Posts Tagged ‘Wahrheit’

Wirklichkeit und Wahrheit

13. August 2010

„Sag etwas, was sich von selbst versteht, zum ersten Mal, und du bist unsterblich“, sagt Marie von Ebner-Eschenbach.
Meiner Meinung nach hat Kant so etwas Selbstverständliches ausgesprochen, als er darauf verwies, dass wir Menschen nichts anderes erkennen können, als unsere Erkenntnisfähigkeit es erlaubt.
Mit den Anschauungsformen Raum und Zeit und mit der Kausalität glaubte er, Teile unserer Erkenntnisfähigkeit aufgedeckt zu haben. Die Relativitätstheorie Einsteins machte mit ihrer Einführung der Raumzeit mit der Auschaulichkeit Schluss. (Auch wenn wir beide weiterhin getrennt wahrnehmen.) Die Quantenmechanik beendete die Vorstellung einer allgemein geltenden Kausalität. (Trotz Einsteins energischem Widerspruch: „Gott würfelt nicht!“)
Alle Versuche, über Kant hinauszukommen, haben zwar die Beschränktheit seines philosophischen Konzepts erweisen können, nicht aber die Richtigkeit seiner „banalen“ These. Ob Konstruktivismus, Sprachphilosophie oder allgemeiner Relativismus: alle stellen nur einen Versuch dar, zu beschreiben, worin unsere Erkenntnisfähigkeit bestehe, nicht aber eine Widerlegung seiner Entdeckung.
Wenn er damit etwas Grundlegendes erkannt hat, dann bezieht sich alle unsere Erkenntnis nur auf das von Menschen Erkennbare. (Er nennt es „Ding für uns“).
Nun kann man sich mit dieser Erkenntnis zufrieden geben und das Nichterkennbare außen vor lassen und auf die Bezeichnung als „Ding an sich“ verzichten. Merkwürdig ist freilich die Erfahrung, dass immer mehr erkennbar wird, als man ursprünglich für möglich hielt. So ist mit Freud und Hirnforschung jetzt auch das Ich in seinem Kontext – nicht in dem, wodurch es bestimmt wird, denn Kausalität ist keine allgemeingültige Kategorie mehr – sehr viel vielgestaltiger geworden, als es noch im „Ich denke“ von Descartes und im „Das Ich setzt sich selbst“ von Fichte erschien.
Insofern hat es wohl Sinn, dass wir uns das Vorläufige jeder menschlichen Erkenntnis vor Augen halten (denn menschliche Erkenntnisfähigkeit treibt die Erkenntnis ja ständig voran). Ob man dafür den wenig modischen Ausdruck „Ding an sich“ verwendet oder nicht, hat wenig Bedeutung.
Interessant ist aber doch, was diese Vorstellung, dass menschliche Wirklichkeit immer nur eine vorläufige und (seit dem Siegeszug der modernen Naturwissenschaften) eine in ungezählte Wissenschaftswirklichkeiten auseinanderfallende ist, für den Begriff der Wahrheit bewirkt.
Wenn Wirklichkeit das ist, was Menschen aus dem Nicht-Ich mit ihrer Erkenntnisfähigkeit machen, dann ist Wahrheit im Unterschied zur Wirklichkeit nicht Nicht-Ich, sondern eine Konstruktion des Ichs. Mit Schillers Worten:

„die Wahrheit ist nichts, was so wie die Wirklichkeit oder das sinnliche Dasein der Dinge von außen empfangen werden kann; sie ist etwas, das die Denkkraft selbsttätig und in ihrer Freiheit hervorbringt.“

Damit diese Wahrheiten nicht dazu führen, dass man sich gegenseitig totschlägt, empfiehlt es sich freilich, sich auf inter-subjektive Wahrheiten zu verständigen.
Von den Menschenrechten bis zur Stammzellenforschung ist das freilich nicht etwas, was der Menschehit leicht fiele. Umso mehr Dank gebührt denen, die dazu beitragen, dass es zu Annäherungen kommt.

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Wer bin ich? (3)

23. Februar 2010

Wer bin ich? Oder, um den objektivierenden Blick anzudeuten, besser gefragt: Wer ist ich?

Doch weil uns das zu befremdend vorkommt, vorläufig distanzierter gefragt: Wer ist Ich?

Doch wohl jemand, der zwischen sich und der Umwelt zu unterscheiden weiß, wer ein Bewusstsein von sich selbst hat.

Das Neugeborene kann das noch nicht. Erst wenn erfahren wird, dass die Umwelt sich durch das Handeln verändert und dass man einen eigenen Willen hat, wird Selbstbewusstsein möglich.

Philosophisch Denkende unterscheiden sich von anderen Ichs dadurch, dass sie ihr Welterleben nicht selbstverständlich nehmen, sondern es durchschauen wollen. Sie machen sich – unabhängig von anderen – ihr eigenes Weltbild. Philosophen kann man sie nennen, wenn sie dabei einen hohen Grad an Unabhängigkeit und Stimmigkeit erreichen.

Der Abstand zur Weltsicht anderer Ichs ist groß. Der Philosoph hat sein Weltbild nicht selbstverständlich. Er hat es sich erarbeitet. Aber er nimmt es nicht spielerisch. Er wählt nicht einfach mal dies Weltbild, mal jenes. Das ist die Sache von Dichtern. Schiller hat sich vom übermäßigen Druck der Kantschen Philosophie befreit mit dem Satz „Der Mensch ist nur da ganz Mensch, wo er spielt.“ und hat in den „Göttern Griechenlands“ ausgemalt, wie schön und lebensvoll die Welt noch war, als sie noch von diesen Göttern regiert wurden und als die Menschen sie noch verehrten. Doch im selben Gedicht spricht er auch aus, dass diese Götter „Wesen aus dem Fabelland“, also erfunden, waren.

Max Frisch lässt seinen Erzähler in „Mein Name sei Gantenbein“ ganz viele Ichs erfinden und spielt durch, wie diese sein/ihr Leben erleben würden.

Hier legt sich nahe, den Titel „Wer bin ich und wenn ja, wie viele? “ anzuführen. Es ist aber nicht, wie der Titel vermuten ließe, ein psychologisches Buch, sondern ein Buch, das sehr locker in philosophische Fragen einführt, freilich nicht immer ganz exakt.

Schiller hat in seinem „Jüngling zu Sais“ vor der Erkenntnis der Wahrheit gewarnt. („Weh dem, der zu der Wahrheit kommt durch Schuld. Sie wird ihm nimmermehr erfreulich sein.“) Philosophen aber versuchten durchaus so viel von der Wahrheit zu erkennen, wie ihnen möglich war. Erst  im 20. Jahrhundert breitete sich die Vorstellung aus, dass Erkenntnis nicht wirklich möglich sei. (vgl. Hans Vaihinger, Konstruktivismus, Paul Feyerabends „Anything goes.“)

Das psychologische Konzept der Entstehung des Ichs lohnt einen eigenen ausführlicheren Blick. – Vielleicht ergibt sich dafür demnächst eine Gelegenheit.

Küng: Umstrittene Wahrheit

2. Oktober 2008

Hans Küng schreibt im 2. Band seiner Lebenserinnerungen nicht hauptsächlich über seine theologischen Werke, obwohl in den zwanzig Jahren, über die er berichtet,  „Unfehlbar? Eine Anfrage„, „Christ sein“ und Existiert Gott?, die Werke, die ihn weltweit auch unter Laien bekannt gemacht haben, entstanden sind.

Vielmehr berichtet er über seine Auseinandersetzung mit der Kurie, die er – seiner Darstellung nach – nicht gesucht habe, der er aber – im Unterschied zu den meisten seiner Weggefährten – aber auch nicht ausgewichen sei.

Seiner provozierenden Anfrage nach der Rechtfertigung für das Unfehlbarkeitsdogma lässt er eine Schrift folgen, in der er herausstellt, dass die Kirche über die Jahrtausende in „in der Wahrheit gehalten“ worden sei. Er vermeidet zunächst die Unterstützung von anderen, die seine Anfrage dringlicher und provozierender aufgreifen. Mit seiner Werbung für „Christ sein“ in einer vom Glauben an Gott sich abwendenden Welt setzt er sich für die Kirche ein, doch seine Interpretation der Dogmen ist neu, wird von vielen als modern, nicht konfessionell gebunden erlebt.

An seinen Positionen hält er trotz diplomatischen Einlenkens in der Form unverrückt fest, und für die, die für seine Sache nicht ihre Karriere aufs Spiel setzen formuliert er zwar Mitgefühl, aber er hat kein Verständnis dafür.

Dennoch sieht er sich im Rückblick nicht als ein streitbarer Kämpfer im Sinne Luthers. Immer sei es ihm um Reform der Kirche gegangen, nicht eine sie spaltende Reformation. Und dennoch lehnt er die Position des Kirchenkritikers Erasmus von Rotterdam ab, weil er an den entscheidenden Punkten kein Bekenntnis für seine Sache geleistet habe. (S.677/78) Vielmehr sieht er sich als einen, der Widerstand gegen die Autoritäten leistet, wenn sie von der Wahrheit abweichen und vergleicht sich insofern mit Bonhoeffer, Solschenizyn, Sacharow und anderen. Von den Aposteln sieht er Paulus als sein Vorbild, der sich nicht scheute, Petrus zur Rede zu stellen (Galater 2, 11-14).

Als Ergebnis seines Kampfes um Wahrheit sieht Küng – trotz einer Phase großer Niedergeschlagenheit – sein unabhängig von der katholischen Fakultät eingerichtetes Institut für ökumenische Forschung im Nachhinein als erkämpfte Freiheit, die ihm den Weg des Werbens für Verständnis unter den Religionen erst ermöglicht habe.

Auch in seinem zweiten Erinnerungsband vergleicht er sich immer wieder mit seinem Kollegen Josef Ratzinger, dem späteren Papst Benedikt XVI..  So weit er darauf hin, dass dieser – wie er – um sein 52. Lebensjahr einen Wendepunkt seiner Karriere erreicht habe, nämlich als er in der römischen Hierarchie aufstieg. Kritisch weist er darauf hin, dass Ratzinger in seinen Lebenserinnerungen über diese Zeit nichts mehr geschrieben habe. Seinen Hinweis, dass Ratzinger so verhindert habe, dass man sein Verhalten sonst doch besser hätte verstehen können, kann man auch so deuten, dass Ratzinger mit dem Aufstieg in der Hierarchie seine Freiheit aufgegeben habe.

Positiv gedeutet kann man Ratzingers Handlung als ein der Pflicht folgen verstehen (so wie Helmut Schmidt als Grundlegung für ein Weltethos den Menschenrechten Menschenpflichten zur Seite stellen will). Küng scheint Ratzingers Schweigen anders zu deuten: als das Beschweigen eines peinlichen Geheimnisses der Institution, in die er eingetreten ist.

Gespannt sein kann man auf den dritten Band von Küngs Erinnerungen, den in dem er seinen Weg zum Weltethos beschreiben will. Weiß man doch, dass asiatisches Denken die Gemeinschaft höher bewertet als die individuellen Freiheiten und dass es nicht die eine Wahrheit anstrebt, sondern statt dessen Erklärungen einer vielgestaltigen Wirklichkeit.

(Die Seitenangabe verweist auf Küng: Umstrittene Wahrheit)

Hier noch zwei Links: zur Stiftung Weltethos und zum Inhaltsverzeichnis von „Umstrittene Wahrheit“

Die Ordnung des Diskurses

19. September 2008

Denn noch bei den griechischen Dichtern des 6. Jahrhunderts war der wahre Diskurs – im starken und wertbetonten Sinnes des Wortes: der wahre Diskurs, vor dem man Achtung und Ehrfurcht hatte und dem man sich unterwerfen  musste, weil er der herrschende war – eben der Diskurs, der von dem hierzu Befugten nach dem erforderlichen Ritual verlautbart worden ist; […] Aber schon ein Jahrhundert später lag die höchste Wahrheit nicht mehr in dem, was der Diskurs war, oder in dem, was er tat, sie lag in dem, was er sagte: eines Tages hatte sich die Wahrheit vom ritualisierten, wirksamen und gerechten Akt der Aussage weg und zur Aussage selbst hin verschoben: zu ihrem Sinn, ihrer Form, ihrem Gegenstand, ihrem referentiellem Bezug.

Michel Foucault geht in diesem Zitat auf eine Stufe vor der Wahrheit als Übereinstimmung der Aussage mit der Wirklichkeit zurück, auf eine Stufe also, wo auch im europäischen Raum noch nicht nur eine Wahrheit galt, so wie es in der asiatischen Philosophie noch heute selbstverständlich ist.

Philosophie ohne Wahrheit (2)

11. September 2008

Seit die modernen Naturwissenschaften die Vorstellung von der Allgemeingültigkeit von Ursache und Wirkung aufgegeben haben und Postmoderne Philosophie weder allgemeinverbindliche Werte noch allgemeingültige Regeln mehr kennt, ist die aufklärerische Denktradition freilich auch in der westlichen Hemisphäre in die Defensive geraten.

Wie wenig Allgemeingültigkeit philosophische Wertungen in der westlichen Zivilisation noch haben, zeigt sich in der aktuellen ethischen Diskussion. Immer weniger ist es möglich, von gemeinsamen Prinzipien aus stimmige Regeln zu finden. Immer mehr zeigt sich, dass ein unterschiedliches Vorverständnis gemeinsame Wahrheiten ausschließt und nur die Hoffnung auf Überzeugungsarbeit bleibt, damit das, was uns unverzichtbar erscheint, nicht in einem allgemeinen Werterelativismus untergeht.