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Wer bin ich?

10. Februar 2010

Bonhoeffer wurde von Mitgefangenen und Wärtern bewundert, weil er in Gestapohaft „gleichmütig, lächelnd und stolz, wie einer, der Siegen gewohnt ist“ wirkte und erlebte sich doch selbst als „ein verächtlich wehleidiger Schwächling“ (so von ihm in seinem Gedicht „Wer bin ich?“ formuliert).
Wer sind wir, das, was wir von uns halten oder was man von uns hält?

Man könnte denken, die eigene Sicht wäre immer die richtige. Dann wäre Hitler ein Helfer der Menschheit gewesen, weil er die Juden vernichten wollte. Dann hätte ein Beinamputierter noch zwei Beine, nur weil er noch die Schmerzen im längst amputierten Bein spürt.

Wenn man die Alternative annimmt, dass wir sind, was Leute aus der Außensicht von uns halten, dann wäre der Mann, der seine Tochter gefangen hält und fortlaufend vergewaltigt, so nett und liebenswert, wie er nach außen scheint.

Die Antwort „Es gilt eben beides“ hilft nicht, wenn der Initiator des Holocaust gleichzeitig auch Helfer der Menschheit sein soll.

Ein anderes Problem: Faust fühlt ‚zwei Seelen in seiner Brust‘, und seitdem haben viele ähnlich empfunden. Welche Seele gilt?

Aufgrund seiner Beschränkung auf Empirie stellt David Hume fest, dass es überhaupt kein Ich oder Selbst gibt; denn das Ich bleibt im Laufe des Lebens ja dasselbe, aber die Empfindungen, die wir haben, wechseln ja ständig. (If any impression gives rise to the idea of self, that impression must continue invariably the same, thro’ the whole course of our lives; since self is suppos’d to exist after that manner. But there is no impression constant and invariable.) Die moderne Hirnforschung kommt ihrerseits zum Schluss, es könne keine Verantwortung geben, weil wir laut Experimenten immer schon handeln, bevor unser Gehirn den Entschluss fasst.
Den ganzen Versuchsaufbau hätten sie sich freilich nach Hume sparen können, da wir ja ohnehin alle Sekunde ein anderer werden und deshalb das neue Ich nicht für das zur Rechenschaft gezogen werden dürfe, was das vorige Ich vor 5 Minuten getan hat.

Je nun, bestraft werden durch Freiheitsentzug oder Folter ja nicht die Gehirnzellen und Nervenverbindungen, sondern nur das ohnehin nicht existierende Ich.

Was stimmt nicht in meiner Argumentation?

(Dazu vgl. die Fortsetzung)