Archive for the ‘Religion’ Category

40 Thesen zur Reform des Islam

3. November 2017

ABDEL-HAKIM OURGHI: 40 Thesen zur Reform des Islam

„Ich habe meinem Buch ein Zitat von Martin Luther vorangestellt: „Je mehr mich die Leute bedrohen, umso größer meine Zuversicht.“ Von Luther kann man als Muslim heute aber nicht nur Mut lernen, sondern auch, dass die Wertschätzung der Heiligen Schriften eben nicht bedeutet, sie möglichst eng auszulegen. Eine Interpretation des Korans heute muss die alten Texte von ihrer Leblosigkeit befreien und sie durch neue Sinngehalte bereichern. Dann kann sie zur Etablierung des Islams im Westen beitragen.“

Aus den Thesen:

1. Es ist Zeit für einen europäischen Islam.

2. Die Heilige Schrift des Islams an sich ist leblos. Erst die Interpretation macht sie lebendig.

3. Jede Muslimin und jeder Muslim hat die Freiheit, den Koran so zu interpretieren, wie sie oder er will.

4. Eine Reform des Islams braucht mutige Reformer.

5. Das Erbe des Islams muss frei erforscht werden können.

6. Die Reform des Islams ist im Koran selbst angelegt.

7. Reform des Islams bedeutet seine Anpassung an die Moderne.

8. Islamkritik ist keine pauschale Ablehnung des islamischen Glaubens.

9. Der Koran als Gotteswort ist im Laufe der Jahrhunderte zum Menschenwort geworden.

10. Wer den Koran respektiert, kann ihn nicht wortwörtlich nehmen.

11. Die Muslime müssen den Koran wieder zu einem Buch des Friedens machen.

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Reformationstag – zur Bedeutung der Reformation

29. Oktober 2017

Renaissance des Nordens
Über die Bedeutung der Reformation für die Deutschen heute von Evelyn Finger

„[…] Im Februar 2017, als die beiden deutschen Kirchenchefs den Papst besuchten, gab er dem Kardinal Reinhard Marx und dem Bischof Heinrich Bedford-Strohm den Auftrag zum gemeinsamen Abendmahl: Bei euch in Deutschland ist das Problem entstanden, ihr könnt es lösen, macht mir einen Vorschlag! – Der steht noch immer aus. Denn die deutschen Kirchengremien zaudern und zögern. Die Chefs sind ihnen voraus, aber können den Rest nicht ignorieren. Wenn Bedford-Strohm am Wochenende auf Einladung von Marx nach Rom reist, zum Treffen der katholischen Bischöfe Europas, müssen beide aufpassen, dass der Reformpapst sie nicht überholt.

Franziskus hat seine nächste Reformation im Sommer schon angetestet. Nach Informationen der ZEIT sagte er lateinamerikanischen Bischöfen, als sie im Vatikan zu Gast waren: Das Wort Gottes komme stets vor den Sakramenten, das Evangelium vor der Kirche. Klingt für Protestanten harmlos, für Katholiken aber rührt es an das Sakramentsverständnis und damit an die Grundfesten ihrer Kirche. Die Hälfte der Bischöfe soll denn auch entsetzt gewesen sein, die andere Hälfte habe Hosianna gerufen. […]“ (ZEIT 44/2017, 26.10.17)

sieh auch:

Es gibt was zu feiern (ZEIT 44/2017, 26.10.17, S.54)
Zum ersten Mal schreiben die deutschen Kirchenchefs einen Brief zum Reformationstag
Von Heinrich Bedford-Strohm und Reinhard Marx

„[…] Gemeinsam wollen wir in der Gesellschaft Zeugnis für den Glauben an Gott ablegen und auch so handeln. Das ist unser gemeinsamer Auftrag, der in Christus gründet! In der Flüchtlingsarbeit, im weltkirchlichen Engagement und im Einsatz gegen soziale Not arbeiten wir Hand in Hand. Wir können die Welt nicht perfekt machen, aber wir dürfen nicht aufgeben, sie verbessern zu wollen.[…]“

Wie hätte man eine Spaltung der Kirche vermeiden können? (ZEIT 44/2017)

Thema Luther und die Reformation

Die weibliche Seite Gottes

27. Oktober 2017

Auf Hebräisch ist Geist, ruach, weiblich, im Griechischen ist Geist, pneuma, sächlich. erst im Lateinischen wird der Geist als spiritus männlch, so wie er es auch im Deutschen ist.

Wenn es in Der Schöfungsgeschichte heißt, der „Geist Gottes schwebte auf dem Wasser“, hatten die Juden also die Vorstellung eines weiblichen Wesens.

mehr dazu: Die weibliche Seite Gottes Katharina Seifert, 1997

Guglielmiten 

„Guglielma wurde zu Pfingsten 1210 geboren, erschien in Mailand irgendwann zwischen 1260 und 1270 und starb dort am 24. August 1281. […]
In den Annales Colmarienses maiores des Jahres 1301 vermerkt der Colmarer Dominikanerchronist, dass im Jahr zuvor (in precedenti anno), also 1300, „eine überaus würdevolle und gleichermaßen beredte Jungfrau aus England gekommen [sei], die sich für den Heiligen Geist ausgab, der zur Erlösung der Frauen Fleisch angenommen habe. Und sie taufte die Frauen im Namen des Vaters, des Sohnes und in ihrem eigenen Namen. Nach ihrem Tod wurde sie nach Mailand gebracht und dort verbrannt: ihre Asche behauptete Bruder Johannes von Weißenburg (Iohannes de Wissenburc) vom Orden der Predigermönche gesehen zu haben.“ (Wikipedia: Guglielmiten)

Die Guglielmiten im Mittelalter. von Imogen Rhia Herrad,  SWR2 Wissen 27. Oktober 2017

Koran von jüdischen Gelehrten neu entdeckt

26. Oktober 2017

Der Koran ist aufgrund seiner inhaltsfernen Gliederung und der Durchmischung von Texten mit unterschiedlichen Aussageabsichten für Leser, die nicht den Gesamtinhalt überblicken, äußerst schwer angemessen zu verstehen. Kein Wunder, dass Christen ihn als Angriff auf ihre Tradition verstanden und lange keinen objektivierend-historisierenden Zugang zu ihm fanden. Doch jüdischen Gelehrten ist es im 19. Jh. gelungen. Dazu Angelika Neuwirth:

„Der Koran galt in Europa als Teufelswerk – bis jüdische Gelehrte ihn im 19. Jahrhundert neu entdeckten und die Islamwissenschaft erfanden. […]

Der wichtigste jener jüdischen Pioniere war Abraham Geiger aus Frankfurt am Main. Seit Jugendtagen hatte er sich auf eine Laufbahn als Rabbiner vorbereitet, dann aber ein Studium der orientalischen Philologie in Heidelberg begonnen. 1830 wechselte er nach Bonn, wo er sich auch wieder der Theologie zuwandte. Seine Pionierarbeit Was hat Mohammed aus dem Judenthume aufgenommen? zeichnete die Universität Bonn 1832 mit einem Preis aus. 1833 erschien sie in gedruckter Form, da war Geiger schon in Wiesbaden zum Rabbiner gewählt worden. Die Universität Marburg verlieh ihm für das Werk einen Doktortitel.

Kurz zuvor hatte Goethe mit seinem West-östlichen Divan (1819/1827) die literarische Entdeckung des Korans initiiert und mit seinem feinen Gespür für poetische Raffinesse einen unbefangenen Blick auf den Text ermöglicht. Doch es waren Forscher wie Abraham Geiger – junge Akademiker, die selbst im Kreuzfeuer der Polemik von christlicher wie jüdischer Seite standen –, die den Boden für eine wissenschaftliche Auseinandersetzung mit dem Islam bereiteten. […]

Zu Beginn des 20. Jahrhunderts entwickelte sich aus der Arbeit der jüdischen Wissenschaftler die allgemeine Islamwissenschaft; besonders das Werk des Gelehrten Ignaz Goldziher (1850–1921) aus Österreich-Ungarn setzte Standards, die bis heute gültig sind. In seinen Muhammedanischen Studien, die 1889/90 erschienen, erforschte er die Hadithe, also die Überlieferungen dessen, was Mohammed gesagt und getan haben soll. […]

Der Koran ist denn auch, liest man ihn mit historisch-kritischem Blick, ganz und gar das Dokument einer religiösen Debatte, die um die biblische Tradition kreist und sie erneuern will. Er ist gerade nicht, wie die antiislamische Polemik es will, eine missverstandene Reproduktion der Bibel selbst, sondern eine neue Auslegung.

Die Entstehung und Expansion des Islams im 7. und 8. Jahrhundert trägt dabei durchaus Züge einer Reformation. So wie Luther die Aneignung religiösen Wissens zur Sache jedes einzelnen Gläubigen erklärte und damit aus der Institution der katholischen Kirche befreite, so unterstellte auch der Islam die Gläubigen als Individuen einer neuen ethischen Ordnung. Mohammed ist nicht umsonst mit Luther verglichen worden: Auch er wirft die Vorherrschaft bestehender Institutionen ab, auch er grenzt das Rituelle auf minimale Zeremonien ein. Der Koran stiftet eine „kommunitäre Religion“, in welcher der Zusammenhalt der Gemeinde nicht mehr auf angeordneten Opfern, sondern auf der persönlichen Frömmigkeit des Einzelnen beruht.

Die politischen, kulturellen und gesellschaftlichen Parallelen zum Reformationszeitalter sind nicht minder verblüffend: Wird die Wende in Europa nach 1517 durch die Verbreitung der Gutenbergschen Drucktechnik immens beschleunigt, so ermöglicht im Islam eine ähnlich bahnbrechende Neuerung – die Entwicklung der Papierherstellung im 8. Jahrhundert – die Verschriftlichung und Publikation von bis dahin nur mündlich tradiertem Wissen. Schrift und Buch gewinnen höchste Bedeutung; Gott selbst gilt im Islam als Schriftproduzent, der über ein himmlisches Archiv wacht. […]“

(Licht aus dem Osten von  ZEIT 44/2017 26.10.17 – Links im Text von mir hinzugefügt)

Soziales Bekenntnis der Evangelisch-methodistischen Kirche

15. Oktober 2017

Wir glauben an Gott, den Schöpfer der Welt,
und an Jesus Christus, den Erlöser alles Erschaffenen,
und an den Heiligen Geist,
durch den wir Gottes Gaben erkennen.

Wir bekennen, diese Gaben oft missbraucht zu haben
und bereuen unsere Schuld.

Wir bezeugen,
dass die natürliche Welt Gottes Schöpfungswerk ist.
Wir wollen sie schützen
und verantwortungsvoll nutzen.

Wir nehmen dankbar
die Möglichkeiten menschlicher Gemeinschaft an.

Wir setzen uns ein für das Recht jedes Einzelnen
auf sinnvolle Entfaltung in der Gesellschaft.

Wir stehen ein für das Recht
und die Pflicht aller Menschen,
zum Wohl des Einzelnen
und der Gesellschaft
beizutragen.

Wir stehen ein für die Überwindung
von Ungerechtigkeit und Not.

Wir verpflichten uns zur Mitarbeit
am weltweiten Frieden
und treten ein für Recht und Gerechtigkeit
unter den Nationen.

Wir sind bereit,
mit den Benachteiligten
unsere Lebensmöglichkeiten zu teilen.
Wir sehen darin eine Antwort auf Gottes Liebe.

Wir anerkennen Gottes Wort
als Massstab in allen menschlichen Belangen
jetzt und in der Zukunft.

Wir glauben
an den gegenwärtigen und endgültigen Sieg Gottes.
Wir nehmen seinen Auftrag an,
das Evangelium in unserer Welt zu leben.

Amen.

http://www.emk-kircheundgesellschaft.ch/de/soziales-bekenntnis/das-soziale-bekenntnis.html

Gottesdienst am 15.10.2017 in der ev-methodistischen Erlöserkirche in Karlsruhe

Manfred Walz überträgt das Gleichnis vom Hausbau an der Orgel in dramatische Klänge. Heitere Lieder zum Mitsingen spielt die Band der Gemeinde mit Timo Körner (Keyboard), Günther Mayer (E-Bass), Berthold Wolfinger (Schlagzeug) und Boglárka Mitschele (Gesang).

Nach der Sendung gibt es ein telefonisches Gesprächsangebot der evangelischen Kirche unter der Telefonnummer: 0700 – 14 14 10 10 (6 Cent/Minute. Mobilfunkkosten abweichend).

Altes und Neues Testament

11. August 2017

Notger Slenczka: Vom Alten Testament und vom Neuen. Beiträge zur Neuvermessung ihres Verhältnisses, 2017

„Im Jahr 2015 kam es zu einer Debatte um den kanonischen Rang des Alten Testaments, der ein Echo auch in der kirchlichen Öffentlichkeit und in der Tagespresse fand. Ausgangspunkt war ein provozierender Aufsatz von Notger Slenczka, in dem er die These vertrat, dass Schleiermacher, Harnack und Bultmann, die eine Herabstufung der kanonischen Bedeutung des Alten Testaments forderten, Recht behalten hätten – freilich aus anderen als den von ihnen vorgetragenen Gründen.

Die kanonische Geltung des Alten Testaments liegt darin begründet, dass die Kirche das Alte Testament als Zeugnis für Jesus Christus versteht. Ist dies eine angesichts des christlich-jüdischen Dialogs haltbare Position? Welche hermeneutischen Grundsätze leiten den Umgang der Kirchen mit dem Alten Testament? Wie ändern sie sich angesichts eines historischen Umgangs mit den Texten?“

Neben großartigen Texten (in den Psalmen, im Buch Hiob, Josephsgeschichte …) stehen im Alten Testament Texte, wo Gott zur Tötung ganzer Stämme aufruft und wo er ganz im Sinne des „Gott mit uns“ eindeutig die Seite des Volkes Israel vertritt und den Sieg im Kampf schenkt oder gar wie bei dem Gang Israels durch das Rote Meer durch sein Eingreifen das gesamte ägyptische Heer ertrinken lässt.

Das sind Texte, die – wenn das Alte Testament als kanonischer Text anerkannt ist – geeignet sind, eine Verdammung des Islam aufgrund einzelner Textstellen zu erschweren, weil man zugleich das gesamte Alte Testament verwerfen müsste. Sie fordern zum historischen und aufgeklärten Verständnis des Alten Testamentes auf. Bei manchen blutrünstigen Passagen fällt es freilich zumindest dem Laien schwer, sie als Zeugnisse des christlichen Gottes zu verstehen. Da fällt es nicht schwer, zu verstehen, weshalb auch christliche Theologen sich von diesen Texten distanziert haben.

Nach dem Versuch, die „jüdische Rasse“ durch einen Völkermord zu vernichten, ist dann wieder betont worden, dass der historische Jesus Jude und nicht Christ war, sein Gott der jüdische Gott und seine heiligen Texte das Alte Testament. Denn das Christentum ist ja nach Aussage des Neuen Testaments erst nach dem Tod Jesu entstanden, auch wenn es schon vorher seine Jüngerschaft und viele Anhänger gab.

Dass jetzt wie in einem Pendelschlag dieses Verständnis als eine zu einseitige Betonung der Kontinuität zwischen Judentum und Christentum kritisiert wird, gehört zum wissenschaftlichen Disput. Die Heftigkeit, mit der er von beiden Seiten geführt wird, zeigt, dass der Völkermord an den Juden noch nicht als historisches Ereignis verstanden wird, das sine ira et studio verstanden werden kann.

Ohne eine genauere Kenntnis der Argumentationen maße ich mir keine Bewertung an, auch wenn ich zugebe, dass vermutlich auch ich den Disput nicht ganz sine ira et studio verfolgen werde. Denn mir scheint in der gegenwärtigen politischen Situation wichtiger, das Gemeinsame der monotheistischen Religionen hervorzuheben, als das Trennende herauszustellen. Insofern scheint mir der verständnisvolle Umgang, den viele katholische Theologen anlässlich des Reformationsjubiläums mit dem Phänomen Luther pflegen, bemerkenswert. Der den Papst verteufelnde und zur Vernichtung der Bauern aufrufende Luther hat ja sehr viel mit den alttestamentlichen Texten gemeinsam, die von der gottgewollten Vernichtung der Feinde reden; freilich hat gerade dieser kämpferische und auch wohl hasserfüllte Luther mit aller Schärfe einen ausgeprägten Antijudaismus, also eine Abwertung des jüdischen Glaubens, vertreten, der von den Nationalsozialisten als Unterstützung ihres Antisemitismus gedeutet wurde.

Wie kann man sich von solchen Hassbotschaften distanzieren, ohne einen Graben zwischen Konfessionen, Religionen und Weltanschauungen aufzureißen? Das scheint mir auch bei diesem Disput über die Rolle des Alten Testaments für das Christentum wichtig zu sein.

Mehr dazu: Der Aufsatz von 2013: DIE KIRCHE UND DAS ALTE TESTAMENT

epd Dokumentation: Notger Slenczka zum Alten Testament (2) 28 Seiten/ 3,40 € …  Slenczka zum Alten Testament (1) 52 Seiten/ 5,10 € … Slenczka zum Alten Testament 52 Seiten / 5,10 € …

 

 

Schwerter zu Pflugscharen

6. August 2017

Dieser Text enthält einerseits die Vision des Friedens unter allen Völkern, zu der sich 1945 die Vereinten Nationen, zu denen inzwischen so gut wie alle Staaten der Erde „vereint“ haben, unabhängig davon, von welcher Weltanschauung oder Religion sie geprägt sind. Andererseits spricht er von dem einen Herrn, zu dem sich alle bekennen.

Jesaja 2,2-5 (Übersetzung nach Martin Luther, Revision 1984)

2 Es wird zur letzten Zeit der Berg, da des HERRN Haus ist, fest stehen, höher als alle Berge und über alle Hügel erhaben, und alle Heiden werden herzulaufen,  3 und viele Völker werden hingehen und sagen: Kommt, laßt uns auf den Berg des HERRN gehen, zum Hause des Gottes Jakobs, daß er uns lehre seine Wege und wir wandeln auf seinen Steigen! Denn von Zion wird Weisung ausgehen und des HERRN Wort von Jerusalem.  4 Und er wird richten unter den Heiden und zurechtweisen viele Völker. Da werden sie ihre Schwerter zu Pflugscharen und ihre Spieße zu Sicheln machen. Denn es wird kein Volk wider das andere das Schwert erheben, und sie werden hinfort nicht mehr lernen, Krieg zu führen.  5 Kommt nun, ihr vom Hause Jakob, laßt uns wandeln im Licht des HERRN!

Predigten:

https://predigtforum.de/2011/08/08/schwerter-zu-pfluscharen/comment-page-1/#predigt

http://www.bernhard-kaiser.homepage.t-online.de/downloads/schwerter-zu-pflugscharen.pdf

Was ist gemeint mit: Mach dein Leben fertig ?

28. Juli 2017

Es gibt mehrere Möglichkeiten. Eine wäre:

Schließe dein Leben ab im Sinne von mit dem Leben aufräumen, in den Beziehungen Ordnung machen. Christlich gesprochen: Herr, lehre uns bedenken, dass wir sterben müssen, auf dass wir klug werden.  Bestelle dein Haus!

Großartig gestaltet hat das Bach in seiner Kantate 106:

Eine andere Möglichkeit wäre: Dein letztes Stündlein hat geschlagen. Oder wie Wilhelm Tell in Richtung Geßler sagt: „Mach deine Rechnung mit dem Himmel Vogt!“

So unterschiedlich das klingt. Beide Sätze haben etwas gemeinsam.

Dieses Gemeinsame höre ich auch aus dem Satz heraus, den Luther einmal gesagt haben soll:
„Wenn ich wüsste, dass morgen die Welt unterginge, würde ich heute noch ein Apfelbäumchen pflanzen“.

Belegt ist der Satz nicht, aber er passt sehr gut zu Luthers Rechtfertigungslehre und ist danach im Grunde gleichbedeutend mit „Bestelle dein Haus.“

Nach Luthers Vorstellung ist der Mensch nämlich durch Gottes Gnade gerechtfertigt und sollte aus Dankbarkeit das tun, wofür er die Fähigkeiten mitbringt (im Sinne von: „Es ist dir gesagt, Mensch, was gut ist und was der Herr von dir fordert“). Und das gilt natürlich unabhängig davon, ob er damit Erfolg hat. Denn wenn man sich bedankt, macht man das ja,weil man seinen Dank ausdrücken will und nicht, weil man etwas damit erreichen und davon haben will. Also gerade, wenn bald alles zuende ist, will man wenigstens noch seinen Dank ausdrücken.

 

Dazu passt etwas, was ich mit meinem Bruder erlebt habe. 

Er kam in ein Pflegeheim und wollte aus Dankbarkeit für die Pflegerinnen und die Wohngemeinschaft auch etwas beitragen und hat mit einer Pflegerin zusammen ein Unterhaltungsprogramm mit Gedichten gestaltet. Als ihm das zu schwer fiel, hat er (weil alle schwer krank waren) Texte für schwere Stunden zusammengestellt, die sie lesen könnten oder die ihnen die Pflegerinnen vorlesen könnten, wenn sie selbst nicht mehr lesen könnten. 

So konnten wir in seinen letzten Stunden, als er nicht mehr sprechen konnte, ihm die Texte, die er selbst zusammengestellt hatte, vorlesen. Wir wussten zwar nicht, ob er sie noch verstehen konnte, aber wir waren sicher, dass dies Texte waren, die ihm etwas gesagt hatten.

So hat er, als er sonst nichts mehr tun konnte, versucht, etwas für andere zu tun, und damit etwas für sich getan. 

Eine bessere Interpretation für den Satz „Mach dein Leben fertig!“ kenne ich nicht.

Die Reformation radikalisieren …

9. August 2016

Die Aktualität der Reformation behandelt eine Webseite, auf die ich hinweisen möchte. Nach und nach werde ich zu einigen wichtigen Aussagen der Seite Stellung nehmen. Zunächst nur so viel aus dem Text:

„Die Reformation radikalisieren – provoziert von Bibel und Krise“ .Ausgangspunkt ist die umfassenden Krise des Lebens heute. Darauf und auf die Reformation samt Wirkungsgeschichte blicken wir aus der Perspektive sozialgeschichtlicher Bibellektüre, das heißt, aus der Perspektive der Befreiung zum Leben in gerechten Beziehungen. Denn nach Luther müssen alle Traditionen nach dem Maßstab der Schrift beurteilt werden. Die folgenden Publikationen enthalten 94 Thesen als gemeinsame Zuspitzung aller 5 Bände:

Bd. 1: Befreiung zur Gerechtigkeit
Hier geht es um das Herzstück der Reformation: Rechtfertigung – Gesetz – Evangelium. Zentral ist dabei die kritische Perspektive der neuen Paulusdeutung gegen die individualistische Auslegung […]

Bd. 2: Befreiung vom Mammon
Diese Fragestellung verbindet Bibel, Reformation und heutige Krise: das Geld in religiöser, politisch-ökonomischer und mentaler Perspektive.[…]

Bd. 3: Politik und Ökonomie der Befreiung
Luther übt systemische Kritik am Frühkapitalismus. Er durchschaut den religiösen Charakter des Kapitalismus auf der Basis des 1. Gebots. […] Erst in jüngster Zeit sind die Potentiale der Position Luthers für die Kritik am Neoliberalismus und für eine politische Ethik der Parteinahme und der Versöhnung wiederentdeckt worden.

Bd. 4: Befreiung von Gewalt zum Leben in Frieden
Das lateinamerikanische Buen Vivir kann als Kriterium einer neuen Kultur des Lebens gelten. Danach sind viele Fehlentwicklungen in und nach der Reformation aufzuarbeiten: […] der Durchbruch zu aktiver Gewaltfreiheit – eine „neue Reformation“ im Sinn Bonhoeffers und Sölles.

Bd. 5: Kirche – befreit zu Widerstand und Transformation
Das Kreuz ist ein Zeichen des Bösen, des Trosts für alle, die gefoltert werden und leiden, ein Zeichen der Hoffnung und der Befreiung. Jesus Christus nimmt die sozio-politischen, kulturellen und wirtschaftlichen Bedingungen derer auf sich, die ihrer Rechte beraubt werden. Die Kirche muss ihren Bestand aufs Spiel setzen, indem sie mit den und für die Armen lebt. […]

Von den 94 Thesen, in denen die Verfasser ihre Hauptgedanken zusammenfassen, möchte ich zunächst folgende hervorheben:

Einer trage des anderen Last und erfüllet so die Tora Christi” (Gal 6,2)
  1. Am Ursprung der Reformation liegt Luthers Wiederentdeckung von Gottes Gerechtigkeit als schöpferischer und erneuernder Macht in den Schriften des Paulus. In seiner Lehre von der Rechtfertigung fasst Luther diese Gerechtigkeit als barmherzige Zuwendung Gottes, selbst zum Gottlosen (sola gratia), und als Vertrauen auf die Treue Gottes im Glauben (sola fide) an Christus (solus Christus).

  2. Die Gerechtigkeit Gottes führt Paulus zur visionären Einsicht, dass  “in Christus” die Gegensätze und Hierarchien der „gegenwärtigen bösen Weltordnung” (Gal 1,4) außer Kraft gesetzt sind. “Wir” sind nicht das, was uns von den anderen abgrenzt, sondern mit ihnen verbindet. […]

  3. Ein außerordentlich problematischer und nicht-paulinischer Aspekt reformatorischer Rechtfertigungstheologie und ihrer späteren Auslegung im Protestantismus ist ihr Begriff des „Gesetzes“. Luther setzt „Gerechtigkeit aus dem Gesetz“ auf programmatische Weise der „Gerechtigkeit oder Rechtfertigung aus Glauben“ entgegen und versteht diese Antithese als unversöhnliche Antithese von Judentum und Christentum.

  4. Diese folgenschwere Polarisierung gründet in seiner Auslegung des Galaterbriefs. Zu Unrecht setzt Luther hier das von Paulus kritisierte Gesetz mit der Tora gleich. […] Wie neuere Forschung gezeigt hat, war jedoch der eigentliche Widerpart im Streit des Paulus mit seinen galatischen Gegnern nicht die jüdische Tora, sondern das Gesetz und die Ordnung  des Römischen Imperiums. […]

  5. Die Reformation setzte weiterhin Judentum mit dem Römischen Katholizismus gleich und verurteilte beide als „Gesetzesreligionen“, die Rechtfertigung durch „Gesetzeswerke“ erlangen wollen. Das polare Muster von „Werke oder Gnade und Glaube“, „Evangelium oder Gesetz“, angewandt auf konkrete Personen, hatte eine verhängnisvolle Folgegeschichte in seiner weiteren Auslegung: Es wurde nicht nur antijudaistisch und anti-römisch katholisch gelesen, sondern auch gegen “Schwärmer”, Täufer, Muslime  und andere „Häretiker“ gewendet, oft mit tödlichen Konsequenzen.

  6. […] Rechtfertigungstheologie wird gegen innerweltliche Gerechtigkeit gewendet.

  7. […] Angesichts der gegenwärtigen Weltkrise ist es ein kategorischer Imperativ, dass sich protestantische Rechtfertigungstheologie neu auf die Gerechtigkeit Gottes besinnt und zu ihrem schriftgemäßen Wurzeln zurückkehrt.

  8. Das Negativurteil über Judentum und Gesetz trug maßgeblich auch zu einer grundsätzlichen Abwertung des gesamten Alten Testaments bei. […] Die Einheit der beiden Testamente zurückzugewinnen, ist eine weitere grundlegende Aufgabe reformatorischer Theologie heute.

  9. […]

  10. Der Messias Jesus kündigt das nahe Reich Gottes, seine gerechte Welt, an (Mt 4,17). Im Horizont dieser Hoffnung legt der Messias Jesus die Tora Israels für die Gegenwart aus (Mt 5-7). […](Mk 12,28-34; Mt 25,31ff). […] (Mt 5,17-20; 28,19-20; vgl. auch Röm 3,31). Jesu Aufforderung sich an seiner Toraauslegung auszurichten, zielt darauf ab, die Tora immer wieder neu in der Hoffnung auf Gottes kommendes Reich auszulegen und mit Leben zu erfüllen.

  11. […] Imperiale Herrschaftsstrukturen verkörpern für Paulus die Macht der Sünde, die die Menschen unausweichlich in die Übertretung der leben-schöpfenden Thoragesetze treibt und sie zu Komplizen der Kräfte des Todes und der Selbst-Zerstörung macht ( Röm 7,24).

  12. […]

  13. Die Gesetzeskritik des Paulus und auch der Reformation ist nicht gegen gesellschaftliche Rechtsordnungen als solche gerichtet (usus civilis legis). Recht und Gesetz sind notwendig, um menschliche Gesellschaft zu erhalten. Die Kritik richtet sich ausschließlich gegen die Instrumentalisierung des Gesetzes im Interesse der Starken und gegen die Schwachen, wie sie bereits von den Propheten angeklagt wird. […] (Mk 2,27; Babylonischer Talmud, Traktat Eruvin 41b) […]

  14. Ein besonderes Problem stellt in diesem Zusammenhang Luthers Identifikation der Zehn Gebote (Dekalog) mit dem Naturrecht dar (Mose als „der Juden Sachsenspiegel“). […]

  15. Vor allem aber lässt Luther in seinem Kleinen Katechismus die politisch konkrete Einleitung des Dekalogs fallen: „Ich bin Adonaj, deine Gottheit, weil ich dich aus Ägypten, dem Haus der Sklavenarbeit, befreit habe.” (Ex 20,2; Deut 5,6) Luther weitet ferner das Gebot des Elterngehorsams auf Autoritätsgehorsam als solchen aus. Diese beiden symptomatischen Veränderungen der Schriftgrundlage in Luthers einflussreichstem Katechismus zeigen bereits an, wie das Luthertum anfällig werden konnte für Untertanengehorsam und Anpassung gegenüber jedweder etablierten Rechts- oder Unrechtsordnung, statt dem Gott der Befreiung zu vertrauen (sola fide) und für die Entrechteten einzutreten .

  16. Wenn die herrschende Ordnung keine Gerechtigkeit übt und sich gegenüber den Nöten der einfachen Menschen, besonders der Geringsten (Mt, 25,34-40), gleichgültig verhält und auf diese Weise Götzendienst übt und seinen Bürgerinnen und Bürgern eine unannehmbare Lebensweise aufzwingt, dann sollen Christenmenschen einer solchen üblen Regierung nicht nur den Gehorsam verweigern, sondern aktiv Widerstand leisten.

  17. […]Zum Beispiel gehören biblisch gesehen Schuldenerlass und göttliche Schuldvergebung untrennbar zusammen (Mt 6,12). Heutige Christinnen und Christen sollen die Möglichkeit bekommen, gerade das Alte Testament, die Hebräische Bibel, als einen reichhaltigen Schatz für ihre Lebensgestaltung und für ethische Urteilsbildung kennenzulernen.

  18. Nachfolger und Nachfolgerinnen Jesu haben den Wunsch, sich in Gottes Geheimnisse in Gemeinschaft mit den heiligen Texten, die auch in anderen Religionen offenbart sind, zu vertiefen. Diese Freude erfahren sie, wenn sie in gemeinsamer Anstrengung zusammen mit Juden, Muslimen, Buddhisten, Hindus und allen anderen Kulturen in Afrika, Nord- und Lateinamerika, der Karibik, Asiens, des Mittleren Ostens, des Pazifiks und Europas (Jes 49,6) sich für den Aufbau einer besseren Welt einsetzen und dabei den Dialog stärken. Das Evangelium widerspricht jeglicher kulturellen, religiösen und militärischen Invasion.

  19. […] dass interreligiöser Dialog ein prophetischer Dialog sein muss. […]

Der Geist weht, wo er will“ (Joh 3,8)
  1. Im Geist der aus der Reformation hervorgegangenen Kirche müssen wir heute auf den Schrei von Menschen rund um den Erdball hören, die wahrnehmen, dass die Kirchen ihre Leiden, Unterdrückung und kulturelle Situation übersehen und ausklammern (Mt 25,31ff.) und dadurch die Spaltungen in Kirche und Gesellschaft eher vertiefen statt zu heilen.

Sind göttliche Allmacht und menschliche Freiheit vereinbar?

24. Juni 2016

Wegen der logischen und ethischen Paradoxa, die sich aus einer Verbindung von göttlicher Allwissenheit und menschlicher Freiheit ergeben, bleibt für ein modernes Gottesbild nur die Vorstellung, dass Widersprüche zu menschlicher Logik kein Hinderungsgrund für Wahrheit sein müssen.
Diese Vorstellung des verborgenen Gottes (https://de.wikipedia.org/wiki/Deus_absconditus), gibt es in der Theologie spätestens seit Luther.
Aber auch die Wissenschaften sehen den Satz vom ausgeschlossenen Dritten schon längst als überholt an. So z.B. bei den imaginären und komplexen Zahlen (vergleichsweise trivial), noch grundsätzlicher bei Schrödingers Katze und bei der Quantentheorie allgemein. Danach gibt es nicht nur das – scheinbar – ausgeschlossene Dritte, sondern es gibt überhaupt keine gültige Wahrheit, weil die jeweilige Wahrheit durch das Experiment erzeugt wird.
Die menschliche Freiheit ist sozusagen nicht größer als die, die nach der Quantentheorie jedem einzelnen Quantum zukommt. Das von dir angesprochene Paradoxon also trivial.
Die christliche Theologie hat das Problem aber ebenfalls schon längst durch die Vorstellung „höher als alle menschliche Vernunft“, „bei Gott ist kein Ding unmöglich“ und „credo quia absurdum est“ usw. aufgelöst.
Die ersten Formulierungen in dieser Richtung finden sich schon bei Paulus (