Posts Tagged ‘dionysisch’

Mit uns zieht die neue Zeit

11. Juni 2008

Diese Devise, die das Lebensgefühl von Sozialdemokraten im Kaiserreich ausdrückt, ist eine Zeile aus dem Lied „Wann wir schreiten Seit an Seit“ von Hermann Claudius (1916). Im Unterschied zu der Jugendbewegung, deren Geschichte 1927 unter diesem Titel aufgezeichnet wurde, richteten sich die Sozialdemokraten um die Jahrhundertwende bereits auf einen längeren Zeitraum ein, der die Verwirklichung ihres Fortschrittsoptimismus bringen sollte, auch wenn sie die revisionistische Theorie, die diese Einstellung begründete, bis zum Erfurter Programm nicht billigten. Aber sie schufen sich ihre eigene kleine Gegenwelt, eine Neue Heimat, im Staat, der sie als vaterlandslose Gesellen ausgrenzte.

Safranski zitiert in seinem Buch Romantik einen Arbeiterschriftsteller von 1888, der über die Arbeiterbewegung sagt „Für Zehntausende ist sie auch eine neue seelische Heimat geworden“. Also im Nietzscheschen Sinn nicht nur appolinisches politisches Programm, sondern dionysische Lebenswirklichkeit. Dazu gehört dann auch das Arbeiterlied, das mit seiner Musik die Verbindung zur Religion schafft.

Musik als vorlogische Weltsprache

8. Juni 2008

„Wer mit Stöpseln im Ohr in der U-Bahn sitzt oder durch den Park joggt, der lebt in zwei Welten. Appollinisch fährt oder joggt er, dionysisch hört er. Die Musik hat das Transzendieren vergesellschaftet und zu einem Massensport gemacht. […] Ein erheblicher Teil der Menschheit zwischen Dreizehn und Dreißig lebt heute in den nichtsprachlichen und prälogisch dionysischen Räumen von Rock und Pop.“ (Rüdiger Safranski: Romantik. Eine deutsche Affäre, S.287)