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Luthers Tischreden

21. Mai 2020

Wie man der Sünde los werde.

Da einer fragte, wie man ihm doch mit den Sünden thun soll, nicht allein mit den Sünden anderer Leute, sondern vielmehr mit unsern eigenen Sünden, wie man ihrer soll los werden? sprach D. Martin: »Darauf gibt S. Paulus diese Antwort: Wir sollen getrost sein und nur nicht zweifeln, es sei ein Mann, der heiße Jesus Christus, welcher sich selber dafür gegeben hat, Gal. I. (V. 4), nämlich daß unsre Sünden durch sonst kein ander Mittel oder Weise konnten getilget werden, denn daß Gottes Sohn sich selber dafür opfere.

Mit solchen Karthaunen, Nothschlangen, Häuptstücken, Büchsen und gewaltigen Kriegsrüstungen muß das heillose Papstthum gestürmet und allerlei vermeinte Religion, Abgötterei, Werk und Verdienst zu Grunde und Boden gehen und umgekehret werden. Denn wo unsere Sünden durch unser eigene Werk, Verdienst und Genugthuung getilget könnten werden, Lieber, was wäre doch von Nöthen gewest, daß Gottes Sohn sich selber dafür gegeben hätte? Weil er sich aber dafür gegeben hat, werden freilich wir sie mit unsern Werken wohl ungetilget lassen.« […]

Was der freie Wille schaffe.

Doctor Martinus gedachte des trefflichen Mannes D. Staupitzen oft (der in ihrem Orden Provincial und eines großen Ansehens gewest, in der rechten Religion wohl berichtet), was er pflegte vom freien Willen zu sagen; nämlich sagte er: Ich hab mir oft, ja täglich vorgenommen, ich wollt frömmer werden, und derhalben so oftmals gebeichtet und zugesagt, ich wollte mein Leben bessern; aber es war gar ein weite Frömmigkeit und wollt nichts draus werden, noch von Statten gehen, obs wohl mein Ernst war; wie Petro, da er schwur, er wollte sein Leben bei Christo lassen. Ich mag Gott nimmer lügen, ich kanns doch nicht thun, sprach er, ich will eines guten Stündleins erwarten, daß mir Gott mit seiner Gnade begegene, sonst ists verloren. Denn des Menschen Wille macht entweder Vermessenheit oder Verzweifelung, denn der Mensch kann doch dem Gesetz Gottes nicht genug thun!

Und sprach ferner, »daß D. Staupitz oft hätte pflegen zu sagen, daß das Gesetz Gottes zu uns Menschen sagt: Es ist ein großer Berg, du sollt hinüber. So sagt denn das Fleisch und die Vermessenheit: Ich will hinüber. Darauf spreche das Gewissen: Du kannst nicht. So will ichs lassen, antwortet denn Desperatio. Also machet das Gesetz im Menschen entweder Vermessenheit oder Verzweifelung, und muß doch gelehrt und geprediget werden. Predigen wir das Gesetz, so machen wir die Leute verzagt; lehren wirs aber nicht, so machen wir die Leute faul und roh.«

»Ich bekenne und sage auch,« sprach Doctor Martinus, »daß du ein freien Willen habest, die Kühe zu melken, ein Haus zu bauen usw., aber nicht weiter, denn so lang du in Sicherheit und Freiheit sitzest, bist ohn Gefahr und steckest in keinen Nöthen. Da lässest du dich wohl dünken, du habest einen freien Willen, der etwas vermöge. Wenn aber die Noth vorhanden ist, daß weder zu essen, noch zu trinken, weder Vorrath, noch Geld mehr da ist, wo bleibt hie dein freier Wille? Er verlieret sich und kann nicht bestehen, wenns ans Treffen geht. Der Glaube aber allein stehet und suchet Christum.

Darum ist der Glaube viel ein ander Ding denn der freie Wille; ja der freie Wille ist Nichts und der Glaube ist Alles. Lieber, versuche es, bist du keck, und führe es hinaus mit deinem freien Willen, wenn Pestilenz, Krieg, theuere Zeit vorfallen. Zur Pestilenzzeit kannst du vor Furcht nichts beginnen, da gedenkst du: Ah, Herr Gott, wäre ich da oder da! Könntest du dich hundert Meilen Wegs davon wünschen, so fehlets am Willen nicht. In theuerer Zeit gedenkst du: Wo soll ich Essen nehmen? Das sind die großen Thaten, die unser freier Wille ausrichtet, daß er das Herz nicht tröstet, sondern machts je länger je mehr verzagt, daß es sich auch vor einem rauschenden Blatt fürchtet.

Aber dagegen ist der Glaube die Frau Domina und Kaiserin; ob er schon klein und schwach ist, so stehet er dennoch und lässet sich nicht gar zu Tod schrecken. Er hat wohl große gewaltige Stücke für sich, wie man hin und wieder in der heiligen Schrift und an den lieben Jüngern siehet. Wellen, Wind, Meer und allerlei Unglück treiben Alle mit einander zum Tode zu. Wer sollte in solcher Noth und tödtlicher Fahr nicht erschrecken und erblassen? Aber der Glaube, wie schwach er auch ist, hält er doch wie eine Mauer und leget sich wie der kleine David wider Goliath, das ist wider Sünde, Tod und alle Fährlichkeit; sonderlich aber streitet er ritterlich, wenns ein starker vollkommener Glaube ist. Ein schwacher Glaube kämpfet auch wohl, ist aber nicht so keck.«

Altes und Neues Testament

11. August 2017

Notger Slenczka: Vom Alten Testament und vom Neuen. Beiträge zur Neuvermessung ihres Verhältnisses, 2017

„Im Jahr 2015 kam es zu einer Debatte um den kanonischen Rang des Alten Testaments, der ein Echo auch in der kirchlichen Öffentlichkeit und in der Tagespresse fand. Ausgangspunkt war ein provozierender Aufsatz von Notger Slenczka, in dem er die These vertrat, dass Schleiermacher, Harnack und Bultmann, die eine Herabstufung der kanonischen Bedeutung des Alten Testaments forderten, Recht behalten hätten – freilich aus anderen als den von ihnen vorgetragenen Gründen.

Die kanonische Geltung des Alten Testaments liegt darin begründet, dass die Kirche das Alte Testament als Zeugnis für Jesus Christus versteht. Ist dies eine angesichts des christlich-jüdischen Dialogs haltbare Position? Welche hermeneutischen Grundsätze leiten den Umgang der Kirchen mit dem Alten Testament? Wie ändern sie sich angesichts eines historischen Umgangs mit den Texten?“

Neben großartigen Texten (in den Psalmen, im Buch Hiob, Josephsgeschichte …) stehen im Alten Testament Texte, wo Gott zur Tötung ganzer Stämme aufruft und wo er ganz im Sinne des „Gott mit uns“ eindeutig die Seite des Volkes Israel vertritt und den Sieg im Kampf schenkt oder gar wie bei dem Gang Israels durch das Rote Meer durch sein Eingreifen das gesamte ägyptische Heer ertrinken lässt.

Das sind Texte, die – wenn das Alte Testament als kanonischer Text anerkannt ist – geeignet sind, eine Verdammung des Islam aufgrund einzelner Textstellen zu erschweren, weil man zugleich das gesamte Alte Testament verwerfen müsste. Sie fordern zum historischen und aufgeklärten Verständnis des Alten Testamentes auf. Bei manchen blutrünstigen Passagen fällt es freilich zumindest dem Laien schwer, sie als Zeugnisse des christlichen Gottes zu verstehen. Da fällt es nicht schwer, zu verstehen, weshalb auch christliche Theologen sich von diesen Texten distanziert haben.

Nach dem Versuch, die „jüdische Rasse“ durch einen Völkermord zu vernichten, ist dann wieder betont worden, dass der historische Jesus Jude und nicht Christ war, sein Gott der jüdische Gott und seine heiligen Texte das Alte Testament. Denn das Christentum ist ja nach Aussage des Neuen Testaments erst nach dem Tod Jesu entstanden, auch wenn es schon vorher seine Jüngerschaft und viele Anhänger gab.

Dass jetzt wie in einem Pendelschlag dieses Verständnis als eine zu einseitige Betonung der Kontinuität zwischen Judentum und Christentum kritisiert wird, gehört zum wissenschaftlichen Disput. Die Heftigkeit, mit der er von beiden Seiten geführt wird, zeigt, dass der Völkermord an den Juden noch nicht als historisches Ereignis verstanden wird, das sine ira et studio verstanden werden kann.

Ohne eine genauere Kenntnis der Argumentationen maße ich mir keine Bewertung an, auch wenn ich zugebe, dass vermutlich auch ich den Disput nicht ganz sine ira et studio verfolgen werde. Denn mir scheint in der gegenwärtigen politischen Situation wichtiger, das Gemeinsame der monotheistischen Religionen hervorzuheben, als das Trennende herauszustellen. Insofern scheint mir der verständnisvolle Umgang, den viele katholische Theologen anlässlich des Reformationsjubiläums mit dem Phänomen Luther pflegen, bemerkenswert. Der den Papst verteufelnde und zur Vernichtung der Bauern aufrufende Luther hat ja sehr viel mit den alttestamentlichen Texten gemeinsam, die von der gottgewollten Vernichtung der Feinde reden; freilich hat gerade dieser kämpferische und auch wohl hasserfüllte Luther mit aller Schärfe einen ausgeprägten Antijudaismus, also eine Abwertung des jüdischen Glaubens, vertreten, der von den Nationalsozialisten als Unterstützung ihres Antisemitismus gedeutet wurde.

Wie kann man sich von solchen Hassbotschaften distanzieren, ohne einen Graben zwischen Konfessionen, Religionen und Weltanschauungen aufzureißen? Das scheint mir auch bei diesem Disput über die Rolle des Alten Testaments für das Christentum wichtig zu sein.

Mehr dazu: Der Aufsatz von 2013: DIE KIRCHE UND DAS ALTE TESTAMENT

epd Dokumentation: Notger Slenczka zum Alten Testament (2) 28 Seiten/ 3,40 € …  Slenczka zum Alten Testament (1) 52 Seiten/ 5,10 € … Slenczka zum Alten Testament 52 Seiten / 5,10 € …

 

 

Was ist gemeint mit: Mach dein Leben fertig ?

28. Juli 2017

Es gibt mehrere Möglichkeiten. Eine wäre:

Schließe dein Leben ab im Sinne von mit dem Leben aufräumen, in den Beziehungen Ordnung machen. Christlich gesprochen: Herr, lehre uns bedenken, dass wir sterben müssen, auf dass wir klug werden.  Bestelle dein Haus!

Großartig gestaltet hat das Bach in seiner Kantate 106:

Eine andere Möglichkeit wäre: Dein letztes Stündlein hat geschlagen. Oder wie Wilhelm Tell in Richtung Geßler sagt: „Mach deine Rechnung mit dem Himmel Vogt!“

So unterschiedlich das klingt. Beide Sätze haben etwas gemeinsam.

Dieses Gemeinsame höre ich auch aus dem Satz heraus, den Luther einmal gesagt haben soll:
„Wenn ich wüsste, dass morgen die Welt unterginge, würde ich heute noch ein Apfelbäumchen pflanzen“.

Belegt ist der Satz nicht, aber er passt sehr gut zu Luthers Rechtfertigungslehre und ist danach im Grunde gleichbedeutend mit „Bestelle dein Haus.“

Nach Luthers Vorstellung ist der Mensch nämlich durch Gottes Gnade gerechtfertigt und sollte aus Dankbarkeit das tun, wofür er die Fähigkeiten mitbringt (im Sinne von: „Es ist dir gesagt, Mensch, was gut ist und was der Herr von dir fordert“). Und das gilt natürlich unabhängig davon, ob er damit Erfolg hat. Denn wenn man sich bedankt, macht man das ja,weil man seinen Dank ausdrücken will und nicht, weil man etwas damit erreichen und davon haben will. Also gerade, wenn bald alles zuende ist, will man wenigstens noch seinen Dank ausdrücken.

 

Dazu passt etwas, was ich mit meinem Bruder erlebt habe. 

Er kam in ein Pflegeheim und wollte aus Dankbarkeit für die Pflegerinnen und die Wohngemeinschaft auch etwas beitragen und hat mit einer Pflegerin zusammen ein Unterhaltungsprogramm mit Gedichten gestaltet. Als ihm das zu schwer fiel, hat er (weil alle schwer krank waren) Texte für schwere Stunden zusammengestellt, die sie lesen könnten oder die ihnen die Pflegerinnen vorlesen könnten, wenn sie selbst nicht mehr lesen könnten. 

So konnten wir in seinen letzten Stunden, als er nicht mehr sprechen konnte, ihm die Texte, die er selbst zusammengestellt hatte, vorlesen. Wir wussten zwar nicht, ob er sie noch verstehen konnte, aber wir waren sicher, dass dies Texte waren, die ihm etwas gesagt hatten.

So hat er, als er sonst nichts mehr tun konnte, versucht, etwas für andere zu tun, und damit etwas für sich getan. 

Eine bessere Interpretation für den Satz „Mach dein Leben fertig!“ kenne ich nicht.

Martin Luther und die Juden

5. Oktober 2014

Nach den Schriften des jungen Luther, in denen er den Ausschluss von Juden aus den meisten Berufen kritisierte, der sie in Richtung Krämer und Geldwechsler drängte*, ist bei ihm spätestens seit 1537 eine solch verschärfte Polemik gegen Juden zu beachten, dass verständlich wird, weshalb die Nationalsozialisten zur Rechtfertigung ihres Antisemitismus gegenüber protestantischen Kreisen gern auf Luthers wüste Schriften gegen die Juden (nicht rassistisch-antisemitische, sondern religionspolemische antijudaistische) zurückgriffen.

Seit der pietistischen Kritik durch Spener waren diese Schriften kaum noch ediert und so gut wie ganz aus der theologischen Diskussion verbannt worden. Das führte dazu, dass viele protestantische Theologen diese Schriften nicht kannten oder doch zumindest sich nicht mit ihnen auseinandersetzten.

Heute fürchtet man weniger, dass die Autorität Luthers dazu verführen könnte, ihm in seinen antijüdischen Thesen zu folgen, und legt größeren Wert darauf, ein unverfälschtes Bild Luthers zu überliefern und dementsprechend seine menschenverachtenden Polemiken heranzuziehen, um deutlich zu machen, wie sehr er in seinen späteren Lebensjahren Intoleranz gefördert hat.

Der Wikipediaartikel Luther und die Juden stellt die Entwicklung recht anschaulich dar.

* „Viele Juden begrüßten Luthers Schrift von 1523 als Sensation: Zum ersten Mal seit über 1000 Jahren eröffnete ihnen ein einflussreicher christlicher Theologe die Aussicht, sie menschlich, gewaltlos, als gleichberechtigte Gesprächspartner in der gemeinsamen Bibelauslegung zu behandeln und auch ihre Rechtslage zu verbessern. Darum schickten holländische Juden Luthers Schrift als Hoffnungszeichen an die verfolgten Juden Spaniens.“ (Seite „Martin Luther und die Juden“. In: Wikipedia, Die freie Enzyklopädie. Bearbeitungsstand: 10. Juni 2014, 19:14 UTC. URL: http://de.wikipedia.org/w/index.php?title=Martin_Luther_und_die_Juden&oldid=131195549 (Abgerufen: 5. Oktober 2014, 21:53 UTC))

Ausstellung der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau zu diesem Thema

Aufsatzsammlung: Die Schattenseiten des Reformators

Veranstaltungen: Bensheim, Frankfurt