Posts Tagged ‘Menschenwürde’

Würde und Ehre

11. November 2013

Mit der Formulierung „Die Würde des Menschen ist unantastbar“ haben die Mütter und Väter des Grundgesetzes festgehalten, dass jeder, der seinen Mitmenschen nachsagt, sie seien auf Grund irgendeiner Eigenschaft nicht als Menschen anzuerkennen und man dürfe sie deshalb – wie im Holocaust – beliebig quälen und töten, sich aus unserer Kultur hinaus begibt.

Wir wissen, dass diese Auffassung historisch gewachsen ist und dass es eine ganze Reihe von Konzepten gegeben hat (z.B. Kasten und Stände), wonach in Gesellschaften die Auffassung vertreten wurde, dass Menschen aufgrund ihrer Herkunft unterschiedliche Grade von Würde hätten. Seit den bürgerlichen Revolutionen ist diese Auffassung aber überall auf der Welt zurückgedrängt worden, so dass selbst die indischen Kasten staatlicherseits nicht anerkannt werden und „Unberührbare“ höchste Staatsämter übernehmen können.

Während in unserer Kultur die Würde jedem Menschen aufgrund seiner Existenz zukommt und ihm nicht genommen werden darf, auch wenn er schwerste Verbrechen begangen hat, ist Ehre etwas, was ein Mensch durch sein Verhalten verlieren kann.

Wenn eine Gruppe von Menschen sich darin einig geworden ist, dass ein gesellschaftlicher Zustand unbedingt geändert werden müsse (wie z.B. die Widerstandskämpfer in der NS-Zeit oder die Revolutionäre um Georg Büchner, die den „Hessischen Landboten“ verteilten), dann geht es gegen ihre Selbstachtung, den Gegnern ihrer Gruppe ihre „Mitverschwörer“ zu verraten, selbst wenn sie gefoltert werden.

Eine Frau aus dem Kreis der Widerstandskämpfer hat Namen von Mitgliedern ihrer Gruppe preisgegeben und fand ihre innere Ruhe erst wieder, als sie dann trotzdem vom Volksgerichtshof zum Tode verurteilt wurde. Vorher war ihr das Gefühl, dass ihre Mitkämpfer sie verachten müssten, unerträglich.

Dies Verständnis von Selbstachtung machte es auch dem Mitgliedern der Rote Armee Fraktion so schwer, aus der Gruppe auszusteigen.

Etwas anderes liegt vor, wenn jemand seine Überzeugung wechselt. Dann geht es nicht gegen seine Ehre, seine Mitkämpfer von früher zu bekämpfen.

Das Konzept der Ehre hatte früher freilich auch in Europa anderen Charakter. Da war es aus Sicht der Gesellschaft tatsächlich möglich, dass eine Frau, die vergewaltigt wurde, damit „entehrt“ war. (Dass eine Vergewaltigung zum Verlust der Selbstachtung führt, gilt uns heute dagegen als ein Trauma, das es zu überwinden gelte.) In dieses ältere Konzept von Ehre gehören Ehrenmorde und Blutrache.

Zur Frage der verschiedenen Ehrbegriffe für verschiedene Stände und Aufklärungsstufen ein Zitat aus Gustav FreytagsDie verlorene Handschrift„:

»Jedes Duell ist Unsinn und Unrecht. Wenn der Erbprinz von dieser Ansicht durchdrungen ist und die Folgen derselben für sein Leben und dereinst für seine Regierung auf sich nehmen will, so werde ich der letzte sein, der gegen dies Martyrium etwas einwendet. Steht aber Ihr junger Herr nicht so sicher und frei über den Vorurteilen seines Kreises und ist auch ihm die stille Ansicht eingepflanzt, daß es für Kavaliere und Militärs eine bestimmte Ehre gibt, welche noch etwas anderes bedeutet als die Ehre eines Ehrenmannes, und welche in gewissen Fällen ein Duell nötig macht, sollte Ihr Prinz nach solchen Anschauungen urteilen und dereinst regieren wollen, so will ich Ihnen allerdings bekennen, daß ich ihm das Recht nicht zugestehe, den Ehrbegriffen unserer akademischen Jugend entgegenzutreten.«

(Freytag: Die verlorene Handschrift, Unter den Studenten)

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Verlieren Opfer das Recht auf Menschenwürde?

13. Juni 2009

Offenbar sehen Bildzeitung und Stern keinen Grund, warum sie nicht ungenehmigt Fotos der Opfer von Flugzeugunfällen und vom Amoklauf in Winnenden veröffentlichen sollen. Das widerspricht dem Recht auf informationelle Selbstbestimmung, einem Teil der Menschenwürde.

Gefahren des Netzes

8. Dezember 2008

Was einmal ins Internet geraten ist, ist meist nicht mehr daraus zu entfernen. Wer mit welcher Absicht gehandelt hat, ist dabei egal.
Ärger hat jetzt ein Mitarbeiter von Obama mit Facebook bekommen, der Abgeordnete der Linken, Heilmann, kann seinerseits ein Lied davon singen, was sein Versuch, einen Wikipediainhalt unzugänglich zu machen, ihm gebracht hat.
Das Recht auf informationelle Selbstbestimmung hört auf, wenn man von Personen beobachtet wird, die gerne Informationen ins Internet stellen.
Deshalb sind insbesondere Jugendliche vor sozialen Netzwerken im Internet wie studiVZ, Facebook, Twitter usw. zu warnen. Dabei ist bekannt, dass vor allem Personen unter 30 sie besonders intensiv nutzen.
Zu warnen sind sie aber nicht nur wegen des Schadens, den sie sich selbst – etwa im Fall einer späteren Bewerbung – zufügen können, sondern auch wegen der Gefahr, dass sie eine Grundrechtsverletzung begehen und es nicht wieder gut machen können, wenn sie merken, was sie angerichtet haben.
Hier eine Karte zur weltweiten Verbreitung von Internetnetzwerken.

Dankbares Staunen

4. Dezember 2008

Zu konstatieren der tägliche methodische Wahnsinn:
Umweltzerstörung, Artensterben, share holder value statt Verwirklichung durch Arbeit für andere, weltweite Vernichtung von Lebensraum …

Fragwürdige Reaktionen:
Zu Unterstützung der Forderung nach Erhaltung der Arten und artgerechter Haltung von Tieren wird die Menschenwürde als Speziezismus (eine Art Rassismus) denunziert.
Um Euthanasie zu verhindern wird Lebensverlängerung von Menschen mit zerstörten Gehirnen juristisch erzwungen.
Auf fehlende Sprachfähigkeit von Migrantenkindern und psychische Verwahrlosung von berufsstressbedingt erziehungsunfähiger Eltern reagiert man mit Englischunterricht in Kindergärten, Internet für Grundschulen, Ritalin für alle Unaufmerksamen, Computer statt Lehrer.
Zur Ankurbelung der Konjunktur schafft man Anreize zu mehr Kohlendioxidausstoß statt Arbeitsplätze in Umwelttechnologie.
Oder man erklärt wie die katholische Kurie Probleme wie Überbevölkerung und Aids für nicht existent.

Staunenswerte Ausnahmen:
Festhalten an Werten und differenzierte Abwägung. Problemen nicht ausweichen, auch wo keine Lösung mit Mainstreammethoden möglich ist oder wo gar schwere Wertkonflikte auftreten.

Man begegnet ihnen immer wieder, dafür bin ich dankbar. Ich nenne ein paar bekanntere: Jürgen Habermas, Hans Küng, Alfred Grosser, Gesine Schwan, Adolf Muschg, Susanne Gaschke.
Oft stimme ich mit ihnen überein, bewundere, wie klar ausgesprochen wird, was ich nicht zu sagen vermochte. Nicht selten bin ich auch ganz anderer Meinung. Doch bin ich stets dankbar, dass selbständiges, abgewogenes Urteil in unserer hektischen Medienwelt überlebt.

Europa

20. Juli 2008

Thesen zu Europa mit den entsprechenden Schlussfolgerungen für den Unterricht hat Fontanefan zusammengestellt.

Darin heißt es u.a.

5) Völkermord trat in der europäischen Geschichte immer wieder auf. (Während des Kolonialismus an den indigenen Völkern Süd- und Nordamerikas, im 20. Jahrhundert vor allen an den Juden)

6) Der „europäische Bürgerkrieg“ (1. und 2. Weltkrieg) hat zur bisher größten Menschheitskatastrophe geführt.

9) Schüler sollten lernen, dass die Fähigkeit, sein eigenes Weltbild in Frage zu stellen, die Voraussetzung für wissenschaftlichen und technischen Fortschritt und für ein möglichst gewaltarmes Zusammenleben in einer globalisierten Welt ist.

10) Die Schüler sollten lernen, dass zu dem in Frage stellen des eigenen Weltbildes auch die Kritik am Fortschrittskonzept gehört, dass unsere Wertordnung aber keine Infragestellung der Menschenwürde zulässt, sondern nur eine Diskussion darüber, worin sie besteht. (z.B. Emanzipation, Kopftuchstreit)