Karl Mays Helden- und Höllenreise

Karl May wurde vom Zuchthäusler zum erfolgreichsten deutschen Jugendschriftsteller, doch dann kam für ihn die Hölle.

Wie das zuging, versuche ich einmal anhand des Schemas der Heldenreise des amerikanischen Mythenforschers Joseph Campbell vorzuführen. 
Besonderen Reiz hat das Verfahren für mich, weil Karl May seinerseits zwei Gestalten geschaffen hat, die über Generationen hin männlichen Jugendlichen als Helden vorgeschwebt haben: Old Shatterhand und Winnetou. Ich werde deshalb im Folgenden die einzelnen Stationen des Mythenforschers durchgehen und anzugeben versuchen, ob sich in Karl Mays Leben oder in dem seines alter ego Old Shatterhand diese Stufe nachweisen lässt.
Dabei hilft mir das Karl-May-Wiki, das die Stationen des Lebens Karl Mays genau dokumentiert und auch die Gestalten seiner Bücher recht genau vorstellt.
1. Ruf: Erfahrung eines Mangels oder plötzliches Erscheinen einer Aufgabe
Karl May wurde aus der Lehrerausbildung ausgeschlossen und damit arbeitslos. Er versuchte, sich durch das Schreiben von Erzählungen über Wasser zu halten, aber erfolglos. Die Aufgabe, seinen Lebensunterhalt zu verdienen, versucht er durchHochstapelei zu erfüllen.
Eine Erfahrung des Mangels gibt es bei Old Shatterhand nicht. Er tritt von Anfang an als ein Mann von Talenten auf, der – ohne sich zu bewerben – eine Ingenieursstelle angetragen bekommt.
2. Weigerung : Der Held zögert, dem Ruf zu folgen, beispielsweise, weil es gilt, Sicherheiten aufzugeben.
Wenn es Karl Mays Aufgabe war, Schriftsteller zu werden, so zögert er in der Tat, dem Ruf zu folgen, weil er als Hochstapler erfolgreicher ist. Old Shatterhand weiß von Anfang an, was er wert ist.
3. Aufbruch: Er überwindet sein Zögern und macht sich auf die Reise.
Karl May versucht es lange nicht ernsthaft mit dem Schreiben, sondern immer wieder mit Hochstapelei, bis er im Zuchthaus landet. Dort entwickelt er freilich schon erste Pläne, was er schreiben könnte.
Old Shatterhand kennt kein Zögern, meist erleben wir ihn erst nach dem Aufbruch.
4. Auftreten von Problemen, die als Prüfungen interpretiert werden können.
Karl May ist immer wieder ohne Arbeit und wird bei seinen Hochstapeleien ertappt und ins Gefängnis geworfen.
Bei Old Shatterhand treten ca. alle 10 Seiten  auf, die ihn aber meist nicht ernsthaft auf die Probe stellen können.
5. Übernatürliche Hilfe: Der Held trifft unerwartet auf einen oder mehrere Mentoren.
Karl May trifft auf den Verleger Heinrich Gotthold Münchmeyer. Der hat ein ganz normales Geschäftsinteresse.

Old Shatterhand trifft auf Sam HawkensDick Stone und Will Parker (das noch sehr normale „Kleeblatt“ von Westmännern), die ihm vieles beibringen wollen, im Zweifelsfallweiß er es aber aufgrund seiner Lektüre besser. Zunächst ist ihm freilich Winnetou, eine Gestalt mit geradezu mythischen Fähigkeiten, wirklich überlegen.

6. Die erste Schwelle: Schwere Prüfungen, Kampf mit dem Drachen etc., der sich als Kampf gegen die eigenen inneren Widerstände und Illusionen erweisen kann.
Karl May hat ständig Prüfungen zu bestehen, um sich beruflich durchzusetzen.

Old Shatterhands große Probe ist sein Kampf mit Intschu-tschuna. Um Leben und Tod geht es bei ihm zwar immer wieder, doch macht es ihm wenig aus,  weil er sich seiner selbst sicher ist.

7. Fortschreitende Probleme und Prüfungen, übernatürliche Hilfe.
Karl May: Er hat lange Zeit Probleme. Der Helfer, der ihm zum Durchbruch als Schriftsteller verhilft, ist Friedrich Ernst Fehsenfeld, der Karl Mays Erzählungen als gesammelte Reiseromane herausgibt.
Old Shatterhand ist der unermüdliche Helfer aller Bedürftigen. Er selbst braucht – von seiner Meisterlehre bei Winnetou ab – keine Hilfe. Selbst wenn er einmal in Gefangenschaft gerät und in Todesgefahr schwebt, kann er meist sich selbst befreien. Wird er befreit, zeigt er bald darauf seinem Befreier, wer der Fähigere ist.
8. Initiation und Transformation des Helden: Empfang oder Raub eines Elixiers oder Schatzes, der die Welt des Alltags, aus der der Held aufgebrochen ist, retten könnte. Dieser Schatz kann in einer inneren Erfahrung bestehen, die durch einen äußerlichen Gegenstand symbolisiert wird.
Karl May lernt es, in erstaunlichem Tempo erfolgreiche Romane zu schreiben. Das Zeichen seines Arriviertseins wird sein Haus, die Villa Shatterhand.
Old Shatterhand schließt Blutsbrüderschaft mit Winnetou.
9. Verweigerung der Rückkehr: Der Held zögert in die Welt des Alltags zurückzukehren.
Karl May identifiziert sich mit seinen Helden und ihren Fähigkeiten. Er gibt vor, wirklich viele indianische Sprachen zu beherrschen und in all den Ländern, von denen er berichtet, gewesen zu sein. Er will als mehr gelten denn als erfolgreicher Schriftsteller.
Old Shatterhand zögert nicht zurückzukehren, vielmehr deutet er mehrmals an, dass es ihn an seinen Schreibtisch zurück zieht. Er wird nur immer wieder durch neue Abenteuer daran gehindert.
10. Verlassen der Unterwelt: Der Held wird durch innere Beweggründe oder äußeren Zwang zur Rückkehr bewegt, die sich in einem magischen Flug oder durch Flucht vor negativen Kräften vollzieht.
Karl May wird seine Karriere als Hochstapler nachgewiesen, und es wird an seinen Reisen gezweifelt
Old Shatterhand
 braucht nicht zu fliehen. Er handelt frei.
11. Rückkehr: Der Held überschreitet die Schwelle zur Alltagswelt, aus der er ursprünglich aufgebrochen war. Er trifft auf Unglauben oder Unverständnis, und muss das auf der Heldenreise Gefundene oder Errungene in das Alltagsleben integrieren. (Im Märchen: Das Gold, das plötzlich zur Asche wird.)

Als Karl May entlarvt zu werden droht, lässt er Kostümfotos als Old Shatterhand und Kara Ben Nemsi von sich machen, lässt die Waffen Old Shatterhands aus den Büchern in der Wirklichkeit nachbilden. Er reist in den Orient und schreibt Bücher, die deutlich erkennen lassen, dass sie fiktiv sind. Darin schildert er aber allegorisch Wirklichkeit, wie er sie selbst erlebt hat.

Old Shatterhand trifft auf Unglauben immer nur, wenn er sich als der große Held zu erkennen gibt, der er ist. Dagegen nimmt man ihm immer wieder ab, dass er ganz unerfahren sei.
12. Herr der zwei Welten: Der Heros vereint Alltagsleben mit seinem neugefundenen Wissen, und lässt somit die Gesellschaft an seiner Entdeckung teilhaben.
Karl May wollte als dieser Herr beider Welten anerkannt werden und viele seiner Anhänger – und sicher auch manche heutige Leser – nahmen und nehmen es ihm ab. Aber die Öffentlichkeit, auf die es ihm ankam, verweigerte ihm die Anerkennung, als er seine ursprüngliche Aufgabe, seinen Lebensunterhalt zu sichern, grandios gemeistert hatte.
Old Shatterhand hat in seiner Welt nicht nötig, mit dem Hinweis auf sein Schriftstellertum Eindruck zu schinden. Aber er deutet gelegentlich an, dass er Schriftsteller ist.
Fazit:
Wenn man Karl May mit Old Shatterhand vergleicht, stellt man fest, dass nur Karl May die mythische Heldenreise gemacht hat. Old Shatterhand hat allzu viele Stufen der Reise ausgelassen. Die eigentlich mythische Figur ist also er selbst. Sein Held ist dafür viel zu glatt.
Mays Unglück war, dass er den dauerhaften Erfolg der Heldenreise nur dem von ihm erschaffenen Helden verschaffen konnte. Er selbst verlor die Anerkennung als großer Schriftsteller und wurde erst über dieser Enttäuschung zu mehr als einem höchst erfolgreichen Vielschreiber.
Für Verbesserungen meines Versuches bin ich dankbar, aber auch für Kritik und Nachfragen. Vielleicht reizt es Sie aber auch, an einer anderen  Heldengestalt zu testen, ob sie die Stationen durchlaufen hat.
 
Dieser Text wurde zuerst am 9.2.2011  in „Bücher“ (http://literarisch.posterous.com) veröffentlicht.
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