Archive for the ‘Philosophie’ Category

Karl Jaspers

27. Februar 2017

Ich war ein Kind, als in einem Schloss dem Gespräch meiner Mutter mit einer älteren Dame zuhörte, die Jaspers offenbar als die wichtigste geistige Autorität ansah. 

Als ich später etwas über ihn und ein wenig von ihm las, konnte ich das nicht nachempfinden. Seine politischen Schriften fand ich bemerkenswert. Der Ton der Autorität sprach mich nicht an

Dass mein Bild von Jaspers sehr unzureichend war, entnahm ich Golo Manns Lebenserinnerungen, in denen er mit Hochachtung von ihm sprach und in denen eine Gestalt gezeichnet wurde, die auch mir Hochachtung abgewann. Ja, ich hatte sogar Verständnis für seinen Bruch mit Golo Mann. Freilich vor allem, weil Mann ihm – trotz seiner menschlichen Enttäuschung – Gerechtigkeit widerfahren ließ.

Die neue Werkausgabe verspricht einen noch besseren Zugang.

 

 

 

Sind göttliche Allmacht und menschliche Freiheit vereinbar?

24. Juni 2016

Wegen der logischen und ethischen Paradoxa, die sich aus einer Verbindung von göttlicher Allwissenheit und menschlicher Freiheit ergeben, bleibt für ein modernes Gottesbild nur die Vorstellung, dass Widersprüche zu menschlicher Logik kein Hinderungsgrund für Wahrheit sein müssen.
Diese Vorstellung des verborgenen Gottes (https://de.wikipedia.org/wiki/Deus_absconditus), gibt es in der Theologie spätestens seit Luther.
Aber auch die Wissenschaften sehen den Satz vom ausgeschlossenen Dritten schon längst als überholt an. So z.B. bei den imaginären und komplexen Zahlen (vergleichsweise trivial), noch grundsätzlicher bei Schrödingers Katze und bei der Quantentheorie allgemein. Danach gibt es nicht nur das – scheinbar – ausgeschlossene Dritte, sondern es gibt überhaupt keine gültige Wahrheit, weil die jeweilige Wahrheit durch das Experiment erzeugt wird.
Die menschliche Freiheit ist sozusagen nicht größer als die, die nach der Quantentheorie jedem einzelnen Quantum zukommt. Das von dir angesprochene Paradoxon also trivial.
Die christliche Theologie hat das Problem aber ebenfalls schon längst durch die Vorstellung „höher als alle menschliche Vernunft“, „bei Gott ist kein Ding unmöglich“ und „credo quia absurdum est“ usw. aufgelöst.
Die ersten Formulierungen in dieser Richtung finden sich schon bei Paulus (

Zeitgenössische Philosophen über Kants Schrift „Zum ewigen Frieden“

20. Dezember 2015

Was bleibt von Immanuel Kant? (ZEIT 3.12.15, online seit 17.12.15)
„Philosophinnen und Philosophen aus aller Welt erklären, was der deutsche Denker uns heute bedeutet.
Ein Gastbeitrag von Achille Mbembe, Pankaj Mishra, Donatella Di Cesare, Raymond Geuss, Mohamed Turki, Kenichi Mishima, Ágnes Heller, Bruno Latour, Vladimir Kantor, Wang Hui und Robert B. Brandom“

Achille Mbembe: Er ist viele (Der kamerunische Philosoph  Mbembe lehrt an der Witwatersrand-Universität in Johannesburg)

Es gibt zwei Kants, die wir in der Gegenwart dringend brauchen. Da ist erstens der Kant, der den Menschen als Wesen mit einer souveränen Vernunft erkennt, auf der das moralische Urteil beruht. Auf diesen Kant sind wir angewiesen, weil die Leidenschaften und Affekte gegenwärtig überhandnehmen wollen und weil in den Krisen der globalisierten Welt zumeist unbegründete Ängste als Alibi für Gewaltexzesse dienen. Aber ebenso sehr brauchen wir den Kant des Ewigen Friedens, weil er der Menschheit als Weltgesellschaft einen Horizont öffnet, auf den wir gemeinsam zugehen müssen, wenn wir nicht in der planetarischen Katastrophe, in Krieg und Terror enden wollen.

Die Idee des ewigen Friedens bedeutet, dass wir uns als Gattung anstrengen können, die Erde unter all ihren Bewohnern, die ihre gemeinsamen Eigentümer sind, gerecht zu teilen. Aus afrikanischer Perspektive heißt ewiger Friede universelles Gemeingut. Dieser Kant ist zwar Europäer, aber darauf kommt es nicht an, er könnte ebenso Afrikaner, Chinese oder Inder sein, denn in allen Kulturen wird sein Gedanke der Weltgesellschaft als Eigentümergemeinschaft in Variationen gedacht. […]

Hans Küng erklärt von Enzylexikon

12. Dezember 2015

Hans Küng 

eins seiner Werke zum Gottesbegriff: Existiert Gott?

Die zu erklärende Aussage:

Gott ist das Unendliche im Endlichen, die Transzendenz in der Immanenz und das Absolute im Relativen!

Enzylexikon:

„Eine Interpretation wäre, das man Gott und Welt nicht trennen kann, so wie man Geist und Körper nicht trennen kann. Es gibt keinen Widerspruch zwischen beidem.

Immerhin soll die Welt Gottes Schöpfung und der Mensch sogar nach seinem Ebenbild geschaffen sein – wie könnte es also sein, dass die Schöpfung nicht selbst, das Göttliche inne hat?

Der Anblick einer grandiosen Landschaft beeindruckt uns – „wow, der Fluß muss Jahrmillionen gebraucht haben, sich so durch den Fels zu fressen….“

Aber ich denke, wir bewundern da nicht nur einfach die Leistung einer beeindruckenden Naturgewalt, sondern empfinden emotional, dass diese Welt viel größer und mächtiger ist, als wir als einzelnes Individuum jemals sein können.

Diese „Ehrfurcht“ vor der Macht von Zeit und Natur ist vielleicht mit der Ursprung des religiösen Empfindens.

Islam

Gott ist das Unendliche im Endlichen, die Transzendenz in der Immanenz und das Absolute im Relativen!“

Das klingt beeindruckend, groß, riesig.

Im Islam sagt man „Allahu akbar“ – Gott ist größer. Aber da stellt sich natürlich die Frage – „größer als wer oder was?“

Größer als ein Mensch?

Wäre der Schöpfer eines Universums ganz sicher.

Größer als die eigene Schöpfung?

Vermutlich, denn sonst hätte er sie nicht schaffen können.

Gleichzeitig heißt es im konservativen Islam aber auch, das man den Körper nicht durch Tätowierungen verändern soll – er ist Gottes Geschenk. Man soll sich auch kein Bildnis von Gott machen.

Allerdings muss auch die Schöpfung etwas besonderes sein, dann im konservativen Islam ist auch die Darstellung von Lebewesen verboten, was gedeutet werden kann, dass man der Schöpfung den gleichen Respekt entgegen bringen soll, wie dem Schöpfer.

Das Unendliche im Endlichen, die Transzendenz in der Immanenz…..

Hinduismus

Gott ist das Unendliche im Endlichen, die Transzendenz in der Immanenz und das Absolute im Relativen!“

Gott kann in diesem Zitat auch als Symbol für das Unergründliche gesehen werden, dass sich in der gesamten Schöpfung findet.

In den hinduistischen Upanischaden gibt es die Erzählung von der Feige oder Mango die immer weiter geteilt wird, bis sie so klein ist, das man sie nicht mehr sehen kann.

Dieses nicht mehr Wahrnehmbare und daher Unteilbare, sei der Wesenskern des Menschen (Atman) und identisch mit dem Göttlichen (Brahman), ohne sich dessen bewusst zu sein.

Es wäre also das „Unendliche im Endlichen“, wie Küng es nennt.“

Enzylexikon Sein gesamter Text auf gutefrage.net

Wenn ich – bis auf ein paar stillschweigende Änderungen der Rechtschreibung – den Text verbessern wollte, müsste er weit ausführlicher werden. Was mir an dem Text gefällt, ist, dass er immanent auf Küngs Konzept vom Weltethos hinweist. 

Freiheit bei Sartre

24. August 2015
Die Lage des Menschen ist durch absolute Freiheit gekennzeichnet: „Ich bin dazu verdammt, frei zu sein“ oder: „Der Mensch ist der Statthalter des Nichts“ (Heidegger). Dieser Grund-Situation hat sich der Mensch zu stellen. Alles andere wäre eine Selbsttäuschung. „Es gibt keine Natur des Menschen, die den Menschen festlegt, sondern der Mensch ist das, wozu er sich macht.“
Daraus folgen einige Feststellungen: „Der Mensch ist voll und ganz verantwortlich“, zunächst für seine Individualität: Mit seinem Tun „zeichnet er sein Gesicht“. Gleichzeitig aber auch für die ganze Menschheit, denn mit seinen Entscheidungen zeigt er auch, was der Mensch sein kann. Insofern ist er immer auch ein Gesetzgeber.
„Der Mensch ist Angst.“
„Der Mensch ist Verlassenheit.“
„Der Mensch ist Verzweiflung.“
„Es gibt Wirklichkeit nur in der Tat“: Der Mensch entdeckt sich in seinem Entwurf, er überschreitet sich, indem er sich auf etwas entwirft. Die Liebe existiert für Sartre nur als verwirklichte Beziehung, das Genie nur als verwirklichtes Genie.
https://de.wikipedia.org/wiki/Jean-Paul_Sartre#Aspekte_des_Existenzialismus

„Ich weiß, dass ich nichts weiß.“ – Der Satz stammt weder von Sokrates noch von Plato

17. März 2015

Der folgende Text von Albrecht ist so gut, dass ich ihn vorstellen möchte. Bei gutefrage.net wird er gewiss nicht so oft gefunden, wie er es verdient:

Philosophie ist nicht mit Vielwissen gleichzusetzen. Ein Philosoph hat Liebe zur Weisheit, er strebt nach Wissen/Erkenntnis (zu grundlegenden Fragen). Etwas zu begehren, nach etwas zu streben, Sehnsucht nach etwas zu haben ist etwas anderes als es schon zu besitzen. Sokrates hat sich vor allem als Suchender verstanden. Er möchte Einsichten gewinnen. Er bemüht sich, zumindest ein Stück weit bei diesem Weg voranzukommen.

Der Satz „Ich weiß, dass ich nichts weiß“ ist eine gekürzte und ungenaue Wiedergabe. Platon, ein Schüler des Sokrates, hat in der Apologie (Verteidigungsrede des Sokrates), die keine wörtliche Mitschrift ist, sondern ein nach dem Gerichtsprozess geschriebenes literarisches Werk, eine Darstellung gegeben, in der Sokrates etwas über sich selbst aussagt. Wenn die Textstelle im Zusammenhang gelesen wird, wird viel verständlicher, was gemeint ist.

In der Aussage steht „nicht weiß“, nicht „nichts weiß“. Der Unterschied kann äußerlich klein wirken (nur ein einziger hinzugefügter Buchstabe), ist aber inhaltlich von großer Bedeutung.

a) Sokrates will nicht aussagen, er sei dumm oder völlig unwissend.

b) Das ausgesagte Nichtwissen ist nicht ganz allgemein und umfassend, sondern hat einen Bezug: Es geht darum, über etwas, worüber er kein Wissen hat, auch nicht zu glauben/meinen, etwas zu wissen.

c) Der Satz „Ich weiß, dass ich nichts weiß“ ergibt einen Widerspruch, weil dann der Aussagende einerseits behauptet, nichts zu wissen, andererseits jedoch eben dies als eigenes Wissen aussagt. Der Originalsatz enthält keine Aussage, überhaupt nichts zu wissen, und weist daher keine logische Unstimmigkeit auf.

Sokrates drückt in der Apologie des Platon mit seiner Aussage aus, Einsicht in Grenzen seines Wissens zu haben.

Chairephon, ein Freund des Sokrates, so erzählt er, befragte das Orakel des Gottes Apollon in Delphi, ob jemand weiser sei als Sokrates, und die Antwort war ein Nein. Sokrates, der sich ursprünglich nicht für weise hielt, hat im Gespräch geprüft, ob andere Menschen (insbesondere Handwerker, Dichter und Politiker) Wissen haben (dabei ging es um Fragen wie die nach dem Guten, der Gerechtigkeit, der Tapferkeit, der Besonnenheit und Ähnliches). Den Orakelspruch hat er schließlich so gedeutete, darin weise zu sein, sich der Grenzen seines Wissens bewußt zu sein und nicht ein bloß scheinbares Wissen für richtiges Wissen zu halten. Sein Name sei nur als Beispiel dafür genannt worden. Im Gegensatz zu anderen, die meinen, etwas zu wissen, es aber nicht wirklich tun, meine er auch nicht, über etwas wissend zu sein, worüber er kein Wissen hatte. Insofern hat er anderen etwas an Weisheit voraus.

Platon, Apologie 21 d sagt Sokrates nach einem prüfenden Gespräch mit einem Politiker:

„Es scheint ja freilich keiner von uns beiden etwas Schönes und Gutes zu wissen, aber dieser meint, etwas zu wissen, ohne darüber ein Wissen zu haben, ich aber, wie ich eben nicht weiß, so meine ich es auch nicht. Ich scheine also wenigstens um ein kleines Stück weiser zu sein als er, daß ich, was ich nicht weiß, auch nicht zu wissen meine.“

Sokrates hatte die philosophische Haltung, etwas nicht einfach ungeprüft als sicheres Wissen gelten zu lassen und keine scheinbaren Selbstverständlichkeiten ohne Beweise zu übernehmen. Er stellte also vermeintliches Wissen in Frage und wies oft ein bloßes Scheinwissen nach. Eine Methode in seinen Gesprächen war, einen bloßen Anschein von Wissen durch Überprüfung als Nichtwissen nachzuweisen, um so über das Erkennen des Nichtwissens als erreichte Einsicht einen Weg zu wahrhafter Erkenntnis zu öffnen. Die erste Stufe ist die Entlarvung eines vermeintlichen Wissens als mangelhaft, auf der zweiten Stufe (falls der Gesprächspartner dazu bereit ist) findet ein Neuaufbau statt.

Ein Blick zurück

28. Oktober 2013

Vor vier Jahren habe ich mich noch in diese Diskussion zum Principium Identitatis eingemischt.

Gegenwärtig gehen politische Fragen mir vor. Dennoch freut es mich, wenn jemand sich nach vier Jahren in eine Diskussion einklinkt und offenbar in dieselbe Richtung denkt:

Nur weil wir uns Ununterscheidbarkeit nicht anders denn als eine Beziehung denken können, heißt das nicht, dass etw. nicht “ein und dasselbe” – oder eben “mit sich selbst identisch” sein könnte. Nur weil da auf dem Zettel zwei As stehen, heißt das nicht, dass jeder Gegenstand sich von sich selbst unterscheidet. — Das scheinst Du aber angenommen zu haben, denn sonst hättest Du nicht den Fehler gemacht, Dich von solchen sinnlichen Eindrücken affizieren und verwirren zu lassen. (ziggev)

Besten Dank ziggev alias Wortanfall

Besten Dank auch für folgende Sätze Sascha Lobos, die ich damals überlesen habe:

Ein solcher Rationalitätsmythos ist immer dann vorhanden, wenn der normale Bürger die Aktionen einer Institution betrachtet und nicht anders kann als zu fragen: „Hä?“

  • Wenn institutionelle Regelungen existieren, die dem Alltagsempfinden nach widersinnige bis aberwitzige Effekte haben. Wenn der Laternenumzug eines Kindergartens Gema-pflichtig ist: Hä?
  • Wenn das erfolgreichste YouTube-Video der Welt, „Gangnam Style“ des koreanischen Rappers Psy, im Original überall zu sehen ist außer in Deutschland: Hä?
  • Wenn das Einstellen eines selbstgeschossenen Fotos des Eiffelturms bei Nacht eine abmahnfähige Urheberrechtsverletzung darstellt: Hä?
  • Wenn mit der sogenannten Vorratsdatenspeicherung der elektronische Datenverkehr sämtlicher Bürger überwacht werden, weil sie ja irgendwann ein Verbrechen begehen könnten: Hä?
  • Wenn die schon teuer bezahlten Inhalte öffentlich-rechtlicher Rundfunkanstalten depubliziert werden müssen und nicht mehr zugänglich sind: Hä?

Für alle diese Häs gibt es Begründungen, Regeln, Gesetze, nach denen Institutionen pflegen zu handeln – aber auf welche Welt beziehen sie sich? Auf die von heute oder auf die Telefax-Wirklichkeit von 1987? (Die Mensch-Maschine: Hä? Hä? Hä?, Spiegel online, 13.11.12)

 

Das Ich ein intentionaler Begriff

3. Oktober 2013

Wie Liebe und Gerechtigkeit sei das Ich ein intentionaler Begriff, meint die Publizistin Ursula P. Jauch (SZ 2.10.13).

Dazu sieh auch Funktionen des Ich.

Gerechtigkeit als Fairness (Rawls) oder Ethik gegen Fairness?

30. August 2011
Wird Oscar Pistorius  durch seine Beinprothesen unfair gegenüber unbehinderten Sportlern bevorzugt?
Die Frankfurter Rundschau von heute sieht bei ihm einen Fall, wo „der ethische Aspekt den der sportlichen Fairness weitgehend verdrängte“.
Gleiches gleich, Ungleiches ungleich, nur wie ungleich?
Zweifellos: Bei seiner ersten Goldmedaille außerhalb des Behindertensports wäre das Grundsatzproblem unausweichlich.
Behinderte sind Ungleichheiten gewohnt und lassen ihn siegen, wenn sie nur selbst auch mitlaufen dürfen. Hochleistungssportler, die ihre Lebensplanung – ohne Not – auf den Sport abgestellt haben, werden das nicht tun.

Perspektiven auf Gerechtigkeit

25. August 2011

Wenn man Gerechtigkeit „als einen idealen Zustand des sozialen Miteinanders, in dem es einen angemessenen, unparteilichen und einforderbaren Ausgleich der Interessen und der Verteilung von Gütern und Chancen zwischen den beteiligten Personen oder Gruppen gibt“ (Wikipedia; vgl. auch Schwemmer in: Enzyklopädie Philosophie und Wissenschaftstheorie, Stuttgart 1995) versteht, so kann man in einer bestehenden Gesellschaft grundsätzlich zwei verschiedene Perspektiven entwickeln.
Zum einen kann man den gegenwärtigen Zustand als im Wesentlichen richtig ansehen. Dann wird man bei jeder Störung des Status quo einen Ausgleich fordern, der Gerechtigkeit wiederherstellt. Das kann sein als Strafe (wie Cameron bei den Unruhen in England und Gadhafi beim Ausbruch der Rebellion) oder als Wiedergutmachung (Wiederherstellung des früheren Zustandes – z.B. in der Finanzkrise Zurücknahme der Deregulierungen oder irgendeinen – meist unzureichenden – Ersatz dafür wie etwa Schmerzensgeld).
Man kann den Zustand aber auch als grundsätzlich verkehrt ansehen, dann wird man eine völlig neue Ordnung fordern (z.B. in einem totalitären System Abschaffung des Systems aufgrund freier Wahlen (vgl. Arabischer Frühling), in der Finanzkrise Abschaffung des Kapitalismus)

Die Perspektive auf Gerechtigkeit hängt aber auch davon ab, ob man sich durch die gegenwärtige Situation benachteiligt sieht oder bevorzugt. Meist wird man in der Situation des Benachteiligten stärker auf Ausgleich oder Systemänderung bestehen als in der Situation des Bevorzugten.
Nun fällt auf, dass aber dennoch immer wieder Bevorzugte eine Änderung des Systems gefordert haben. Das gilt für alle Revolutionäre, die aus der herrschenden Schicht hervorgegangen sind, das gilt aber auch für all die Dritte-Welt-Gruppen oder Anhänger von Attac in den Industrieländern.

Der stärkste mir bekannte Ausdruck für das Bedürfnis, nicht Nutznießer eines ungerechten Systems zu sein, ist die Formulierung „Wenn schon im Konzentrationslager, dann lieber als Insasse denn als Wächter.“
Doch Ähnliches zeigt sich auch bei bei Schuldgefühlen von Überlebenden des KZs gegenüber den ermordeten Angehörigen und Kameraden. (Überlebenden-Syndrom)

Falls jemand wissen wollen sollte, für wie ungerecht ich unsere Gesellschaft halte:

Ich plane noch nicht, als Wanderarbeiter nach China zu gehen,  um der ungerechten Bevorzugung entgehen. Aber ich halte einen Hartz IV-Empfänger, der nichts dafür tut, einen Arbeitsplatz zu bekommen, für in einer moralisch weit bevorzugteren Position als einen Manager, der für die Milliardenverluste seiner Firma Boni in Millionenhöhe erhält.

Dieser Manager würde freilich in meiner Achtung sehr steigen, wenn er aussteigen und bei Finance Watch arbeiten würde. Dagegen verändert sich meine Achtung gegenüber jemandem, der seinen Arbeitsplatz verliert, nicht. So sehr das auch in unserer Gesellschaft seine Selbstachtung gefährden wird.