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Propaganda mit Zweifel

28. Juni 2017

Hiermit mache ich Propaganda für das Heft „Propaganda“ von fluter von der bpb, weil darin über den Sender Russia Today alias RT Deutsch unter anderem verbreitet wird, er versuche Zweifel an der Korrektheit von Aussagen aus der westlichen Presse zu wecken.
Und das, nachdem in derselben Ausgabe von fluter am Anfang geschrieben worden war, Zweifel sei eine Möglichkeit, sich gegen Propaganda zu immunisieren.
Ich weise hier nicht auf einen Aphorismus von Lichtenberg hin.

Das ist natürlich eine glatte Lüge.* Denn mit diesem Hinweis handele ich ja nach dem Verfahren, mit dem man dazu auffordert, nicht an einen rosa Elefanten zu denken. Dies Verfahren ruft nämlich genau den Gedanken hervor, den es angeblich unterdrücken will.

Ich werde an verschiedenen Stellen im Netz ähnliche Nachrichten mit kleinen Abweichungen verbreiten. Unter anderem werde ich einzelne Aussagen mit Links versehen. Mache ich mich dadurch glaubwürdiger oder senke ich die Glaubwürdigkeit für meine anderen Aussagen?

Jetzt muss ich als erstes einmal einen Tweet auf diesen Artikel verlinken. [Diese Aussage stand und steht in einem sonst fast gleichlautenden Artikel von mir. Diesen Artikel verlinke ich aber nicht. Jenen habe ich aber schon wie angekündigt schon verlinkt.]

Hier verlinke ich auf Aphorismen von Lichtenberg, unter denen der bekannte, auf den ich angespielt habe, nicht enthalten ist.

*Wenn ich oben geschrieben habe, meine Aussage, sei eine glatte Lüge, so war das natürlich eine Falschaussage, denn zur Lüge gehört die Täuschungsabsicht. 

Jetzt wäre allerdings zu bedenken, ob mit der Bezeichnung meiner eigenen Aussage als Lüge nicht die Absicht steht, meinen Artikel besonders glaubwürdig zu machen und ob ich diese Aussage nicht nur eingefügt habe, um Zweifel an der Korrektheit der ersten zu wecken, um jetzt diese Anmerkung unterzubringen.

Der Aphorismus, auf den ich oben nicht ausdrücklich hingewiesen habe, ist übrigens der Satz: „Zweifle an jedem Satz wenigstens einmal und wäre es der Satz zweimal zwei ist vier.“ (Den Satz habe ich freilich nur aus der Erinnerung zitiert. Deshalb ist der Wortlaut mit großer Sicherheit inkorrekt.)

Aber sollten wir nicht auch an Lichtenbergs Aufforderung zweifeln? Denn schließlich heißt es: Von jeder tiefen Wahrheit stimmt auch das Gegenteil. (Falls dieser Satz wahr sein sollte, gilt er dann nicht?)

Auf diesem Blog habe ich Albrecht zitiert, der darauf hinweist, dass Sokrates nicht gesagt hat: „Ich weiß, dass ich nichts weiß.“ Dann schrieb Albrecht weiter:

„In der Aussage steht „nicht weiß“, nicht „nichts weiß“. Der Unterschied kann äußerlich klein wirken (nur ein einziger hinzugefügter Buchstabe), ist aber inhaltlich von großer Bedeutung.

a) Sokrates will nicht aussagen, er sei dumm oder völlig unwissend.

b) Das ausgesagte Nichtwissen ist nicht ganz allgemein und umfassend, sondern hat einen Bezug: Es geht darum, über etwas, worüber er kein Wissen hat, auch nicht zu glauben/meinen, etwas zu wissen.“

Im Umgang mit Propaganda ist also das Wichtigste, dass man worüber man „kein Wissen hat, auch nicht“ glauben/meinen sollte, etwas zu wissen. Und in der Kommunikation sollte man – um dem anderen die Freiheit des Zweifels zu lassen – zwar authentisch das sagen, wovon man überzeugt ist, aber keine bessere Kenntnis vortäuschen, als man sie hat.

Wie oft schon ist es mir passiert, dass mir Leute geglaubt haben, nur weil ich davon überzeugt war, die Wahrheit zu sagen.

Hierzu passen meine Artikel „Philosophie ohne Wahrheit“ 1 und 2. Aus Bequemlichkeit verlinke ich hier alle meine mit Wahrheit verschlagworteten Artikel auf diesem Blog.