Der Aufstieg Europas der Untergang des Abendlands

Oswald Spengler hat ihn beschrieben, den Untergang des Abendlandes. Dafür musste er freilich das Abendland streng von der Antike trennen. Es durfte erst nach dem dunklen Frühmittelalter beginnen, dem man später dann ohne Mühe 300 Jahre wegzustreichen unternehmen konnte. In der Gotik soll es begonnen haben, als mit Marien- und Teufelskult der faustische Mensch entstanden sein soll, das Abendland, das Spengler untergehen sieht.
Dass der Europagedanke sich so stark entwickeln würde, dass es zu einer Europäischen Union kam, wäre ihm nicht recht gewesen. Denn – so führt er auf Seite 22 meiner Ausgabe des Untergangs aus:
„Das Wort Europa sollte aus der Geschichte gestrichen werden. Es gibt keinen Europäer als historischen Typus. […] Das sind Worte, die aus einer oberflächlichen Interpretation der Landkarte stammen und denen nichts Wirkliches entspricht. Es war allein das Wort Europa mit dem unter seinem Einfluß entstandenen Gedankenkomplex, das Rußland mit dem Abendlande in unserem historischen Bewußtsein zu einer durch nichts gerechtfertigten Einheit verband. […] Orient und Okzident sind Begriffe von echtem historischen Gehalt. „Europa“ ist leerer Schall.“
Eine begründete Befriedigung hätte er freilich darin finden können, dass nicht nur Russland, sondern auch Ukraine und Belarus von der gegenwärtigen Situation her gesehen wohl auch mittelfristig nicht Teil der EU werden können.
Spenglers Geschichtsmorphologie ist höchst anregend, führt freilich anstelle eines Eurozentrismus einen versteckten deutschnationalen Zentrismus ein, denn Gotik und faustischer Mensch, wie Spengler sie darstellt, tragen doch recht deutsche Züge.

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4 Antworten to “Der Aufstieg Europas der Untergang des Abendlands”

  1. gregorhecker Says:

    Die EU ist keine kulturelle Entwicklung, sondern ein sozial-wirtschaftlicher Raum, der aus einer Notwendigkeit entstand, da in zwei Totalkriegen keine eine Nation die beherrschende Stellung einnehmen konnte. Es ist ein rationaler Kompromiss der faustischen Kultur, zu der auch die russische Elite gehört. Insofern hat Spengler recht, dass es kein Europa gibt. Deswegen kann Russland ein Teil der EU sein. Es ist eine sozialwirtschaftliche Frage und keine zivilisatorisch-kulturelle.

    • apanat Says:

      Danke für deinen Kommentar! Das ist eine schöne Antwort in Spenglerschem Geist.
      Ich persönlich sehe freilich den Kulturbegriff nicht so eng. Soziale Entwicklungen wie etwa Frauenemanzipation, wirtschaftliche Entwicklungen wie die Entwicklung der Informationsgesellschaft und politische Entwicklungen wie etwa die deutsch-französische Zusammenarbeit mit Städtepartnerschaften, Schüler- und Kulturaustausch gehören für mich alle zum kulturellen Bereich.
      Wenn es ausreichte, dass die Führungsspitze faustisch war, dann hätte Russland doch unter Peter dem Großen, der doch gewiss ein faustischer Typ war, zum Abendland gehören müssen, oder?
      Jedenfalls ist dein Beitrag sehr anregend und hilft den Lesern gewiss zur Meinungsbildung.

  2. gregorhecker Says:

    Es ist der Unterschied zwischen dem Schein und Sein der Kultur. Die Sonne geht unter (1914), der Schein bleibt noch eine Weile. An einigen Stellen ist der Untergang vollzogen (Auschwitz). Dann kann eventuell noch ein Mond aufgehen und der Landschaft Licht (als Sonnenreflexion) spenden – die moderne Europa-Vorstellung, die immer noch besser ist als totale Finsternis.

    In Russland ist die Lage anders. Da ist die Pseudomorphose. Das russische Wesen geht in eine westliche Form wie in eine Schale über, um dann wenn Zeit gekommen ist, das Reich Gottes zu gründen. Deshalb scheitern alle russischen Modernisierer von Peter bis Gorbatschow. Denn die Form ist „nicht wahr“ und dient nur der Notwendigkeit. Kaum einer im Westen hat über Russland so interessant geschrieben wie Oswald Spengler.

  3. apanat Says:

    Er hat ungewöhnlich spekulativ geschrieben und in Russland die zukünftige Kultur nach der faustischen gesehen. Heute sieht es nicht danach aus, als ob aus Russland das grundsätzlich andere kommt.

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