Posts Tagged ‘Kirchenreform’

Christ sein

23. September 2008

Hans Küng hat sich mit dieser Schrift von 1974 eine „Neubegründung der christlichen Theologie“ (S.246) vorgenommen. Er will eine „kritische Sichtung des Christentums“ zwischen „den ’säkularen‘ Humanismen einerseits“ und „den großen Weltreligionen andererseits“ (S.248). Dabei will er „nicht von theologischen Fragestellungen und traditionellen Dogmen ausgehen“, sondern von den „Fragen des heutigen Menschen“ (S.287).
Bei meiner ersten Lektüre fand ich die Lektüre durchaus erfrischend. Heute spüre ich beim Hineinblättern freilich doch auch das Historische der Fragen, von denen er ausgeht.
Das klingt allerdings vielleicht kritischer, als es gemeint ist. Daher noch einmal ein Blick auf das Buch aus Küngs eigener Sicht:
Jesus verkündet das Reich Gottes, das aber ist die Sache des Menschen und zwar nicht des gerechten, sondern der Verlorenen, Armen und Unterdrückten. Deswegen ist sein Konflikt mit den Mächtigen in Staat und Religion unausweichlich. Seine Auferweckung ist keine Rückkehr ins raum-zeitliche Leben, sondern die Aufnahme in jene unfaßbare, umfassende letzte und erste Wirklichkeit, die wir Gott nennen Nicht als der Auferweckte […], sondern als der Erniedrigte, Gekreuzigte unterscheidet sich dieser Jesus Christus unverwechselbar von […] Göttern und vergöttlichten Religionsstiftern. (S.404)
Küng erinnert auch an seine Reformforderungen: Für die Ökumene Integration der verschiedenen Kirchen durch Reform und gegenseitige Anerkennung der kirchlichen Ämter, durch gemeinsamen Wortgottesdienst und offene Kommunion. Für die katholische Kirche Wahl der Bischöfe und des Papstes unter Mitwirkung eines Gremiums von Laien, freie Entscheidung der Priester über Ehelosigkeit oder Heirat, gleiche Rechte der Frauen im Kirchenrecht, konstruktive Einstellung zur Sexualität, Zulassung einer Geburtenregelung auch durch „künstliche“ Mittel. (S.423)

Bemerkenswert ist dabei, dass seine theologischen Auffassungen heute nicht ungewöhnlich modern klingen, aber von konservativen Theologen aller Konfessionen noch immer abgelehnt werden und dass seine Reformfordrungen für die katholische Kirche so utopisch klingen wie eh und je.
(Seitenzahlen von „Umstrittene Wahrheit“ 2007)