Posts Tagged ‘Ich’

Das Ich ein intentionaler Begriff

3. Oktober 2013

Wie Liebe und Gerechtigkeit sei das Ich ein intentionaler Begriff, meint die Publizistin Ursula P. Jauch (SZ 2.10.13).

Dazu sieh auch Funktionen des Ich.

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Wirklichkeit und Wahrheit

13. August 2010

„Sag etwas, was sich von selbst versteht, zum ersten Mal, und du bist unsterblich“, sagt Marie von Ebner-Eschenbach.
Meiner Meinung nach hat Kant so etwas Selbstverständliches ausgesprochen, als er darauf verwies, dass wir Menschen nichts anderes erkennen können, als unsere Erkenntnisfähigkeit es erlaubt.
Mit den Anschauungsformen Raum und Zeit und mit der Kausalität glaubte er, Teile unserer Erkenntnisfähigkeit aufgedeckt zu haben. Die Relativitätstheorie Einsteins machte mit ihrer Einführung der Raumzeit mit der Auschaulichkeit Schluss. (Auch wenn wir beide weiterhin getrennt wahrnehmen.) Die Quantenmechanik beendete die Vorstellung einer allgemein geltenden Kausalität. (Trotz Einsteins energischem Widerspruch: „Gott würfelt nicht!“)
Alle Versuche, über Kant hinauszukommen, haben zwar die Beschränktheit seines philosophischen Konzepts erweisen können, nicht aber die Richtigkeit seiner „banalen“ These. Ob Konstruktivismus, Sprachphilosophie oder allgemeiner Relativismus: alle stellen nur einen Versuch dar, zu beschreiben, worin unsere Erkenntnisfähigkeit bestehe, nicht aber eine Widerlegung seiner Entdeckung.
Wenn er damit etwas Grundlegendes erkannt hat, dann bezieht sich alle unsere Erkenntnis nur auf das von Menschen Erkennbare. (Er nennt es „Ding für uns“).
Nun kann man sich mit dieser Erkenntnis zufrieden geben und das Nichterkennbare außen vor lassen und auf die Bezeichnung als „Ding an sich“ verzichten. Merkwürdig ist freilich die Erfahrung, dass immer mehr erkennbar wird, als man ursprünglich für möglich hielt. So ist mit Freud und Hirnforschung jetzt auch das Ich in seinem Kontext – nicht in dem, wodurch es bestimmt wird, denn Kausalität ist keine allgemeingültige Kategorie mehr – sehr viel vielgestaltiger geworden, als es noch im „Ich denke“ von Descartes und im „Das Ich setzt sich selbst“ von Fichte erschien.
Insofern hat es wohl Sinn, dass wir uns das Vorläufige jeder menschlichen Erkenntnis vor Augen halten (denn menschliche Erkenntnisfähigkeit treibt die Erkenntnis ja ständig voran). Ob man dafür den wenig modischen Ausdruck „Ding an sich“ verwendet oder nicht, hat wenig Bedeutung.
Interessant ist aber doch, was diese Vorstellung, dass menschliche Wirklichkeit immer nur eine vorläufige und (seit dem Siegeszug der modernen Naturwissenschaften) eine in ungezählte Wissenschaftswirklichkeiten auseinanderfallende ist, für den Begriff der Wahrheit bewirkt.
Wenn Wirklichkeit das ist, was Menschen aus dem Nicht-Ich mit ihrer Erkenntnisfähigkeit machen, dann ist Wahrheit im Unterschied zur Wirklichkeit nicht Nicht-Ich, sondern eine Konstruktion des Ichs. Mit Schillers Worten:

„die Wahrheit ist nichts, was so wie die Wirklichkeit oder das sinnliche Dasein der Dinge von außen empfangen werden kann; sie ist etwas, das die Denkkraft selbsttätig und in ihrer Freiheit hervorbringt.“

Damit diese Wahrheiten nicht dazu führen, dass man sich gegenseitig totschlägt, empfiehlt es sich freilich, sich auf inter-subjektive Wahrheiten zu verständigen.
Von den Menschenrechten bis zur Stammzellenforschung ist das freilich nicht etwas, was der Menschehit leicht fiele. Umso mehr Dank gebührt denen, die dazu beitragen, dass es zu Annäherungen kommt.

Zhuangzi

15. März 2010

Das Zhuangzi ist in Europa weit weniger bekannt als das Daodejing des Lǎozǐ und das Lúnyǔ des Konfuzius.
Das mag damit zusammenhängen, dass es weniger Weisheitslehren als vielmehr Geschichten enthält. Dabei spricht viel dafür, dass die „inneren Kapitel“ des Zhuangzi die älteste Form des Daoismus enthalten.
Was teils wie ein perspektivisch verschobener Fichte anmutet,

„Gäbe es keinen ‚Anderen‘, gäbe es kein ‚Ich‘. Gäbe es kein ‚Ich‘, gäbe es nichts, was den ‚Anderen‘ wahrnähme. … was macht, dass dem so ist, das weiß ich nicht.“

„Jede Bejahung ist die Verneinung von etwas anderem, und jede Verneinung ist die Bejahung von etwas anderem.“

gipfelt nach Geschichten über den Fisch Kun, den Vogel Peng und den Kaiser Yao in den Sätzen:

„Der höchste Mensch hat kein Ich.

Der spirituelle Mensch hat nichts geleistet.

Der Weise hat keinen Ruhm.“

Wer bin ich? (4)

11. März 2010

Zunächst möchte ich jetzt die Sicht Freuds einbringen: Das Ich als die Instanz, die sich aus dem Widerstreit zwischen den Forderungen der Triebe (dem Es) und den Erwartungen von außen (Überich) als steuernde herausbildet. Diese Vorstellung hat für mich mehr Erklärungswert als der Ego-Tunnel Metzingers.
Freud ist inzwischen weitgehend ins Allgemeinwissen eingegangen.
Dagegen ist das Bewusstsein dafür, dass ein Identitätsbewusstsein die Voraussetzung für ein sinnvoll steuerndes Ich ist, nicht ganz so allgemein verbreitet.
Dazu möchte ich – möglichst bald – eine Geschichte erzählen. Es ist eine Geschichte von Gedächtnisverlust, wie sie literarisch wertvoll Kathrin Schmidt in Du stirbst nicht gestaltet hat. Für meine Zwecke reicht aber eine ganz kurze Geschichte über einen Bekannten von mir.

Er kam eines Tages von einem Spaziergang nach Hause und erkannte (stressbedingt) Frau und Kinder nicht mehr. Zum Glück war sein Sohn wegen der Semesterferien zu Hause und war bereit, viel Zeit aufzuwenden. Tagelang ließ mein Bekannter sich erzählen und fragte ihn aus. Denn er wusste nicht nur nichts über seine Familie, sondern auch nichts mehr über seinen Beruf, seinen Arbeitgeber usw. .

Ohne Erinnerung an unser früheres Selbst haben wir keine Orientierung mehr im Leben, haben keine Ahnung, woran wir anknüpfen können … .

Wer bin ich? (3)

23. Februar 2010

Wer bin ich? Oder, um den objektivierenden Blick anzudeuten, besser gefragt: Wer ist ich?

Doch weil uns das zu befremdend vorkommt, vorläufig distanzierter gefragt: Wer ist Ich?

Doch wohl jemand, der zwischen sich und der Umwelt zu unterscheiden weiß, wer ein Bewusstsein von sich selbst hat.

Das Neugeborene kann das noch nicht. Erst wenn erfahren wird, dass die Umwelt sich durch das Handeln verändert und dass man einen eigenen Willen hat, wird Selbstbewusstsein möglich.

Philosophisch Denkende unterscheiden sich von anderen Ichs dadurch, dass sie ihr Welterleben nicht selbstverständlich nehmen, sondern es durchschauen wollen. Sie machen sich – unabhängig von anderen – ihr eigenes Weltbild. Philosophen kann man sie nennen, wenn sie dabei einen hohen Grad an Unabhängigkeit und Stimmigkeit erreichen.

Der Abstand zur Weltsicht anderer Ichs ist groß. Der Philosoph hat sein Weltbild nicht selbstverständlich. Er hat es sich erarbeitet. Aber er nimmt es nicht spielerisch. Er wählt nicht einfach mal dies Weltbild, mal jenes. Das ist die Sache von Dichtern. Schiller hat sich vom übermäßigen Druck der Kantschen Philosophie befreit mit dem Satz „Der Mensch ist nur da ganz Mensch, wo er spielt.“ und hat in den „Göttern Griechenlands“ ausgemalt, wie schön und lebensvoll die Welt noch war, als sie noch von diesen Göttern regiert wurden und als die Menschen sie noch verehrten. Doch im selben Gedicht spricht er auch aus, dass diese Götter „Wesen aus dem Fabelland“, also erfunden, waren.

Max Frisch lässt seinen Erzähler in „Mein Name sei Gantenbein“ ganz viele Ichs erfinden und spielt durch, wie diese sein/ihr Leben erleben würden.

Hier legt sich nahe, den Titel „Wer bin ich und wenn ja, wie viele? “ anzuführen. Es ist aber nicht, wie der Titel vermuten ließe, ein psychologisches Buch, sondern ein Buch, das sehr locker in philosophische Fragen einführt, freilich nicht immer ganz exakt.

Schiller hat in seinem „Jüngling zu Sais“ vor der Erkenntnis der Wahrheit gewarnt. („Weh dem, der zu der Wahrheit kommt durch Schuld. Sie wird ihm nimmermehr erfreulich sein.“) Philosophen aber versuchten durchaus so viel von der Wahrheit zu erkennen, wie ihnen möglich war. Erst  im 20. Jahrhundert breitete sich die Vorstellung aus, dass Erkenntnis nicht wirklich möglich sei. (vgl. Hans Vaihinger, Konstruktivismus, Paul Feyerabends „Anything goes.“)

Das psychologische Konzept der Entstehung des Ichs lohnt einen eigenen ausführlicheren Blick. – Vielleicht ergibt sich dafür demnächst eine Gelegenheit.

Wer bin ich? (2)

12. Februar 2010

Bei meiner vorigen Argumentation habe ich (absichtlich) vorschnell die Möglichkeit verworfen, dass man beides ist: so, wie man sich von innen sieht, und so, wie man von außen gesehen wird. Ganz krasse Abweichungen dieser beiden Bilder für entscheidende Bereiche sind außergewöhnlich, meist krankhaft.
Aber selbstverständlich gibt es immer gewisse Abweichungen von Innen- und Außensicht, und es lohnt sich, seine Innensicht durch Urteile von außen in Frage stellen zu lassen. Gegebenenfalls kann man dann versuchen, sie zu korrigieren.
Einen Test, wie man von außen gesehen wird, kann man hier in die Wege leiten.
Speziell für Lehrer gibt es bei schule.net eine Möglichkeit sich von Schülern anonym, aber nicht-öffentlich bewerten zu lassen.

Allerdings habe ich einen Bereich, der es schwerer macht, die Identität einer Person zu bestimmen, weggelassen: das Unbewusste und das Unterbewusste. Schon vor Freud haben manche einiges davon gesehen. Erst seit Freud ist zumindest ein Grobverständnis der Bedeutung des Unterbewusstseins Allgemeingut geworden.

Auch in einem anderen Bereich habe ich zunächst das Verwirrende betont: bei den Erkenntnissen der Gehirnforschung.
Der Widerspruch zwischen Selbsterfahrung und den Erkenntnissen der Gehirnforschung ist nämlich nicht so bedeutsam, wie manche Gehirnforscher ihn darstellen. Denn – wie jede Wissenschaft – so betrachtet auch die Gehirnforschung nur ein Teilsegment der Wirklichkeit und das mit spezifischen, speziell für diesen Bereich entwickelten Methoden. Niemand wird von der Soziologie Erkenntnisse über den Aufbau des Atomkerns erwarten noch von der Physik eine Analyse von Rollenkonflikten.
Freilich behandelt die Gehirnforschung nicht etwa einen Bereich, der mit Psychologie, Pädagogik, Anthropologie und Philosophie nichts zu tun hat. Daher müssen diese Wissenschaften ihre Erkenntnisse einbeziehen und gegebenenfalls ihre bisherigen Annahmen korrigieren. Dazu später mehr.

Vorläufig halte ich an dieser Stelle ein Link zur Psychotherapie als Seelenaufräumungsmittel fest. Die darin angesprochenen Fragen sind m.E. durchaus interessant, ich werde sie vermutlich auch später nur sehr unvollständig behandeln.

Wer bin ich?

10. Februar 2010

Bonhoeffer wurde von Mitgefangenen und Wärtern bewundert, weil er in Gestapohaft „gleichmütig, lächelnd und stolz, wie einer, der Siegen gewohnt ist“ wirkte und erlebte sich doch selbst als „ein verächtlich wehleidiger Schwächling“ (so von ihm in seinem Gedicht „Wer bin ich?“ formuliert).
Wer sind wir, das, was wir von uns halten oder was man von uns hält?

Man könnte denken, die eigene Sicht wäre immer die richtige. Dann wäre Hitler ein Helfer der Menschheit gewesen, weil er die Juden vernichten wollte. Dann hätte ein Beinamputierter noch zwei Beine, nur weil er noch die Schmerzen im längst amputierten Bein spürt.

Wenn man die Alternative annimmt, dass wir sind, was Leute aus der Außensicht von uns halten, dann wäre der Mann, der seine Tochter gefangen hält und fortlaufend vergewaltigt, so nett und liebenswert, wie er nach außen scheint.

Die Antwort „Es gilt eben beides“ hilft nicht, wenn der Initiator des Holocaust gleichzeitig auch Helfer der Menschheit sein soll.

Ein anderes Problem: Faust fühlt ‚zwei Seelen in seiner Brust‘, und seitdem haben viele ähnlich empfunden. Welche Seele gilt?

Aufgrund seiner Beschränkung auf Empirie stellt David Hume fest, dass es überhaupt kein Ich oder Selbst gibt; denn das Ich bleibt im Laufe des Lebens ja dasselbe, aber die Empfindungen, die wir haben, wechseln ja ständig. (If any impression gives rise to the idea of self, that impression must continue invariably the same, thro’ the whole course of our lives; since self is suppos’d to exist after that manner. But there is no impression constant and invariable.) Die moderne Hirnforschung kommt ihrerseits zum Schluss, es könne keine Verantwortung geben, weil wir laut Experimenten immer schon handeln, bevor unser Gehirn den Entschluss fasst.
Den ganzen Versuchsaufbau hätten sie sich freilich nach Hume sparen können, da wir ja ohnehin alle Sekunde ein anderer werden und deshalb das neue Ich nicht für das zur Rechenschaft gezogen werden dürfe, was das vorige Ich vor 5 Minuten getan hat.

Je nun, bestraft werden durch Freiheitsentzug oder Folter ja nicht die Gehirnzellen und Nervenverbindungen, sondern nur das ohnehin nicht existierende Ich.

Was stimmt nicht in meiner Argumentation?

(Dazu vgl. die Fortsetzung)