Posts Tagged ‘Goethe’

Pustkuchen

26. September 2008

In der Frühzeit der Geltung des Urheberrechts ergab sich eine merkwürdige Art seiner Verletzung, der selbst heute nicht leicht beizukommen wäre. Da Goethe Wilhelm Meisters Lehrjahre über Jahre hin nicht fortsetzte, sondern nur die Fortsetzung ankündigte, ergriff der Lehrer Pustkuchen die Initiative und veröffentlichte 1821 anonym eine Parodie auf Goethes Wilhelm Meisters Wanderjahre drei Monate, bevor Goethes Werk erschien. Mit dem Nimbus der Lehrjahre Goethes im Rücken gewann Pustkuchens Roman eine breite Leserschaft, während Goethes eigener Roman als zu langweilig sich nicht recht verkaufte. Rowling hatte diese Art von Urheberrechtsverletzung im Blick, als sie Harry Potters Leben bis in seinen Verlust der Zauberfähigkeit verlängerte und im Epilog ihres letzten Romans vorstellte.

Goethe – kompakt oder zerstückelt?

28. August 2008

Das gesamte dramatische und lyrische Werk Goethes ohne Pause in etwa 50 Stunden gelesen. Das ist kompakt.
Aber von über 1000 Schülerinnen und Schülern, jede(r) nur um 200 Sekunden lang. Das ist zerstückelt.

Rekordverdächtig. Hier zu sehen und auch diskutiert. Wie sinnlos ist das Ganze? Wodurch könnte es Sinn erhalten? Darf Unterrichtszeit der Schüler verschwendet werden? Lesenächte für Schüler gibt es schon lange; aber doch nicht zum Zusehen.
Eventcharakter liegt vor. Fersehanstalten melden sich an. Hat es Sinn, wenn am Schluss mehr zählt, dabei gewesen zu sein, als einen einzigen Satz verstanden zu haben?
Wo geschieht das? Natürlich an einem Goethe-Gymnasium. Was sagt das über den Bildungsstand an Gymnasien aus. Vermutlich nichts, oder?

Das Übliche

9. Juni 2008

Die Kommunikationsverweigerung, die von Telekommunikationsunternehmen betrieben wird, wäre sprichwörtlich, wenn noch die Zeit für Sprichwörter wäre.

So ist sie nur Gegenstand von ungezählten Klagen, Berichten über groteske Auswüchse und manchen gelungenen Witzen.

Dabei ist sie genauso wie der Frust mit dem Computer systemimmanent. Der Computer reagiert perfekt, wenn sämtliche Voraussetzungen dafür gegeben sind. Ist das nicht der Fall, ist Fehlersuche gefragt. Die ist aufwändig und wird aus Sicht der Hersteller als Gesamtheit am besten durch die Anschaffung eines neuen Computers und Stilllegung des fehlerbehafteten ersetzt. Da der einzelne Hersteller allerdings damit rechnen muss, dass ihm so sämtliche Kunden verloren gehen, wird er dreierlei installieren: Erstens einen computergesteuerten „Kontakt“, der Kontaktaufnahme mit allerlei Buchbinder-Wanninger-Tricks zu verhindern sucht. Zweitens – für hartnäckigere Kunden – einen Telefonbeantwortungsdienst, der so lange höflich sein soll, bis der Anrufer selbst sein Problem gelöst hat oder doch zumindest versucht, jemanden zu finden, der ihm sein Problem löst. (Dass dieser Job frustrierend ist, kann man sich denken. Deshalb sind auf diesem Bereich für Frustrationstolerante immer wieder mal Arbeitsplätze zu erhalten.) Drittens – für Kunden, die einen für ihr Computerproblem unzureichenden Bekanntenkreis haben und sich auf den auf ihr Problem bezogenen Internetforen nicht genügend auskennen oder sie nicht erreichen, weil sie keinen Ersatzzugang zum Internet haben – eine teure Hotline, wo Spezialisten sitzen, die das Problem vermutlich lösen könnten, wenn man es ihnen sachgerecht beschriebe.

Ergebnis: Die Telekommunikationsunternehmen schaffen Arbeitsplätze für eine Unzahl von Selbständigen, die versuchen, den Service zu bieten, der den Telekommunikationsunternehmen zu aufwändig ist.

Zum Glück ist es für Telekommunikationsunternehmen weit weniger aufwändig, die Kunden und die Mitarbeiter zu bespitzeln, als auf ihre Fragen einzugehen. So brauchen doch nicht alle Arbeitsplätze ausgelagert zu werden.

Goethe ließ es seinen Mephisto kürzer sagen: „Bei der verschmähten Liebe, beim höllschen Elemente, ich wollt‘, ich wüsst‘ was Ärgrers, dass ich fluchen könnte.“