Posts Tagged ‘Religion’

Ebenbild Gottes

9. Januar 2010

Wir sind ’nicht Gottes Ebenbild‘, habe ich im vorigen Eintrag gesagt. Damit ist nicht nur gemeint, dass Frau und Mann sich unterscheiden und schlecht  sowohl Claudia Schiffer wie der Bulle von Tölz sein getreues Abbild darstellen können.

Auch die Rede vom verborgenen Gott passt schlecht dazu, dass mehrere Milliarden Ebenbilder auf der Erde herumlaufen.

Und doch hat die Rede von der Gottebenbildlichkeit ihren guten Sinn, insofern sie lange vor dem Holocaust die Würde des Menschen als Konzept eingeführt hat. In diesem Sinne stehe ich  dazu.

Ich war schon Millionär

4. Oktober 2008

59 Prozent der US-Collegestudenten meinten 2002, sie würden Millionäre werden. 20 Prozent waren damals der Meinung, sie würden bald zu dem einen Prozent der Topverdiener gehören.
Zu Recht stellt Marcia Pally dazu fest: „Die Gebote der freien Marktwirtschaft und der Katechismus der unbegrenzten Möglichkeiten sind das Opium des Volkes.“
Mit meinen Worten: Wem man einredet, er werde schon auf der Gewinnerseite stehen, der hält nichts von einem gerechten System, in dem nur der erweiterte Handlungsmöglichkeiten eingeräumt bekommt, der sie zum Wohle der Benachteiligten verwendet. (vgl. Rawls)
Ich war schon Millionär – auf Urlaub in der Türkei -, meine Eltern waren Milliardäre und Billionäre – am Ende der galoppierenden Inflation 1923.
Ich wünsche uns allen, dass nicht 59% von uns Millionäre werden.

Vorstellungen von Gott

30. August 2008

Viele Menschen glauben, sie müssten sich ihre Vorstellung von Gott von anderen vorschreiben lassen.
Ich sehe das nicht so. Eher denke ich, dass sich unsere Vorstellung von Gott im Laufe des Lebens entwickelt. Wir übernehmen erst von den Eltern, dann von anderen Vorbildern eine Vorstellung. Durch Erfahrungen wandelt sie sich.
Bestätigt fühle ich mich durch Tejason, der schreibt:
„Da ich vielfach erlebt habe, dass Menschen sich von der Kirche entfremdet haben und sich selbst als „nicht richtig glaubend“ erlebt haben, weil sie mit vielem, was sie gehört haben, nichts anfangen konnten oder ihr Gefühl sich sogar heftig dagegen wehrte, erscheint es mir wichtig zu sagen, dass es schon in der Bibel viele verschiedene Gottesbilder, oder vielleicht sollte man besser sagen „Gottesbeziehungen“ gibt. […] Immer werden die Kultur, in der man lebt, die Zeit, in der man lebt und das persönliche Schicksal die Beziehung zu Gott mitbestimmen.“

Die Weihnachtsfeier

11. Juni 2008

Friedrich Schleiermacher legt in diesem in die Erzählung einer Weihnachtsfeier eingekleideten Lehrgespräch seine romantische Auffassung von Religion und Religionsausübung dar.

Bei der Bescherung wird das Spiel gespielt, dass die Beschenkten raten sollen, von wem sie das Geschenk erhalten haben. Frauen und Mädchen finden mit großer Sicherheit heraus, die Männer aber raten oft falsch. Das erklärt sich Leonhardt mit folgenden Worten:

„Denn wie ihre Gaben weit mehr als die unsrigen durch ihre Bedeutung die feinste Aufmerksamkeit verrathen und wir diese schöne Frucht ihres Talents genießen: so müssen wir uns auch jene andere Wirkung desselben gefallen lassen, wiewol sie uns etwas in den Schatten stellt.“

Eduard sagt über Musik und Religion:

„Denn jedes schöne Gefühl tritt nur dann recht vollständig hervor, wenn wir den Ton dafür gefunden haben; nicht das Wort, dies kann immer nur mittelbarer Ausdruck sein, nur ein plastisches Element, wenn ich so sagen darf, sondern den Ton im eigentlichen Sinne. Und gerade dem religiösen Gefühl ist die Musik am nächsten verwandt.“

Ernst meint dazu, „daß nur auf dem religiösen Gebiet die Musik ihre Vollendung erlangt. […] eine ernste Oper aber kann man doch kaum machen, ohne eine religiöse Basis“

Eduard ergänzt, „dass die Kirchenmusik nicht des Gesanges, wol aber der bestimmten Worte entbehren könnte. Ein Miserere, ein Gloria, ein Requiem, wozu sollen ihm die einzelnen Worte? Es ist verständlich durch seinen Charakter und leidet keine wesentliche Veränderung, wenn die Worte mit anderen ähnlichen Inhalts, so sie nur eben so sangbar sind und der Musik gemäß gegliedert, in derselben oder einer andern Sprache vertauscht werden; ja Niemand wird sagen, es sei ihm etwas Großes entgangen, wenn er die unterlegten Worte auch gar nicht vernommen hat. Darum müssen beide fest aneinanderhalten, Christentum und Musik, weil beide einander verklären und erheben. Wie Jesus vom Chor der Engel empfangen ward, so begleiten wir ihn mit Tönen und Gesang bis zum großen Halleluja der Himmelfahrt; und eine Musik wie Händel’s „Messias“ ist mir gleichsam eine compendiöse Verkündung des gesammten Christentums.“

Friedrich Schleiermacher: Die Weihnachtsfeier, 1806

Diese romantische Relgionsauffassung ist auch die Basis für Richard Wagners Versuch der Schaffung einer Kunstreligion, wie er sie in der Nibelungentetralogie schafft, in der die Götterdämmerung mit dem Untergang der Götter die Voraussetzung für eine Religion ohne Götter schafft.

Rüdiger Safranski verweist darauf, dass Friedrich Nietzsche gerade diesen Versuch an Wagner schätzte und empört war, als Wagner mit dem Parzifal zur Basis einer Erlösungsreligion zurückkehrte. Interessant nun, dass Adorno 1952 Thomas Mann gegenüber betonte, dass dieser mit seiner Kunstauffassung über Nietzsche und Wagner hinausgekommen sei.

Gegen den Fanatismus

27. Mai 2008

So weit geht an dieser Seite das Gebiet der Religion, ihre Gefühle sollen uns besitzen, wir sollen sie aussprechen, festhalten, darstellen; wollt Ihr aber darüber hinaus mit ihnen, sollen sie eigentliche Handlungen veranlassen, und zu Taten antreiben, so befindet Ihr Euch auf einem fremden Gebiet; und haltet Ihr dies dennoch für Religion, so seid Ihr, wie vernünftig und löblich Euer Tun auch aussehe, versunken in unheilige Superstition. Alles eigentliche Handeln soll moralisch sein und kann es auch, aber die religiösen Gefühle sollen wie eine heilige Musik alles Tun des Menschen begleiten; er soll alles mit Religion tun, nichts aus Religion. Wenn Ihr es nicht versteht, daß alles Handeln moralisch sein soll, so setze ich hinzu, daß dies auch von allem andern gilt. Mit Ruhe soll der Mensch handeln, und was er unternehme, das geschehe mit Besonnenheit. Fraget den sittlichen Menschen, fraget den politischen, fraget den künstlerischen, alle werden sagen, daß dies ihre erste Vorschrift sei; aber Ruhe und Besonnenheit ist verloren, wenn der Mensch sich durch die heftigen und erschütternden Gefühle der Religion zum Handeln treiben läßt. (Friedrich Schleiermacher: Über die Religion)