Archive for the ‘Theologie’ Category

Altes und Neues Testament

11. August 2017

Notger Slenczka: Vom Alten Testament und vom Neuen. Beiträge zur Neuvermessung ihres Verhältnisses, 2017

„Im Jahr 2015 kam es zu einer Debatte um den kanonischen Rang des Alten Testaments, der ein Echo auch in der kirchlichen Öffentlichkeit und in der Tagespresse fand. Ausgangspunkt war ein provozierender Aufsatz von Notger Slenczka, in dem er die These vertrat, dass Schleiermacher, Harnack und Bultmann, die eine Herabstufung der kanonischen Bedeutung des Alten Testaments forderten, Recht behalten hätten – freilich aus anderen als den von ihnen vorgetragenen Gründen.

Die kanonische Geltung des Alten Testaments liegt darin begründet, dass die Kirche das Alte Testament als Zeugnis für Jesus Christus versteht. Ist dies eine angesichts des christlich-jüdischen Dialogs haltbare Position? Welche hermeneutischen Grundsätze leiten den Umgang der Kirchen mit dem Alten Testament? Wie ändern sie sich angesichts eines historischen Umgangs mit den Texten?“

Neben großartigen Texten (in den Psalmen, im Buch Hiob, Josephsgeschichte …) stehen im Alten Testament Texte, wo Gott zur Tötung ganzer Stämme aufruft und wo er ganz im Sinne des „Gott mit uns“ eindeutig die Seite des Volkes Israel vertritt und den Sieg im Kampf schenkt oder gar wie bei dem Gang Israels durch das Rote Meer durch sein Eingreifen das gesamte ägyptische Heer ertrinken lässt.

Das sind Texte, die – wenn das Alte Testament als kanonischer Text anerkannt ist – geeignet sind, eine Verdammung des Islam aufgrund einzelner Textstellen zu erschweren, weil man zugleich das gesamte Alte Testament verwerfen müsste. Sie fordern zum historischen und aufgeklärten Verständnis des Alten Testamentes auf. Bei manchen blutrünstigen Passagen fällt es freilich zumindest dem Laien schwer, sie als Zeugnisse des christlichen Gottes zu verstehen. Da fällt es nicht schwer, zu verstehen, weshalb auch christliche Theologen sich von diesen Texten distanziert haben.

Nach dem Versuch, die „jüdische Rasse“ durch einen Völkermord zu vernichten, ist dann wieder betont worden, dass der historische Jesus Jude und nicht Christ war, sein Gott der jüdische Gott und seine heiligen Texte das Alte Testament. Denn das Christentum ist ja nach Aussage des Neuen Testaments erst nach dem Tod Jesu entstanden, auch wenn es schon vorher seine Jüngerschaft und viele Anhänger gab.

Dass jetzt wie in einem Pendelschlag dieses Verständnis als eine zu einseitige Betonung der Kontinuität zwischen Judentum und Christentum kritisiert wird, gehört zum wissenschaftlichen Disput. Die Heftigkeit, mit der er von beiden Seiten geführt wird, zeigt, dass der Völkermord an den Juden noch nicht als historisches Ereignis verstanden wird, das sine ira et studio verstanden werden kann.

Ohne eine genauere Kenntnis der Argumentationen maße ich mir keine Bewertung an, auch wenn ich zugebe, dass vermutlich auch ich den Disput nicht ganz sine ira et studio verfolgen werde. Denn mir scheint in der gegenwärtigen politischen Situation wichtiger, das Gemeinsame der monotheistischen Religionen hervorzuheben, als das Trennende herauszustellen. Insofern scheint mir der verständnisvolle Umgang, den viele katholische Theologen anlässlich des Reformationsjubiläums mit dem Phänomen Luther pflegen, bemerkenswert. Der den Papst verteufelnde und zur Vernichtung der Bauern aufrufende Luther hat ja sehr viel mit den alttestamentlichen Texten gemeinsam, die von der gottgewollten Vernichtung der Feinde reden; freilich hat gerade dieser kämpferische und auch wohl hasserfüllte Luther mit aller Schärfe einen ausgeprägten Antijudaismus, also eine Abwertung des jüdischen Glaubens, vertreten, der von den Nationalsozialisten als Unterstützung ihres Antisemitismus gedeutet wurde.

Wie kann man sich von solchen Hassbotschaften distanzieren, ohne einen Graben zwischen Konfessionen, Religionen und Weltanschauungen aufzureißen? Das scheint mir auch bei diesem Disput über die Rolle des Alten Testaments für das Christentum wichtig zu sein.

Mehr dazu: Der Aufsatz von 2013: DIE KIRCHE UND DAS ALTE TESTAMENT

epd Dokumentation: Notger Slenczka zum Alten Testament (2) 28 Seiten/ 3,40 € …  Slenczka zum Alten Testament (1) 52 Seiten/ 5,10 € … Slenczka zum Alten Testament 52 Seiten / 5,10 € …

 

 

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Die Reformation radikalisieren …

9. August 2016

Die Aktualität der Reformation behandelt eine Webseite, auf die ich hinweisen möchte. Nach und nach werde ich zu einigen wichtigen Aussagen der Seite Stellung nehmen. Zunächst nur so viel aus dem Text:

„Die Reformation radikalisieren – provoziert von Bibel und Krise“ .Ausgangspunkt ist die umfassenden Krise des Lebens heute. Darauf und auf die Reformation samt Wirkungsgeschichte blicken wir aus der Perspektive sozialgeschichtlicher Bibellektüre, das heißt, aus der Perspektive der Befreiung zum Leben in gerechten Beziehungen. Denn nach Luther müssen alle Traditionen nach dem Maßstab der Schrift beurteilt werden. Die folgenden Publikationen enthalten 94 Thesen als gemeinsame Zuspitzung aller 5 Bände:

Bd. 1: Befreiung zur Gerechtigkeit
Hier geht es um das Herzstück der Reformation: Rechtfertigung – Gesetz – Evangelium. Zentral ist dabei die kritische Perspektive der neuen Paulusdeutung gegen die individualistische Auslegung […]

Bd. 2: Befreiung vom Mammon
Diese Fragestellung verbindet Bibel, Reformation und heutige Krise: das Geld in religiöser, politisch-ökonomischer und mentaler Perspektive.[…]

Bd. 3: Politik und Ökonomie der Befreiung
Luther übt systemische Kritik am Frühkapitalismus. Er durchschaut den religiösen Charakter des Kapitalismus auf der Basis des 1. Gebots. […] Erst in jüngster Zeit sind die Potentiale der Position Luthers für die Kritik am Neoliberalismus und für eine politische Ethik der Parteinahme und der Versöhnung wiederentdeckt worden.

Bd. 4: Befreiung von Gewalt zum Leben in Frieden
Das lateinamerikanische Buen Vivir kann als Kriterium einer neuen Kultur des Lebens gelten. Danach sind viele Fehlentwicklungen in und nach der Reformation aufzuarbeiten: […] der Durchbruch zu aktiver Gewaltfreiheit – eine „neue Reformation“ im Sinn Bonhoeffers und Sölles.

Bd. 5: Kirche – befreit zu Widerstand und Transformation
Das Kreuz ist ein Zeichen des Bösen, des Trosts für alle, die gefoltert werden und leiden, ein Zeichen der Hoffnung und der Befreiung. Jesus Christus nimmt die sozio-politischen, kulturellen und wirtschaftlichen Bedingungen derer auf sich, die ihrer Rechte beraubt werden. Die Kirche muss ihren Bestand aufs Spiel setzen, indem sie mit den und für die Armen lebt. […]

Von den 94 Thesen, in denen die Verfasser ihre Hauptgedanken zusammenfassen, möchte ich zunächst folgende hervorheben:

Einer trage des anderen Last und erfüllet so die Tora Christi” (Gal 6,2)
  1. Am Ursprung der Reformation liegt Luthers Wiederentdeckung von Gottes Gerechtigkeit als schöpferischer und erneuernder Macht in den Schriften des Paulus. In seiner Lehre von der Rechtfertigung fasst Luther diese Gerechtigkeit als barmherzige Zuwendung Gottes, selbst zum Gottlosen (sola gratia), und als Vertrauen auf die Treue Gottes im Glauben (sola fide) an Christus (solus Christus).

  2. Die Gerechtigkeit Gottes führt Paulus zur visionären Einsicht, dass  “in Christus” die Gegensätze und Hierarchien der „gegenwärtigen bösen Weltordnung” (Gal 1,4) außer Kraft gesetzt sind. “Wir” sind nicht das, was uns von den anderen abgrenzt, sondern mit ihnen verbindet. […]

  3. Ein außerordentlich problematischer und nicht-paulinischer Aspekt reformatorischer Rechtfertigungstheologie und ihrer späteren Auslegung im Protestantismus ist ihr Begriff des „Gesetzes“. Luther setzt „Gerechtigkeit aus dem Gesetz“ auf programmatische Weise der „Gerechtigkeit oder Rechtfertigung aus Glauben“ entgegen und versteht diese Antithese als unversöhnliche Antithese von Judentum und Christentum.

  4. Diese folgenschwere Polarisierung gründet in seiner Auslegung des Galaterbriefs. Zu Unrecht setzt Luther hier das von Paulus kritisierte Gesetz mit der Tora gleich. […] Wie neuere Forschung gezeigt hat, war jedoch der eigentliche Widerpart im Streit des Paulus mit seinen galatischen Gegnern nicht die jüdische Tora, sondern das Gesetz und die Ordnung  des Römischen Imperiums. […]

  5. Die Reformation setzte weiterhin Judentum mit dem Römischen Katholizismus gleich und verurteilte beide als „Gesetzesreligionen“, die Rechtfertigung durch „Gesetzeswerke“ erlangen wollen. Das polare Muster von „Werke oder Gnade und Glaube“, „Evangelium oder Gesetz“, angewandt auf konkrete Personen, hatte eine verhängnisvolle Folgegeschichte in seiner weiteren Auslegung: Es wurde nicht nur antijudaistisch und anti-römisch katholisch gelesen, sondern auch gegen “Schwärmer”, Täufer, Muslime  und andere „Häretiker“ gewendet, oft mit tödlichen Konsequenzen.

  6. […] Rechtfertigungstheologie wird gegen innerweltliche Gerechtigkeit gewendet.

  7. […] Angesichts der gegenwärtigen Weltkrise ist es ein kategorischer Imperativ, dass sich protestantische Rechtfertigungstheologie neu auf die Gerechtigkeit Gottes besinnt und zu ihrem schriftgemäßen Wurzeln zurückkehrt.

  8. Das Negativurteil über Judentum und Gesetz trug maßgeblich auch zu einer grundsätzlichen Abwertung des gesamten Alten Testaments bei. […] Die Einheit der beiden Testamente zurückzugewinnen, ist eine weitere grundlegende Aufgabe reformatorischer Theologie heute.

  9. […]

  10. Der Messias Jesus kündigt das nahe Reich Gottes, seine gerechte Welt, an (Mt 4,17). Im Horizont dieser Hoffnung legt der Messias Jesus die Tora Israels für die Gegenwart aus (Mt 5-7). […](Mk 12,28-34; Mt 25,31ff). […] (Mt 5,17-20; 28,19-20; vgl. auch Röm 3,31). Jesu Aufforderung sich an seiner Toraauslegung auszurichten, zielt darauf ab, die Tora immer wieder neu in der Hoffnung auf Gottes kommendes Reich auszulegen und mit Leben zu erfüllen.

  11. […] Imperiale Herrschaftsstrukturen verkörpern für Paulus die Macht der Sünde, die die Menschen unausweichlich in die Übertretung der leben-schöpfenden Thoragesetze treibt und sie zu Komplizen der Kräfte des Todes und der Selbst-Zerstörung macht ( Röm 7,24).

  12. […]

  13. Die Gesetzeskritik des Paulus und auch der Reformation ist nicht gegen gesellschaftliche Rechtsordnungen als solche gerichtet (usus civilis legis). Recht und Gesetz sind notwendig, um menschliche Gesellschaft zu erhalten. Die Kritik richtet sich ausschließlich gegen die Instrumentalisierung des Gesetzes im Interesse der Starken und gegen die Schwachen, wie sie bereits von den Propheten angeklagt wird. […] (Mk 2,27; Babylonischer Talmud, Traktat Eruvin 41b) […]

  14. Ein besonderes Problem stellt in diesem Zusammenhang Luthers Identifikation der Zehn Gebote (Dekalog) mit dem Naturrecht dar (Mose als „der Juden Sachsenspiegel“). […]

  15. Vor allem aber lässt Luther in seinem Kleinen Katechismus die politisch konkrete Einleitung des Dekalogs fallen: „Ich bin Adonaj, deine Gottheit, weil ich dich aus Ägypten, dem Haus der Sklavenarbeit, befreit habe.” (Ex 20,2; Deut 5,6) Luther weitet ferner das Gebot des Elterngehorsams auf Autoritätsgehorsam als solchen aus. Diese beiden symptomatischen Veränderungen der Schriftgrundlage in Luthers einflussreichstem Katechismus zeigen bereits an, wie das Luthertum anfällig werden konnte für Untertanengehorsam und Anpassung gegenüber jedweder etablierten Rechts- oder Unrechtsordnung, statt dem Gott der Befreiung zu vertrauen (sola fide) und für die Entrechteten einzutreten .

  16. Wenn die herrschende Ordnung keine Gerechtigkeit übt und sich gegenüber den Nöten der einfachen Menschen, besonders der Geringsten (Mt, 25,34-40), gleichgültig verhält und auf diese Weise Götzendienst übt und seinen Bürgerinnen und Bürgern eine unannehmbare Lebensweise aufzwingt, dann sollen Christenmenschen einer solchen üblen Regierung nicht nur den Gehorsam verweigern, sondern aktiv Widerstand leisten.

  17. […]Zum Beispiel gehören biblisch gesehen Schuldenerlass und göttliche Schuldvergebung untrennbar zusammen (Mt 6,12). Heutige Christinnen und Christen sollen die Möglichkeit bekommen, gerade das Alte Testament, die Hebräische Bibel, als einen reichhaltigen Schatz für ihre Lebensgestaltung und für ethische Urteilsbildung kennenzulernen.

  18. Nachfolger und Nachfolgerinnen Jesu haben den Wunsch, sich in Gottes Geheimnisse in Gemeinschaft mit den heiligen Texten, die auch in anderen Religionen offenbart sind, zu vertiefen. Diese Freude erfahren sie, wenn sie in gemeinsamer Anstrengung zusammen mit Juden, Muslimen, Buddhisten, Hindus und allen anderen Kulturen in Afrika, Nord- und Lateinamerika, der Karibik, Asiens, des Mittleren Ostens, des Pazifiks und Europas (Jes 49,6) sich für den Aufbau einer besseren Welt einsetzen und dabei den Dialog stärken. Das Evangelium widerspricht jeglicher kulturellen, religiösen und militärischen Invasion.

  19. […] dass interreligiöser Dialog ein prophetischer Dialog sein muss. […]

Der Geist weht, wo er will“ (Joh 3,8)
  1. Im Geist der aus der Reformation hervorgegangenen Kirche müssen wir heute auf den Schrei von Menschen rund um den Erdball hören, die wahrnehmen, dass die Kirchen ihre Leiden, Unterdrückung und kulturelle Situation übersehen und ausklammern (Mt 25,31ff.) und dadurch die Spaltungen in Kirche und Gesellschaft eher vertiefen statt zu heilen.

Jesus und der Islam

23. Dezember 2015

In Arte gab es eine Sendefolge mit 7 jeweils knapp einstündigen Sendungen zu dem Thema.

Außerdem liegt dazu ein Buch vor, bisher nur auf Französisch: Gérard Mordillat, Jérôme Prieur: Jésus selon Mahomet, 2015 E-Buch, über die Sicht auf Jesus im Koran[3]

Hier veröffentliche ich meine stark verkürzte Mitschrift der Sendefolge:

1. Sendung:

Die Hadithen erklären den Koran und heben manche Aussagen hervor. Sie sprechen sehr viel über seine Rolle als Weltenrichter (bereits im Koran) und beschäftigen sich mit der Frage, wieso die Juden glaubten, sie hätten Jesus getötet, obwohl sie es laut Koran nicht wirklich taten. Außerdem schreiben sie erstaunlich viel über sein Aussehen, obwohl dazu nichts im Koran steht. Insbesondere schreiben sie viel über die Schönheit seines Haares und sprechen fast immer davon, dass Wasser davon herunter tropft. Jesus/Isa ist im Koran in mancher Hinsicht wichtiger als Mohammed. Er ist das Wort Gottes, er hat Wunder getan, er ist im Unterschied zu Mohammed nicht gestorben und nicht begraben, er wird als Weltenrichter kommen. Was Mohammed Jesus voraus hat, ist, dass dieser nur der vorletzte Gesandte Gottes war, und dass er die endgültige Offenbarung Gottes, den Koran, den Menschen gebracht hat. Jesus ist derjenige, der dem Islam zum endgültigen Sieg verhelfen wird, indem er ihn gegen die „Leute des Buches“, Juden und Christen, durchsetzt. Die Juden behaupten zu Unrecht, sie hätten Jesus getötet/gekreuzigt. Die arabische Formulierung dazu lässt sich übersetzen mit „Es erschien ihnen so“ oder mit „Bei ihnen wurde der Eindruck erweckt, dass es so sei.“ Viel spricht dafür, dass Gott selbst das Geschehen bewirkt hat, was die Juden für die Kreuzigung halten mussten. Im Arabischen glaubt man dem Gehörten [durch die persönliche Autorität des Sprechers Verbürgten – Zusatz Fontanefan] mehr als dem Gesehenen (Möglichkeit der optischen Täuschung, Luftspiegelung, im konkreten Fall Jesus könnte ein Doppelgänger gekreuzigt worden sein.) Nach einer Version im Barnabasevangelium wird Judas anstelle von Jesus hingerichtet und Jesus gibt ihm sein Aussehen, so dass die Umstehenden getäuscht werden. Im Christentum gab es schon im 2. Jahrhundert Spekulationen darüber, dass es nur so geschienen habe, als wäre Christus gekreuzigt worden. Aber die Version des Koran ist vermutlich unabhängig von diesen Spekulationen entstanden.

2. Sendung:

Jesus wird im Koran auf drei Weisen genannt: Isa, Ben Mariam und der Gesalbte (hebräisch: Messias, griechisch: Christos). Dabei hat „der Gesalbte“ im Koran natürlich eine ganz andere Bedeutung als der Messias, der Befreier Israels, bei den Juden und Christus bei den europäischen Christen, für die Christus nicht mehr der Gesalbte bedeutet, sondern wie der Teil eines Eigennamens Jesus Christus für den auferstandenen Herrn, den Sohn Gottes, steht. Das arabische Massiach [meine sicher falsche Umschrift des arabischen Wortes im Unterschied zu „Messias“] im arabischen Neuen Testament hat für die syrischen Christen freilich nicht die aufgeladene Bedeutung von Christos/Christus, sondern heißt für sie auch schlicht der Gesalbte wie im Koran. Wenn in Sure 4, 157 über die Juden gesagt wird:Ihre Aus­sage lautete: «Wir haben Isa, den Sohn Maryams, den Ge­sandten Gottes, getötet.»“, dann ist das klar erkennbar kein historisches Zitat, denn sie hätten Jesus natürlich nie „den Gesandten Gottes“ genannt. Das ist Sprache des Koran. Bezeichnend, dass der Koran ihnen diese Selbstbeschuldigung in den Mund legt, die historisch – zu Unrecht – bei den frühen Christen in der Auseinandersetzung mit den Juden aufkam. Denn wenn der Koran auch in diesem Kontext den Juden vorwirft, sie hätten immer wieder ihre Propheten getötet, bzgl. Jesus kann er es ihnen ja gerade nicht nachsagen, wo er doch Wert darauf legt, dass gilt: „Aber sie haben ihn weder getötet noch gekreuzigt, doch kam es ihnen so vor. Diejenigen, die über ihn uneins sind, zweifeln an ihm. Sie haben kein Wis­sen über ihn, sondern gehen Vermutungen nach. Sie haben ihn ganz sicher nicht getötet. Nicht doch, Gott hat ihn zu sich erhoben.“ (Zitate nach ZUM-Wiki Die Kritik des Korans an den Juden ist, dass sie ihre Propheten getötet hätten (darin folgt der Koran frühen syrischen christlichen Quellen), und dass sie an den Gesetzen festhalten, die Jesus aufgehoben hat. Für die heutige Einschätzung des Judentums durch Muslime spielt diese alte Kritik freilich kaum noch eine Rolle. Insgesamt sei für den Islam kein Anti-Judaismus charakteristisch, wie er sich im Christentum schon früh herausgebildet hat. Der Vorwurf an die Christen ist, dass sie an die Göttlichkeit Jesu glauben, obwohl dieser selbst nicht daran geglaubt hat. 

3. Sendung: Jesus Ben Maryam

Im Neuen Testament wird nur Jesus nur einmal als Sohn Marias bezeichnet, im Koran kommt das sehr häufig vor. Maria spielt überhaupt im Koran eine weit wichtigere Rolle als im Neuen Testament. Sie ist im Koran die einzige Frau mit Namen. Andererseits wird am Christentum kritisiert, dass da Maria als dritte göttliche Figur neben Vater und Sohn existiere. Joseph wird im Koran nicht genannt, Maria aber über 30 mal, häufiger als in den vier Evangelien und der Apostelgeschichte zusammen. Jemanden als Sohn seiner Mutter zu bezeichnen, war damals eine Beleidigung. Denn wenn der Vater nicht genannt wird, kann man die Mutter verdächtigen, eine Prostituierte zu sein. Es gibt auffallende Gemeinsamkeiten zwischen der Darstellung der Geburt Jesu im Koran und in apokryphen Evangelien wie z.B. Protoevangelium des Jakobus und Pseudo-Matthäus-Evangelium, aber auch Abweichungen. Um das Jahr 2000 wurden von Theologen mehr Fragen nach den Einflüssen auf den Koran gestellt. So fällt auf, dass die hebräische Miriam, eine Schwester Aarons ist und dass die Maria des Korans auch Schwester Aarons genannt wird. Das ist aber sicher keine Verwechslung, sondern eine symbolische Formulierung für einen Bezug zwischen diesen beiden durch mehr als ein Jahrtausend geschiedenen Gestalten. Jesus des Korans wurde wie Adam aus Staub geschaffen. Gott haucht ihm Leben ein.

4. Sendung: Das Exil der Propheten

Der Name Mohammed (Bedeutung: der Gepriesene) kommt im Koran nur selten vor. Dabei spricht der Koran viel von Propheten (Gesandten Gottes). Hat Mohammed wirklich gelebt? Seine Lebensbeschreibung wurde erst 150 Jahre nach seinem Tod verfasst. Danach schließt man auf die Lebensdaten 570 bis 632. Doch vermutlich gab es in dieser Zeit in Arabien noch gar kein exaktes Datierungssystem, anhand dessen man Gleichzeitigkeit mit Ereignissen in anderen Weltteilen hätte feststellen können. Die Angaben über Mohammed besagen, er sei Waise gewesen, habe eine deutlich ältere Frau geheiratet und keinen Sohn, sondern nur eine Tochter gehabt. Keinen Sohn zu haben war damals unter Arabern ein großer gesellschaftlicher Makel. Für einen Mann, der wie Mohammed sich sehr fähig fühlte und gut reden konnte, war das eine große Motivation, eine Reform einzuführen, die diesen Makel von ihm nehmen würde.

Den zweiten Teil der 4. Sendung und die Sendungen 5 – 7 habe ich nicht gesehen.

Küng zum 2. Vatikanischen Konzil

1. Juni 2014

Zweites Vatikanisches Konzil

Hans Küng: Erkämpfte Freiheit. Piper Verlag, München 2002.
Interessant u.a. die Witze:Die Kardinäle Ottaviani und Ruffini wollen sich von einem Taxi „Zum Konzil!“ fahren lassen. Dieses fährt nach Norden. „Falsch!“ rufen sie. „Ach“, sagt der Chauffeur, „ich dachte, die Herren wollen nachTrient!“Rahner and Congar and Kung
Their praises are everywhere sung.
But one fine domani
old Ottaviani,
Will have them all properly hung. 

Zitat aus der Wikipedia:

Der Papst konnte daher einige seiner eigenen Anliegen, vor allem die Ökumene, nur gegen Widerstände in die Vorbereitungen einbringen. Doch über die Inhalte, die das Konzil prägen sollten, hatte sich längst ein weltweiter Dialog entwickelt. Der aus der Schweiz stammende und in Tübingen lehrende Theologe Hans Küng forderte in seinem Buch „Konzil und Wiedervereinigung“ 1960 wirkliche Bemühungen in Richtung Ökumene, eine Reform der Kurie, einen interreligiösen Dialog und die Abschaffung des Index Librorum Prohibitorum. Er fasste damit zusammen, was viele Theologen auch dachten. Diese auch von vielen Laien unterstützten Ziele wurden teilweise auch erreicht.

Um die Federführung der Kurie bei der Vorbereitung auszugleichen, richtete der Papst 1960 das Sekretariat für die Förderung der Einheit der Christen ein, zu dessen Leiter er den deutschen KardinalAugustin Bea SJ ernannte, vormals Beichtvater von Pius XII. Dieses Sekretariat, und nicht die von der Kurie beeinflussten Kommissionen, denen es gleichgestellt war,[3] war fortan für die Ökumenefragen zuständig. Dieses Vorgehen wurde von anderen christlichen Gemeinschaften begrüßt, da ihnen der Umgang mit der römischen Kurie wenig behagte.

Seite „Zweites Vatikanisches Konzil“. In: Wikipedia, Die freie Enzyklopädie. Bearbeitungsstand: 29. Mai 2014, 11:35 UTC. URL: http://de.wikipedia.org/w/index.php?title=Zweites_Vatikanisches_Konzil&oldid=130840870 (Abgerufen: 2. Juni 2014, 17:14 UTC)

Küng hält eine Eucharistiefeier für Christen und Buddhisten

31. Mai 2014

Er geht aus von Markus 9,40 „Wer nicht wider uns ist, der ist für uns.“ und Lukas 9,50 „Jesus antwortete ihm: Hindert ihn nicht! Denn wer nicht gegen euch ist, der ist für euch.“

Dann spricht er das Dankgebet. „Ich formuliere es nach ursprünglichem biblischem Verständnis so, dass die bekannten Worte “ Das ist mein Leib, das ist mein Blut – das bin ich “ in Jesu Selbstlosigkeit, Hingabe und Selbstentleerung für Buddhisten verständlich werden.“

(Küng: Erlebte Menschlichkeit, S.380)

„Mich beschäftigt besonders, wie viele Ähnlichkeiten es doch gibt zwischen den beiden Gründergestalten, zwischen Gautama und Jesus von Nazaret. Schon im äußeren Verhalten: beide Wanderprediger in der Volkssprache, mit allgemein verständlichen Spruchweisheiten, Kurzgeschichten, Gleichnissen, ohne Formeln, Dogmen, Mysterien. Beide durch kein Amt legitimiert, in Opposition zur religiösen Tradition und zur Kaste der Priester und Schriftgelehrten, die für die Leiden des Volkes keine Sensibilität zeigen. Für beide bedeuten Gier,  Hass und Verblendung die große Versuchung.
Eine grundlegende Ähnlichkeiten aber findet sich nicht nur im äußeren Verhalten, sondern auch in der Verkündigung von Gautama und Wesens: sie vermitteln eine frohe, befreiende Botschaft (das“dharma“; das „Evangelium“), die von den Menschen ein Umdenken (“ in den Strom steigen „; “ Metanoia“) und Vertrauen („shraddha“; “ Glaube „) fordern. Jedenfalls keine Orthodoxie, sondern Orthopraxie. Keine Welterklärung, philosophische Spekulation und gelehrte Gesetzeskasuistik. Vielmehr – angesichts der Vorläufigkeit und Vergänglichkeit der Welt – ein praktischer Weg aus der Ichsucht, Weltverfallenheit und Blindheit. Es geht um Befreiung durch inneren Wandel“

(Küng: Erlebte Menschlichkeit, S.382)

vgl. dazu Entwicklung des Buddhismus (Wikipedia)

Küng: Umstrittene Wahrheit

2. Oktober 2008

Hans Küng schreibt im 2. Band seiner Lebenserinnerungen nicht hauptsächlich über seine theologischen Werke, obwohl in den zwanzig Jahren, über die er berichtet,  „Unfehlbar? Eine Anfrage„, „Christ sein“ und Existiert Gott?, die Werke, die ihn weltweit auch unter Laien bekannt gemacht haben, entstanden sind.

Vielmehr berichtet er über seine Auseinandersetzung mit der Kurie, die er – seiner Darstellung nach – nicht gesucht habe, der er aber – im Unterschied zu den meisten seiner Weggefährten – aber auch nicht ausgewichen sei.

Seiner provozierenden Anfrage nach der Rechtfertigung für das Unfehlbarkeitsdogma lässt er eine Schrift folgen, in der er herausstellt, dass die Kirche über die Jahrtausende in „in der Wahrheit gehalten“ worden sei. Er vermeidet zunächst die Unterstützung von anderen, die seine Anfrage dringlicher und provozierender aufgreifen. Mit seiner Werbung für „Christ sein“ in einer vom Glauben an Gott sich abwendenden Welt setzt er sich für die Kirche ein, doch seine Interpretation der Dogmen ist neu, wird von vielen als modern, nicht konfessionell gebunden erlebt.

An seinen Positionen hält er trotz diplomatischen Einlenkens in der Form unverrückt fest, und für die, die für seine Sache nicht ihre Karriere aufs Spiel setzen formuliert er zwar Mitgefühl, aber er hat kein Verständnis dafür.

Dennoch sieht er sich im Rückblick nicht als ein streitbarer Kämpfer im Sinne Luthers. Immer sei es ihm um Reform der Kirche gegangen, nicht eine sie spaltende Reformation. Und dennoch lehnt er die Position des Kirchenkritikers Erasmus von Rotterdam ab, weil er an den entscheidenden Punkten kein Bekenntnis für seine Sache geleistet habe. (S.677/78) Vielmehr sieht er sich als einen, der Widerstand gegen die Autoritäten leistet, wenn sie von der Wahrheit abweichen und vergleicht sich insofern mit Bonhoeffer, Solschenizyn, Sacharow und anderen. Von den Aposteln sieht er Paulus als sein Vorbild, der sich nicht scheute, Petrus zur Rede zu stellen (Galater 2, 11-14).

Als Ergebnis seines Kampfes um Wahrheit sieht Küng – trotz einer Phase großer Niedergeschlagenheit – sein unabhängig von der katholischen Fakultät eingerichtetes Institut für ökumenische Forschung im Nachhinein als erkämpfte Freiheit, die ihm den Weg des Werbens für Verständnis unter den Religionen erst ermöglicht habe.

Auch in seinem zweiten Erinnerungsband vergleicht er sich immer wieder mit seinem Kollegen Josef Ratzinger, dem späteren Papst Benedikt XVI..  So weit er darauf hin, dass dieser – wie er – um sein 52. Lebensjahr einen Wendepunkt seiner Karriere erreicht habe, nämlich als er in der römischen Hierarchie aufstieg. Kritisch weist er darauf hin, dass Ratzinger in seinen Lebenserinnerungen über diese Zeit nichts mehr geschrieben habe. Seinen Hinweis, dass Ratzinger so verhindert habe, dass man sein Verhalten sonst doch besser hätte verstehen können, kann man auch so deuten, dass Ratzinger mit dem Aufstieg in der Hierarchie seine Freiheit aufgegeben habe.

Positiv gedeutet kann man Ratzingers Handlung als ein der Pflicht folgen verstehen (so wie Helmut Schmidt als Grundlegung für ein Weltethos den Menschenrechten Menschenpflichten zur Seite stellen will). Küng scheint Ratzingers Schweigen anders zu deuten: als das Beschweigen eines peinlichen Geheimnisses der Institution, in die er eingetreten ist.

Gespannt sein kann man auf den dritten Band von Küngs Erinnerungen, den in dem er seinen Weg zum Weltethos beschreiben will. Weiß man doch, dass asiatisches Denken die Gemeinschaft höher bewertet als die individuellen Freiheiten und dass es nicht die eine Wahrheit anstrebt, sondern statt dessen Erklärungen einer vielgestaltigen Wirklichkeit.

(Die Seitenangabe verweist auf Küng: Umstrittene Wahrheit)

Hier noch zwei Links: zur Stiftung Weltethos und zum Inhaltsverzeichnis von „Umstrittene Wahrheit“

Über die Schwierigkeit, Christ zu sein

28. September 2008

Schwierigkeiten machen Christen nicht nur die Theodizee, nicht nur die Sterbehilfe und die teils recht unbedachte Stammzellenforschung.

Jos Schnur, zitiert von Hans Küng in seiner Autobiographie „Umstrittene Wahrheit“ (S.489), sieht auch Schwierigkeiten, das Christ sein“ damit zu verbinden, „Angehöriger einer Veränderungen verschlossenen Amtskirche“ zu sein. In der Tat fällt es vielen Menschen schwer, Dogmen zu glauben, die nur aus einer bestimmten historischen Situation heraus zu verstehen sind, deren Bezug auf heutiges Weltverständnis aber äußerst schwer fällt.

Unfehlbarkeit des Papstes

24. September 2008

Die Unfehlbarkeit des Papstes, wenn er ex cathedra spricht, wurde vom 1. Vatikanischen Konzil 1870 aus der besonders bedrängten Situation (vgl. Kulturkampf) Papst Pius XI. als Dogma der katholischen Kirche verkündet. „Der Widerstand gegen diese in Schrift und Tradition nicht begründbaren Glaubensgrundsätze und die Exkommunikation der Gegner dieser Entscheidung waren“ so altkatholisch zu Recht in seinem Blogbeitrag vom 18.7.  „der Anlass für die Entstehung der Alt-Katholischen Kirche.“ Von den Protestanten wird sie als wesentliches Hindernis für eine Vereinigung von Katholiken und Protestanten gesehen.
Der Gedanke der Unfehlbarkeit des Papstes wurde zuerst von Petrus Olivi ( gest. 1298) vertreten, doch bemerkenswerterweise wurde diese Lehre 1324 von einem Papst, nämlich Johannes XXII., als Häresie verurteilt. Als das galt sie auch, bis 1870 Pius XI. sie zum Dogma machte.
(vgl. Hans Küng: Umstrittene Wahrheit, S.236)

Christ sein

23. September 2008

Hans Küng hat sich mit dieser Schrift von 1974 eine „Neubegründung der christlichen Theologie“ (S.246) vorgenommen. Er will eine „kritische Sichtung des Christentums“ zwischen „den ’säkularen‘ Humanismen einerseits“ und „den großen Weltreligionen andererseits“ (S.248). Dabei will er „nicht von theologischen Fragestellungen und traditionellen Dogmen ausgehen“, sondern von den „Fragen des heutigen Menschen“ (S.287).
Bei meiner ersten Lektüre fand ich die Lektüre durchaus erfrischend. Heute spüre ich beim Hineinblättern freilich doch auch das Historische der Fragen, von denen er ausgeht.
Das klingt allerdings vielleicht kritischer, als es gemeint ist. Daher noch einmal ein Blick auf das Buch aus Küngs eigener Sicht:
Jesus verkündet das Reich Gottes, das aber ist die Sache des Menschen und zwar nicht des gerechten, sondern der Verlorenen, Armen und Unterdrückten. Deswegen ist sein Konflikt mit den Mächtigen in Staat und Religion unausweichlich. Seine Auferweckung ist keine Rückkehr ins raum-zeitliche Leben, sondern die Aufnahme in jene unfaßbare, umfassende letzte und erste Wirklichkeit, die wir Gott nennen Nicht als der Auferweckte […], sondern als der Erniedrigte, Gekreuzigte unterscheidet sich dieser Jesus Christus unverwechselbar von […] Göttern und vergöttlichten Religionsstiftern. (S.404)
Küng erinnert auch an seine Reformforderungen: Für die Ökumene Integration der verschiedenen Kirchen durch Reform und gegenseitige Anerkennung der kirchlichen Ämter, durch gemeinsamen Wortgottesdienst und offene Kommunion. Für die katholische Kirche Wahl der Bischöfe und des Papstes unter Mitwirkung eines Gremiums von Laien, freie Entscheidung der Priester über Ehelosigkeit oder Heirat, gleiche Rechte der Frauen im Kirchenrecht, konstruktive Einstellung zur Sexualität, Zulassung einer Geburtenregelung auch durch „künstliche“ Mittel. (S.423)

Bemerkenswert ist dabei, dass seine theologischen Auffassungen heute nicht ungewöhnlich modern klingen, aber von konservativen Theologen aller Konfessionen noch immer abgelehnt werden und dass seine Reformfordrungen für die katholische Kirche so utopisch klingen wie eh und je.
(Seitenzahlen von „Umstrittene Wahrheit“ 2007)

Die Weihnachtsfeier

11. Juni 2008

Friedrich Schleiermacher legt in diesem in die Erzählung einer Weihnachtsfeier eingekleideten Lehrgespräch seine romantische Auffassung von Religion und Religionsausübung dar.

Bei der Bescherung wird das Spiel gespielt, dass die Beschenkten raten sollen, von wem sie das Geschenk erhalten haben. Frauen und Mädchen finden mit großer Sicherheit heraus, die Männer aber raten oft falsch. Das erklärt sich Leonhardt mit folgenden Worten:

„Denn wie ihre Gaben weit mehr als die unsrigen durch ihre Bedeutung die feinste Aufmerksamkeit verrathen und wir diese schöne Frucht ihres Talents genießen: so müssen wir uns auch jene andere Wirkung desselben gefallen lassen, wiewol sie uns etwas in den Schatten stellt.“

Eduard sagt über Musik und Religion:

„Denn jedes schöne Gefühl tritt nur dann recht vollständig hervor, wenn wir den Ton dafür gefunden haben; nicht das Wort, dies kann immer nur mittelbarer Ausdruck sein, nur ein plastisches Element, wenn ich so sagen darf, sondern den Ton im eigentlichen Sinne. Und gerade dem religiösen Gefühl ist die Musik am nächsten verwandt.“

Ernst meint dazu, „daß nur auf dem religiösen Gebiet die Musik ihre Vollendung erlangt. […] eine ernste Oper aber kann man doch kaum machen, ohne eine religiöse Basis“

Eduard ergänzt, „dass die Kirchenmusik nicht des Gesanges, wol aber der bestimmten Worte entbehren könnte. Ein Miserere, ein Gloria, ein Requiem, wozu sollen ihm die einzelnen Worte? Es ist verständlich durch seinen Charakter und leidet keine wesentliche Veränderung, wenn die Worte mit anderen ähnlichen Inhalts, so sie nur eben so sangbar sind und der Musik gemäß gegliedert, in derselben oder einer andern Sprache vertauscht werden; ja Niemand wird sagen, es sei ihm etwas Großes entgangen, wenn er die unterlegten Worte auch gar nicht vernommen hat. Darum müssen beide fest aneinanderhalten, Christentum und Musik, weil beide einander verklären und erheben. Wie Jesus vom Chor der Engel empfangen ward, so begleiten wir ihn mit Tönen und Gesang bis zum großen Halleluja der Himmelfahrt; und eine Musik wie Händel’s „Messias“ ist mir gleichsam eine compendiöse Verkündung des gesammten Christentums.“

Friedrich Schleiermacher: Die Weihnachtsfeier, 1806

Diese romantische Relgionsauffassung ist auch die Basis für Richard Wagners Versuch der Schaffung einer Kunstreligion, wie er sie in der Nibelungentetralogie schafft, in der die Götterdämmerung mit dem Untergang der Götter die Voraussetzung für eine Religion ohne Götter schafft.

Rüdiger Safranski verweist darauf, dass Friedrich Nietzsche gerade diesen Versuch an Wagner schätzte und empört war, als Wagner mit dem Parzifal zur Basis einer Erlösungsreligion zurückkehrte. Interessant nun, dass Adorno 1952 Thomas Mann gegenüber betonte, dass dieser mit seiner Kunstauffassung über Nietzsche und Wagner hinausgekommen sei.