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Manager als Opfer der Finanzkrise?

28. Oktober 2008

Nicht nur, dass es empörend ist, mit nur 500 000 € als Jahresgehalt auskommen zu sollen, nur weil man ein paar Milliarden verzockt hat. Man hat wegen der Verlust ja sogar auf seinen Bonus verzichtet und sich mit kärglichen Restmillionen begnügt! (Freilich nicht alle.)

Nein, jetzt wird sogar behauptet, Finanzmanager könnten wie Hartz IV-Empfänger für das verantwortlich sein, was sie tun.

Voller Empörung hat Hans-Werner Sinn dies Ansinnen zurückgewiesen. Wer sich darüber aufgeregt hat, darf sich jetzt beruhigen. Sinn meint inzwischen, es hätte keinen Sinn, Kritik an Managern mit Völkermord zu vergleichen. Vielleicht hat ihm sogar jemand klarmachen können, dass der Antisemitismus nicht erst 1929 entstanden ist. Oder hat in seiner Umgebung noch nie jemand davon gehört?

Was Kritik an unschuldigen Managern betrifft, fiel mir diese Liste in die Hand. Nicht, dass ich behaupten wollte, die Manager auf der Liste seien mit ermordeten Juden zu vergleichen.

Nicht dass die Finanzmanager nicht vor ihrem Kurs gewarnt worden wären. So schrieben z.B. am 21.11.07 die Nachdenkseiten: „Dabei wäre doch fest zu halten, dass Millionen Menschen real, d.h. realwirtschaftlich, darunter zu leiden haben, dass andere mit unverantwortlichen Spekulationen auf den Finanzmärkten Millionen und Milliarden abgreifen.“

Die Nummer

4. September 2008

„Aber es hatte nichts mit Geld und Geiz zu tun, wenn die Überlebenden diese Nummern so selten entfernen ließen […] fast als sei es eine Verpflichtung den Toten gegenüber, nahm man die Auschwitznummer mit in die Nachkriegswelt […]. Es war Totenehrung und Lebensbejahung in einem.“ So verstand Ruth Klüger ihr Beibehalten der KZ-Nummer, die sie übrigens nicht auf sich bezogen und daher auch nicht wirklich gemerkt hatte, bis …

„Es war ein autoritärer Rauswurf, den ich der Nummer auf meinem Arm zu verdanken hatte, denn ohne diese wäre meine Vergangenheit nicht erkennbar gewesen.“ Dass sie so ihren Schein verlor, dass niemand ihr half,  das allein hätte die Reaktion, die dann folgte, nicht bewirkt. Es war ein Leben, in dem sie immer wieder zurückgewiesen, ihrer Meinung nach unfair behandelt, mit einem andern Maßstab gemessen wurde. Schließlich will sie die Nummer nicht mehr tragen.

„Die junge Ärztin hat gute Arbeit geleistet, und ich werde diese Spuren der Nazizeit nicht in den Sarg (vom Jenseits halte ich nicht viel) mitnehmen müssen.“

Die Entscheidung, nicht mehr in jedem Kontext Zeitzeugin der Shoa zu sein, weil es in unseren Gesellschaften eine zu extreme Aufgabe ist. Dafür aber schreibt sie ihre Lebenserinnerungen, in der die Nummer eine wichtige Rolle spielt.

Antisemitismusvorwurf

4. September 2008

Wie eine Jüdin aus Gedankenlosigkeit antisemitisch sein kann, mag Henryk M[odest] Broder mit sich selbst abmachen. Dass zu dieser Frage deutsche Richter bemüht werden, kann man dennoch verstehen, wenn man als Jüdin erlebt hat, wie die absurdesten Vorwürfe an Juden hängen bleiben können.

Die Antisemitismusdefinition, die Jens Jessen heute in der ZEIT als „klassisch nüchtern“ bezeichnet, ist allerdings nicht einfach polemisch-überzogen, sondern in ihrer Verkürzung grotesk falsch.

Antisemitisch seien, so schreibt Jessen in unzulässiger extremer Verkürzung „alle Aussagen über Juden, die weder bestätigt noch widerlegt werden können“. Danach sind alle geisteswissenschaftlichen Aussagen über Juden, da sie nicht falsifizierbar sind, antisemitisch. Das Bekenntnis eines Juden „Ich glaube an den Gott, der mein Volk aus dem Ägyptenland geführt hat“ ist danach antisemitisch; denn wer will widerlegen, dass er das glaubt.

Dabei meint Jessen natürlich etwas Richtiges, nur sollte er das auch schreiben und nicht journalistische Gedankenlosigkeiten.