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Quantenmechanik, Willensfreiheit und Finanzspekulation

1. Mai 2010

Durch einen Aufsatz  von H-J. Niemann (danke Xaver!), der die Folgen der Quantenmechanik für das naturwissenschaftliche Verständnis der Willensfreiheit und der Offenheit sozialer Prozesse veranschaulicht, bin ich darauf aufmerksam geworden, dass Popper schon in der Logik der Forschung die Erkenntnisse der Quantenmechanik (vgl. propensities) schon so stark einbezogen hat, dass er die Offenheit der Geschichte auch von daher gegen das deterministischere Weltbild von Marx verteidigen konnte.

Da im 19. Jahrhundert das naturwissenschaftliche Weltbild weit deterministischer geprägt war als im 20. seit Entwicklung der Quantenmechanik, liegt es nahe, dass – wenn nicht Marx, so doch zumindest Lenin und Stalin – tatsächlich stärker an eine Determiniertheit sozialer Vorgänge geglaubt haben, als uns das aufgrund unseres gegenwärtigen naturwissenschaftlichen Weltbildes in den Sinn kommen will.

Dass Poppers Überlegungen zur Darstellung von Zufallsfolgen über mathematisch fest bestimmte Reihen mir verständlich gemacht haben, dass die Mathematiker, die die neuen Papiere gebastelt haben, tatsächlich geglaubt haben, dass sie das Risiko so klein und so gut verteilt hätten, dass es tatsächlich in aller Praxis verschwunden wäre, wäre noch zu erläutern.

Es könnte sein, dass sie vom finanziellen Zusammenbruch überrascht wurden wie die Anwender der Enigma von der Entschlüsselung ihres scheinbar so sicheren Chiffriersystems.

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Von Hegel zu Marx

26. März 2010

Hegel hatte das Gefangensein in einer Vorstellungswelt anders überwinden wollen als Schopenhauer. Er verwies darauf, dass es nicht darauf ankomme, nachzuweisen, was wir nicht erkennen können, sondern das, was wir wahrnehmen, sinnvoll zu ordnen. Ausgehend vom Prinzip „Alles Wirkliche ist vernünftig“ gelang es ihm, Ordnung in unsere Begriffe, in die Natur und die doch gar so sinnlos erscheinende Geschichte zu bringen.

In der Weltgeschichte kommt die Welt zum Selbstbewusstsein. Der Geist erkennt sich selbst. Das geschieht dadurch, dass sich die Tierart Mensch entwickelt, die ein Bewusstsein von sich hat, und dass diese Menschen im Blick auf die Geschichte diese als vernünftig erkennen.

Das war Marx zu wenig. Er wollte die Welt nicht (wie Leibniz und Hegel) rechtfertigen, sondern zum Guten verändern.

Deshalb stellte er Hegels Philosophie vom Kopf auf die Füße: Die Weltgeschichte wird nicht vom Bedürfnis des Weltgeistes, sich zu verstehen angetrieben, sondern durch die Entwicklung des Menschen zur immer besseren Naturbeherrschung. Dafür entwickelt der Mensch immer aufwändigere Werkzeuge (Maschinen), die ihm immer mehr Arbeit abnehmen und dadurch seine eigene Arbeit produktiver machen.

Das funktioniert aber nur, wenn die Menschen sich die Arbeit aufteilen, sich spezialisieren. Man kann nicht gleichzeitig pflügen und die Sterne beobachten, daraus auf den Zeitpunkt der nächsten Überschwemmung durch den Nil schließen und dann auch noch alle Menschen anweisen und anleiten, das Land zu vermessen usw..

Das heißt, die Güter werden nicht mehr von einzelnen produziert, sondern von der Gesellschaft insgesamt. Dafür muss sie aber organisiert sein. Wenn die Produktionsweisen sich verändern, muss sich diese Gesellschaftsorganisation aber daran anpassen. Die Maschinenproduktion hat sich so weit entwickelt, dass nur noch ganz wenige wirklich gut verdienen, der Rest verdient schlecht oder ist arbeitslos.

Um das zu verändern, muss man dafür sorgen, dass alle genügend von den gemeinsam produzierten Gütern erhalten. Das geht nur, wenn nicht mehr einige wenige sich den Reichtum aneignen, sondern nur, wenn die Gesellschaft den Reichtum verteilt.

Sozusagen der Schritt wie von Hobbes zu Locke: Wie Locke die Freiheit für alle garantiert, indem er dem allmächtigen Staat die Aufgabe gibt, die Freiheit zu verteidigen, so garantiert Marx in einem wirtschaftlichen Gesellschaftsvertrag allen genügend Güter, indem er dem Staat die Aufgabe gibt, sie gerecht zu verteilen.