Posts Tagged ‘Philosophie’

Jean-Pol Martins Blog zu pädagogischen, philosophischen und politischen Fragen jetzt übersichtlich als Vorlesungsmitschrift in Kapiteln geordnet

23. Mai 2013

Jean-Pol Martins Blog ist einer der meistdiskutierten, die ich lese, und umfasst eine umfangreiche Darstellung von der Anthropologie bis zu Kommunalpolitik, alles aus der Sicht und dem brennenden Engagement eines Aktionsforschers.

Jetzt hat er den Inhalt thematisch geordnet als eine Art Vorlesungsmitschrift herausgebracht. Mir scheint es ein großer Gewinn. 

http://jeanpol.wordpress.com/vorlesungsthemen/

Ebenbild Gottes

9. Januar 2010

Wir sind ’nicht Gottes Ebenbild‘, habe ich im vorigen Eintrag gesagt. Damit ist nicht nur gemeint, dass Frau und Mann sich unterscheiden und schlecht  sowohl Claudia Schiffer wie der Bulle von Tölz sein getreues Abbild darstellen können.

Auch die Rede vom verborgenen Gott passt schlecht dazu, dass mehrere Milliarden Ebenbilder auf der Erde herumlaufen.

Und doch hat die Rede von der Gottebenbildlichkeit ihren guten Sinn, insofern sie lange vor dem Holocaust die Würde des Menschen als Konzept eingeführt hat. In diesem Sinne stehe ich  dazu.

Glanz und Elend der Philosophie

9. Januar 2010

„Dass ich erkenne, was die Welt im Innersten zusammenhält, schau alle Wirkungskraft und Samen und tu nicht mehr in Worten kramen.“

„Du gleichst dem Geist, den du begreifst, nicht mir.“

„Ich Ebenbild der Gottheit“

Mit diesen Worten hat Goethe im Faust Glanz und Elend der Philosophie beschrieben:

Die Wesensschau, die Einsicht in die tiefsten Beweggründe des Lebens und der Welt. Nicht nur die Oberfläche, sondern die Sicht auf den Wesenskern, die Wahrheit. Das ist es, was die Philosophen erstreben.

Was sie erreichen, sind Teileinsichten oder Systeme. Systeme, denen man anmerkt, dass sie das, was wir als Fülle des Lebens in all seinen Widersprüchen erfahren, zwar ordnen, aber nie ganz erfassen können.

Wer statt dessen seine Zuflucht bei den Wissenschaften sucht, wird das Ziel Einsicht in die innersten Beweggünde von Leben und Welt ganz gewiss nicht erreichen. Zu deutlich ist, dass alle wissenschaftliche Erkenntnis vorläufig ist und dass Wissenschaft, die am Ziel angekommen zu sein wähnt, nur in einer Phase der Stagnation verweilt.

Weshalb nun das Elend der Philosophie?

Schon Plato hat erkannt und im Höhlengleichnis eindrücklich veranschaulicht, dass die Menschen aufgrund ihrer Beschränkung die eigentliche Wirklichkeit nicht erkennen können. Kant hat das mit seinem Blick auf Anschauungsformen (Raum und Zeit) und Kategorien (u.a. Ursache und Wirkung), die die Voraussetzungen menschlicher Erfahrung sind, präzisiert. Die moderne Hirnforschung analysiert immer mehr ins Einzelne gehend, wie der Apparat, mit dem wir Welt in uns aufnehmen, viel wichtiger für den Eindruck ist, den wir erhalten, als die Außenwelt selbst.

Dass man sich dazu bringen kann, eine Gummihand als seine eigene zu erleben, und dann auch die Berührungen an dieser Hand als Berührungen seiner selbst zu erleben. Dass man Schmerzen an Körperteilen haben kann, die gar nicht mehr existieren. Dass man das Gefühl, was zu seinem Körper gehört, ganz verlieren kann. All das beschreibt schmerzlich, wie wenig unsere Erfahrungen mit der Wirklichkeit, genau genommen: mit der menschlichen Wirklichkeit, zu tun zu haben brauchen.

Aber tiefer als zu der Erkenntnis, dass unser Gehirn und dass unsere spezielle Position in der Raumzeit unsere Erkenntnis unendlich beschränken, kann uns Wissenschaft nicht führen. Wir bleiben also auf die Erkenntnis der Welt für uns beschränkt. Und doch, was für ungeahnte Erkenntnisse können uns dabei zuteil werden. Die Fähigkeit, Schmerz völlig zu überwinden. Das Erlebnis, große Kunst schaffen zu können, selbst unter den Bedingungen äußerster Erniedrigung im Konzentrationslager. Das gibt es.

Wozu nun aber Philosophie?

Wir bleiben in unserer Welt „gefangen“. Aber immer wieder haben einzelne etwas von dem, was zu unserem Leben gehört, genauer betrachtet, eindrücklich beschrieben.

Wie konnte es gelingen, dass uns bewusst wird, dass das Unbewusste uns steuert? Wie, dass wir das Unvorstellbare selbstverständlich in unsere Lebenswelt aufnehmen? Unendlichkeiten verschiedener Größenordnungen; Räume mit mehr als drei Dimensionen; imaginäre Zahlen, die Rechenergebnisse zulassen, die von der Definition der Rechenoperationen an sich ausgeschlossen sind (minus mal minus gibt plus; plus mal plus gibt plus und doch Wurzel aus -1).

Wir wissen, dass wir nicht „Gottes Ebenbild“ sind. Schon deshalb, weil wir wissen, dass „Gott“ nicht von dieser Welt ist. Die Zeiten „da ihr noch die schöne Welt regiertet„, sind vorbei. Und doch, welches Glücksgefühl, wenn man etwas tiefer verstanden zu haben glaubt.

Philosophie und Mythos

7. Januar 2010

Ganz einfach gesagt ist Philosophie Welterklärung aufgrund von Reflexion und gedanklichen Systemen, Mythen dagegen sind Welterklärungen durch Erzählung.

Wie kam das Böse in die Welt? Antwort der Philosophie z.B.: durch die Willensfreiheit des Menschen; Antwort des Mythos: durch den Sündenfall
Wie entstanden so viele unterschiedliche Sprachen? Sprachphilosophie: bei der Sprachentstehung; Mythos: beim Turmbau zu Babel.

Erzählungen kann man glauben oder nicht. Man kann auch Gegenerzählungen erfinden.
Wenn eine philosophische Erklärung vorliegt, kann man mit Argumenten darüber streiten, ob sie zutrifft oder nicht.

Warren Buffet und Sloterdijk

17. Juni 2009

Peter Sloterdijk spricht von der progressiven Einkommensteuer als dem funktionalen „Äquivalent zur sozialistischen Enteignung“, die zudem den Vorzug habe, jährlich wiederholt werden zu können. (FAZ vom 10.6.09) Er spricht, als gäbe es keine Abschreibungen und Steuerberater.
Warren Buffet, laut Barack Obama und Wikipedia der zweitreichste Mann der Welt, sieht die Lage etwas anders:

„Obwohl ich nie Steuersparmodelle genutzt habe und mich nie entsprechend beraten ließ, habe ich einschließlich der Sozialversicherungssteuer, die wir alle bezahlen, dieses Jahr einen niedrigeren Steuersatz gehabt als meine Empfangsdame. […] Und es ist nur richtig, dass diejenigen von uns, die besonders vom Markt profitiert haben, mehr dafür [für die Ausbildung der kommenden Generation] bezahlen.“ (Obama: Hoffnung wagen, S.246/7)

Ich gestehe, dass ich dem Kapitalisten da besser folgen kann als dem großen Philosophen.

Freilich weiß der, sich widersprüchlich genug zu äußern, dass er immer wieder auch etwas sagt, dem ich zustimmen kann.

Wenn wir beweisen, dass wir das Eigene und das Fremde systematisch falsch unterscheiden, weil wir zu klein definierte Egoismusformate haben, so würde daraus folgen, dass wir ein größeres inklusiveres Eigenes schaffen müssen – nicht aus Idealismus, sondern aus wohlverstandenem weitsichtigem eigenem Interesse.

So formuliert er am 5.5.2009 in taz.de.
Dass Bestverdienende aus wohlverstandenem weitsichtigem eigenem Interesse an progressiver Einkommensteuer, ja sogar an Begrenzug ihres Einkommens gelegen sein könne, scheint er schon am 10.6.09 in der FAZ nicht mehr zu glauben.
So unterscheidet sich „große“ Philosophie je nach dem, ob sie in FAZ oder taz geäußert wird.

Philosophie ohne Wahrheit (2)

11. September 2008

Seit die modernen Naturwissenschaften die Vorstellung von der Allgemeingültigkeit von Ursache und Wirkung aufgegeben haben und Postmoderne Philosophie weder allgemeinverbindliche Werte noch allgemeingültige Regeln mehr kennt, ist die aufklärerische Denktradition freilich auch in der westlichen Hemisphäre in die Defensive geraten.

Wie wenig Allgemeingültigkeit philosophische Wertungen in der westlichen Zivilisation noch haben, zeigt sich in der aktuellen ethischen Diskussion. Immer weniger ist es möglich, von gemeinsamen Prinzipien aus stimmige Regeln zu finden. Immer mehr zeigt sich, dass ein unterschiedliches Vorverständnis gemeinsame Wahrheiten ausschließt und nur die Hoffnung auf Überzeugungsarbeit bleibt, damit das, was uns unverzichtbar erscheint, nicht in einem allgemeinen Werterelativismus untergeht.

Philosophie ohne Wahrheit

10. September 2008

Asiatische Philosophie versucht nicht, durch radikale Kritik an jeder Tradition ein allein auf kritische Vernunft aufgebautes System zu schaffen, wie es in Europa im Gefolge von Descartes viele Denker versucht haben. Vielmehr baut sie bei aller Weiterentwicklung auf die alten Traditionen auf.
All diesen Traditionen ist gemeinsam, dass sie nicht nach einer Ursache hinter der Welt (nach Transzendenz) fragen, sondern die Realität als solche hinnehmen und aus dem gemeinsamen Vorverständnis zu erklären suchen. Deshalb geht es hier nicht um logische Beweise, die Allgemeingültigkeit, jederzeit und überall, beanspruchen, sondern um das Aufdecken von Ähnlichkeiten, Beziehungen, Analogien, die die Welt verständlicher machen sollen. Dafür wird häufig mit Parallelen, Metaphern und Bildern gearbeitet.