Zeitgenössische Philosophen über Kants Schrift „Zum ewigen Frieden“

20. Dezember 2015

Was bleibt von Immanuel Kant? (ZEIT 3.12.15, online seit 17.12.15)
„Philosophinnen und Philosophen aus aller Welt erklären, was der deutsche Denker uns heute bedeutet.
Ein Gastbeitrag von Achille Mbembe, Pankaj Mishra, Donatella Di Cesare, Raymond Geuss, Mohamed Turki, Kenichi Mishima, Ágnes Heller, Bruno Latour, Vladimir Kantor, Wang Hui und Robert B. Brandom“

Achille Mbembe: Er ist viele (Der kamerunische Philosoph  Mbembe lehrt an der Witwatersrand-Universität in Johannesburg)

Es gibt zwei Kants, die wir in der Gegenwart dringend brauchen. Da ist erstens der Kant, der den Menschen als Wesen mit einer souveränen Vernunft erkennt, auf der das moralische Urteil beruht. Auf diesen Kant sind wir angewiesen, weil die Leidenschaften und Affekte gegenwärtig überhandnehmen wollen und weil in den Krisen der globalisierten Welt zumeist unbegründete Ängste als Alibi für Gewaltexzesse dienen. Aber ebenso sehr brauchen wir den Kant des Ewigen Friedens, weil er der Menschheit als Weltgesellschaft einen Horizont öffnet, auf den wir gemeinsam zugehen müssen, wenn wir nicht in der planetarischen Katastrophe, in Krieg und Terror enden wollen.

Die Idee des ewigen Friedens bedeutet, dass wir uns als Gattung anstrengen können, die Erde unter all ihren Bewohnern, die ihre gemeinsamen Eigentümer sind, gerecht zu teilen. Aus afrikanischer Perspektive heißt ewiger Friede universelles Gemeingut. Dieser Kant ist zwar Europäer, aber darauf kommt es nicht an, er könnte ebenso Afrikaner, Chinese oder Inder sein, denn in allen Kulturen wird sein Gedanke der Weltgesellschaft als Eigentümergemeinschaft in Variationen gedacht. […]

Hans Küng erklärt von Enzylexikon

12. Dezember 2015

Hans Küng 

eins seiner Werke zum Gottesbegriff: Existiert Gott?

Die zu erklärende Aussage:

Gott ist das Unendliche im Endlichen, die Transzendenz in der Immanenz und das Absolute im Relativen!

Enzylexikon:

„Eine Interpretation wäre, das man Gott und Welt nicht trennen kann, so wie man Geist und Körper nicht trennen kann. Es gibt keinen Widerspruch zwischen beidem.

Immerhin soll die Welt Gottes Schöpfung und der Mensch sogar nach seinem Ebenbild geschaffen sein – wie könnte es also sein, dass die Schöpfung nicht selbst, das Göttliche inne hat?

Der Anblick einer grandiosen Landschaft beeindruckt uns – „wow, der Fluß muss Jahrmillionen gebraucht haben, sich so durch den Fels zu fressen….“

Aber ich denke, wir bewundern da nicht nur einfach die Leistung einer beeindruckenden Naturgewalt, sondern empfinden emotional, dass diese Welt viel größer und mächtiger ist, als wir als einzelnes Individuum jemals sein können.

Diese „Ehrfurcht“ vor der Macht von Zeit und Natur ist vielleicht mit der Ursprung des religiösen Empfindens.

Islam

Gott ist das Unendliche im Endlichen, die Transzendenz in der Immanenz und das Absolute im Relativen!“

Das klingt beeindruckend, groß, riesig.

Im Islam sagt man „Allahu akbar“ – Gott ist größer. Aber da stellt sich natürlich die Frage – „größer als wer oder was?“

Größer als ein Mensch?

Wäre der Schöpfer eines Universums ganz sicher.

Größer als die eigene Schöpfung?

Vermutlich, denn sonst hätte er sie nicht schaffen können.

Gleichzeitig heißt es im konservativen Islam aber auch, das man den Körper nicht durch Tätowierungen verändern soll – er ist Gottes Geschenk. Man soll sich auch kein Bildnis von Gott machen.

Allerdings muss auch die Schöpfung etwas besonderes sein, dann im konservativen Islam ist auch die Darstellung von Lebewesen verboten, was gedeutet werden kann, dass man der Schöpfung den gleichen Respekt entgegen bringen soll, wie dem Schöpfer.

Das Unendliche im Endlichen, die Transzendenz in der Immanenz…..

Hinduismus

Gott ist das Unendliche im Endlichen, die Transzendenz in der Immanenz und das Absolute im Relativen!“

Gott kann in diesem Zitat auch als Symbol für das Unergründliche gesehen werden, dass sich in der gesamten Schöpfung findet.

In den hinduistischen Upanischaden gibt es die Erzählung von der Feige oder Mango die immer weiter geteilt wird, bis sie so klein ist, das man sie nicht mehr sehen kann.

Dieses nicht mehr Wahrnehmbare und daher Unteilbare, sei der Wesenskern des Menschen (Atman) und identisch mit dem Göttlichen (Brahman), ohne sich dessen bewusst zu sein.

Es wäre also das „Unendliche im Endlichen“, wie Küng es nennt.“

Enzylexikon Sein gesamter Text auf gutefrage.net

Wenn ich – bis auf ein paar stillschweigende Änderungen der Rechtschreibung – den Text verbessern wollte, müsste er weit ausführlicher werden. Was mir an dem Text gefällt, ist, dass er immanent auf Küngs Konzept vom Weltethos hinweist. 

Wikipedia in der Praxis. Geschichtsdidaktische Perspektiven

1. Dezember 2015

Die Tweets zur Tagung am 27./28.11.15 in Basel.

Die Tweets in einer Datei

Referat von Daniel Bernsen: „Wikipedia als Geschichtslexikon in der 8. Klasse 

Freiheit bei Sartre

24. August 2015
Die Lage des Menschen ist durch absolute Freiheit gekennzeichnet: „Ich bin dazu verdammt, frei zu sein“ oder: „Der Mensch ist der Statthalter des Nichts“ (Heidegger). Dieser Grund-Situation hat sich der Mensch zu stellen. Alles andere wäre eine Selbsttäuschung. „Es gibt keine Natur des Menschen, die den Menschen festlegt, sondern der Mensch ist das, wozu er sich macht.“
Daraus folgen einige Feststellungen: „Der Mensch ist voll und ganz verantwortlich“, zunächst für seine Individualität: Mit seinem Tun „zeichnet er sein Gesicht“. Gleichzeitig aber auch für die ganze Menschheit, denn mit seinen Entscheidungen zeigt er auch, was der Mensch sein kann. Insofern ist er immer auch ein Gesetzgeber.
„Der Mensch ist Angst.“
„Der Mensch ist Verlassenheit.“
„Der Mensch ist Verzweiflung.“
„Es gibt Wirklichkeit nur in der Tat“: Der Mensch entdeckt sich in seinem Entwurf, er überschreitet sich, indem er sich auf etwas entwirft. Die Liebe existiert für Sartre nur als verwirklichte Beziehung, das Genie nur als verwirklichtes Genie.
https://de.wikipedia.org/wiki/Jean-Paul_Sartre#Aspekte_des_Existenzialismus

Du Yuesheng, der Pate von Shanghai

4. April 2015

ANGELA KÖCKRITZ: Der Pate von Shanghai, ZEIT Nr.8, 19.2.2015

Du Yuesheng in der Wikipedia:
„Du war 1887 als Sohn äußerst armer Eltern, die er mit neun Jahren verlor, in der Kleinstadt Gaoqiao zur Welt gekommen. 1902 verließ er seine Heimatstadt in Richtung Shanghai. […] Nachdem sich Du 1908 den bei den chinesischen Geheimgesellschaften üblichen Initiationsriten unterzogen hatte, stieg er rasch auf und machte die Grüne Bande innerhalb von 12 Jahren zu einem gefürchteten Zentrum des organisierten Verbrechens. […]“

A. Köckritz schließt ihren Bericht:

„Im Frühling 1949 besteigt er ein Schiff. Shanghai zieht ein letztes Mal an ihm vorbei, die Große, Flirrende, Unersättliche – bald wird sie eine ganz andere sein. Am 26. Mai weht die rote Flagge über der Stadt. Der Klassenkampf macht Dekadenz und Boheme ein Ende. In Hongkong zieht Du Yuesheng in ein Apartment in der Kennedy Road. Er hat Geldprobleme. Er ist schwer krank und muss seine Frauen und zehn Kinder versorgen. Am 16. August 1951, 24 Stunden vor seinem 63. Geburtstag, stirbt er. Der letzte der großen Banditen des alten China.“

„Ich weiß, dass ich nichts weiß.“ – Der Satz stammt weder von Sokrates noch von Plato

17. März 2015

Der folgende Text von Albrecht ist so gut, dass ich ihn vorstellen möchte. Bei gutefrage.net wird er gewiss nicht so oft gefunden, wie er es verdient:

Philosophie ist nicht mit Vielwissen gleichzusetzen. Ein Philosoph hat Liebe zur Weisheit, er strebt nach Wissen/Erkenntnis (zu grundlegenden Fragen). Etwas zu begehren, nach etwas zu streben, Sehnsucht nach etwas zu haben ist etwas anderes als es schon zu besitzen. Sokrates hat sich vor allem als Suchender verstanden. Er möchte Einsichten gewinnen. Er bemüht sich, zumindest ein Stück weit bei diesem Weg voranzukommen.

Der Satz „Ich weiß, dass ich nichts weiß“ ist eine gekürzte und ungenaue Wiedergabe. Platon, ein Schüler des Sokrates, hat in der Apologie (Verteidigungsrede des Sokrates), die keine wörtliche Mitschrift ist, sondern ein nach dem Gerichtsprozess geschriebenes literarisches Werk, eine Darstellung gegeben, in der Sokrates etwas über sich selbst aussagt. Wenn die Textstelle im Zusammenhang gelesen wird, wird viel verständlicher, was gemeint ist.

In der Aussage steht „nicht weiß“, nicht „nichts weiß“. Der Unterschied kann äußerlich klein wirken (nur ein einziger hinzugefügter Buchstabe), ist aber inhaltlich von großer Bedeutung.

a) Sokrates will nicht aussagen, er sei dumm oder völlig unwissend.

b) Das ausgesagte Nichtwissen ist nicht ganz allgemein und umfassend, sondern hat einen Bezug: Es geht darum, über etwas, worüber er kein Wissen hat, auch nicht zu glauben/meinen, etwas zu wissen.

c) Der Satz „Ich weiß, dass ich nichts weiß“ ergibt einen Widerspruch, weil dann der Aussagende einerseits behauptet, nichts zu wissen, andererseits jedoch eben dies als eigenes Wissen aussagt. Der Originalsatz enthält keine Aussage, überhaupt nichts zu wissen, und weist daher keine logische Unstimmigkeit auf.

Sokrates drückt in der Apologie des Platon mit seiner Aussage aus, Einsicht in Grenzen seines Wissens zu haben.

Chairephon, ein Freund des Sokrates, so erzählt er, befragte das Orakel des Gottes Apollon in Delphi, ob jemand weiser sei als Sokrates, und die Antwort war ein Nein. Sokrates, der sich ursprünglich nicht für weise hielt, hat im Gespräch geprüft, ob andere Menschen (insbesondere Handwerker, Dichter und Politiker) Wissen haben (dabei ging es um Fragen wie die nach dem Guten, der Gerechtigkeit, der Tapferkeit, der Besonnenheit und Ähnliches). Den Orakelspruch hat er schließlich so gedeutete, darin weise zu sein, sich der Grenzen seines Wissens bewußt zu sein und nicht ein bloß scheinbares Wissen für richtiges Wissen zu halten. Sein Name sei nur als Beispiel dafür genannt worden. Im Gegensatz zu anderen, die meinen, etwas zu wissen, es aber nicht wirklich tun, meine er auch nicht, über etwas wissend zu sein, worüber er kein Wissen hatte. Insofern hat er anderen etwas an Weisheit voraus.

Platon, Apologie 21 d sagt Sokrates nach einem prüfenden Gespräch mit einem Politiker:

„Es scheint ja freilich keiner von uns beiden etwas Schönes und Gutes zu wissen, aber dieser meint, etwas zu wissen, ohne darüber ein Wissen zu haben, ich aber, wie ich eben nicht weiß, so meine ich es auch nicht. Ich scheine also wenigstens um ein kleines Stück weiser zu sein als er, daß ich, was ich nicht weiß, auch nicht zu wissen meine.“

Sokrates hatte die philosophische Haltung, etwas nicht einfach ungeprüft als sicheres Wissen gelten zu lassen und keine scheinbaren Selbstverständlichkeiten ohne Beweise zu übernehmen. Er stellte also vermeintliches Wissen in Frage und wies oft ein bloßes Scheinwissen nach. Eine Methode in seinen Gesprächen war, einen bloßen Anschein von Wissen durch Überprüfung als Nichtwissen nachzuweisen, um so über das Erkennen des Nichtwissens als erreichte Einsicht einen Weg zu wahrhafter Erkenntnis zu öffnen. Die erste Stufe ist die Entlarvung eines vermeintlichen Wissens als mangelhaft, auf der zweiten Stufe (falls der Gesprächspartner dazu bereit ist) findet ein Neuaufbau statt.

Shakespeare Sonnet 73

29. Oktober 2014

SONNET 73

That time of year thou may’st in me behold
When yellow leaves, or none, or few, do hang
Upon those boughs which shake against the cold,
Bare ruin’d choirs, where late the sweet birds sang.
In me thou see’st the twilight of such day,
As after sunset fadeth in the west,
Which by-and-by black night doth take away,
Death’s second self, that seals up all in rest.
In me thou see’st the glowing of such fire
That on the ashes of his youth doth lie,
As the death-bed whereon it must expire
Consum’d with that which it was nourish’d by.
This thou perceivest, which makes thy love more strong,
To love that well which thou must leave ere long.

Kongenial übersetzt von Michael Mertes. Ich gebe zu, dass ich die Übersetzung zuerst kennen und lieben lernte: Die herbstlichen Farben, die Ähnlichkeit der eigenen Lebenssituation mit dem Herbst von Ende Oktober / Anfang November, die menschliche Haltung.
Natürlich findet sich das im Barock tausendfach; aber so wenig artifiziell mit so großem Kunstverstand gesagt, berührt es mich sehr.

Passiver Widerstand gegen den Holocaust

27. Oktober 2014

Den bekanntesten erfolgreichen passiven Widerstand haben die deutschen Frauen Tausender Juden geleistet, die in die Vernichtungslager deportiert werden sollten. Sie haben tagelang die Berliner Rosenstraße besetzt, bis die Nazis auf die Deportation verzichteten.

Die Wikipedia schreibt dazu: „Der Rosenstraße-Protest war die  größte spontane Protestdemonstration im Deutschen Reich während der Zeit des Nationalsozialismus. Ende Februar/Anfang März 1943 verlangten „arische“ Ehepartner aus „Mischehen“ und andere Angehörige von verhafteten Juden in Berlin deren Freilassung.“
Den umfassendsten passiven Widerstand haben die Judenräte geleistet, die von den Nazis dazu gezwungen wurden, ihnen bei der Erfassung und Ermordung ihrer Schicksalsgenossen zu helfen.

Zitat aus dem Wikipediaartikel:
„Die ersten Judenräte mussten für sie vor allem die jüdische Bevölkerung ihres Ortes zählen, Wohnungen räumen lassen und ihnen übergeben, Zwangsarbeiter zur Verfügung stellen, Wertsachen konfiszieren, Tribute sammeln und auszahlen.
Durch diese Maßnahmen der Besatzer, die zudem alle staatlichen Dienstleistungen strichen und verhinderten, entstanden enorme Versorgungsprobleme in den jüdischen Gemeinden. Daher nahmen die Judenräte auch am Aufbau eigener Ersatzinstitutionen teil. Sie versuchten, die Lebensmittelverteilung zu organisieren, Krankenstationen, Altenheime, Waisenhäuser und Schulen aufzubauen. Zugleich versuchten sie mit den ihnen verbliebenen Möglichkeiten, den Zwangsmaßnahmen entgegenzuwirken und Zeit zu gewinnen.
Dazu verzögerten sie die Umsetzung der Befehle und bemühten sich, diese abzuschwächen, indem sie Rivalitäten verschiedener Besatzungsstellen auszunutzen versuchten. Sie stellten ihre Arbeitskräfte als möglichst unentbehrlich für die Deutschen dar, um ihre Versorgungslage zu verbessern und die Deutschen zur Rücknahme einiger Kollektivstrafen zu bewegen.“ (Hervorhebung von mir)
Meinen vollständigen Artikel findet man auf dem Blog Fontanefan.

Martin Luther und die Juden

5. Oktober 2014

Nach den Schriften des jungen Luther, in denen er den Ausschluss von Juden aus den meisten Berufen kritisierte, der sie in Richtung Krämer und Geldwechsler drängte*, ist bei ihm spätestens seit 1537 eine solch verschärfte Polemik gegen Juden zu beachten, dass verständlich wird, weshalb die Nationalsozialisten zur Rechtfertigung ihres Antisemitismus gegenüber protestantischen Kreisen gern auf Luthers wüste Schriften gegen die Juden (nicht rassistisch-antisemitische, sondern religionspolemische antijudaistische) zurückgriffen.

Seit der pietistischen Kritik durch Spener waren diese Schriften kaum noch ediert und so gut wie ganz aus der theologischen Diskussion verbannt worden. Das führte dazu, dass viele protestantische Theologen diese Schriften nicht kannten oder doch zumindest sich nicht mit ihnen auseinandersetzten.

Heute fürchtet man weniger, dass die Autorität Luthers dazu verführen könnte, ihm in seinen antijüdischen Thesen zu folgen, und legt größeren Wert darauf, ein unverfälschtes Bild Luthers zu überliefern und dementsprechend seine menschenverachtenden Polemiken heranzuziehen, um deutlich zu machen, wie sehr er in seinen späteren Lebensjahren Intoleranz gefördert hat.

Der Wikipediaartikel Luther und die Juden stellt die Entwicklung recht anschaulich dar.

* „Viele Juden begrüßten Luthers Schrift von 1523 als Sensation: Zum ersten Mal seit über 1000 Jahren eröffnete ihnen ein einflussreicher christlicher Theologe die Aussicht, sie menschlich, gewaltlos, als gleichberechtigte Gesprächspartner in der gemeinsamen Bibelauslegung zu behandeln und auch ihre Rechtslage zu verbessern. Darum schickten holländische Juden Luthers Schrift als Hoffnungszeichen an die verfolgten Juden Spaniens.“ (Seite „Martin Luther und die Juden“. In: Wikipedia, Die freie Enzyklopädie. Bearbeitungsstand: 10. Juni 2014, 19:14 UTC. URL: http://de.wikipedia.org/w/index.php?title=Martin_Luther_und_die_Juden&oldid=131195549 (Abgerufen: 5. Oktober 2014, 21:53 UTC))

Ausstellung der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau zu diesem Thema

Aufsatzsammlung: Die Schattenseiten des Reformators

Veranstaltungen: Bensheim, Frankfurt

Sterbehilfe

22. Juli 2014

„Oder ist etwa das Abstellen eines Beatmungsgerätes oder der künstlichen Nahrung nicht ebenso aktiv (und vielleicht sogar weniger barmherzig) wie eine Überdosis Morphium?“ schreibt Küng in „Erlebte Menschlichkeit“ (Erlebte Menschlichkeit. Erinnerungen. Piper, München 2013, ISBN 978-3-492-05601-4.) auf Seite 612.

Ist das ein zulässiges Argument oder nutzt Küng nur aus, dass der Terminus „passive Sterbehilfe“ das Gemeinte nicht ganz treffend wiedergibt?

Wie wichtig Küng die Frage der Sterbehilfe ist, merkt man daran, dass er im Zusammenhang mit der Diskussion darüber sogar schon von Inquisition spricht:

„Man findet in der Frage »aktive« Sterbehilfe kaum Ärzte, die es wagen, ihre Meinung öffentlich zu sagen, wiewohl sie, die gesetzesfreie Grauzone nutzend, oft beim Sterben nach­ helfen. Eine sehr engagierte praktische Ärztin, mit der ich die Probleme des alltäglichen Sterbens eingehend und einvernehmlich diskutiert hatte, zieht ihre Zusage, an unserer Podiumsdiskussion mit der Justizministerin teilzunehmen, im letzten Moment zurück. Vonseiten der Ärztekammer, ihrer Standesorganisation, war ihr für den Fall ihrer Teilnahme mit der Ab­ erkennung ihrer ärztlichen Zulassung gedroht worden. Mich erinnert das an den Entzug meiner kirchlichen Lehrbefugnis durch die Inquisition.“   (Erlebte Menschlichkeit. Erinnerungen. Piper, München 2013, ISBN 978-3-492-05601-4, S.615)

Das ist ein starkes Wort. Doch auch ich finde, dass bei der heutigen Hochtechnologie- und Apparatemedizin der hippokratische Eid nicht mehr in jedem Fall eine eindeutige Handlungsanweisung  für die Sicherung der Menschenwürde im Sterbeprozess definiert.

Deshalb sollte über diese Fragen offen diskutiert werden dürfen, auch wenn die Diskussionsergebnisse in anderen Ländern für uns angesichts anderer historischer Erfahrungen keine Richtschnur zu sein brauchen.

Ergänzung:
Einer eigenen Reflexion wäre die heutige Meldung aus Belgien wert. (Sterbehilfegesuch eines Sexualstraftäters nach 30 Jahren Haft, der nicht freigelassen werden will)  (29.9.14)