsucht nach der bikameralen Psyche (Jaynes)
  13. Primitive Religionen (Durkheim)
  14. Die Mentalität der Primitiven (Lévy-Bruhl)
  15. Aberglaube und Bekenntnis (Mannoni)
  16. Religion und Spiel (Huizinga)
  17. Religion und Totalitarismus (Messadié, Dell’Agli)Literatur

Safranski: Einzeln sein

10. März 2022

Rezensionen

bei Perlentaucher

Burkhard Müller : Me, myself and I, SZ 4.3.22

„[…] Als Abschluss wählt er Kafkas Parabel „Vor dem Gesetz“ und folgt dem anscheinend unwiderstehlichen Drang, sie zu interpretieren: „Doch wenigstens solange man lebt, ist es nie zu spät für den eigenen Eingang, dafür, ein Einzelner zu sein.“ Unter den vielen Deutungen, die diese Geschichte über den Mann vom Land und den Türhüter schon gefunden hat, ragt diese durch ihren außergewöhnlich sonnigen Charakter hervor.“

ZUM INHALT:

Luther habe sich, so S. beim Versuch der Emanzipation von der väterlichen Autorität ins Kloster begeben, wo er materiell unabhängig vom Vater war, dann aber beim Versuch, ein vorbildlicher Mönch zu sein, über Askese und Selbstquälerei in eine Sackgasse geraten, als er dann bei der Passage im Römerbrief die Gnade erfuhr, glauben zu können, dass seine eigenen Anstrengungen gar nicht erforderlich seien. Das sei freilich nicht ein ruhiger Endzustand, weil ihn immer wieder Zweifel, „Anfechtungen“, überkamen, ob er nicht soch vom Teufel, statt von Gott geritten sei. 

Montaigne sieht S. in der Tradition der Nominalisten ganz auf die Einzelheit ausgerichtet, weil alles sich von allem unterscheide, also nicht für alle Einzelheiten gelte. Sein Buch sei das erste, das – hier greift S. Montaignes Selbstaussage auf -, das nur das eigene Weltverständnis zu erkunden suche. Die kirchlichen und „staatlichen“ Regeln erkennt er an, weil sie das, was ihn wirklich angeht, nicht betreffen. – Dies ganz im Gegensatz zu Luther, der mit seiner Befreiungserfahrung alle missionieren will.

Erste Zwischenbilanz
„Dass man unterschieden wird, von außen und von anderen, ist gewissermaßen die passive Seite des Unterschiedes. Doch es gibt auch die aktive. Man will sich zu seinem Vorteil unterscheiden und empfindet es als kränkend, wenn dieser Unterschied nicht bemerkt wird. Darum geht der Kampf um Anerkennung: Man möchte als dieser Besondere, der man ist, anerkannt werden. Normativ gesehen ist die Gleichheit die Voraussetzung, und der Unterschied und seine Anerkennung sind das Ziel“. (S.64 )

Genau das, was bei den „Diversen“ gegenwärtig geschieht.

Thoreau
„Stirner kommt an bei sich selbst, seinem schöpferischen Nichts. Für Thoreau aber öffnet sich eine ganze Welt: er hat entdeckt: Eine Natur, wie er sie bisher noch nicht erlebt hat, eine Natur, die ihm erlaubt und ihn auch dazu zwingt, von sich selbst abzusehen und die Herausforderung ihrer überwältigenden Präsenz anzunehmen. Stirner verliert bei seinem Befreiungsversuch die Welt, Thoreau gewinnt sie. Der eine schrumpft, der andere weitet sich. Der eine verarmt bei der Abwehr, der andere gewinnt bei der Hingabe.“
„Das Leben im Wald hatte ihn gelehrt, dass die Natur ihn zu sich selbst zurückruft, dass sie ihm die Verantwortung für seine Existenz nicht abnimmt. Sie spendet nicht das Glück pränataler Geborgenheit. Sie ist keine Mutter. In der Natur hatte er sich entdeckt in mitten von etwas Absolutem, das man nicht besetzen kann, sondern dem gegenüber man sich nur behauptet, wenn man es versteht, sich einzufügen. Dort am Walden-Teich war ihm etwas gelungen, was ihm das Leben in der Gesellschaft allein nicht hätte geben können: Nämlich draußen in der Gesellschaft mitzukämpfen für die Befreiung und dabei mit sich selbst verbunden zu bleiben.“ (S.152)

Hannah Arendt (S.224ff)

Hier bewährt sich für mich Safranskis Fähigkeit, ganz wenige Punkte zentral zu stellen und von da aus zu erklären.

Die ersten Schritte ihrer politischen Philosophie Arbeiten und Herstellen und dem Handeln, das Freiheit, das spezifisch Menschliche ermöglicht, sind meist im wesentlichen schon bekannt. Dass der Mensch als denkendes (über etwas denkendes) Wesen in einen Dialog mit dem anderen in sich selbst tritt (ihr Verständnis von Gewissen) meist weniger. 

Eichmann als der „banal Böse“ ist der Gewissenlose im wahrsten Sinne des Wortes, der deshalb zum Rädchen in einer Maschine werden kann. [Hitler, über den ich von ihr nichts gelesen habe, wäre danach etwas anderes, weil er im Handeln ein von sich selbst gesetztes Ziel verfolgte, das er natürlich von anderen übernommen hatte, aber das er sich zu eigen machte, dem er nicht mechanisch folgte.] 

Zu beachten ist freilich, dass Eichmann am Schluss, als die Judenvernichtung Hitler nicht mehr interessierte, sie weiter verfolgte. Da hat er offenbar die ihm gestellte Aufgabe so sehr als sein Werk empfunden, dass er es aus Selbstliebe vollenden wollte.

Das Zwei in Eins im über etwas denkenden Menschen von Arendt war mir neu und ist für mich ein Bild für das Philosophieren überhaupt. (Bemerkenswert, dass Safranski Arendts Philosophie in vielem als Gegenbild zu der Heideggers sieht.)

Ernst Jünger
Im Arbeiter wird die Gesellschaft organisiert um ein Produkt zu erstellen, der einzelne ist nur wichtig als Teil der Produktionsmaschine. (Vergleiche: Herstellen bei Hannah Arendt)
Ernst Jünger spricht von seinen Schriften vor Ende des Zweiten Welt Krieges als von dem Alten Testament. Die danach sein das Neue Testament. Seine Schrift der ‚Waldgänger ‚von 1950 ist also das erste Buch des ‚Neuen Testaments‘.
„Das Bild des Waldgang als changiert zwischen Gottsucher und Partisanen, wie auch die Gesellschaft mal totalitär und mal bloß konformistisch erscheint.
Doch bei alledem hält sich im ‚Waldgang‚ eine Idee durch, die vielfach variiert wird: es geht um die Seinsverdichtung, die dann erfahren wird, wenn jemand sich entschließt, aus der Statistik heraus zu treten und seine unverwechselbare eigene Existenz zu ergreifen. Dabei entscheidet sich dann, Zitat Jünger „ob er sein So-Sein höher als sein Da-Sein schätzt.“
Das beschreibt ganz gut, worum es eigentlich geht beim Versuch, ein Einzelner zu sein (S.260)

Klimawandel – Klimastreik

13. August 2021

Der menschengemachte Klimawandel hat schon seit über 200 Jahren stattgefunden (genau genommen noch länger*), obwohl am Anfang niemand von der gesamten Menschheit etwas darüber wissen konnte, und er wird umso verhängnisvoller, je mehr Menschen glauben, dass es ihn nicht gibt.

mehr dazu

*Wikipedia: „2015 stellte für Geologen der University of Leeds hingegen bereits das Jahr 1610 den Beginn des Anthropozäns dar: Durch die Einschleppung von Krankheiten in die „Neue Welt“ und das dadurch bedingte Massensterben der indigenen Bevölkerung sei es zu einem markanten Rückgang der Kohlendioxidkonzentration in der Atmosphäre gekommen, da die von den Ureinwohnern Amerikas genutzten Felder brach lagen und von der Kohlendioxid-fixierenden Vegetation zurückerobert wurden; zudem begann in diesem Zeitraum ein in der Geschichte des Planeten nie zuvor dagewesener Artenaustausch zwischen den naturgemäß bislang weitestgehend isolierten Kontinenten.[23][24]

FREITAG 13. AUGUST

14:00 – 15:00 Sternmärsche: Bockenheimer Warte Zoo EZB Hauptbahnhof Südbahnhof Gallus Warte

15:00 – 22:00 Zentralstreik Alte Oper

weitere Informationen

Klimastreik

19. März 2021

Eugen Drewermann -Kirchenrebell und Theologe

22. Februar 2021

Nimm fort die Amarylle

30. Januar 2021


Ich kann kein Blühen mehr sehn,

Es ist so leicht und so gründlich

Und dauert mindestens stündlich

Als Traum und Auferstehn.


Nimm fort die Amarylle, 

du siehst ja: gründlich: – sie setzt 

ganz rot, ganz tief, ganz Fülle 

ihr Eins und Allerletzt.

Was wäre noch Stunde dauernd

in meinem zerstörten Sinn,

es bricht sich alles schauend

in Augenblicken hin.

(Gottfried Benn)

Benn hat vor dem seraphischen Ton gewarnt. Er dachte an Rilke, an Werfel. Wenn ich an die Warnung denke, denke ich an Benn-Gedichte. Es gibt so nüchterne und so viele, die im Ton des Sehers gesprochen sind. Mir fällt zu diesem immer wieder „Nimm die Forsythien tief in dich hinein“ ein mit dem Anklang an Stefan George. Und wie viele Blumennamen findet man in Benns Gedichten. Immer wieder braucht er Blumen, um zu evozieren, was ohne die Blumen nicht entstünde. Das beginnt schon – in anderer Weise – mit „Kleine Aster“. Ohne Blumen könnte so oft nicht zeigen, was er zeigen will.

Vergleiche auch:

Ulrich Greiner: Zu Gottfried Benns Gedicht „Wenn etwas leicht“

Zu drei Thesen des griechischen Philosophen Gorgias

5. Januar 2021

Es ist sinnvoll, sich die Frage zu stellen, ob wir uns alle nur einbilden, dass es eine Wirklichkeit außerhalb uns gäbe. (Die erste These von Gorgias ist: Es gibt nichts)

Das Beispiel des Coronavirus zeigt, dass etwas auf uns einwirkt, auch wenn wir nicht glauben, dass es das gibt. Andererseits haben auch Lügen immer wieder große Wirkungen gehabt. Da wird etwas behauptet, das nicht stimmt, und schon hat so etwas, was nicht stimmt, große Auswirkungen: Das schrecklichste Beispiel dafür ist der Antisemitismus: „Die Juden sind unser Unglück. Sie wollen die Weltherrschaft übernehmen.“ Das diente als „Rechtfertigung“ dafür, Millionen von ihnen zu töten. Außerdem half es dazu, seinerseits die Weltherrschaftspläne Hitlers zu „rechtfertigen“. Das heißt: Eine Lüge (und viele andere) hat dazu geführt, dass im 2. Weltkrieg über 50 Millionen Menschen umgekommen sind.

Trotzdem: Die falsche Behauptung des Gorgias hat dazu geführt, dass eine der wichtigsten Schriften von Plato entstanden ist: https://de.wikipedia.org/wiki/Gorgias_(Platon): Dazu die Wikipedia: „Das Thema ist zunächst die Frage, worin der Sinn und Zweck der von Gorgias meisterhaft praktizierten Redekunst besteht. Es stellt sich heraus, dass sie darauf abzielt, die Zuhörer durch Schmeichelei zu überreden. Sie soll dem Redner in juristischen oder politischen Auseinandersetzungen den Sieg verschaffen. Damit soll sie für ihn, wie er glaubt, etwas Gutes bewirken. Sokrates bestreitet aber, dass die Rhetorik diese Erwartung erfüllen kann; er meint, der Redner bilde sich das nur ein. Um dies zu prüfen, muss man klären, worin eigentlich das Gute und Wünschenswerte besteht. Damit wendet sich die Diskussion ihrem Hauptthema zu, der Frage nach der richtigen Lebensweise.“

Jetzt zur 2. These von Gorgias: „wenn es etwas gäbe, könnte es doch nicht erkannt werden“ Dieser Gedanke (verbunden mit vielen anderen) hat nach Platon einen zweiten großen Philosophen, nämlich Kant, wiederum zu einer seiner wichtigsten Schriften geführt, zur Kritik der reinen Vernunft. Darin hat er erläutert, was man (seiner Meinung nach) erkennen kann und was nicht. Und zwar kann man danach auch etwas erkennen, was man nie wahrgenommen hat. Seine Kurzformel dafür: A priori.

Nun zur 3. These von Gorgias: „wenn es [die Realität] erkannt werden könnte, könnte es doch nicht mitgeteilt/verständlich gemacht werden“

Kant ist zu der Überzeugung gekommen, dass es (ich vereinfache) Denknotwendigkeiten für den Menschen gibt, die ihn daran hindern, die Welt so zu sehen wie etwa eine Biene. Das heißt: Unsere Realität ist nicht die einzige, sondern sie ist wesentlich durch unseren Verstand geprägt. Damit ist er zu dem Schluss gekommen, dass wir das, was unserer Realität zugrunde liegt, nicht erkennen können. [Das hat er das „Ding an sich“ genannt.] Unabhängig davon, ob seine Überlegung richtig ist, hat er damit gezeigt, dass man auch über etwas, was man nicht erkennen kann, verständlich schreiben kann. Es ist freilich nicht leicht zu verstehen. Ob es für dich verständlich ist, kannst du an diesem Wikipediaartikel ausprobieren: Ding an sich.

Die Absicht, die Gorgias mit seinen falschen Behauptungen verfolgt hat, war die; sich Vorteile zu verschaffen. Diese Behauptungen zu widerlegen, hat Jahrhunderte gedauert. Die über 10 000 Lügen, die Trump verbreitet hat, sind schon alle widerlegt, aber viele Millionen Menschen glauben noch immer daran. Etwas was nicht stimmt, kann also gewaltige Wirkungen haben.

Freilich, etwas, was damals niemand von der gesamten Menschheit für wirklich gehalten hat, der menschengemachte Klimawandel, hat schon seit über 200 Jahren stattgefunden (genau genommen noch länger), und er wird sich vor allem dann fortsetzen, wenn wir annehmen, dass es ihn nicht gibt. Doch das ist ein anderes Kapitel.

Zur Rolle der stoischen Philosophie in Silicon Valley

17. Dezember 2020

„Epiktet, Marc Aurel und Seneca verstehen Philosophie vor allem als eine Kunstfertigkeit (technê), die nicht dem Endzweck dient, theoretische Wahrheiten zu ermitteln, sondern das Leben in einem praktischen Sinne besser zu machen. Denn, so heißt es bei Seneca: „Die Philosophie beruht nicht auf Worten, sondern auf Handlungen.“ (Seneca, Epist. mor. 16,3) „

mehr dazu: https://www.praefaktisch.de/002e/er-ist-wieder-da-die-renaissance-des-stoizismus/

Angst zu haben ist reine Zeitverschwendung ZEIT 4.8.20

Jede Freiheit ist begrenzt durch die Freiheit der anderen

5. Dezember 2020

Zu diesem Gedanken gibt es viele Formulierungen, bei denen man sich freilich oft auf Autoren beruft, die ihn nicht so formuliert haben, wie man ihn zitiert. Z.B. Rosa Luxemburg: „Freiheit ist immer auch die Freiheit des Andersdenkenden“ (Deren genaue Formulierung ist freilich: „Freiheit ist immer Freiheit des anders Denkenden.“ Link zur Quellenangabe mit Angabe des Kontexts)

Schon vor 9 Jahren hat Albrecht bei gutefrage.net in seiner souveränen Weise dazu genau recherchiert:

https://www.gutefrage.net/frage/von-wem-stammt-das-zitat–meine-freiheit-endet-dort-wo-die-freiheit-des-anderen-beginnt

„Der Gedanke ist sehr alt. Wer ihn zuerst hatte, ist wohl kaum sicher zu belegen. Zu einer genauen Formulierung wie „Die Freiheit des einen endet dort, wo die Freiheit des anderen beginnt“ oder „Die Freiheit des einen hört da auf, wo das Recht des anderen beginnt“ scheint ein Urheber unbekannt zu sein.

Der Gedanke kommt in einem Naturrechtsdenken mit Freiheit als wichtigem Grundbegriff in Recht und Politik vor. Im Zeitalter der Aufklärung ist er in Rechtstexten formuliert worden.

Erklärung der Menschen- und Bürgerrechte (Déclaration des droits de l’homme et du citoyen) vom 26. August 1789, Artikel 4:
„La liberté consiste à pouvoir faire tout ce qui ne nuit pas à autrui : ainsi l’exercice des droits naturels de chaque homme n’a de bornes que celles qui assurent aux autres Membres de la Société, la jouissance de ces mêmes droits. Ces bornes ne peuvent être déterminées que par la Loi.“

„Die Freiheit besteht darin, alles tun zu können, was einem anderen nicht schadet. So hat die Ausübung der natürlichen Rechte eines jeden Menschen nur die Grenzen, die den anderen Gliedern der Gesellschaft den Genuß der gleichen Rechte sichern. Diese Grenzen können allein durch Gesetz festgelegt werden.“

Allgemeines Landrecht für die Preußischen Staaten vom 5. Februar 1794, Einleitung II. Allgemeine Grundsätze des Rechts. §. 83. „Die allgemeinen Rechte des Menschen gründen sich auf die natürliche Freyheit, sein eignes Wohl, ohne Kränkung der Rechte eines Andern, suchen und befördern zu können.“

Immanuel Kant, Die Metaphysik der Sitten (1797). Erster Teil. Metaphysische Anfangsgründe der Rechtslehre. Einleitung in die Rechtslehre. § B. Was ist Recht?
„Das Recht ist also der Inbegriff der Bedingungen, unter denen die Willkür des einen mit der Willkür des andern nach einem allgemeinen Gesetze der Freiheit zusammen vereinigt werden kann.“

Immanuel Kant, Die Metaphysik der Sitten (1797). Erster Teil. Metaphysische Anfangsgründe der Rechtslehre. Einleitung in die Rechtslehre. § C. Allgemeines Prinzip des Rechts
„»Eine jede Handlung ist recht, die oder nach deren Maxime die Freiheit der Willkür eines jeden mit jedermanns Freiheit nach einem allgemeinen Gesetze zusammen bestehen kann etc.«

Wenn also meine Handlung, oder überhaupt mein Zustand, mit der Freiheit von jedermann nach einem allgemeinen Gesetze zusammen bestehen kann, so tut der mir Unrecht, der mich daran hindert; denn dieses Hindernis (dieser Widerstand) kann mit der Freiheit nach allgemeinen Gesetzen nicht bestehen.“

„Das Rechthandeln mir zur Maxime zu machen, ist eine Forderung, die die Ethik an mich tut. Also ist das allgemeine Rechtsgesetz: handle äußerlich so, daß der freie Gebrauch deiner Willkür mit der Freiheit von jedermann nach einem allgemeinen Gesetze zusammen bestehen könne, zwar ein Gesetz, welches mir eine Verbindlichkeit auferlegt, aber ganz und gar nicht erwartet, noch weniger fordert, daß ich, ganz um dieser Verbindlichkeit willen, meine Freiheit auf jene Bedingungen selbst einschränken solle, sondern die Vernunft sagt nur, daß sie in ihrer Idee darauf eingeschränkt sei und von andern auch tätlich eingeschränkt werden dürfe; und dieses sagt sie als ein Postulat, welches gar keines Beweises weiter fähig ist.“

Möglicherweise ist bei der Formulierung ein Ausspruch in eine allgemeine Formulierung umgewandelt worden, der Oliver Wendell Holmes (1841 – 1937) zugeschrieben wird:
„The right to swing my fist ends where the other man’s nose begins.“

„Das Recht, meine Faust zu schwingen, endet, wo die Nase des anderen Mannes beginnt.“

Ein Nachforschen in Zitatlexika (zum Stichwort/Thema „Freiheit“) ist eine Möglichkeit, um Äußerungen zu entdecken und eventuell Angaben zu ihren Urhebern zu finden.

Das grosse Handbuch der Zitate von A bis Z : 25000 treffende Aussprüche und Sprichwörter von der Antike bis in die Gegenwart. Gesammelt und herausgegeben von Hans-Horst Skupy. Sonderausgabe. München : Bassermann, 2004, S. 262
„Die Freiheit besteht darin, dass man alles tun kann, was einem anderen nicht schadet.“ Matthias Claudius

S. 264:
„Die Freiheit hat als ihre logische Grenze die Freiheit der anderen.“ Alphonse Karr Französisch heißt dies anscheinend: „La liberté de chacun a pour limite logique la liberté de tous les autres.“ „