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Wer bin ich? (2)

12. Februar 2010

Bei meiner vorigen Argumentation habe ich (absichtlich) vorschnell die Möglichkeit verworfen, dass man beides ist: so, wie man sich von innen sieht, und so, wie man von außen gesehen wird. Ganz krasse Abweichungen dieser beiden Bilder für entscheidende Bereiche sind außergewöhnlich, meist krankhaft.
Aber selbstverständlich gibt es immer gewisse Abweichungen von Innen- und Außensicht, und es lohnt sich, seine Innensicht durch Urteile von außen in Frage stellen zu lassen. Gegebenenfalls kann man dann versuchen, sie zu korrigieren.
Einen Test, wie man von außen gesehen wird, kann man hier in die Wege leiten.
Speziell für Lehrer gibt es bei schule.net eine Möglichkeit sich von Schülern anonym, aber nicht-öffentlich bewerten zu lassen.

Allerdings habe ich einen Bereich, der es schwerer macht, die Identität einer Person zu bestimmen, weggelassen: das Unbewusste und das Unterbewusste. Schon vor Freud haben manche einiges davon gesehen. Erst seit Freud ist zumindest ein Grobverständnis der Bedeutung des Unterbewusstseins Allgemeingut geworden.

Auch in einem anderen Bereich habe ich zunächst das Verwirrende betont: bei den Erkenntnissen der Gehirnforschung.
Der Widerspruch zwischen Selbsterfahrung und den Erkenntnissen der Gehirnforschung ist nämlich nicht so bedeutsam, wie manche Gehirnforscher ihn darstellen. Denn – wie jede Wissenschaft – so betrachtet auch die Gehirnforschung nur ein Teilsegment der Wirklichkeit und das mit spezifischen, speziell für diesen Bereich entwickelten Methoden. Niemand wird von der Soziologie Erkenntnisse über den Aufbau des Atomkerns erwarten noch von der Physik eine Analyse von Rollenkonflikten.
Freilich behandelt die Gehirnforschung nicht etwa einen Bereich, der mit Psychologie, Pädagogik, Anthropologie und Philosophie nichts zu tun hat. Daher müssen diese Wissenschaften ihre Erkenntnisse einbeziehen und gegebenenfalls ihre bisherigen Annahmen korrigieren. Dazu später mehr.

Vorläufig halte ich an dieser Stelle ein Link zur Psychotherapie als Seelenaufräumungsmittel fest. Die darin angesprochenen Fragen sind m.E. durchaus interessant, ich werde sie vermutlich auch später nur sehr unvollständig behandeln.

Wer bin ich?

10. Februar 2010

Bonhoeffer wurde von Mitgefangenen und Wärtern bewundert, weil er in Gestapohaft „gleichmütig, lächelnd und stolz, wie einer, der Siegen gewohnt ist“ wirkte und erlebte sich doch selbst als „ein verächtlich wehleidiger Schwächling“ (so von ihm in seinem Gedicht „Wer bin ich?“ formuliert).
Wer sind wir, das, was wir von uns halten oder was man von uns hält?

Man könnte denken, die eigene Sicht wäre immer die richtige. Dann wäre Hitler ein Helfer der Menschheit gewesen, weil er die Juden vernichten wollte. Dann hätte ein Beinamputierter noch zwei Beine, nur weil er noch die Schmerzen im längst amputierten Bein spürt.

Wenn man die Alternative annimmt, dass wir sind, was Leute aus der Außensicht von uns halten, dann wäre der Mann, der seine Tochter gefangen hält und fortlaufend vergewaltigt, so nett und liebenswert, wie er nach außen scheint.

Die Antwort „Es gilt eben beides“ hilft nicht, wenn der Initiator des Holocaust gleichzeitig auch Helfer der Menschheit sein soll.

Ein anderes Problem: Faust fühlt ‚zwei Seelen in seiner Brust‘, und seitdem haben viele ähnlich empfunden. Welche Seele gilt?

Aufgrund seiner Beschränkung auf Empirie stellt David Hume fest, dass es überhaupt kein Ich oder Selbst gibt; denn das Ich bleibt im Laufe des Lebens ja dasselbe, aber die Empfindungen, die wir haben, wechseln ja ständig. (If any impression gives rise to the idea of self, that impression must continue invariably the same, thro’ the whole course of our lives; since self is suppos’d to exist after that manner. But there is no impression constant and invariable.) Die moderne Hirnforschung kommt ihrerseits zum Schluss, es könne keine Verantwortung geben, weil wir laut Experimenten immer schon handeln, bevor unser Gehirn den Entschluss fasst.
Den ganzen Versuchsaufbau hätten sie sich freilich nach Hume sparen können, da wir ja ohnehin alle Sekunde ein anderer werden und deshalb das neue Ich nicht für das zur Rechenschaft gezogen werden dürfe, was das vorige Ich vor 5 Minuten getan hat.

Je nun, bestraft werden durch Freiheitsentzug oder Folter ja nicht die Gehirnzellen und Nervenverbindungen, sondern nur das ohnehin nicht existierende Ich.

Was stimmt nicht in meiner Argumentation?

(Dazu vgl. die Fortsetzung)