Posts Tagged ‘Musik’

„… als wäre ich ein Klavier“

30. August 2008

Gewöhnlich verfolgen mich musikalische Ideen bis zur Marter; ich kann sie nicht loswerden, sie stehen wie Mauern vor mir. Ist es ein Allegro, das mich verfolgt, dann schlägt mein Puls immer stärker, ich kann keinen Schlaf finden. Ist es ein Adagio, dann bemerke ich, dass der Puls langsamer schlägt. Die Phantasie spielt mich, als wäre ich ein Klavier.

So schreibt Haydn über seine musikalischen Ideen.

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Mit uns zieht die neue Zeit

11. Juni 2008

Diese Devise, die das Lebensgefühl von Sozialdemokraten im Kaiserreich ausdrückt, ist eine Zeile aus dem Lied „Wann wir schreiten Seit an Seit“ von Hermann Claudius (1916). Im Unterschied zu der Jugendbewegung, deren Geschichte 1927 unter diesem Titel aufgezeichnet wurde, richteten sich die Sozialdemokraten um die Jahrhundertwende bereits auf einen längeren Zeitraum ein, der die Verwirklichung ihres Fortschrittsoptimismus bringen sollte, auch wenn sie die revisionistische Theorie, die diese Einstellung begründete, bis zum Erfurter Programm nicht billigten. Aber sie schufen sich ihre eigene kleine Gegenwelt, eine Neue Heimat, im Staat, der sie als vaterlandslose Gesellen ausgrenzte.

Safranski zitiert in seinem Buch Romantik einen Arbeiterschriftsteller von 1888, der über die Arbeiterbewegung sagt „Für Zehntausende ist sie auch eine neue seelische Heimat geworden“. Also im Nietzscheschen Sinn nicht nur appolinisches politisches Programm, sondern dionysische Lebenswirklichkeit. Dazu gehört dann auch das Arbeiterlied, das mit seiner Musik die Verbindung zur Religion schafft.

Die Weihnachtsfeier

11. Juni 2008

Friedrich Schleiermacher legt in diesem in die Erzählung einer Weihnachtsfeier eingekleideten Lehrgespräch seine romantische Auffassung von Religion und Religionsausübung dar.

Bei der Bescherung wird das Spiel gespielt, dass die Beschenkten raten sollen, von wem sie das Geschenk erhalten haben. Frauen und Mädchen finden mit großer Sicherheit heraus, die Männer aber raten oft falsch. Das erklärt sich Leonhardt mit folgenden Worten:

„Denn wie ihre Gaben weit mehr als die unsrigen durch ihre Bedeutung die feinste Aufmerksamkeit verrathen und wir diese schöne Frucht ihres Talents genießen: so müssen wir uns auch jene andere Wirkung desselben gefallen lassen, wiewol sie uns etwas in den Schatten stellt.“

Eduard sagt über Musik und Religion:

„Denn jedes schöne Gefühl tritt nur dann recht vollständig hervor, wenn wir den Ton dafür gefunden haben; nicht das Wort, dies kann immer nur mittelbarer Ausdruck sein, nur ein plastisches Element, wenn ich so sagen darf, sondern den Ton im eigentlichen Sinne. Und gerade dem religiösen Gefühl ist die Musik am nächsten verwandt.“

Ernst meint dazu, „daß nur auf dem religiösen Gebiet die Musik ihre Vollendung erlangt. […] eine ernste Oper aber kann man doch kaum machen, ohne eine religiöse Basis“

Eduard ergänzt, „dass die Kirchenmusik nicht des Gesanges, wol aber der bestimmten Worte entbehren könnte. Ein Miserere, ein Gloria, ein Requiem, wozu sollen ihm die einzelnen Worte? Es ist verständlich durch seinen Charakter und leidet keine wesentliche Veränderung, wenn die Worte mit anderen ähnlichen Inhalts, so sie nur eben so sangbar sind und der Musik gemäß gegliedert, in derselben oder einer andern Sprache vertauscht werden; ja Niemand wird sagen, es sei ihm etwas Großes entgangen, wenn er die unterlegten Worte auch gar nicht vernommen hat. Darum müssen beide fest aneinanderhalten, Christentum und Musik, weil beide einander verklären und erheben. Wie Jesus vom Chor der Engel empfangen ward, so begleiten wir ihn mit Tönen und Gesang bis zum großen Halleluja der Himmelfahrt; und eine Musik wie Händel’s „Messias“ ist mir gleichsam eine compendiöse Verkündung des gesammten Christentums.“

Friedrich Schleiermacher: Die Weihnachtsfeier, 1806

Diese romantische Relgionsauffassung ist auch die Basis für Richard Wagners Versuch der Schaffung einer Kunstreligion, wie er sie in der Nibelungentetralogie schafft, in der die Götterdämmerung mit dem Untergang der Götter die Voraussetzung für eine Religion ohne Götter schafft.

Rüdiger Safranski verweist darauf, dass Friedrich Nietzsche gerade diesen Versuch an Wagner schätzte und empört war, als Wagner mit dem Parzifal zur Basis einer Erlösungsreligion zurückkehrte. Interessant nun, dass Adorno 1952 Thomas Mann gegenüber betonte, dass dieser mit seiner Kunstauffassung über Nietzsche und Wagner hinausgekommen sei.

Jugend und Musik

8. Juni 2008

Ich freue mich auf die Blumen rot“ (Konradin zugeschrieben, von Ernst-Lothar von Knorr)

„Das ist Lützows wilde, verwegene Jagd“ (Theodor Körner, Freiheitskriege 1813)

Ob wir rote, gelbe Kragen …“ Bürgerlied im Vormärz 1845

„Und wer die blaue Blume finden will, der muss ein Wandervogel sein“ (Von dem Wandervogel Hjalmar Kutzleb)

Wann wir schreiten Seit an Seit“ (Hermann Claudius 1916)

Ja die Fahne ist mehr als der Tod“ (Hitlerjugend)

We shall overcome“ (Protestlied 1946)

„Du laß dich nicht verhärten“ (Wolf Biermann)

Come as you are“ (Nirvana)

Immer steckt für Jugendliche so viel mehr in dem Musikerlebnis, als die Worte aussagen.

„Die Fahne führt uns in die Ewigkeit“. Es ist sonst auf anderes als das Wort Fahne bezogen; aber dies Gefühl vereinigt die Berserker zur Wikingerzeit, die deutschen Freiwilligen in der ersten Flandernschlacht 1914, die Kamikaze-Flieger des Zweiten Weltkriegs und die islamischen Selbstmordattentäter von heute. (Von den entscheidenden Unterschieden nicht zu reden.) Und es ist nur ein Gran Todessehnsucht. Es ist vor allem ein über den unvollständigen, unvollendeten Zustand Hinauskommenwollen. Schwermütig verzweifelte Hoffnung, die auch in „dass ich an Jahren bin ein Kind“ anklingt. Konradin ist mit 16 Jahren hingerichtet worden, durchaus nicht todessüchtig. Aber er hat seinen Sinn in der Geschichte gefunden.

Ausgesprochen wird das alles schon falsch. Aber das Gefühl vermittelt einen Sinn weit über Verstand und Vernunft hinaus. Und der Ausdruck tiefster Gefühle ist musikalischen Wunderkindern schon in einem Alter möglich, wo sie menschlichem Ermessen nach das seelische Erleben, das diesen Gefühlen zugrunde liegt, noch gar nicht haben können. Nach Oliver Sacks neustem Werk über Musik spricht das dafür, dass es eine vor seelischem Erleben beherrschte Musiksprache geben muss. (bei Nietzsche das Dionysische)

Man könnte jetzt über Marschmusik und darüber reflektieren, dass die Popmusik sich in so viele Gefühls-Szenen geteilt hat, dass eine gruppenübergreifende Jugendmusikkultur kaum noch zu fassen scheint (und darüber, dass es früher zwar anders, aber vielleicht nicht wesentlich anders war).

Musik als vorlogische Weltsprache

8. Juni 2008

„Wer mit Stöpseln im Ohr in der U-Bahn sitzt oder durch den Park joggt, der lebt in zwei Welten. Appollinisch fährt oder joggt er, dionysisch hört er. Die Musik hat das Transzendieren vergesellschaftet und zu einem Massensport gemacht. […] Ein erheblicher Teil der Menschheit zwischen Dreizehn und Dreißig lebt heute in den nichtsprachlichen und prälogisch dionysischen Räumen von Rock und Pop.“ (Rüdiger Safranski: Romantik. Eine deutsche Affäre, S.287)